Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



Finalfieber: Die Schlüsselduelle 6

Gepostet am 13. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

Nachdem der Fokus gestern auf den möglichen taktischen Formationen lag, schauen wir uns heute die direkten Duelle der Partie an. Es gibt für mich drei Schlüsselduelle, die im wesentlichen den Ausgang dieses Spiels beeinflussen werden:

Petri Pasanen vs. Arjen Robben

Die rechte Seite mit Lahm und Robben ist das Prunkstück der Bayern. Robben ist seit seiner Ankunft zu Saisonbeginn der Star bei den Bayern. Nach ein paar gesundheitlichen Problemen ist er der Mann für die entscheidenden Spielsituationen und hat mit einem grandiosen Solo für den Finaleinzug gegen Schalke gesorgt. Mit 16 Saisontoren war er als nominell rechter Mittelfeldspieler genau so erfolgreich, wie Werders Claudio Pizarro. Robbens Torgefahr geht von seinem starken linken Fuß aus. Er zieht von der Außenbahn nach innen, verwendet dabei fast immer den gleichen Trick, der erstaunlicherweise jedes Mal wieder funktioniert. Beim Torabschluss hat er aus dieser Position alle Möglichkeiten und die nötige Schusstechnik, diese auch auszuschöpfen.

Petri Pasanen ist ein erfahrener, routinierter und abgeklärter Spieler. Er hat es in seinen fünf Jahren bei Werder nicht längerfristig zum Stammspieler geschafft, kommt aufgrund seiner vielseitigen Einsetzbarkeit und Verlässlichkeit jedoch regelmäßig zu seinen Einsätzen. In der Rückrunde kam er nach Boenischs Verletzung und Abdennours Wacklern in die Startformation und spielt seit dem einen soliden Part auf der linken Seite der Viererkette. Pasanen ist kein gelernter linker Verteidiger, ist im Spiel nach vorne limitiert und hat als Rechtsfuß auch wenige Optionen beim flanken. Er ist nicht der schnellste, geht auch deshalb wenige Risiken nach vorne ein und verfügt über ein starkes Stellungsspiel.

Auf dem Papier ist Arjen Robben durch seine Technik und Schnelligkeit in diesem Duell klar überlegen. Pasanen hat jedoch einen wichtigen Vorteil: Als Rechtsfuß fällt es ihm leichter, Robben an seinen Sololäufen in die Mitte zu hindern. Er lässt sich nicht auf Spielereien ein und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sicherlich wird Pasanen die von Robben ausgehende Gefahr nicht komplett neutralisieren können, doch wenn er einen guten Tag hat, kann er sie vielleicht so weit eindämmen, dass Robben wesentlich weniger Chancen bekommt, als im letzten Aufeinandertreffen der Mannschaften, wo Robben dem überforderten Abdennour Knoten in die Beine dribbelte.

Torsten Frings vs. Thomas Müller

Thomas Müller ist der Shooting-Star der Saison beim Rekordmeister. Er zeigt für einen so jungen Spieler eine ungewöhnliche Abgeklärtheit und nutzt den Platz zwischen Viererkette und Mittelfeld des Gegners clever aus. Er ist weder ein richtiger Stürmer, noch ein Mittelfeldspieler und so für seine Gegenspieler schwer auszurechnen. Im Gegensatz zu Werders jungen Offensivspielern bewegt sich Müller auch bei Ballbesitz des Gegners sehr gut, stellt Passwege zu und setzt die defensiven Mittelfeldspieler unter Druck. Dazu ist er ein guter Vollstrecker, der vor dem Tor die Übersicht behält. Diese außergewöhnliche Kombination hat ihn nicht nur bei den Bayern trotz starker Konkurrenz zum unumstrittenen Stammspieler gemacht, sondern auch zu einem Platz im WM-Kader von Joachim Löw verholfen.

Torsten Frings wurde von vielen schon zum alten Eisen gezählt. Nach einer insgesamt schwachen Vorsaison bekam der Bremer Kapitän seine neue Rolle als Baumann-Nachfolger immer besser in den Griff. Im Winter sortierte ihn Löw endgültig aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus und Frings reagierte endlich mit der lange erhofften Leistungssteigerung. In der Schlussphase der Saison erreichte Frings seine Topform und zählt so wieder zu den besten defensiven Mittelfeldspielern der Liga. Mit dem starken Newcomer Bargfrede an seiner Seite prägt er den Spielaufbau seiner Mannschaft und hat auch zum sicheren und überlegten Passspiel zurückgefunden. Daneben machen ihn seine Zweikampfstärke und sein nie enden wollender Kampfgeist für das Team äußerst wertvoll.

In der Grundformation treffen Frings und Müller nicht unmittelbar aufeinander. Zwar wird Frings sicher den einen oder anderen Zweikampf mit Müller suchen, wenn dieser sich zurückfallen lässt, doch in erster Linie werden sie es wohl bei Ballbesitz des Bremer Kapitäns miteinander zu tun bekommen. Frings größte Schwäche ist das schnelle Kombinationsspiel. Er nimmt die Bälle, die von den Innenverteidigern zu ihm geleitet werden, in der Regel erst an, schaut sich um und leitet sie erst dann weiter. Wird er sofort unter Druck gesetzt, geht er schon mal ins Dribbling oder versucht, einen Freistoß herauszuholen. Darunter leidet dann Werders Aufbauspiel. Thomas Müller hat genau hier seine Stärke. Frings ist daher auf seinen Nebenmann Phillipp Bargfrede angewiesen, der ihn entlasten und so die Gefahr durch Müllers frühes Stören abmildern kann.

Mesut Özil vs. Mark Van Bommel

Mark Van Bommel gilt bei den gegnerischen Fans vor allem als unfairer Spieler, der gerne mal über die Strenge schlägt. Es lässt sich schwer abstreiten, dass seine Spielweise hart ist und die Grenzen des Fair Plays mitunter überschreitet. Dazu ist er auch sehr geschickt darin, gegnerischen Spielern zu Karten zu “verhelfen”. Es wäre jedoch sehr kurz gedacht, ihn auf diese Eigenschaften zu beschränken. Ähnlich wie Frings bei Werder ist Van Bommel ein unermüdlicher Antreiber, der nie aufgibt und seiner Mannschaft als gutes Vorbild voran geht. Mit Schweinsteiger hat er nun wieder einen spielstarken Nebenmann, der seine Mankos in der Offensive überdeckt. In Van Gaals System muss er das Spiel nicht gestalten, sondern die Bälle in erster Linie auf die Außenpositionen verteilen. In der Defensive kommen seine Stärken dagegen voll zum Vorschein. Als Ausputzer vor der Viererkette spielt er seine vielleicht beste Saison bei den Bayern und macht seinen Gegenspielern das Leben schwer.

Mesut Özil trat in der Hinrunde endgültig aus Diegos Schatten. Gemeinsam mit Marin und Hunt machte er den brasilianischen Spielmacher vergessen. Seine brillante Technik und die Fähigkeit, den entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen, machten ihn auch zum Hoffnungsträger der Nationalmannschaft. Dazu zeigte er sich auch im Torabschluss verbessert und traf regelmäßig selbst. Im Winter folgte dann jedoch ein Leistungseinbruch, der wahlweise auf sein Privatleben, die andauernden Vertragsverhandlungen oder seine körperliche Fitness geschoben wurde. Thomas Schaaf hielt jedoch an seinem Spiegestalter fest, gönnte ihm einige frühe Auswechslungen und hat so großen Anteil daran, dass Özil nun schon seit einigen Monaten aufsteigende Form zeigt. Zum Saisonende wirkt er wieder so dominant, wie über weite Strecken der Hinrunde und könnte im Pokalfinale wieder zum entscheidenden Mann werden.

Özil lässt sich noch zu leicht die Spielfreude nehmen, wenn seine Gegenspieler ihm wenig Freiräume lassen und er kaum Ballbesitz hat. Gegen Schalke zeigte er jedoch, dass er dazugelernt hat und auch auf seine Chance warten kann, ohne das nötige Selbstvertrauen zu verlieren. Die hängenden Schultern, die seine Resignation signalisieren, sind seltener geworden. Gegen die Bayern könnte er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Der Defensivverbund aus Van Bommel und Schweinsteiger ist der beste der Liga und wird ihm alles abverlangen. Besonders der Niederländer wird ihn mit allen legalen und halblegalen Mitteln bearbeiten, um ihm die Lust am Fußballspielen zu nehmen. Kann Özil diesem Druck standhalten?

Selbstverständlich gibt es daneben noch weitere Duelle, die das Spiel entscheiden könnten, vor allem, wenn die oben genannten keine klaren Sieger aufweisen. Olic bereitet Mertesacker schon seit Jahren Kopfschmerzen, Pizarro und Almeida sind im Verbund nur schwer zu stoppen und dann gibt es ja auch noch Ribery, der in seinem einzigen Finale sicher groß aufspielen will. Und nicht zuletzt hätten wir dann noch das Torhüterduell: Auf der einen Seite Jogi Löws neue Nummer 3 – und auf der anderen Seite Jörg Butt…

Werder muss gewonn! 3

Gepostet am 21. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Am Samstag steigt im Bremer Weserstadion der sogenannte “Nord-Süd-Schlager” und er steigt unter ungewöhnlichen Voraussetzungen. Normalerweise sind wir es von den Bayern gewohnt, dass reichlich Nebengeräusche in den Medien mitklingen, bevor ein solches Spiel stattfindet und vor gar nicht langer Zeit wäre es auch noch so gewesen: Im November 2009 verzauberte Werder die Liga und beim Rekordmeister stand Trainer Louis Van Gaal mächtig in der Kritik. Dieser Tage stehen die Bayern zwar noch immer nicht da, wo sie hinwollen, doch sie haben eine – aus Bremer Sicht zwar kurze, aber dennoch beeindruckende – Siegesserie hingelegt. Es waren zwar bis auf Juventus Turin (an jenem Abend grottenschlecht) und mit Abstrichen Hoffenheim keine wirklich starken Gegner dabei, aber trotzdem sind die Münchner beständig in der Tabelle nach oben geklettert. Dazu kommt mit Ribery der Star der vergangenen beiden Jahre zurück in den Kader. Muss Werder Angst und Bange werden?

Vielleicht, doch das liegt nicht in erster Linie an der Stärke der Bayern, die erst noch beweisen müssen, dass sie wirklich schon so gut sind, wie sie momentan in jedes sich bietende Mikrofon diktieren. Werder muss vor allem Angst vor sich selbst haben. Angst vor dem Schlendrian, der in den letzten beiden Monaten in die Mannschaft Einzug erhalten hat und aus dem Titelaspiranten eine ziemlich biedere Durchschnittsmannschaft machte. Angst davor, dass sich das Theater um Mesut Özil in den Medien noch weiter verselbständigt und jede schlechte Leistung des Nationalspielers mit dessen Vertragspoker in Verbindung bringt. Angst vor der Abhängigkeit von Claudio Pizarro, der im Angriff weiterhin unersetzlich ist und selbst mit einer deutlich sichtbaren Verletzung besser spielt als seine Ersatzleute. Angst vor den alten Fehlern in der Abwehr, wo die mannschaftliche Geschlossenheit inzwischen ebenso fehlt wie in der Offensive. Angst vor einer erneuten Saison im Mittelmaß der Liga, die nur mit viel Willen und Glück erneut durch Erfolge in den Pokalwettbewerben wettgemacht werden könnte.

All das kann die Mannschaft auf dem Platz lähmen oder zu einer Höchstleistung gegen die Bayern anspornen. Vielleicht spielt es auch gar keine große Rolle, doch je nach Ergebnis wird es entsprechend interpretiert. Das trägt natürlich immer mehr dazu bei, dass sich die Prophezeiung selbst erfüllt. Herr Özil, wie sehr belastet sie die aktuelle Situation? Herr Frings, haben sie die Nichtnominierung durch den Bundestrainer verarbeitet? Natürlich machen sich die Spieler erst Recht darüber Gedanken, wenn sie zwölf mal am Tag danach gefragt werden. Objektiv gesehen könnte Özils Situation kaum besser sein, er hat schließlich viele Optionen für seine Zukunft, von denen keine ganz schlecht sein wird. Auch Torsten Frings dürfte die Ausbootung durch Joachim Löw eher als zusätzlichen Ansporn sehen, denn sein langsamer Abschied aus der Nationalelf hatte sich über 18 Monate mehr als nur angedeutet. Thomas Schaaf hat die Mannschaft den Spielern zufolge unter der Woche hart rangenommen. Nun wird es Zeit, auch den Gegner mal wieder hart ranzunehmen und damit meine ich keinesfalls eine unfaire Spielweise.

In der Hinrunde hat Werder im Spiel gegen die Bayern den ersten Schritt zur langen Serie ohne Niederlage getan. Es sah damals noch sehr nach harter Arbeit aus und längst nicht so leichtfüßig, wie die Spiele im Herbst. Will man in der Rückrunde wieder zu dieser Leichtigkeit und dem tollen Angriffsfußball zurückkehren, muss zuerst die harte Arbeit erledigt werden. Es geht nur auf diese Weise, das weiß Thomas Schaaf und das wissen inzwischen auch die Spieler. Ob sie es umsetzen können bleibt abzuwarten. Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht, wie man denken könnte: Es soll schneien, Werder ist in der Außenseiterrolle und unser Lieblingsmaskottchen Ailton ist im Stadion. Musse mache gut Spiel un Feue mache mit Mannschaft! Ach, Toni…

6. Spieltag: Einfallslose Zufriedenheit 0

Gepostet am 21. September 2009 von Tobias (Meine Saison)

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 0:0

Sechs Spiele, neun Punkte, Platz acht. Klingt so das Mittelmaß?

Ja, denn Werder tritt auf der Stelle. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Werder rutscht in der Tabelle nach unten. Hinter Mainz. Hinter Hoffenheim. Doch was sagt so eine Tabelle nach sechs Spieltagen schon aus?  Immerhin hat man ein Auswärtsspiel beim Tabellenzweiten relativ schadlos überstanden. Für höhere Ansprüche fehlt Werder momentan die Klasse. Ohne Özil fehlt zudem die zündende Idee.

Klingt so das Mittelmaß?

Nein, denn Werder behielt gegen einen offensivstarken Gegner in dessen Stadion über weite Strecken die Spielkontrolle, ließ wenige Chancen zu und spielte in Halbzeit eins nach einem holprigen Start auch mutig nach vorne. Dies veranlasste Jupp Heynckes in der Pause zu einem Systemwechsel. Er nahm den bindungslosen Gekas heraus und brachte mit Bender einen weiteren (offensiven) Mittelfeldspieler. Dies brachte Bayer in der zweiten Halbzeit höhere Spielanteile und auch einige Chancen, die der aufmerksame Wiese jedoch allesamt vereilten konnte.

Am Ende steht ein 0:0 auf das sich beide Mannschaften irgendwann im Laufe der zweiten Hälfte geeinigt zu haben schienen. Für den Werderfan ungewohnt. Schaaf wechselte nur vorsichtig, brachte für Marin einen zweiten “richtigen” Stürmer, den wiedergenesenen Markus Rosenberg. Damit hatte es sich mit den Auswechslungen auch schon erledigt und Werder verwaltete das 0:0 über die Zeit, ohne einen Versuch zu starten, den Gegner in der Schlussphase noch zu überrennen. Pragmatismus statt bedingungsloser Offensive nach dem Auswärtsspiel in der Europa League. Daran wird man sich vermutlich gewöhnen müssen, gerade wenn es gegen die deutschen Topmannschaften geht.

Konnte man Werder in der Vergangenheit vorwerfen, sich häufig in blinder Angriffswut noch den einen oder anderen Gegentreffer einzufangen, geben sich Mannschaft und Trainer nun im Zweifel lieber mit einem 0:0 zufrieden. Ist dies nun eine Stärke oder eine Schwäche? Es ist sicher kein Zeichen von überschäumendem Selbstbewusstsein. Doch in der aktuellen Situation ist es wohl die richtige taktische Maßnahme, wenn auch wenig inspirierend. Am Ende steht das dritte Zu-Null-Spiel dieser Bundesligasaison. Sechs Gegentore nach sechs Spielen ist für Werder eigentlich ein Traumwert. Er geht jedoch (noch) zu sehr auf Kosten der Offensivstärke.

Hoffnungsfroh stimmt dagegen, dass leicht auszumachen war, was der Mannschaft fehlte, um das Spiel gestern zu gewinnen. Es war die Idee im offensiven Mittelfeld, der geniale Einfall etwas außergewöhnliches zu machen, der unwiderstehliche Pass in die Spitze. Kurz: Diego Mesut Özil. Aaron Hunt machte seine Sache insgesamt gut, brachte in der ersten Halbzeit über links viele gute Ideen ein, war in der zweiten Halbzeit dafür aber offensiv abgemeldet. Je mehr Spielanteile Leverkusen hatte, desto weniger tauschte Werder im Mittelfeld die Positionen und desto berechenbarer wurden die Angriffe. Mit Pizarro und Marin hat man zwei Spielstarke Stürmer, die sich häufig zurückfallen lassen und Platz für Vorstöße aus dem Mittelfeld schaffen. Borowski und Bargfrede kümmerten sich jedoch in erster Linie um ihre taktischen Aufgaben und die Arbeit gegen den Ball, wodurch die Spitze nach dem Wechsel häufig verwaist war.

Wenn Chancen aus dem Spiel heraus ausbleiben gibt es ja noch die Standardsituationen, eigentlich eine große Stärke Werders. Aber auch hier machte sich Özils Abwesenheit bemerkbar. Die Ecken und Freistöße brachten keinerlei Gefahr, kamen zumeist nicht einmal in die Nähe der kopfballstarken Spieler. Immerhin hat man die “fehlende Zutat” schon in den eigenen Reihen und muss nur darauf warten, dass sie sich von ihrer Verletzung erholt. Leider besteht auch die Gefahr, schnell wieder von ihr abhängig zu werden, nachdem man sich gerade erst vom Diego-Rausch erholt hatte.

Vor des Bundestrainers Augen spielte (und grätschte) sich gestern ein anderer Spieler in den Mittelpunkt: Torsten Frings. Er machte sein bislang bestes Saisonspiel und wird nach dem Spiel gedacht haben: “Siehste, und das soll nicht für die Nationalmannschaft reichen?” Jogi Löw wird dagegen gedacht haben: “Junge, warum spielst du nicht immer so? Dann wäre dein Stammplatz sicher.” Ich habe einfach nur gedacht: “Mensch, wenn der Lutscher keine böden Fehlpässe spielt, ist er immer noch ein hervorragender Mittelfeldspieler.” Was Thomas Schaaf dachte ist nicht überliefert.

5. Spieltag: Wir lassen den Dom in Köln und die Kirche im Dorf 2

Gepostet am 14. September 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Hannover 96 0:0

Am Wochenende stand für mich ein Ausflug nach Köln auf dem Programm. Dank mehrerer Staus auf der Hinfahrt und Razorlight-Konzert am Abend blieb leider nicht viel Zeit für einen Stadtbummel. Nicht einmal der Kölner Dom, der in unmittelbarer Nähe des Hotels steht, konnte besichtigt werden. Was das nun mit Werder zu tun hat? Nun, da das kleine Nordderby gegen Hannover 96 dank neuer Anstoßzeiten schon um 15:30 angepfiffen wurde, blieb der Dom auch am Sonntag unbesichtigt. Stattdessen ging es nach dem Abgrasen des üppigen Frühstücksbuffets schnell wieder auf die Autobahn, um pünktlich zum Anpfiff zurück zu sein. Leider klappte das nicht ganz und ich konnte erst zur 10. Minute einschalten. Viel verpasst habe ich dabei nicht. Hätte ich vermutlich auch nicht, wenn ich dem Dom doch den Vorzug gegeben hätte.

Nachdem man am letzten Spieltag mit einem gewaltigen Satz auf Platz 3 gesprungen war, waren die Stimmen schon wieder lauter geworden, die Werder zum sicheren Kandidaten für die Champions League Plätze herreden wollten (wovon ich mich selbst nicht vollständig frei sprechen kann/will). Wie so häufig wurde man nach einer längeren (in diesem Fall: Länderspiel-)Pause wieder auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Ein 0:0 gegen Hannover im eigenen Stadion ist eine Enttäuschung, wie man es auch dreht und wendet. Man sollte sich davor hüten, dieses Resultat nur auf das fehlende Glück im Torabschluss oder die gute Leistung von Gästekeeper Fromlowitz zu schieben. Mit der Effizienz, die man beispielsweise gegen Hertha BSC an den Tag legte, hätte man das Spiel zwar höchstwahrscheinlich gewonnen. Die Anzahl der wirklich guten Torchancen hielt sich aber in Grenzen und Werder schaffte es nicht, den Druck gegen Ende des Spiels, als die Zeit knapp wurde, noch zu erhöhen. Man braucht sich keine Illusionen zu machen. Momentan ist Weder ein gutes Stück davon entfernt, eine der dominierenden Kräfte in der Bundesliga zu sein.

Das soll nun aber nicht heißen, dass plötzlich wieder alles schlecht ist. Denn schlecht hat Werder – mit Ausnahme der Schlussphase der ersten Halbzeit – nun wirklich nicht gespielt. Man war Feldüberlegen, hatte gegen defensiv recht stabile Hannoveraner fast immer die Spielkontrolle und ließ hinten nicht viel zu. Positiv herauszuheben ist die positive Entwicklung bei Philipp Bargfrede, der immer mehr zur festen Größe im Bremer Kader heranwächst und gegenüber Tim Borowski gestern den deutlich engagierteren Eindruck machte. Ebenfall gefreut hat mich die Tatsache, dass sich der von mir zuletzt kritisierte Torsten Frings wieder schneller vom Ball getrennt hat und unnötige Dribblings vermied. Lassen wir also die Kirche im Dorf. Von fünf Heimspielen mit einer Leistung wie gegen Hannover gewinnt man vielleicht drei. Damit wird man wahrscheinlich nicht Deutscher Meister, kann sich aber Hoffnungen auf das internationale Geschäft machen. Das kommende Auswärtsspiel gegen Leverkusen wird mehr Aufschluss über die wirkliche Leistungsfähigkeit der Mannschaft geben.

Die Kirche nicht im Dorf ließ wie gewohnt Uli Hoeneß, der vor dem Spiel seiner Bayern in Dortmund gegen die hohe Anzahl an Länderspielen wetterte, von welchen die Spieler dann auch noch verletzt zurückkämen:

“Wir müssen uns alle miteinander dagegen wehren, dass die Bundesliga jetzt zum 98. Mal unterbrochen wird wegen dieser Länderspiele. Da muss sich etwas ändern, sonst geht die Bundesliga kaputt.”

Man sollte sich nicht vom typisch Hoeneß’schen Fatalismus blenden lassen. Die Grundaussage dieses Satzes könnte auch Klaus Allofs über die Lippen kommen. Mal ganz davon abgesehen, dass Verletzungen von Spielern in der Nationalmannschaft für die betroffenen Vereine ärgerlich sind, zweifle ich doch sehr stark an dem Schaden, der ihnen durch die Länderspiele entsteht. Es ist für einen Verein ein Aushängeschild, viele Nationalspieler in den eigenen Reihen zu haben. Sie sorgen im In- und Ausland für zusätzliche Aufmerksamkeit für einen Verein, aus der dieser wiederum neue Vermarktungsmöglichkeiten erschließen kann. Gerade Uli Hoeneß sollte sich dem bewusst sein. Könnte sich jemand einen FC Bayern ohne Nationalspieler vorstellen?

Die Auffassung, dass die insgesamt hohe Anzahl an Spielen schlecht für den Fußball sei, setzt sich anscheinend immer mehr durch. Das Hauptargument dafür ist eine angebliche Überlastung der Spieler. Es leuchtet mir nicht ein, dass zwei Spiele pro Woche über 90 Minuten aus physischer Sicht ein Problem darstellen sollen. Problematisch wird es erst dann, wenn Spieler trotz körperlicher Blessuren unter Anwendung von Schmerzmitteln Woche für Woche auf dem Feld stehen. Es ist kein Geheimnis, dass dies die Merhzahl der Spieler im Profibereich betrifft. Allerdings wird häufig übersehen, dass eine hohe Anzahl an Spielen auch hohe Einnahmen mit sich bringt, die wiederum in neue Spieler investiert werden können. Ein großer, qualitativ ausgeglichener Kader bietet vor allem den Spitzenvereinen die Möglichkeit, ihre Stars in unwichtigen Spielen häufiger zu schonen, wie es z.B. in Spanien und England nicht unüblich ist und bei den Bayern unter Hitzfeld auch praktiziert wurde. Hier zeigen sich dann auch Hoeneß’ wahre Beweggründe: Statt Länderspielpause könnte man die Zeit besser mit lukrativen Freundschaftsspielen der eigenen Mannschaft auffüllen. Die bergen zwar ebenfalls ein Verletzungsrisiko für die Spieler – sorgen aber für volle Vereinskassen.

4. Spieltag: Die üblichen Verdächtigen 1

Gepostet am 31. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

Hertha BSC – Werder Bremen 2:3

Werder gewinnt also wieder in Berlin. So langsam könnte man sich daran gewöhnen. Auch wenn an Werders Spiel noch vieles verbesserungswürdig ist, hat man sich im Vergleich zum holprigen Start gefangen und steht nun auf dem dritten Platz. Vor zwei Wochen noch fast sicherer Absteiger, nun schon wieder auf Champions League-Kurs?

Thomas Schaaf vertraut weiterhin nicht auf einen zweiten Stürmer neben Pizarro und ließ mit einer Art 4-1-3-2 spielen, bei dem Frings hinter einem Dreiermittelfeld den Abräumer machte und Marko Marin anstelle von Aaron Hunt als hängende Spitze agierte. Was mir sehr gut gefiel, war die Selbstverständlichkeit, mit der Özil oder auch Bargfrede und Borowski mit Marin die Positionen tauschten und so für die Hertha schwer ausrechenbar waren. Eine alte Stärke, die gegen Berlin zum Erfolg führte. Obwohl Werder nach der Pause stark unter Druck geriet und nur dank Tim Wiese und einer umstrittenen Entscheidung von Schiedsrichter Kinhöfer (bei der ich mir nach wie vor nicht sicher bin, ob Wichniarek abhob oder tatsächlich getroffen wurde) nicht in Rückstand geriet, war das 0:1 einfach toll heraus gespielt.

Ich weiß nicht, was mich mehr freut: Marins starke Leistung mit seinen beiden Torvorlagen oder Mesut Özils neue Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. So stelle ich mir einen Klassespieler vor: Selbst wenn es nicht so gut läuft aus dem Nichts auftauchen und die Chance nutzen. Pizarro machte als einzige richtige Spitze ein gutes Spiel. Man sieht, wie sehr Werder von seiner Ballsicherheit profitiert, auch wenn er selbst nicht trifft. Es erstaunt mich, dass Torsten Frings, der Diegos Spielweise häufig kritisiert hat, nun der Spieler ist, der den Ball zu lange hält, statt ihn direkt zum nächsten Mitspieler zu passen. So bringt er sich selbst in schwierige Situationen, denn ein Dribbelgott wird er in diesem Fußballerleben nicht mehr.

In der Defensive das alte Spiel: Kaum wird schnell gespielt, gerät die Viererkette ins Wanken. Meine Prognose von weniger als 40 Gegentoren war vielleicht optimistisch. Die momentane Quote würde am Ende 51 Gegentore bedeuten – eins mehr als in der letzten Saison. Bekommt man endlich etwas mehr Stabilität in diesen Mannschaftsteil, kann Werder in dieser Saison wieder vorne mitspielen.

Nicht mitspielen dürfen hingegen Torsten Frings und Tim Wiese. In der Nationalmannschaft. Während Wiese bis zum noch nicht fest angesetzten Spiel gegen Chile vertröstet wurde, scheint Frings in den Planungen keine Rolle mehr zu spielen. Ich kann beide Entscheidungen nachvollziehen, halte sie aber dennoch für falsch. Frings ist momentan nicht gut genug, einen Stammplatz in der Nationalelf einzufordern. Mit seinen lauten Rufen nach Berücksichtigung hat er sich ein wenig selbst ins Abseits manövriert. Dennoch war Frings viele Jahre lang ein wichtiger Spieler für Deutschland, hat eine starke (2002) und eine überragende (2006) WM gespielt. Es gehört zu den Aufgaben eines Trainers dazu, ältere Spieler auszusortieren. Die Kriterien, nach denen dies bei Joachim Löw geschieht, sind jedoch höchst undurchsichtig.

Statt einem Spieler klar zu sagen, dass er in der Nationalmannschaft keine Zukunft mehr hat, wird er monatelang hingehalten und erhält immer neue Nackenschläge. Es ist einerseits verständlich, dass sich Löw noch nicht endgültig um die Option Frings berauben will, falls dieser noch einmal zu seiner Topform zurück findet. Das vermeintliche Überangebot im zentralen/defensiven Mittelfeld ist spätestens seit Jones Absprung keines mehr. Andererseits wird der Spieler, wie Frings schon vor einem Jahr sagte, respektlos behandelt. Man kann nicht auf der einen Seite ein tadelloses Verhalten seitens der Spieler fordern und sich auf der anderen Seite so verhalten, wie Löw es in seinen Personalentscheidungen immer wieder tut: Hildebrandt, Kuranyi, Jones. Hier werden Spieler durch einen unaufrichtigen Umgang mit ihnen zu Reaktionen getrieben, die dann als Begründung für ihren Ausschluss herangezogen werden. Was ich bei Klinsmann (Wörns, Kahn, wiederum Kuranyi) noch in Ansätzen verstehen konnte, wirkt nun völlig deplatziert und muss dem Bundestrainer als Schwäche ausgelegt werden.

Das Leistungsprinzip wird nur dann als Begründung verwendet, wenn es gerade passt. Ein Lukas Podolski darf trotz fehlenden Einsätzen und dem taktischen Spielverständnis eines 10-Jährigen über Jahre hinweg ein Spiel nach dem anderen machen und wird selbst für einen tätlichen Angriff auf dem Spielfeld gegen den eigenen Mannschaftskapitän nur halbgar abgemahnt. Was wäre wohl mit Spielern wie Kuranyi, Jones oder Wiese in dieser Situation passiert?

Überhaupt Wiese. Nimmt man die grün-weiße Vereinsbrille mal ab, dann kann man die Entscheidung pro Enke (nichts anderes war es) durchaus verstehen. Robert Enke ist ein sehr guter Torhüter, strahlt Ruhe aus, macht wenig Fehler. Wiese hat sich ungemein verbessert, wächst immer häufiger über sich hinaus. Von der Klasse her nehmen sich beiden nicht mehr viel, doch Wiese ist – im Positiven wie im Negativen – der unberechenbarere von beiden. Mit Manuel Neuer und René Adler hat man zwei starke, junge Torhüter in der Hinterhand, die bei der WM Turniererfahrung sammeln können. So weit, so gut, doch warum sagt man das Tim Wiese nicht? Warum macht man ihm über ein Jahr lang vor, er habe eine reelle Chance auf einen Platz im WM-Kader? Wiese hat sich seit seiner ersten Nominierung nichts zu Schulden kommen lassen, gut trainiert und bei Werder konstante Leistungen auf sehr hohem Niveau abgeliefert. Dazu hat er sich in seinen früheren Schwachpunkten (Herauslaufen, 1-gegen-1, Strafraumbeherrschung) klar verbessert und verfügt über die größte internationale Erfahrung.

Trotzdem erhielt er nie die Chance, sich in der Nationalmannschaft zu beweisen. Ihn nun ohne ersichtlichen Grund zurück zu stufen gleicht einer Ohrfeige, wie sie schallender nicht sein könnte. Ein weiterer Spieler, der durch den Trainer Löw verbrannt wird. Die Personalpolitik der Nationalmannschaft erscheint so in einem immer schlechteren Bild. Ein Trainer muss sich eben nicht nur an seinen Trainingsmethoden und taktischen Kenntnissen messen lassen, sondern auch an seiner Menschenführung. In letzterem Bereich könnten ein paar Lehrstunden für den Bundestrainer nicht schaden. Ich wüsste da auch einen Trainer, der sie ihm geben könnte…

Die K-Frage 0

Gepostet am 7. July 2009 von Tobias (Meine Saison)

Nach Frank Baumanns Abschied stellte sich die Frage, wer seine Nachfolge als Kapitän antreten soll. Gestern gab es die Antwort und sie ist keine Überraschung: Torsten Frings
ist neuer Mannschaftskapitän. Per Mertesacker, auch das war zu
erwarten, wird sein Stellvertreter.

Hierzu ein interessantes Zitat von Frank Baumann aus einem Interview, das er kurz nach Bekanntgabe seines Karriereendes gab:

"(…) Auch ich hätte sicher mehr Schlagzeilen haben können und damit
auch mehr verdienen können, aber ich wollte das nicht. Ich war in
Nürnberg Führungsspieler und hier in Bremen nach einem Jahr Kapitän,
ich hätte sicher oft den einen oder anderen Spruch anbringen können.
Aber es wird insgesamt überbewertet, wenn einer wild gestikulierend
über den Platz rennt und hinterher in der Öffentlichkeit Dampf ablässt.

Ich glaube fast, dass das jeder Profi könnte, egal welcher Typ er ist.
Es wird verkannt, dass es oft schwieriger ist, ruhig zu bleiben und die
Dinge intern zu regeln. Aber das muss jeder für sich selbst wissen und
es ist oft auch gut für ein Team, wenn es verschiedene Typen hat." (Hervorhebung von mir)

Man kann diese Worte durchaus als Seitenhieb gegen Torsten Frings auffassen. Der gilt als Sprachrohr der Mannschaft, weil er sich nach fast jedem Spiel für Interviews zur Verfügung stellt und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich habe schon länger die Vermutung, dass Frings innerhalb des Teams nicht unumstritten ist. Spieler, die nach außen viel kritisieren, werden von Mitspielern selten wirklich gemocht, höchstens respektiert – so lange die Leistung stimmt. Das war bei Frings in der abgelaufenen Saison nicht immer der Fall und so mancher Kollege wird sich gedacht haben, dass er lieber den Mund halten und sich auf sein eigene Spiel konzentrieren sollte.

Ein Fußballer muss aber nicht unbedingt beliebt sein, um ein guter Mannschaftskapitän zu sein. Frings gefällt sich in der Rolle des Außenseiters und ist als Antreiber für die Mannschaft sehr wichtig. Mit Baumann ergänzte er sich gerade deshalb so gut, weil er zum ruhigen Franken einen Gegenpol bildete. So ergibt es auch Sinn, Mertesacker als Stellvertreter zu bestimmen. Die beiden könnten sich ähnlich gut ergänzen, wobei ich in Mertesacker die größeren Führungsqualitäten sehe. Wäre Frings jedoch bei der Wahl zum Spielführer übergangen worden, hätte er es mit Sicherheit als Affront gegen seine Person aufgefasst. Schon aus "politischer" Sicht hatte Schaaf kaum eine andere Wahl. Mit Diego
hat sich neben Baumann eine weitere Führungsfigur verabschiedet, was die Hierarchie in der Mannschaft durcheinander bringen wird. Ein beleidigter Torsten Frings würde diesen Umbruch zusätzlich erschweren.

Deshalb bin ich mit der Wahl alles in allem zufrieden und wünsche dem Lutscher alles Gute als Kapitän!

Methusalix 1

Gepostet am 10. February 2009 von Tobias (Meine Saison)

Warum wird Torsten Frings schlechte Form eigentlich allerorts mit seinem Alter begründet? Frings ist 32, warum sollte das für einen Fußballer zu alt sein? Die Maldinis, Beckhams, Tottis, Del Pieros und Giggs dieser Welt beweisen doch das Gegenteil. Werders UEFA-Cup-Gegner AC Milan gewann 2007 mit einer "Altherren-Truppe" die Champions League. Also warum halten so viele Leute das Alter für den plausibelsten Grund für Frings Formschwäche?

Andererseits, was soll man erwarten? Schließlich wird dem inzwischen 33-jährigen Frank Baumann auch schon seit 4 Jahren nachgesagt, dass er zu alt sei…

19. Spieltag: Führungslos 0

Gepostet am 8. February 2009 von Tobias (Meine Saison)

Schalke 04 – Werder Bremen 1:0

Vor Beginn der Rückrunde habe ich schon anklingen lassen, dass Werders Schwierigkeiten in der Hinrunde meiner Meinung nach mit einem Führungsproblem auf dem Platz zusammenhingen. Die ersten Spiele der Rückrunde haben mich in dieser Meinung noch bestätigt. Werder hat momentan keinen Spieler, der die Mannschaft wirklich führt – obwohl durchaus Spieler im Kader sind, die diese Rolle übernehmen könnten.

Woran mache ich das fest?

1. Werder hat in vielen Spielen in den entscheidenen Situationen nicht richtig dagegen gehalten. Auffällig war das besonders in der Champions League gegen Athen und Famagusta. Nach Rückständen lässt sich die Mannschaft zu schnell hängen und wacht erst wieder auf, wenn das Spiel schon entschieden ist.

2. Werder lässt sich leicht aus dem Konzept bringen. In fast allen Spielen – auch den wirklich schlechten wie gegen Gladbach oder Karlsruhe – hat Werder in den ersten 2-3 Minuten losgelegt wie die Feuerwehr. Die Mannschaft wirkte bis in die Haarspitzen motiviert. Nach den ersten paar mislungenen Aktionen schlug es dann innerhalb weniger Minuten ins absolute Gegenteil um. Besonders Auswärts fällt es der Mannschaft schwer, das eigene Spiel durchzuziehen.

3. Die jungen Spieler lassen den Kopf zu schnell hängen. Özil und Hunt sind sicher gute Beispiele dafür. Bei allem Talent und allen tollen Spielen, die vor allem Özil schon gemacht hat, waren ihre Leistungen doch sehr schwankend. Bei jungen Spielern sicher normal. Nicht normal ist jedoch, dass diese Spieler teilweise mit hängenden Schultern über den Platz schlurfen, als wäre ihnen das Spiel egal. Hier ist ein Führungsspieler gefordert, die Spieler anzusprechen, zu motivieren, zur Not auch mal anzubrüllen.

Dies sind alles Situationen, in denen ein Trainer kaum auf die Spieler einwirken kann. Hier sind Spieler gefordert, die Verantwortung übernehmen und positiv auf ihre Mitspieler einwirken können. Meistens sind das Spieler mit großer Erfahrung. Die hat Werder durchaus. Aber warum tut es dann keiner?

Frank Baumann ist hier als Kapitän natürlich gefordert. Allerdings war Baumann noch nie der extrovertierteste Spieler beim SVW. Das machte ihn für Werder zum idealen Kapitän, denn um ihn herum gab es mit Micoud, Ismael, Frings, Ernst oder auch Wiese immer schon Spieler, die das mehr als wett gemacht haben. Baumann war der Ruhepol der Mannschaft und gerade deshalb so wertvoll. Heute fehlen diese Spielertypen um ihn herum fast völlig.

Torsten Fings gilt eigentlich als typischer Führungsspieler. Er ist das Sprachrohr der Mannschaft zu den Medien, gibt nach fast jedem Spiel Interviews. Dabei wird oft vergessen, dass Frings auf dem Platz vor allem durch seine eigene Leistung vorangeht und weniger verbal auf seine Mitspieler eingeht. In der Hinrunde hatte er lange Problem zu seiner Form zu finden. Frings kann seinen Mitspielern zwar "einen Einlauf verpassen", aber er ist sicher kein positiver Motivator, der auch dann die Mannschaft führen kann, wenn er selbst schwächer spielt. Und im moment spielt er schwach.

Tim Wieses Einflussmöglichkeiten sind als Torwart eher begrenzt. Diego könnte (müsste?) von seiner Erfahrung und seinen Qualitäten her Führungsspieler sein. Vor einem Jahr schien er den Schritt dahin geschafft zu haben. Momentan hat er mehr mit seinem eigenen Temperament zu kämpfen als dass er weitere Verantwortung übernehmen könnte. Auch Per Mertesacker hat genug Klasse und Erfahrung, die Mannschaft zu führen. Ihm traue ich in der Rückrunde am ehesten eine Führungsrolle zu.

Es gibt viele unterschiedliche Führungsstile, die alle erfolgreich sein können. Es ist letztendlich egal, ob ein Spieler die Mannschaft authoritär führt, durch Leistung voran geht oder einfach durch sein Verhalten ein Vorbild für die anderen ist. Wichtig ist, dass wieder jemand die Führung auf dem Platz übernimmt, der von allen Mitspielern als Leader akzeptiert wird. Anders kann eine Fußballmannschaft nicht funktionieren.

Man konnte Werders Verunsicherung gegen Schalke gestern mit den Händen greifen. Verständlicherweise, bedenkt man die Bedeutung dieses Spiels. Trotzdem hat es die Mannschaft geschafft dagegen zu halten, sich kämpferisch gegen die Niederlage zu wehren. Allein, die spielerischen Mittel waren nicht da. Kratzen, beißen, rennen – das hätte man sich von Werder in den vergangenen Monaten häufiger vergeblich gewünscht. Die Spielstärke war dabei nie das Problem. Doch die inzwischen vorhandene Angst scheint die Mannschaft zu lähmen. Eine kämpfende Mannschaft ohne Selbstvertrauen gewinnt in der Bundesliga selten Spiele. Und wer spielt, wie Energie Cottbus, holt auf Schalke selten Punkte.

Ruhe ist die beste Disziplin 0

Gepostet am 21. January 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder – Lech Posen 3:2

Das Thema Disziplin wird bei Werder seit geraumer Zeit immer wieder angesprochen. Bereits vor einem Jahr wurde die Disziplin innerhalb des Teams in Frage gestellt, als es vor allem um Carlos Alberto immer wieder zu Zwischenfällen kam. Auch nachdem der "Problemfall" Alberto nach Brasilien abgeschoben wurde, wurde es nicht ruhiger: Reihenweise rote Karten (6 in der letzten Saison und 3 weitere in dieser Hinrunde), das Theater um Diegos Olympia-Teilnahme, Verspätungen im Training (Diego) und zum Spiel (Almeida), um nur einige Beispiele zu nennen. Ist Werder Bremen im Jahr 2009 ein "Sauhaufen"?

Werders Führung verneint das, obwohl sie selbst die Disziplin des Teams zu Beginn der Vorbereitung auf die Rückrunde zum Thema gemacht hat. Man muss vermutlich wirklich trennen, zwischen der Disziplin auf und der neben dem Platz. Es gibt in der Geschichte des Fußballs unzählige Geschichten scheinbar disziplinloser Mannschaften, die – sobald sie auf dem Platz standen – eine eingeschworene und charakterstarke Truppe bildeten. Vermutlich kennt jeder, der mal aktiv Fußball gespielt hat, Geschichten von Spielern, die regelmäßig das Training schwänzten oder am Spieltag mit einem Alkoholpegel von George Best'schem Ausmaß antanzten – und dann im Spiel trotzdem die Besten auf dem Platz waren.

Im Profibereich lassen sich solche Verfehlungen nicht so einfach kompensieren, doch auch hier gibt es ähnliche Beispiele. Man kann also nicht unbedingt von einem Zusammenhang zwischen den Verfehlungen neben und den Leistungen auf dem Platz ausgehen. Zumindest nicht, wenn es um relativ harmlose Dinge wie Verspätungen beim Training geht.

Weiterlesen →



↑ Nach oben