Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



Europa League Play-Offs, Rückspiel: Diamant im Herzen 1

Gepostet am 27. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

FK Aktobe – Werder Bremen 0:2

Während in Bremen seit Sonntag munter über die Rückkehr zur Mittelfeldraute diskutiert wird (Thomas Schaaf: “Das war keine Raute, jeder, der das behauptet, liegt falsch!”), lassen einige internationale Spitzenvereine die von manchen als obsolet bezeichnete Formation wieder aufleben. Chelsea spielt sie (Ancelotti hat schon bei Milan häufig so spielen lassen), Inter spielt sie (ja, genau, das Inter, das von 4-3-3-Fetischist Mourinho trainiert wird), die Bayern spielen sie (bis auf Ribery). Ist Thomas Schaaf also doch kein solcher Hinterwäldler in Sachen Taktik? Ist er vielleicht gar ein Pionier?

Taktikexperte Jonathan Wilson (Inverting the Pyramid) schreibt im Blog des Guardian über die Raute: “Is the midfield diamond here to stay and how do you counter it?” Neben den üblichen Abschweifungen in die Frühphase des Fußballs kommt Wilson zu dem Schluss, dass die Raute ein gutes System für spielstarke Mannschaften ist, allerdings einige Nachteile hat:

Die Vorteile:

  • Die Raute ist eine gute Defensivformation. (hört, hört…)
  • Ein starker defensiver Mittelfeldspieler gibt den Spielern auf den beiden Halbpositionen die Möglichkeit, den Spielmacher zu entlasten. (Frank Baumann, anyone?)
  • Die Raute ist offensiv am stärksten, wenn sie asymmetrisch ausgelegt wird, die beiden Halbaußen (und die beiden Stürmer!) also nicht auf einer Höhe spielen.

Die Nachteile:

  • Das Spiel einer Mannschaft mit Raute ist leicht ausrechenbar.
  • Werden die Halbpositionen zu zentral interpretiert, ist die Mannschaft über außen verwundbar; die Überzahl in der Mitte kann aufgrund des geringen Raums zum Passen kaum ausgenutzt werden.
  • Mit einem 4-5-1 kann die Raute am wirkungsvollsten gestoppt werden: Die beiden äußeren Mittelfeldspieler können den Platz auf den Außenbahnen nutzen und die Außenverteidiger unter Druck setzen. Dies schafft Raum für die eigenen Außenverteidiger, die sich ins Mittelfeld einschalten können. Die drei zentralen Mittelfeldspieler machen dazu der Raute in der Mitte das Leben schwer.

Diese Punkte beschreiben eigentlich ganz gut Werders Stärken und Probleme der letzten Jahre: Die hohe Ballbesitzquote durch die Überzahl im zentralen Mittelfeld. Die Offensivpower, weil die Positionen sehr variabel getauscht werden und keine starre symmetrische Formation eingehalten wird. Die Anfälligkeit über die Außen, die nicht zuletzt dadurch zustande kommt, dass die Außenverteidiger häufig mit nach vorne gehen, um die ansonsten verwaisten Außenbahnen zu besetzen. Die Probleme gegen defensive Mannschaften, wenn sich die Mittelfeldspieler zu wenig bewegen.

Mir persönlich ist es eigentlich egal, welches System Werder spielt, wobei ich die Raute schon für die Formation halte, mit der Werder den besten Offensivfußball spielen kann. Allerdings hängt vieles davon ab, wie man die defensive und offensive Position der Raute besetzt. Torsten Frings hat mich als alleiniger defensiver Mittelfeldspieler bislang nicht überzeugt. Er hat zwar die nötige Zweikampfstärke, aber nicht die Unaufgeregtheit eines Frank Baumanns im Aufbauspiel, der anstandslos 40 Sicherheitspässe über 5-10 Meter pro Spiel zum nächstbesten Kollegen beförderte und taktisch kein Risiko einging. Den 6er traue ich eher Daniel Jensen zu, bei dem aber nicht klar ist, ob er nach der langen Verletzung noch einmal die Form der Saison 2007/08 erreichen kann. Ob Özil oder Marin die 10er-Position einnehmen können wage ich fast nicht zu beurteilen. Man braucht für die Position einen außergewöhnlichen Spieler, mit guter Übersicht und großer individueller Stärke, der im besten Fall noch ein großer Stratege ist. Vor allem Özil traue ich zu, ein solcher Spieler zu werden. Aber ist er auf der Position wirklich stärker als auf der linken Seite?

Man wird sehen. Thomas Schaaf wird sich während dessen heimlich (im Keller) ins Fäustchen lachen, dass nun, nach mindestens 2 Jahren der Kritik an seinem veralteten System, sowohl in Bremen als auch in Fußballeuropa die Raute so hoch im Kurs steht, wie selten zuvor.

Ach ja: Werder hat heute durch zwei Tore von Pizarro mit 2:0 bei FK Aktobe gewonnen und sich damit für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert.

Meine Saisonvorschau 09/10 (Teil 1) 1

Gepostet am 7. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

Heute Abend beginnt in Wolfsburg die neue Bundesligasaison. Höchste Zeit für eine ausführliche Saisonvorschau. Auch dieses Jahr kommt sie wieder in mehreren Teilen. Heute steht dabei allein Werder im Vordergrund. Was kann man von der Mannschaft in der kommenden Spielzeit erwarten?

Tor

Auf dieser Position gibt es keine nennenswerten Veränderungen. Tim Wiese ist unumstrittene Nummer 1 mit Ambitionen auf einen Platz im WM-Kader. Bei ihm war letzte Saison ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar. Vor allem seine Coolness in Stresssituationen hebt ihn von der deutschen Konkurrenz ab. Verbessern sollte er noch seine Strafraumbeherrschung, dann könnte er sogar als 1. Torwart nach Südafrika fahren. Bei Werder machen ihm weder Christian Vander, noch Sebastian Mielitz den Stammplatz streitig.

Fazit: Im Tor ist Werder deutlich überdurchschnittlich besetzt.

Abwehr

Trotz 50 Gegentoren in der vergangenen Saison gab es in der Abwehr keine personellen Konsequenzen. In der Innenverteidigung spielen mit Per Mertesacker und Naldo zwei Kopfball- und Zweikampfstarke Spieler, die in Normalform zu den besten Innenverteidigerpärchen der Liga zählen. Gerade bei Naldo gab es in den letzten beiden Jahren jedoch immer wieder Phasen, in denen er diese Form nicht erreicht hat. Gegen Ende der letzten Rückrunde zeigte er aber wieder seine alten Stärken und führte Werder mit einer überragenden Leistung zum Pokalsieg. Sebastian Prödl hat sich dahinter dem Niveau der beiden langsam angenähert. Sollten Naldo und Mertesacker fit bleiben, dürfte er über den Status als Ergänzungsspieler aber nicht hinaus kommen.

Auf der rechten Außenbahn hinterließ Clemens Fritz in der Vorbereitung einen starken Eindruck. Nach der schwachen letzten Saison will er wieder an seine Glanzzeiten anknüpfen und sich erneut in den Kreis der Nationalmannschaft spielen. Der Stammplatz wird ihm vom neuen Konkurrenten Martin Harnik nicht zu nehmen sein, da dieser gerade vom Stürmer zum Außenverteidiger umgeschult wird und noch Schwächen im taktischen Bereich hat. Spannender ist es auf der linken Seite, dem traditionellen Sorgenkind der Bremer Viererkette. Sebastian Boenisch hat nach der U21-EM noch leichten Aufholbedarf, weshalb Petri Pasanen im Moment die Nase vorn hat. Vom Finnen sind keine großen Leistungssteigerungen zu erwarten, doch er füllt die Position defensiv gut aus und zeigte im Pokalspiel gegen Union Berlin, dass er auch in der Offensive Akzente setzen kann. Ich denke trotzdem, dass sich Boenisch im Laufe der Saison durchsetzen und weiterhin steigern wird. Dusko Tosic wird den Verein verlassen, da bin ich mir sicher.

Fazit: Auf beiden Außenbahnen glaube ich an eine Leistungssteigerung. Insgesamt ist die Abwehr leicht überdurchschnittlich besetzt.

Mittelfeld

Im defensiven Mittelfeld war Frank Baumann in den letzten 6 Jahren meist gesetzt. Flankiert wurde er dabei auf der rechten Seite von Torsten Frings, der nun eine zentralere Rolle einnehmen wird. Frings spielte eine insgesamt enttäuschende letzte Saison und muss sich im Jahr vor der WM dringen neu beweisen, wenn er sein Ticket nach Südafrika nicht gefährden will. Für seine physisch anspruchsvolle Spielweise benötigt er absolute körperliche Fitness. Diese ist ihm in der vergangenen Saison – wohl auch bedingt durch die langen Verletzungspausen im Jahr davor – etwas abhanden gekommen, doch scheint nun wieder da zu sein. Ich zähle Frings trotz zahlreicher anderer Stimmen noch nicht zum alten Eisen. Neben Frings steht mit Rückkehrer Tim Borowski eine große Überraschung. Nicht der Transfer selbst war unerwartet, sondern die Konsequenz mit der Borowski auf der – zumindest im Werdertrikot – ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld bislang agiert. Viele haben ihm dies nicht zugetraut. Dabei hat Borowski eines seiner besten Spiel für Werder auf der Sechserposition gemacht (beim 1:0-Sieg gegen Chelsea 2006). Die Achse Frings – Borowski dürfte der Schlüssel zu einer erfolgreichen Saison für den SVW werden.

Leidtragender ist zunächst Peter Niemeyer, der endlich verletzungsfrei ist und sich in der Rückrunde mit respektablen Leistungen in die Stammmannschaft spielte. Nachwuchsspieler José-Alex Ikeng hat sich in der Vorbereitung leider das Kreuzband gerissen. Es bleibt abzuwarten, ob er in dieser Saison noch eine Rolle spielen kann, da es bereits die dritte Verletzung dieser Art für ihn ist. Ein großes Fragezeichen steht noch hinter Jurica Vranjes. Der Kroate gilt als Streichkandidat, könnte durch Ikengs Verletzung aber eine neue Chance erhalten.

Im offensiven Mittelfeld klafft nach Diegos Wechsel zu Juventus ein Loch. Da adäquater Ersatz für diesen Ausnahmespieler fehlt, versucht Werder erst gar nicht dieses zu stopfen. Stattdessen wird das System dem vorhandenen Spielermaterial angepasst. Mesut Özil und Marko Marin werden als Stammpersonal auf den beiden offensiven Positionen im Mittelfeld gehandelt. Zusammen sollen sie dort den Verlust von Diego kompensieren. Beide haben in der vergangenen Saison ihr großes Talent mehr als nur angedeutet. Dennoch gibt es Zweifel: Das stärkste Argument gegen die beiden ist ihr junges Alter. Weder Marin noch Özil konnten sich bislang konstant auf höchstem Niveau beweisen. Für Özil sprechen die Erfahrungen der vergangenen Saison, mit einem verlorenen und zwei gewonnenen Finals als Höhepunkt. Von ihm erwarte ich diese Saison einen weiteren Sprung, vor allem in Sachen Konstanz. Marin musste zuletzt in Gladbach und bei der U21-EM Rückschläge einstecken. Er erhält bei Werder die Chance, sich in einem guten Umfeld weiterzuentwickeln. Hier ist Papa Schaaf sicher gefordert.

Aaron Hunt kann langsam als Beispiel für einen Hochtalentierten dienen, der es nicht geschafft hat. Es hat sicher auch mit der Verletzungsanfälligkeit zu tun, aber von ihm muss deutlich mehr kommen, wenn er eine Zukunft bei Werder haben will. Daniel Jensen hat eine gebrauchte Saison erwischt. Seit über einem Jahr kämpft er nun gegen diverse Verletzungen an, ohne je wieder an die tollen Leistungen der Saison 2007/2008 anzuknüpfen, als er Torsten Frings hervorragend vertrat. Ein Spieler seiner Prägung täte der Mannschaft auch jetzt wieder gut: Technisch stark, flexibel einsetzbar und mit gutem Auge für den freien Mann. Leider habe ich aufgrund der verpassten Vorbereitung wenig Hoffnung auf ein baldiges Comeback auf Spitzenniveau. Die Überraschung der Vorbereitung heißt Philipp Bargfrede. Der 20jährige spielte sich durch engagierte und selbstbewusste Auftritte in den Mittelpunkt und kann in dieser Saison allemal als Ergänzungsspieler eine Rolle spielen.

Fazit: Werders Mittelfeld bleibt auch ohne Diego konkurrenzfähig und ist schwerer ausrechenbar. Hier gehört Werder zu den Besten der Bundesliga.

Angriff

Hier steht bislang das größte Fragezeichen. Kommt Claudio Pizarro oder kommt er nicht? Wenn er nicht kommt, kommt dann jemand anderes von ähnlichem Format? Eine Planstelle besteht im Werdersturm auf jeden Fall. Im Schatten der Transferspekulationen haben sich die vorhandenen Angreifer erstaunlich gut entwickelt. Sehr erfreut bin ich über die Auftritte von Boubacar Sanogo. Nach seiner Rückkehr aus Hoffenheim galt er als Streichkandidat – momentan dürfte er einen Stammplatz sicher haben. Ähnlich wie vor zwei Jahren kämpft Sanogo um jeden Ball, legt für Mitspieler auf und trifft auch das Tor wieder. Seine teils hölzernen Bewegungen scheinen dabei den Regeln der Physik zu trotzen. Bevor es der Rest der Liga merkt, könnte Sanogo schon wieder 10 Treffer auf dem Konto haben. Es scheint aber höchst fraglich, ob er dieses Niveau diesmal langfristig halten kann. Ebenfalls erfreulich ist die Situation bei Hugo Almeida. Schon gegen Ende der letzten Saison zeigte er gute Leistungen und scheint nun endlich den nötigen Willen aufzubringen, sein Talent vollständig auszuschöpfen. Ihm traue ich eine gute Saison zu, sehe auf Dauer ein Angriffsduo mit ihm und Sanogo jedoch kritisch.

Marcelo Moreno kam im Sommer neu aus Donezk. Der Bolivianer sollte schon vergangene Saison verpflichtet werden und verspricht eine Verstärkung zu werden. Technisch ist er beschlagen und das, was gemeinhin gerne als “Torriecher” bezeichnet wird, scheint er auch mitzubringen. Sollte er auch physisch auf Bundesliganiveau mithalten können, sehe ich ihn langfristig als festen Sturmpartner für Pizarro/Mr. X. Markus Rosenberg landete durch seine Formkrise in der Rückrunde auf dem Abstellgleis. Eine langwierige Verletzung hat ihn bislang daran gehindert, diesen Eindruck widerlegen zu können. Sollte noch ein Stürmer kommen kann Rosenberg noch ein Fall für die Transferliste werden.

Fazit: Der Werdersturm ist bislang personell nicht befriedigend besetzt. Die anhaltenden Verhandlungen um Pizarro und die Formstärke der drei aktuellen Kandidaten stimmen dennoch positiv.

Taktik

Es wird momenten viel über den Umbruch in der taktischen Ausrichtung geredet. Statt des 4-4-2 Systems mit Raute wird derzeit ein 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Doppelsechs) und offensiven Außen gespielt. Interessant ist, was Thomas Schaaf zu dem Thema zu sagen hat:

“Es ist enorm wichtig, flexibel zu sein und auf verschiedene taktische Ausrichtungen zurückgreifen zu können. Wir versuchen alles auszuschöpfen, was der Fußball hergibt. Dabei ist die Taktik ein sehr vielseitiger Bereich. Aber es gibt nicht, wie häufig dargestellt, nur ein paar große Taktiksysteme. Viel entscheidender sind die vielen Nuancen, kleine Verschiebungen, die man vornimmt und die im Idealfall Großes bewirken.”

Aus dem Werder-Magazin Spezial. Interview: Martin Lange

Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Werders Formationsänderung ist deshalb auch keine Revolution. Sie ist den personellen Gegebenheiten geschuldet, da Spielmachertypen von der Qualität eines Diego oder eines Johan Micoud für wenig Geld nicht mehr zu bekommen sind. Der Wechsel von der eigentlichen Raute hin zu zwei defensiven Mittelfeldspielern ist ein schleichender Prozess, der in der vergangenen Saison längst begonnen hatte. Mesut Özil ist sicherlich der offensivste Spieler, der je auf den Halbpositionen der Werder-Raute gespielt hat. Als Konsequenz hatte sein Gegenpart auf der rechten Seite, in der Regel Torsten Frings, vermehrt Aufgaben in der Defensive zu bewältigen. Die flexible Grundformation machte diese Verschiebung problemlos möglich. Es ist anzunehmen, dass unter Schaaf auch das System mit der Doppelsechs ähnlich flexibel ausgelegt wird. Die Testspiele lassen zumindest darauf schließen.

In der Defensive ändert sich auf den ersten Blick nicht viel. Naldo wird vermutlich auch weiterhin seine Ausflüge nach vorne unternehmen, während Mertesacker im Notfall auch mal den Ausputzer gibt. Die Außenverteidiger könnten durch das neue System etwas entlastet werden, wenn das Mittelfeld weniger durch die Mitte agiert. Eine Schwäche, die Werder in jedem Fall in den Griff bekommen muss, ist die Unkonzentriertheit bei gegnerischen Standards. Eine Mannschaft mit so vielen kopfballstarken Spielern, darf einfach nicht so viele Gegentore nach Ecken und Freistoßflanken bekommen. Bei eigenen Standards könnte es schwierig werden, die Ausbeute der letzten Saison zu erreichen, denn Diegos Freistöße waren grandios. Mit Özil, Marin, Almeida, Naldo, Borowski und Frings hat man aber eine ganze Reihe an Spielern, die gut mit ruhenden Bällen  aus verschiedenen Positionen umgehen können.

Fazit: Der Wechsel zum neuen System wird weitgehend reibungslos verlaufen. Werder bleibt offensiv gefährlich und defensiv verletzlich, auch wenn ich deutlich weniger Gegentore erwarte, als in der letzten Saison.

Morgen werfe ich dann einen Blick auf die restliche Liga und wage eine Prognose für die Abschlusstabelle.

Quadratur der Raute 3

Gepostet am 21. July 2009 von Tobias (Meine Saison)

VfL Wolfsburg – Werder Bremen 1:2

Der erste ernsthaftere Test der noch jungen Saison ist geglückt: Werder gewinnt mit 2:1 beim Deutschen Meister VfL Wolfsburg den (inoffiziellen) Volkswagen Supercup. Das Spiel hatte nur wenig Aussagekraft, was das Kräfteverhältnis der beiden Mannschaften angeht. Noch stehen die Trainingsarbeit und die Komplettierung des Kaders im Vordergrund. Allerdings war schon zu erkennen, dass beide Trainer den Test durchaus nicht auf die leichte Schulter nahmen.

Ich habe versucht, während des Spiels verstärkt auf Werders neues System zu achten. Das Tempo des Spiels war nicht hoch genug, um dabei stichfeste Erkenntnisse zu gewinnen. Doch trotz des Testspielcharakters gibt es zwei Dinge, die mir aufgefallen sind:

1. Das Mittelfeld. Bei gegnerischem Ballbesitz formierte sich das Bremer Mittelfeld zu einer Viererkette (auch "flache Vier" genannt). Somit stand man in einem klassischen 4-4-2 System, das so von vielen Mannschaften auf der Welt gespielt wird. Bei eigenem Ballbesitz agierte man jedoch wie in der Vergangenheit sehr flexibel, tauschte munter Positionen und versuchte so, Lücken in die Defensive des Gegners zu reißen. Der große Unterschied zu früher ist dabei das Fehlen einer zentralen Anspielposition, wie Diego sie bis vor kurzem ausgefüllt hat. Die beiden offensiven Außen zogen immer wieder in die Mitte, so dass die Bezeichnung "Quadrat" für Werders Mittelfeldsystem nicht ganz abwägig ist. Ich frage mich jedoch, ob Werders Mittelfeld das Umschalten von frei formierter Offensive auf defensive Viererkette auch bei hohem Tempo schafft. Die taktische Disziplin offensiv gepolter Spieler wie Mesut Özil oder Marko Marin wird hier sicher stark gefordert sein.

2. Der Angriff. Gestern standen Marcelo Moreno und Boubacar Sanago in der Starformation. Moreno zeigte einige gute Ansätze. Technisch spielt er auf hohem Niveau, doch seine Abschlüsse waren noch etwas überhastet. Dies trifft bei Sanogo auf dessen gesamtes Spiel zu. Es war deutlich zu merken, dass er hoch motiviert ins Spiel ging und seine Kritiker von sich überzeugen wollte. Leider führte dies nur selten zu durchdachten Aktionen. Dennoch kann sich Sanogo mit dieser Einstellung (sofern er sie denn längere Zeit aufrecht erhalten kann) wieder zu einem Spieler entwickeln, der Werder weiterhelfen kann. Da in der kommenden Saison vermutlich kein Spieler zentral hinter den Spitzen agieren wird, sind die Stürmer noch mehr gefordert, sich häufig ins Mittelfeld zurückfallen zu lassen uns selbst Chancen mit einzuleiten. Sanogo und Hugo Almeida können dabei vor allem hohe Bälle verwerten und für ihre Mitspieler ablegen. Moreno macht auf mich den Eindruck, als könne er hier auch spielerisch Akzente setzen. Leider sehe ich diese Potential (abgesehen von – mit Abstrichen – Almeida) sonst bei keinem anderen der Kandidaten. Aus spielerischer Sicht wäre eine Rückkehr Pizarros deshalb umso wichtiger.

Langsam steigt bei mir endlich die Vorfreude auf die neue Saison.

27. Spieltag: Viva la Revolución? 0

Gepostet am 14. April 2009 von Tobias (Meine Saison)

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 1:1

Es war das Thema nach dem 1:1 gegen Bayer Leverkusen: Thomas Schaaf hat die "flache 4" im Mittelfeld für sich entdeckt. Wie Werder nach Diegos Ausfall in Leverkusen auflief, deuteten viele Beobachter als richtungsweisend für die nächste Saison. Sollte Diego uns verlassen, woran wohl kaum jemand zweifelt, könne Werder die Chance nutzen, und sich endlich vom altmodischen Rautensystem trennen.

Ich habe schon mehrfach betont, dass ich das Rautensystem absolut nicht für altmodisch halte. Die Mehrzahl der Vereine hat heutzutage keinen klassischen Spielmacher mehr, was als Argument gegen die Raute angesehen wird. Wenn man ehrlich ist, dann ist auch Diego kein klassischer Spielmacher. Im Gegensatz zu etwa Johan Micoud ist er 25 Meter vor dem Tor am gefährlichsten. Diego ist kein Stratege, der das Spiel aus der Tiefe des Raums steuert. Wann immer er in diese Rolle gedrängt wird, verhaspelt sich Diego in uneffektive Dribblings und kraftraubende Zweikämpfe mit dem gegnerischen Mittelfeld. Deshalb hängt Diegos Leistung nicht unwesentlich von der Unterstützung seiner direkten Hintermänner ab.

Torsten Frings war lange Werders Mittelfeldmotor, der Diego von diesen ungeliebten Aufgaben den Rücken freihielt. Letzte Saison, während Frings langer Verletzung, übernahm Daniel Jensen diese Rolle. In dieser Saison hat es hieran lange gehakt. In der Rückrunde zeigte sich nun, wie es gehen kann: Frings spielt nun meistens zentral vor der Abwehr, wo er aufräumen kann. Dadurch ist er im Offensivspiel jedoch weniger präsent als früher. Auf Frings ehemaliger Position, rechts in der Raute, wechseln sich Tzilois und Niemeyer ab. Beide füllen diese Position als solide Arbeiter aus, ohne spielerisch die großen Impulse zu geben, wie etwa Özil auf der Gegenseite.

So hat sich die Raute seit Saisonbeginn deutlich verschoben: Özil spielt links auf einer Höhe mit Diego, während Tziolis/Niemeyer fast auf einer Höhe mit Frings spielen. Eine schiefe Raute, sozusagen. Der Schritt zum Sonntag angewandten System war gleich aus mehreren Gründen naheliegend: Erstens ist Özil noch weniger ein klassischer Spielmacher als Diego. Zweitens ist mit Jensen der Spieler verletzt, der Özil wirklich dabei unterstützen könnte. Drittens fühlen sich sowohl Hunt als auch Özil auf den Außenpositionen besser aufgehoben als in der Mitte. Und viertens tendieren beide eher nach links, so dass Werders Spiel sehr ausrechenbar wäre.

Obwohl ich die Umstellung also richtig fand, muss ich dennoch zwei Dinge betonen: Weder die "flache Vier" noch die "Doppelsechs" sind Erfindungen der letzten Jahre. Besonders in Italien wird schon seit den 80ern so gespielt. Wirklich moderner ist das System also nicht, aber darauf kommt es auch gar nicht an. Und die Aufregung über die geglückte Jungfernfahrt dieses Systems kann ich auch nicht ganz nachvollziehen. Ein schnödes 4-4-2 ist das kleine Einmaleins im Fußball, das nun wirklich jeder A-Jugendliche draufhaben sollte. Es ist ja nicht so, dass Werder mit der Raute gespielt hat, weil man nichts anderes konnte.

Ob es wirklich eine "Taktikrevolution" gibt, wird sich erst in der nächsten Saison zeigen. Es hängt vor allem davon ab, wen Werder nach Diegos Weggang für das Mittelfeld verpflichtet – oder Diego am Ende doch noch bleibt. Es ist sicher gut, verschiedene Systeme zur Auswahl zu haben. In der letzten Sommerpause experimentierte man auch fleißig mit einem 4-3-3. Wichtig ist für Werder in erster Linie, dass die Flexibilität im Angriffsspiel nicht verloren geht. Ein statisches 4-4-2 kann die Kreativspieler auf den Außenpositionen leicht isolieren. Doch ich hoffe und glaube, dass Thomas Schaaf das zu verhindern wissen wird.

22. Spieltag: Linksausleger 0

Gepostet am 2. March 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder – Bayern 0:0

Nach dem begeisternden Auftritt in Mailand hat Werder den Schwung mit in die Bundesliga nehmen können. In einem packenden und in der ersten Halbzeit schnellen und hochklassigen Spiel erwiesen sich die Grünweißen auch in Unterzahl als ernsthafter Gegner für die Bayern. Nach einem offenen Schlagabtausch in der Anfangsphase und der roten Karte gegen Naldo, zog sich Werder ab der 25. Minute weiter zurück. Die Bayern übernahmen die Initiative und nutzten die gelegentlichen Lücken in der Werderabwehr geschickt aus. Auch zu Beginn der zweiten Halbzeit spielten die Bayern besser und drückten Werder hinten rein. In dieser Phase war es dem eigenen Glück, dem Unvermögen der Bayern und dem überragenden Schlussmann Christian Vander zu verdanken, dass unsere Mannschaft nicht in Rückstand geriet.

Doch mit zunehmender Spieldauer fiel den Bayern immer weniger kreatives ein, um den Sieg noch zu erzwingen. Fast alle Angriffe gingen über die linke Seite, das ist man bei den Bayern seit Franck Ribery gewohnt. Werder versuchte sich an Kontern, mit langen Bällen auf Mesut Özil, der nach Hugo Almeidas Auswechslung und der damit verbundenen taktischen Umstellung einen klassischen Linksaußen spielte. In den letzten 20 Minuten hätte Werder mit etwas mehr Konzentration bei den Gegenstößen das Spiel sogar gewinnen können. Als Schiedsrichter Gräfe das Spiel nach exakt 90 Minuten abpfiff, konnten sich die Bremer dennoch als moralischer Sieger fühlen, während sich die Bayern fragen müssen, warum sie ihre Überzahl nicht besser ausgenutzt haben.

Da große Problem der Bayern ist ihr taktisch limitiertes Angriffsspiel: Auf der linken Seite gibt es mit Ribery, Ze Roberto und Lahm eine Achse, die es mit jeder Mannschaft der Welt aufnehmen kann. Über diese Achse läuft die gesamte Offensive. Die Pendants auf der rechten Seite heißen Oddo und Schweinsteiger. Van Bommel bleibt mehr in der Zentrale, zieht nicht so häufig nach rechts wie Nebenmann Ze Roberto nach links. Die Alternativen wären Altintop und Lell. Alles keine schlechten Spieler, doch sie können das Spiel über ihre Seite nicht annähernd so dominieren, wie ihre Kollegen auf Links. Gegen viele Mannschaften mag das kein Problem sein, doch gegen die Topmannschaften, gerade auch in der Champions League, könnte es den Bayern das Genick brechen.

Weiterlesen →



↑ Nach oben