Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



Fehleranalyse in drei Teilen 3

Gepostet am 22. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Normalerweise ist Kollege Johan Petersen vom Werder-Fußball-Blog für die grafische Aufarbeitung von Toren zuständig. Nachdem ich Werders katastrophale erste Halbzeit nun doch noch gesehen habe, versuche ich mich mal an einer Fehleranalyse anhand der drei ersten Gegentore, die viele Probleme aufzeigten, die Werder in der Defensive (nicht nur gestern gegen Hoffenheim) hatte.

Das 1:1

Ein Rechtsfuß als Linksverteidiger hat Vorteile, wenn sein Gegenspieler nach innen zieht. Ibisevic zeigte Pasanen vor dem 1:1 gleich zweimal, wie man einen rechtsfüßigen Linksverteidiger über außen umspielt. Die Szene ist sinnbildlich für Werders Probleme auf der linken Seite.

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Ibisevic geht mit dem Ball an der Außenlinie entlang, verfolgt von Pasanen. Prödl rückt einige Meter raus, um Pasanen zu unterstützen.

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Pasanen geht zweimal mit dem rechten Fuß zum Ball, macht dazu eine halbe Drehung in Richtung Grundlinie. Ibisevic geht beide Male mit einem einfachen Trick außen an Pasanen vorbei. Beim zweiten Mal zieht er anschließend in die Mitte und spielt einen scharfen, flachen Ball vors Tor.

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In der Mitte gibt es ein Missverständnis zwischen Wiese und Fritz, der den Ball vor dem heranrauschenden Mlapa zurück vor den kurzen Pfosten spielt. Dort kommt Ba an den Ball und kann ihn ins leere Tor schieben. Prödl steht zu weit von ihm weg und kann nicht mehr eingreifen.

Das 2:1

Eine funktionierende Abseitsfalle ist ein gutes defensives Stilmittel. Eine nicht funktionierende Abseitsfalle ist defensiver Selbstmord. Gegen Sampdoria spielten Fritz, Mertesacker, Prödl und Pasanen sie nahezu perfekt. Gegen Hoffenheim steht Pasanen zwei Meter hinter der Kette während Mertesacker herausrückt und einen Fehlpass spielt. Eine haarsträubende Aktion, die Hoffenheim das zweite Tor auf dem Silbertablett serviert.

Zwei01a

Ein Einwurf als Ausgangssituation. Compper (schwarzer Balken) wirft ein und Mertesacker (gelber Balken), der in dieser Situation näher an der Seitenauslinie steht als Außenverteidiger Fritz, antizipiert den Ball.

Zwei02a

Statt beim freistehenden Bargfrede (rot) landet Mertesackers Pass erneut bei Compper, der sofort den Pass in die Tiefe auf den startenden Mlapa spielt. Prödl (blau) versucht auf eine Höhe mit Fritz (magenta) zu kommen, um Mlapa abseits zu stellen.

Zwei03a

Pasanen (grün) merkt dies zu spät und hebt das Abseits auf. Mlapa kommt an den Ball und geht allein auf Wiese zu. Da Prödl in der Vorwärtsbewegung ist und sich erst drehen muss, kann er Mlapa nicht mehr rechtzeitig stellen. Werders Viererkette gibt bei einem gegnerischen Einwurf in der eigenen Hälfte ohne Not jegliche Formation auf. Hoffenheim nimmt mit einem einzigen Pass in die Tiefe acht (!) Bremer aus dem Spiel.

Das 3:1

Ein blitzsauberer Konter, der Mertesackers fehlenden Antritt gnadenlos offenlegt.

Drei01a

Frings (gelb) verliert als hinterster Mittelfeldspieler 30 Meter vor dem Hoffenheimer Tor den Ball im Zweikampf gegen Gustavo (schwarz). Bleiben über 50 Meter für Hoffenheim, die sich in der Rückwärtsbewegung befindende Abwehrkette auszuspielen.

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Der Raum vor der Viererkette (weiße Fläche) ist komplett blank, das Bremer Mittelfeld nicht mehr existent. Die Hoffenheimer Stürmer positionieren sich gut, Ibisevic (rot) zieht in die Lücke zwischen Mertesacker und dem weit aufgerückten Fritz (magenta). Mlapa (blau) besetzt das Zentrum zwischen den Innenverteidigern und verhindert somit, dass Mertesacker sich voll auf Ibisevic konzentrieren kann.

Drei03a

Gustavo spielt den Pass außen an Mertesacker (grün) vorbei auf Ibisevic. Werders Innenverteidiger bleiben kurz stehen und spekulieren auf Abseits.

Drei04a

Der langsame Mertesacker hat keine Chance mehr, den Stürmer zu stellen. Auch Fritz kommt zu spät. Stark gekontert von den Hoffenheimern, die den Platz zwischen Werders Mittelfeld und Abwehr sowie das Risiko einer hoch stehenden Viererkette mit einem langsamen Innenverteidiger eiskalt ausgenutzt haben.

Darf ich vorstellen: UC Sampdoria 5

Gepostet am 16. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Werders letzte Hürde auf dem Weg in die Champions League Gruppenphase 2010/11 heißt UC Sampdoria (oder auch Sampdoria Genua, wie der Verein in Deutschland besser bekannt ist).

Der Verein

Unione Calcio Sampdoria wurde relativ spät gegründet, nämlich erst im Jahr 1946. Die Wurzeln reichen jedoch bis ins Jahr 1891 zurück, als der Verein Ginnastica Sampierdarenese gegründet wurde. Dieser schloss sich nach dem 2. Weltkrieg (und nachdem er zuvor mehrere weitere Fusion durchgemacht hatte) mit einem Verein mit dem wunderbaren Namen Society Andrea Doria zur Unione Calcio Sampdoria zusammen.

Fans und Spieler des Vereins werden in Italien als Blucerchiati (Blaumumrahmte) bezeichnet, weil auf ihren Trikots einige weiß-rot-schwarze Querstreifen auf einem blauen Untergrund abgebildet sind – eine aus Werdersicht fürchterliche Farbkombination.

Sampdoria spielt im Stadio Comunale Luigi Ferraris, das es sich mit dem Lokalrivalen CFC Genua teilen muss. Das 1911 erbaute Stadion wurde vor der WM 1990 komplett abgerissen und neu aufgebaut. Heute hat es ein Fassungsvermögen von 36.600 Zuschauern.

Historie

Die mit Abstand erfolgreichste Zeit erlebte Sampdoria in den späten 80er und frühen 90er Jahren unter dem jugoslawischen Trainer Vujadin Boskov, der noch heute als Scout für den Verein arbeitet. Ende der 70er Jahre spielte Sampdoria in der Serie B und wurde von einem italienischen Öl-Millionär gekauft, der mit einigen Finanzspritzen den Wiederaufstieg in die Serie A ermöglichte. 1985 gewann der Verein seinen ersten großen Titel, den Coppa Italia. Seit dieser Zeit machte sich Sampdoria vor allem als Pokalmannschaft einen Namen. Es folgten weitere Pokalsiege 1988 und 1989, sowie einige Ausrufezeichen im Europapokal. 1990 kam es zum größten internationalen Erfolg der Vereinsgeschichte, als Sampdoria mit einem Sieg über RSC Anderlecht den Europapokal der Pokalsieger gewann. Im Jahr zuvor hatte das Team ebenfalls das Finale dieses Wettbewerbs erreicht, verlor jedoch gegen den FC Barcelona. Gegen den selben Gegner unterlag man auch 1992 im letzten Finale des Europapokals der Landesmeister vor der Einführung der Champions League.

In der zu jener Zeit von Arrigo Sacchis AC Milan und Diego Maradonas SSC Neapel dominierten Serie A konnte Sampdoria nur einen großen Erfolg verbuchen: 1991 gewann das Team um Stars wie Gianluca Pagliuca, Gianluca Vialli und Roberto Mancini die italienische Meisterschaft, den Scudetto. Mit dem erneuten Pokalsieg 1994 begann jedoch der langsame Niedergang des Vereins. Trotz namhafter Neuzugänge wie Ruud Gullit, Juan Sebastian Veron, Clarence Seedorf, Ariel Ortega und Christian Karembeu in den folgenden Jahren verabschiedete sich der Verein nach und nach aus der italienischen Spitze. 1999 folgte das, was Werder unter Thomas Schaaf gerade noch verhindern konnte: Der Abstieg in die 2. Liga.

Erst 2003 gelang der Wiederaufstieg in die Serie A. Seitdem kämpft man um Anschluss an die Ligaspitze. Platz 4 in der vergangenen Saison stellt dabei den vorläufigen Höhepunkt dar. Mit einem Sieg über Werder könnte Sampdoria zum ersten Mal den Einzug in die Champions League schaffen und damit den größten internationalen Erfolg seit 18 Jahren.

Die Mannschaft

Insgesamt gab es diesen Sommer abgesehen vom Torwart keine größeren Veränderungen am Kader. Im Gegensatz zum Stadtrivalen hat sich Sampdoria auf dem Transfermarkt bislang zurückgehalten. Die Mannschaft ist eingespielt und dürfte gegen Werder in ähnlicher Zusammensetzung auflaufen, wie in der Vorsaison.

Sampdoria hat keine großen Stars im Kader, doch es wäre falsch, sie als ein Team der Namenlosen zu bezeichnen. Nicht zuletzt Außenverteidiger Reto Ziegler dürfte bei Werderfans bekannt sein, war er doch bis vor kurzem noch als möglicher Neuzugang in Bremen im Gespräch. Der klangvollste Name im Kader ist sicherlich Antonio Cassano. In Genua konnte das enfant terrible des italienischen Fußballs nach der erfolglosen Zeit bei Real Madrid endlich wieder an alte Erfolge bei der Roma anknüpfen. Die riesigen Vorschusslorbeeren, die er zu Beginn seiner Karriere erhielt, konnte er jedoch nie ganz rechtfertigen.

Torhüter Marco Storari wechselte nach nur einem halben Jahr bei Sampdoria zusammen mit dem Trainer zu Juventus Turin. Auch die etatmäßige Nummer 1 der letzten Jahre Luca Castellazzi hat den Verein verlassen, so dass ein neuer Torwart her musste. Verpflichtet wurde Gianluci Curci aus Siena, der lange Zeit Ersatztorwart bei der Roma war und alle Jugendabteilungen der italienischen Nationalmannschaft durchlief. Klingt nach einem interessanten Mann, den ich aber noch nicht bewusst spielen gesehen habe.

Die Viererkette ist mit Ziegler auf der linken Seite gut besetzt. Auf rechts muss der Weggang von Luciano Zauri kompensiert werden. Die Aufgabe könnte zwar von Defensivallrounder Marius Stankevicius übernommen werden, der aus Sevilla zurückkam, aber auf der Position hat Sampdoria eigentlich noch Bedarf. In der Mitte spielen mit Stefano Lucchini und Daniele Gastaldello zwei zuverlässige und taktisch gut geschulte Innenverteidiger, die aber nicht die ganz große Klasse haben.

Im zentralen Mittelfeld stehen mit Kapitän Angelo Palombo und U21-Nationalspieler Andrea Poli zwei defensiv sehr begabte Spieler, die sich jedoch nur selten in die Offensive einschalten und engen Kontakt zu ihren Hinterleuten halten. Im rechten Mittelfeld wird meistens Franco Semioli eingesetzt, ein typischer Flügelspieler, der die Außenbahn beackert und gute Flanken schlägt. Auf der linken Seite gibt es mehrere Möglichkeiten. In der letzten Rückrunde startete oft Stefano Guberti, der nach nach einem halben Jahr Leihe zurück zur Roma ging. Linksverteidiger Ziegler wäre eine sehr defensive Option, wahrscheinlicher ist der Einsatz von Daniele Mannini, der dank seiner Flexibilität auch einen guten Joker abgibt.

Im Angriff sind Cassano und Mittelstürmer Giampaolo Pazzini gesetzt. Pazzini ist ein klassischer Strafraumstürmer, der in der letzten Saison der mit Abstand beste Torjäger Sampdorias war. Er ist extrem Kopfballstark und verwertet die Hereingaben in den Strafraum sehr effektiv. Cassano spielt etwas versetzt hinter ihm und ist mit seinen technischen Fähigkeiten ein guter Sturmpartner für Pazzini. Zusammen haben die beiden mehr als die Hälfte der Ligatore ihrer Mannschaft erzielt. Dieses Sturmduo ist wohl das Prunkstück der Mannschaft.

Die Taktik

Erfolgstrainer Luigi Delneri wechselte nach Ende der letzten Saison zu Juventus wechselte. Der neue Trainer Domenico Di Carlo führte zuletzt Chievo auf den 14. Platz der Serie A und hat bislang keine großen Spuren als Cheftrainer hinterlassen. Fraglich ist, ob er das 4-4-2 System seines Vorgängers unverändert lässt oder Änderungen vornimmt. Bei Chievo spielte er meist mit einer Mittelfeldraute, die er mangels eines hochklassigen Spielmachers bei Sampdoria jedoch eher nicht beibehalten wird.

Bislang spielte Sampdoria ein 4-4-2/4-2-2-2 System, das im Aufbau an den FC Bayern erinnert. Vor der Viererkette spielen zwei defensive zentrale Mittelfeldspieler und zwei offensive Außen. Von den beiden Stürmern spielt einer leicht zurückgezogen, so dass man auch von einem 4-4-1-1 sprechen könnte. Im Unterschied zu den Bayern bleiben die beiden defensiven Mittelfeldspieler meistens weit hinten und schalten sich nicht (wie etwa Schweinsteiger) ins Offensivspiel ein. Die hängende Spitze, in der Regel Cassano, ist nicht besonders fleißig was die Defensivarbeit angeht, weshalb im offensiven zentralen Mittelfeld häufig ein Loch klafft. Im Spiel nach vorne ist die Mannschaft daher auf die Flügelspieler angewiesen. Hier folgte Sampdoria bisher nicht dem Trend, sondern setzt die Außenspieler auf ihrer “richtigen” Seite ein, damit sie Flanken zu den beiden Stürmern in den Strafraum bringen.

Diese Taktik ist relativ berechenbar und statisch (49 Tore in 38 Ligaspielen sprechen nicht für große Offensivstärke), doch für die traditionell über Außen anfällige Werderdefensive bedeutet sie dennoch einen ernsthaften Test. Verhindert man die Flanken in den Strafraum, kann man Pazzini einigermaßen aus dem Spiel nehmen – schafft man das nicht ist es nur eine Frage der Zeit, bis er ein Tor erzielt. Cassano ist das unberechenbare Element im Spiel der Italiener, mitunter genial, aber ab und zu auch lustlos. Er ist der Mann für die besonderen Tore. Defensiv ist Sampdoria durch die solide Viererkette und das tief stehende defensive Mittelfeld eine gute Mannschaft, jedoch kein Bollwerk. Werder dürfte vor allem im zentralen Mittelfeld viel Platz bekommen, den Frings und Bargfrede (oder wer immer dort spielen wird) ausnutzen können. Ausgehend von diesem Überzahlspiel im Mittelfeld sollte es möglich sein, die Offensivreihe gut ins Spiel zu bringen.

Der Ausblick

Ob das Rückspiel auswärts stattfindet oder zuhause scheint mir aus sportlicher Sicht nicht so wichtig. Für uns ist es mit Hinblick auf den Umbau des Weserstadions jedoch ein Nachteil, schon am 18.8. das Heimspiel zu haben. Insgesamt denke ich, dass Sampdoria ein starker Gegner ist, der leistungsmäßig etwas über unseren Gegnern 2005 (Basel) und 2007 (Dinamo Zagreb) steht. Dennoch geht Werder als Favorit in die Begegnungen, wenn die Liste der Ausfälle nicht noch größer wird. Mit unseren schnellen und technisch beschlagenen Spielern in der Offensive sollten wir für genug Torgefahr sorgen. Dazu kommt die internationale Erfahrung, die Werder deutliche Vorteile verschaffen sollte. Diese Spiele ganz zu Beginn einer Saison sind immer schwierig einzuschätzen, doch mit der nötigen Ernsthaftigkeit (die angesichts der Bedeutung der Partie selbstverständlich sein sollte) wird sich Werder durchsetzen.

Mein Tipp: Hinspiel 2:1, Rückspiel 1:1

Vier-Dri-Dri 1

Gepostet am 27. July 2010 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Racing Santander 3:1

Das sieht langsam schon ganz gut aus. Für mich die spannendste Frage: Ist das 4-3-3 als ernsthafte Alternative vorgesehen, falls Özil gehen sollte? Und falls ja, wird die Angriffsreihe tatsächlich so offensiv besetzt sein? Almeida als Außenstürmer, das kann ich mir noch nicht so recht vorstellen, auch wenn er am Sonntag einen ganz guten Job gemacht hat. Arnautovic scheint die Position dagegen sehr zu liegen und deshalb könnte ich mir das System inzwischen zumindest als Ausweichtaktik gut vorstellen: Zwei Sechser und davor ein zentraler Spielgestalter (wenn Özil geht Hunt, Borowski oder eventuell Wesley) im Mittelfeld. Arnautovic mit vielen Freiheiten auf rechts und links könnte man je nach Gegner einen echten Stürmer oder Marko Marin einsetzen. Von unserem momentanen Kader könnte sicherlich auch Marin (oder Arnautovic?) in einem 4-2-3-1 zentral hinter Pizarro spielen, aber gerade bei Marin sehe ich da noch einige Defizite in der Spielgestaltung.

Das größte Problem bei einem 4-3-3: Werder müsste die Spielweise deutlich umstellen. Bislang dienen die Flügel eher als Ausweg, wenn der Weg durch die Mitte versperrt ist. Ohne einen offensiven Spielmacher hinter der Spitze müssten die Bälle viel konsequenter auf die Außenstürmer gespielt werden, damit diese für Torgefahr sorgen können. Falls die Umstellung gelingt (sofern sie denn wirklich geplant ist) könnte Arnautovic genau der Spieler sein, der uns für dieses System bislang gefehlt hat.

Schaaf ist in puncto Formation inzwischen viel pragmatischer geworden, das hat gerade die letzte Saison gezeigt. Vor vier Jahren äußerte er sich bei einem Vortrag zur WM 2006 noch sehr abfällig über den “neuen Trend 4-2-3-1″. Letztlich wird er die Mannschaft wieder nach den individuellen Stärken seiner favorisierten Spieler zusammenstellen und für die Beobachter, die von 4-4-2, 4-3-3, Raute oder Quadrat sprechen, nur ein müdes Lächeln übrig haben.

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded 6

Gepostet am 18. July 2010 von Tobias (Meine Saison)

Vor einem Jahr drehte sich alles um die Frage, welches System Werder nach dem Abgang von Diego wohl spielen würde. Die Abkehr von der Raute im Mittelfeld wurde in der vergangenen Saison tatsächlich vollzogen. Werder probierte unterschiedliche Formationen aus und spielte einen Großteil der Saison mit nur eine echten Sturmspitze. Zum Ende der Saison setzte Schaaf wieder vermehrt auf das 4-4-2, sowohl mit Raute (gegen Schalke) als auch ohne (gegen Bayern). Mit Marko Marin, Mesut Özil, Aaron Hunt und der Neuverpflichtung Marko Arnautovic besitzt Werder so viel Offensivpotenzial wie kaum eine andere Mannschaft in der Liga – falls Özil denn tatsächlich bleiben sollte. Die schwierige Aufgabe für Thomas Schaaf besteht nun darin, für sein Team die ideale Formation und die ideale Spielweise zu finden.

Auf dem Papier sieht die Ausgangssituation sehr gut aus. Die Mannschaft ist in verschiedenen Systemen erprobt, ist eingespielt und hat für viele unterschiedliche taktische Varianten das richtige Personal im Kader. Werders Spielweise ist hingegen ziemlich gleichbleibend. Bis auf wenige Ausnahmen gilt hier noch immer Schaafs Doktrin aus der Meistersaison: Wir wollen etwas anbieten, die aktive Mannschaft sein, das Spiel in die eigene Hand nehmen. Dazu gehören Pressing, eine hoch stehende Abwehrkette, der direkte Spielaufbau über die defensiven Mittelfeldspieler und das Überzahlspiel im Mittelfeld. Ebenfalls ein fester Bestandteil in Werders Spiel ist eine zentrale Figur in der Offensive. Von deren Fähigkeiten hängt im Wesentlichen das Offensivspiel ab. Johan Micoud war ein Stratege und Lenker, Diego hatte seine Stärken vor allem am Ball während Özils großes Plus sein Spiel ohne den Ball ist. Die WM hat gezeigt, dass es nur wenige Spieler gibt, die sich so gut zwischen Abwehr- und Mittelfeldreihen der Gegner bewegen. Sollte Özil bleiben, wird man sicher alles versuchen, diese Stärke so gut wie möglich einzusetzen.

In der letzten Saison spielte Werder zudem nach langer Zeit wieder mit offensiven Außenspielern. Mit Marin und Hunt hat man jedoch zwei Spieler, die sich nicht unbedingt durch geschicktes Defensivverhalten auszeichnen. Neuzugang Arnautovic kann in der Offensive jede Position spielen, steht aber ebenfalls nicht in dem Ruf, viel für die Defensive zu tun. Hier ist die erste Hürde erkennbar, die nicht neu ist für Werder: Fehlendes Gleichgewicht zwischen Offensive und Defensive. Spätestens seit Spaniens WM-Erfolg dürfte offensichtlich geworden sein, wie man als offensiv gepolte Mannschaft “defensiv” spielt: Durch Pressing und Ballkontrolle. Das Pokalfinale gegen die Bayern hat gezeigt, dass Werder mit dem vorhandenen Personal eine passive Grundhaltung nicht liegt. Die bisherigen Neuverpflichtungen deuten auch nicht darauf hin, dass hier ein Umdenken stattgefunden hat. Dies ist in erster Linie ein Frage der Spielweise und nicht des Systems. Ob Werder im 4-2-3-1 oder im 4-4-2 spielen wird, dürfte eher an den Leistungen der zentralen Mittelfeldspieler liegen.

Frings bildete zusammen mit Bargfrede eine gute Absicherung der Offensivabteilung, doch keiner von beiden ist ein Stratege. Frings schlägt teils gute Pässe in die Spitze, kann das Spiel antreiben, aber nicht lenken. Tim Borowski und Daniel Jensen sind zwei Spieler, die das grundsätzlich können. Leider konnten beide in der letzten Saison aus unterschiedlichen Gründen nicht die von ihnen erwarteten Leistungen abrufen. So bildete sich bei Werder schnell ein Gefälle zwischen den Tänzern vorne und den Haudegen dahinter. Der Spieler, der in der vergangenen Saison am meisten dafür tat dieses Gefälle zu schließen, war ausgerechnet Claudio Pizarro. Dies dürfte auch ein Grund sein, warum Werder so hartnäckig an einer Verpflichtung des Brasilianers Wesley arbeitet. Die große Problemstelle ist nämlich nicht die linke Abwehrseite, sondern das defensive/zentrale Mittelfeld. Und dort ist nicht die Qualität der vorhandenen Spieler das Problem, sondern die fehlende “ordnende Hand”. Ein Grund für Werders Erfolg mit der Raute liegt wohl auch darin, dass sie Platz für zwei “ausgewogene” Spieler auf den Halbpositionen bietet, die als Bindeglied zwischen Offensive und Defensive fungieren. Schon in Diegos letzter Saison kam diese Ausgewogenheit im Team abhanden, zugunsten größerer Spezialisierung: Özil und Frings, die beiden gesetzten Spieler auf den Halbpositionen, könnten unterschiedlicher kaum sein.

In der letzten Saison verstärkte sich dieser Gegensatz durch die Systemumstellung noch. Diese Form der Spezialisierung ist im internationalen Fußball seit Jahren zu beobachten. Die klassischen Box-to-box Spieler werden immer seltener. Für Werder könnte es wichtig sein, in der kommenden Saison wieder einen davon im zentralen Mittelfeld zu etablieren, egal ob es nun Borowski, Jensen oder tatsächlich Wesley ist. Die Leistungen der letzten Saison sprechen jedoch eher für Frings und Bargfrede als Doppelsechs. Ein “Typ Schweinsteiger” ist nicht so einfach zu bekommen.

Viel entscheidender als die Frage nach der Grundformation ist die Frage nach der Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Hier gibt es insbesondere zur letzten Rückrunde noch einigen Steigerungsbedarf. Was die Spielsysteme angeht scheint mir Werder gereift, der Kader besser auf verschiedene Variationen ausgelegt als noch vor ein paar Jahren. Das bedeutet jedoch auch, dass es ein paar Leidtragende geben könnte, wenn sich Schaaf auf ein System festlegt. Beim Spiel mit der Raute wäre das Marko Marin, beim 4-2-3-1 wären es Tim Borowski und Daniel Jensen. Für Werder könnte es schlimmere Probleme geben.

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr
Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

Inside-out 0

Gepostet am 1. June 2010 von Tobias (Meine Saison)

Wäre Louis Van Gaal Bundestrainer, dann würde er seine Positionen wohl nach den gleichen Prinzipien besetzen, wie bei den Bayern. Der linke Innenverteidiger ist dann nun mal ein Linksfuß, auch wenn man dafür Lucio zu Inter Mailand schicken muss. Und ich bin mir auch ziemlich sicher, dass er Lahm eher auf die Tribüne setzen würde, als ihn als Linksverteidiger einzusetzen. Trainer sind eben Sturköpfe. Aber bei Bayern hat Van Gaal ja auch Arjen Robben.

Einen solchen Spieler hat das deutsche Team bei der WM nicht. Damit ist gar nicht mal die Qualität gemeint, sondern der Typus des Linksfußes, der auf dem rechten Flügel spielt und dann in die Mitte zieht. Deshalb kommt Lahm in der Nationalmannschaft meistens links zum Einsatz, wo er nicht aus dem Lauf flanken kann und selbst immer wieder in die Mitte zieht. Individuell ist er auf links wohl besser, aber für die Bayern war er auf der rechten Seite wertvoller, weil er der Plan B für Robben war, wenn sich kein Platz für dessen Sololäufe bot. Er hat in dieser Saison die halbhohe Flanke in den Torraum (zwischen Innenverteidiger und Torwart) fast perfektioniert.

Warum der starke Fuß überhaupt eine Rolle spielt? Weil er auf der Außenbahn (wo der Handlungsspielraum durch die Seitenlinie ohnehin auf 180 Grad begrenzt ist) die Optionen vorgibt, die ein Spieler hat. Klassischerweise hatten Flügelspieler ihren starken Fuß außen, damit sie mit Tempo die Linie entlang gehen und Flanken schlagen konnten. Heutzutage macht man häufig das Gegenteil und setzt Weltklasseleute wie Robben, Ronaldo und Messi auf der “falschen” Seite ein, damit sie selbst den Torabschluss suchen können. Das Ziel ist es, eine kurze Unordnung in die Ordnung zu bringen, die mittlerweile von fast allen Teams auf dem Globus eingehalten wird. Es kann den Unterschied machen zwischen langweiligem Ballgeschiebe (die Hinrundenbayern) und begeisterndem Offensivfußball (den Rückrundenbayern).

Joachim Löw befindet sich mit seinem Team – Verletzungen sei Dank – noch in der Findungsphase, wo schon Feinabstimmung auf dem Programm stehen sollte. Es werden noch Antworten auf die grundlegenden Fragen gesucht. Klar sind nur die Achsen in der Mitte, mit Neuer im Tor, Mertesacker in der Innenverteidigung, Khedira und Schweinsteiger im defensiven, sowie Özil im offensiven Mittelfeld. Auf den Außenbahnen stehen lauter Fragezeichen. Auf der linken Seite deutet vieles auf das Duo Lahm/Podolski hin. Das wäre die Umkehrung der Bayern-Variante: Hinten den starken Fuß innen, vorne den starken Fuß außen. Auf der anderen Seite wird man es kaum genau so machen. Es gibt keinen Linksfuß, der als Rechtsverteidiger in Frage käme. Boateng und Beck heißen die wahrscheinlichsten Kandidaten (falls letzterer überhaupt mit darf). Die Auswahl an Kandidaten für die rechte Seite ist stark limitiert und gerade dadurch besonders schwer. Marin und Trochowski wären die Rechtsfüße für die Seite.

Eine andere Variante wäre es, Kapitän Lahm auf die rechte Seite zu ziehen und dafür einen Linksfuß auf der anderen Seite einzusetzen, etwa Aogo oder Badstuber. Ob dann aber auch die offensiven Außenspieler ihre Rollen tauschen würden? Podolski kann ich mir beim besten Willen nicht als Robben vorstellen. Er hat zwar einen fantastischen Schuss, doch für die Sololäufe in die Mitte fehlt ihm die Dribbelstärke. Bei Marin wäre es auf der anderen Seite genau andersrum. Trochowski scheint mir das Timing zu fehlen, der zieht aus allen Lagen ab. Zudem braucht man für diese Variante auch einen passenden Mittelstürmer. Löws Favorit ist immer noch Klose, der dafür denkbar ungeeignet scheint. Schon bei den Bayern kam er mit diesem System nicht zurecht. Ich halte Klose (auch wenn ich mich gerne über seine schlechte Torausbeute lustig mache) noch immer für den besten deutschen Stürmer der letzten 10 Jahre, doch er braucht einen Anspielpartner, tut sich als alleiniger Vollstrecker schwer. Und wenn er schon als einzige Spitze spielt, braucht er hohe Flanken, um seine Kopfballstärke auszuspielen. Gomez kommt für das System noch weniger in Frage. Er wirkte bei den Bayern schon extrem deplatziert. Am ehesten ginge es vielleicht noch mit Cacau. Ich halte das für unwahrscheinlich.

Sehr wahrscheinlich ist hingegen, dass sich die beste Formation erst im Laufe des Turniers herauskristallisieren wird, wie schon vor zwei Jahren beim Spiel gegen Portugal mit dem Wechsel von 4-4-2 zu 4-2-3-1. Bis dahin darf man auch bei Löws Elf über spielmachende Linksverteidiger, falsche Mittelstürmer oder die Rückkehr des Liberos spekulieren. Und das macht allemal mehr Spaß, als diese unsäglichen Personaldiskussionen.

Finalfieber: Die Schlüsselduelle 6

Gepostet am 13. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

Nachdem der Fokus gestern auf den möglichen taktischen Formationen lag, schauen wir uns heute die direkten Duelle der Partie an. Es gibt für mich drei Schlüsselduelle, die im wesentlichen den Ausgang dieses Spiels beeinflussen werden:

Petri Pasanen vs. Arjen Robben

Die rechte Seite mit Lahm und Robben ist das Prunkstück der Bayern. Robben ist seit seiner Ankunft zu Saisonbeginn der Star bei den Bayern. Nach ein paar gesundheitlichen Problemen ist er der Mann für die entscheidenden Spielsituationen und hat mit einem grandiosen Solo für den Finaleinzug gegen Schalke gesorgt. Mit 16 Saisontoren war er als nominell rechter Mittelfeldspieler genau so erfolgreich, wie Werders Claudio Pizarro. Robbens Torgefahr geht von seinem starken linken Fuß aus. Er zieht von der Außenbahn nach innen, verwendet dabei fast immer den gleichen Trick, der erstaunlicherweise jedes Mal wieder funktioniert. Beim Torabschluss hat er aus dieser Position alle Möglichkeiten und die nötige Schusstechnik, diese auch auszuschöpfen.

Petri Pasanen ist ein erfahrener, routinierter und abgeklärter Spieler. Er hat es in seinen fünf Jahren bei Werder nicht längerfristig zum Stammspieler geschafft, kommt aufgrund seiner vielseitigen Einsetzbarkeit und Verlässlichkeit jedoch regelmäßig zu seinen Einsätzen. In der Rückrunde kam er nach Boenischs Verletzung und Abdennours Wacklern in die Startformation und spielt seit dem einen soliden Part auf der linken Seite der Viererkette. Pasanen ist kein gelernter linker Verteidiger, ist im Spiel nach vorne limitiert und hat als Rechtsfuß auch wenige Optionen beim flanken. Er ist nicht der schnellste, geht auch deshalb wenige Risiken nach vorne ein und verfügt über ein starkes Stellungsspiel.

Auf dem Papier ist Arjen Robben durch seine Technik und Schnelligkeit in diesem Duell klar überlegen. Pasanen hat jedoch einen wichtigen Vorteil: Als Rechtsfuß fällt es ihm leichter, Robben an seinen Sololäufen in die Mitte zu hindern. Er lässt sich nicht auf Spielereien ein und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sicherlich wird Pasanen die von Robben ausgehende Gefahr nicht komplett neutralisieren können, doch wenn er einen guten Tag hat, kann er sie vielleicht so weit eindämmen, dass Robben wesentlich weniger Chancen bekommt, als im letzten Aufeinandertreffen der Mannschaften, wo Robben dem überforderten Abdennour Knoten in die Beine dribbelte.

Torsten Frings vs. Thomas Müller

Thomas Müller ist der Shooting-Star der Saison beim Rekordmeister. Er zeigt für einen so jungen Spieler eine ungewöhnliche Abgeklärtheit und nutzt den Platz zwischen Viererkette und Mittelfeld des Gegners clever aus. Er ist weder ein richtiger Stürmer, noch ein Mittelfeldspieler und so für seine Gegenspieler schwer auszurechnen. Im Gegensatz zu Werders jungen Offensivspielern bewegt sich Müller auch bei Ballbesitz des Gegners sehr gut, stellt Passwege zu und setzt die defensiven Mittelfeldspieler unter Druck. Dazu ist er ein guter Vollstrecker, der vor dem Tor die Übersicht behält. Diese außergewöhnliche Kombination hat ihn nicht nur bei den Bayern trotz starker Konkurrenz zum unumstrittenen Stammspieler gemacht, sondern auch zu einem Platz im WM-Kader von Joachim Löw verholfen.

Torsten Frings wurde von vielen schon zum alten Eisen gezählt. Nach einer insgesamt schwachen Vorsaison bekam der Bremer Kapitän seine neue Rolle als Baumann-Nachfolger immer besser in den Griff. Im Winter sortierte ihn Löw endgültig aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus und Frings reagierte endlich mit der lange erhofften Leistungssteigerung. In der Schlussphase der Saison erreichte Frings seine Topform und zählt so wieder zu den besten defensiven Mittelfeldspielern der Liga. Mit dem starken Newcomer Bargfrede an seiner Seite prägt er den Spielaufbau seiner Mannschaft und hat auch zum sicheren und überlegten Passspiel zurückgefunden. Daneben machen ihn seine Zweikampfstärke und sein nie enden wollender Kampfgeist für das Team äußerst wertvoll.

In der Grundformation treffen Frings und Müller nicht unmittelbar aufeinander. Zwar wird Frings sicher den einen oder anderen Zweikampf mit Müller suchen, wenn dieser sich zurückfallen lässt, doch in erster Linie werden sie es wohl bei Ballbesitz des Bremer Kapitäns miteinander zu tun bekommen. Frings größte Schwäche ist das schnelle Kombinationsspiel. Er nimmt die Bälle, die von den Innenverteidigern zu ihm geleitet werden, in der Regel erst an, schaut sich um und leitet sie erst dann weiter. Wird er sofort unter Druck gesetzt, geht er schon mal ins Dribbling oder versucht, einen Freistoß herauszuholen. Darunter leidet dann Werders Aufbauspiel. Thomas Müller hat genau hier seine Stärke. Frings ist daher auf seinen Nebenmann Phillipp Bargfrede angewiesen, der ihn entlasten und so die Gefahr durch Müllers frühes Stören abmildern kann.

Mesut Özil vs. Mark Van Bommel

Mark Van Bommel gilt bei den gegnerischen Fans vor allem als unfairer Spieler, der gerne mal über die Strenge schlägt. Es lässt sich schwer abstreiten, dass seine Spielweise hart ist und die Grenzen des Fair Plays mitunter überschreitet. Dazu ist er auch sehr geschickt darin, gegnerischen Spielern zu Karten zu “verhelfen”. Es wäre jedoch sehr kurz gedacht, ihn auf diese Eigenschaften zu beschränken. Ähnlich wie Frings bei Werder ist Van Bommel ein unermüdlicher Antreiber, der nie aufgibt und seiner Mannschaft als gutes Vorbild voran geht. Mit Schweinsteiger hat er nun wieder einen spielstarken Nebenmann, der seine Mankos in der Offensive überdeckt. In Van Gaals System muss er das Spiel nicht gestalten, sondern die Bälle in erster Linie auf die Außenpositionen verteilen. In der Defensive kommen seine Stärken dagegen voll zum Vorschein. Als Ausputzer vor der Viererkette spielt er seine vielleicht beste Saison bei den Bayern und macht seinen Gegenspielern das Leben schwer.

Mesut Özil trat in der Hinrunde endgültig aus Diegos Schatten. Gemeinsam mit Marin und Hunt machte er den brasilianischen Spielmacher vergessen. Seine brillante Technik und die Fähigkeit, den entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen, machten ihn auch zum Hoffnungsträger der Nationalmannschaft. Dazu zeigte er sich auch im Torabschluss verbessert und traf regelmäßig selbst. Im Winter folgte dann jedoch ein Leistungseinbruch, der wahlweise auf sein Privatleben, die andauernden Vertragsverhandlungen oder seine körperliche Fitness geschoben wurde. Thomas Schaaf hielt jedoch an seinem Spiegestalter fest, gönnte ihm einige frühe Auswechslungen und hat so großen Anteil daran, dass Özil nun schon seit einigen Monaten aufsteigende Form zeigt. Zum Saisonende wirkt er wieder so dominant, wie über weite Strecken der Hinrunde und könnte im Pokalfinale wieder zum entscheidenden Mann werden.

Özil lässt sich noch zu leicht die Spielfreude nehmen, wenn seine Gegenspieler ihm wenig Freiräume lassen und er kaum Ballbesitz hat. Gegen Schalke zeigte er jedoch, dass er dazugelernt hat und auch auf seine Chance warten kann, ohne das nötige Selbstvertrauen zu verlieren. Die hängenden Schultern, die seine Resignation signalisieren, sind seltener geworden. Gegen die Bayern könnte er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Der Defensivverbund aus Van Bommel und Schweinsteiger ist der beste der Liga und wird ihm alles abverlangen. Besonders der Niederländer wird ihn mit allen legalen und halblegalen Mitteln bearbeiten, um ihm die Lust am Fußballspielen zu nehmen. Kann Özil diesem Druck standhalten?

Selbstverständlich gibt es daneben noch weitere Duelle, die das Spiel entscheiden könnten, vor allem, wenn die oben genannten keine klaren Sieger aufweisen. Olic bereitet Mertesacker schon seit Jahren Kopfschmerzen, Pizarro und Almeida sind im Verbund nur schwer zu stoppen und dann gibt es ja auch noch Ribery, der in seinem einzigen Finale sicher groß aufspielen will. Und nicht zuletzt hätten wir dann noch das Torhüterduell: Auf der einen Seite Jogi Löws neue Nummer 3 – und auf der anderen Seite Jörg Butt…

Mit welcher Taktik gegen die Bayern? 7

Gepostet am 12. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

Louis Van Gaals Positionsspiel ist in der Rückrunde dieser Saison mit viel Lob bedacht worden. Thomas Schaaf erwies sich beim 2:0 Auswärtssieg auf Schalke als begabter Taktiker. Mit den Van Gaals Bayern wird ihm nun die auch aus taktischer Sicht größte Hürde dieser Saison vorgesetzt. Im Januar holte man sich bereits eine derbe Abreibung und der Gegner ist seit dem noch besser geworden. Werder zum Glück auch. Was kann man tun, damit es am Samstag besser aussieht? Ist der Meister überhaupt schlagbar? Ich wage mal eine Vorausschau auf Thomas Schaafs Optionen. Zunächst aber ein Blick auf den Gegner.

Die Formation der Bayern (4-4-1-1 / 4-2-4):

Bayern spielt unter Van Gaal meistens in einer 4-4-1-1 Grundformation. Den beiden defensiven Mittelfeldspielern kommt dabei die größte Bedeutung zu: Van Bommel und Schweinsteiger sollen einerseits ihre nicht immer sichere Hintermannschaft vor zu viel Druck des Gegners bewahren und andererseits bei Ballbesitz in der Mitte immer anspielbar sein, um die Bälle auf die Flügel zu verteilen. Auf den Außenpositionen ist für Van Gaal neben den Fähigkeiten der Spieler auch deren starker Fuß relevant für die Aufstellung: Im Mittelfeld spielen die Außen auf ihrer „falschen“ Seite (Ribery ist beidfüßig), damit sie nach innen ziehen und den Torabschluss suchen können. Die Außenverteidiger stehen dagegen auf ihrer „richtigen“ Seite (deshalb hat Rechtsfuß Lahm die Seite gewechselt), damit sie von ihrer Seite aus Flanken schlagen und bei Bedarf den Mittelfeldspieler hinterlaufen und zur Grundlinie durchgehen können. Letzteres passiert jedoch selten, bzw. nur dann, wenn der Gegner deutlich schwächer ist und man sich wenig Sorgen um die Defensive machen muss.

Die Angriffe werden größtenteils über die Außen eingeleitet, durch die Mitte entwickelt Bayern wenig Torgefahr. Das Zentrum dient als Verteilerzentrale. Dort werden die Bälle hingespielt, wenn es auf einer Seite zu eng wird, um dann wieder Robben und Ribery ins Spiel zu bringen. Die Beiden agieren dabei fast wie klassische Außenstürmer, arbeiten nur wenig nach hinten und können sich ganz auf ihre Angriffe konzentrieren. Sie stehen im Vergleich zu Außenstürmern in einem 4-3-3 jedoch etwas tiefer, bekommen den Ball am liebsten an der Mittellinie, um dann mit Tempo auf die Außenverteidiger zugehen zu können. Neben den starken zentralen Mittelfeldspielern ist Thomas Müller der Garant dafür, dass diese Taktik nicht nach hinten losgeht. Er spielt eine Art hängende Spitze und geht bei Ballverlusten aggressiv auf die defensiven Mittelfeldspieler drauf, um deren Aufbauspiel zu unterbinden. Olic geht in der Spitze weite und manchmal ungewöhnliche Wege, wird für sein Spekulieren aber auch häufig belohnt (etwa im Hinspiel gegen Manchester). Bei Ballbesitz wird aus dem 4-4-1-1 quasi ein 4-2-4, das den Gegner schnell überrollen kann, wenn er nicht aufpasst.

Die Schwächen der Bayern sehe ich zum einen in der insgesamt wenig meisterlichen Abwehr. Diese Schwäche tritt nur selten zum Vorschein, weil Schweinsteiger und Van Bommel eine überragende Saison spielen. Durch die Mitte ist es daher schwierig, den Bayern beizukommen. Schafft es ein Gegner jedoch, den Platz hinter Robben und Ribery auszunutzen und von dort ausgehend Druck auf die Viererkette auszuüben, sind die Bayern zu knacken. Demichelis ist immer mal wieder für einen Fehler gut und Van Buyten etwas hüftsteif. Dazu kommt eine suboptimale Besetzung der linken Abwehrseite. Badstuber spielt dort sehr solide, es ist aber nicht seine Idealposition. Contento und Alaba sind beide talentiert, doch noch etwas grün hinter den Ohren.

Zum anderen ist man in der Offensive noch sehr auf Geniestreiche einzelner Spieler angewiesen. Gegen tief stehende Gegner fehlt es häufig noch an den Mitteln, diese durch Kombinationsspiel zu knacken. Allerdings zeigen sich die Bayern in dieser Hinsicht in der Rückrunde verbessert und können sich – zu unserem Leidwesen – darauf verlassen, dass ihre Starspieler regelmäßig durch geniale Einzelaktionen Spiele entscheiden.

Nun werfen wir einen Blick auf die drei taktischen Formationen, die Schaaf in dieser Saison hat spielen lassen:

Die Standardvariante (4-2-3-1):

Werder - Bayern (4-2-3-1)

Werder - Bayern (4-2-3-1)

So hat Werder den Großteil dieser Saison gespielt. Vor der Viererkette bilden Frings und Bargfrede das defensive Mittelfeld. Marin, Özil und Hunt kümmern sich in erster Linie um das Herausspielen von Chancen, tauschen immer wieder die Positionen und versuchen sich an direkte Kombinationen. Nach hinten arbeiten die drei wenig, stehen zudem durch ihr Durchrotieren bei Ballverlusten häufig unsortiert. An guten Tagen kann Werder so jeden Gegner vor Probleme stellen, an schlechten gelingt ihnen wenig und die defensive Fragilität schlägt voll durch.

Gegen die Bayern müssen Frings und Bargfrede in dieser Formation schnell und zielgerichtet verschieben, um den Außenverteidigern gegen Ribery und Robben zu helfen. Hunt und Marin haben (im Wechsel mit Özil) die Aufgabe, über die Flügel anzugreifen und die Außenverteidiger unter Druck zu setzen.

Vorteile:

  • Offensivpower: Insgesamt vier Spieler, die Chancen herausspielen und auch selbst vollstrecken können.
  • Spielerische Stärke: Haben Marin, Özil und Hunt einen guten Tag, wird es auch für die Bayern schwer, sie zu stoppen.

Nachteile:

  • Hohes Risiko: Drei Spieler vernachlässigen die Defensivarbeit und halten zudem nicht ihre Position.
  • Unterzahlspiel: Özil bindet einen defensiven Mittelfeldspieler, der andere kann sich in die Offensive einschalten. Frings und Bargfrede müssen zwischen drei Gegenspielern verschieben, was zwangsläufig zu Lücken führt.
  • Isolation: Marin, Hunt und Özil neigen dazu, sich in Einzelaktionen zu verstricken, wenn ihnen die Räume für ihr Kombinationsspiel fehlen.

Fazit: So hat Werder im Januar von den Bayern eine Lektion erteilt bekommen. Ohne Bargfrede und Pizarro sowie mit dem überforderten Neuling Abdennour rannte man ins offene Messer. Die Bayern konterten nach Belieben. Das 2:3 war aus Werdersicht äußerst glücklich. Das Risiko bestünde auch im Pokalfinale, trotz besserer Besetzung. Schaaf gilt nun wirklich nicht als risikoscheu, aber ich glaube nicht, dass er von Beginn an mit Özil, Hunt und Marin spielen lässt.

Die Alternative (4-4-1-1):

Werder - Bayern (4-4-1-1)

Werder - Bayern (4-4-1-1)

So spielt Werder meistens nicht von Beginn an, sondern stellt im Laufe des Spiels um. Fast immer ist Hugo Almeidas Einwechslung damit verbunden. Er gibt dann die Sturmspitze, während Pizarro sich fallenlässt und noch mehr am Spielaufbau teilnimmt. Einen zentralen offensiven Mittelfeldspieler gibt es nicht. Auf dem Papier ist diese Formation so wie die der Bayern. Der Unterschied besteht jedoch zum einen in der unterschiedlichen Spielweise von Pizarro und Müller (Ballverteiler vs. Balleroberer) und zum anderen werden bei Werder die Außenpositionen im Mittelfeld weit weniger konsequent gehalten.

Für die Position der hängenden Spitze braucht es einen technisch guten und intelligenten Spieler. Pizarro ist beides und dazu noch gut genug, auch von dieser Position Torgefahr auszustrahlen. Almeida wird je nach Spielsituation hoch angespielt, um die Bälle per Kopf zurückzulegen, oder lang geschickt, um den direkten Torabschluss zu suchen. Schaaf hat diese Formation sowohl bei Rückständen als auch bei knappen Führungen spielen lassen (z.B. im Pokal gegen Hoffenheim). Auffällig ist dabei, dass sie häufig während Mesut Özils Formschwäche gewählt wurde und er der Spieler war, der gegen Almeida getauscht wurde.

Vorteile:

  • Zweiter Stürmer: Auch wenn sich Pizarro fallen lässt, bindet Almeida immer mindestens einen Innenverteidiger.
  • Druck auf Bayerns Abwehr: Zwei große und Kopfballstarke Spieler in der Mitte und dazu zwei technisch gute Spieler auf den Flügeln.

Nachteile:

  • Risiko auf den Außen: Frings und Bargfrede müssen auch hier zum Doppeln auf die Außenbahnen verschieben.
  • Offener Schlagabtausch: Werders offensive Mittelfeldspieler müssen die gleiche Torgefahr über die Außen entwickeln, wie auf der anderen Seite Ribery und Robben, um das Risiko auszugleichen.
  • Kein Platz für Özil: Er müsste hier auf dem linken oder rechten Flügel spielen. Kann er zwar, aber seine beste Position ist und bleibt zentral hinter den Spitzen (hab ich vor der Saison noch völlig anders gesehen).

Fazit: Es gibt eigentlich keine Veranlassung, diese Formation zu spielen. Bayern ist über die Außen deutlich stärker als Werder und auf Özils Stärke in der Mitte sollte man nicht freiwillig verzichten. Trotz eines überragenden Van Bommels und eines überragenden Schweinsteigers auf der Gegenseite. Im Mittelfeld hat man keine echten Flügelspieler, die auch Defensivqualitäten haben (es sei denn, man versucht etwas völlig unorthodoxes mit Boenisch und Fritz im Mittelfeld).

Back to the roots (4-3-1-2):

Werder - Bayern (4-3-1-2)

Werder - Bayern (4-3-1-2)

Im wichtigen Auswärtsspiel gegen Schalke kehrte Werder überraschend zu Raute im Mittelfeld zurück. Viele Jahre lang hatte Werder zuvor mit dieser Formation erfolgreich gespielt. Die taktische Ausrichtung und die Interpretation der einzelnen Positionen war gegen Schalke allerdings deutlich anders. Mit Schaafs flüssigem System der ständigen Positionswechsel im Mittelfeld hatte es nur wenig zu tun. Drei defensiv ausgerichtete Mittelfeldspieler spielten fast auf einer Höhe, während Özil als offensiver Mittelfeldspieler nicht den klassischen Spielmacher gab, sondern sich weit nach vorne orientierte. Werder setzte nicht wie gewohnt auf schnelles Kombinationsspiel, sondern auf den Aufbau über den 6er und lange Bälle in die Spitze. In der Defensive hat Werder so fast immer sieben Spieler hinter dem Ball und verzichtet dafür darauf, das Spielfeld für den Gegner durch weites Aufrücken klein zu machen.

Gegen Schalke hat diese Taktik gut funktioniert, weil so die Gefahr über die Flügel eingedämmt werden konnte und Schalke nicht sonderlich gut durch die Mitte kombinieren kann. Gegen den HSV sah es eine Woche später schon nicht mehr so gut aus. Almeida hatte ein schwaches Spiel und trotz Bargfredes starker Leistung baute man aus dem Mittelfeld zu wenig Druck auf. Ein Pokalfinale gegen die Bayern ist aber etwas anderes als ein Heimspiel in der Liga. Dort muss Werder das Spiel nicht machen, ähnich wie auf Schalke.

Das Schalker Spiel war sehr rechtslastig, das ist bei den Bayern trotz Robben nicht unbedingt so. Dennoch wird es Werders schwierigste Aufgabe sein, ihn zu stoppen. Er könnte Petri Pasanen bei aller Qualität mehr liegen, als Schalkes Farfan. Als Rechtsfuß kann er den Zug zum Tor des Linksfußes Robbens besser stoppen, als die Flankenläufe von Rechtsfuß Farfan. Die Unterstützung eines defensiven Mittelfeldspielers wird er aber dennoch benötigen, genau wie Fritz auf der anderen Seite gegen Ribery. Von daher scheint mir die Formation mit drei eher defensiven Mittelfeldspielern gegen die Bayern am vielversprechendsten, zumal so auch Vorstöße durch Schweinsteiger Werder nicht in Unterzahl im defensiven Mittelfeld bringen. So ungern ich vorne auch auf die Kreativität von Marin und Hunt verzichte – können wir uns wirklich zwei oder drei defensivschwache Spieler gegen die Bayern leisten?

Vorteile:

  • Wenig Platz für den Gegner: Bayern wird es schwer haben, eine Lücke zu finden und ist mehr auf Einzelaktionen angewiesen.
  • Druck auf die Außen: Gegen Schalke hat das super geklappt. Auch die Bayern müssen in erster Linie auf den Außen gestoppt werden.
  • Zweiter Stürmer: Bindet die Innenverteidiger und kann lange, hohe Bälle von Frings verwerten.

Nachteile:

  • Wenig Kreativität: Özil wird wieder lange in der Luft hängen und auf seine Chancen warten müssen. Nicht so schön anzusehen.
  • Platz für den Gegner im Mittelfeld: Da auf hohes Pressing verzichtet wird, steht man zwar 25-30 Meter vor dem Tor sehr kompakt, doch dafür gibt man den Bayern Platz im Mittelfeld.
  • Probleme bei Rückstand: Bei einem Rückstand wäre die Taktik zwar nicht über den Haufen geworfen, doch es dürfte schwierig werden, so eine Vielzahl an Torchancen herauszuspielen. Marin lässt sich kaum in die Raute einbinden.

Fazit: Der Überraschungseffekt ist weg, doch trotzdem kann mit dieser Formation das Spiel der Bayern am besten negiert werden. Ein offener Schlagabtausch sollte in Bayerns momentaner Verfassung besser vermieden werden. Durch die Mitte sind die Bayern nicht so gefährlich, dass man dort aggressives Pressing spielen muss. Zur Not kann man später immer noch umstellen und einen ausgeruhten Marin oder einen genialen Passgeber Jensen für die Schlussphase bringen.

Ich bin mir recht sicher, dass Schaaf bei seiner Erfolgsformation der letzten beiden Spiele bleibt. Gibt es noch weitere Alternativen, die hier vernachlässigt wurden? Ein 4-3-3? Die Rückkehr des Liberos? Ein Riegel nach Mourinhos Vorbild? Am Samstag sind wir schlauer.

33. Spieltag: Meistermacher 1

Gepostet am 2. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

Schalke 04 – Werder Bremen 0:2

Ich glaube es immer noch nicht.

Über die Unglaublichkeit unserer Ausgangssituation vor dem letzten Spieltag möchte ich mich gar nicht auslassen. Wir wissen alle noch, wo wir vor drei Monaten standen. Außerdem bliebe dafür nach Saisonende noch genügend Zeit. Vorher glaube ich es eh nicht. Auch wenn ich mich in ein abergläubisches Wrack verwandelt habe, das ist es mir Wert. Ich halte es mit den Römern: Non succede, ma se succede… Es wird nicht passieren, aber wenn es passiert. Aber es passiert nicht. Punkt.

Unglaublich finde ich vielmehr, dass Werder auf Schalke gewonnen hat – und vor allem wie! Vorab: Es gab sicherlich bessere Fußballspiele in dieser Saison und Werder hat auch schon besser Fußball gespielt, als am Samstagnachmittag in Gelsenkirchen. Doch Werder ist nicht nach Schalke gefahren, um dort “guten” (sprich: schönen) Fußball zu spielen. Werder ist dorthin gefahren, um drei Punkte zu holen. Und Werder ist dorthin gefahren und hat drei Punkte geholt. Werder hat zu Null gespielt. Werder hat kompakt gespielt und Schalke kommen lassen. Werder hat die Chancen eiskalt ausgenutzt. War das wirklich unser Werder? Oder haben die Mannschaften schon vor dem Spiel die Trikots getauscht?

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an diese Verwandlung gewöhnt hatte und es fiel mir bis zum Abpfiff schwer, es richtig einzuordnen. Ich war dabei nicht alleine. Marcel Reif kommentierte dieses Spiel von der Prämisse aus: “Werder: Schönspieler, Schalke: Malocher, Magath: Taktikgott.” Haben wir ja auch alle so gelernt. In Reifs Alter denkt man aber nicht mehr um. Es sei denn, man eignet sich die Jovialität Franz Beckenbauers an und nimmt die Dinge so, wie sie passieren, ohne nach tieferem Verständnis zu streben. Doch die meisten von uns sind keine Lichtgestalten, und so lassen wir uns erleuchten von dem, was wir in der Arena auf Schalke gesehen haben.

Lange Zeit schien es das Spiel der Schalker zu sein: Das zweikampfbetonte Spiel mit wenig Raum und noch weniger Glanz. Das Neutralisieren des gegnerischen Spiels. Das Niederringen durch körperliche und taktische Überlegenheit, durch höchste Disziplin. Und schließlich das Ausnutzen der sich bietenden Chancen in dem Bewusstsein, dass man nicht viele bekommen könnte. Gestern war es das Spiel der Bremer. Woher sollten wir es wissen? Andersherum war es so viel wahrscheinlicher. Magaths Schalker sind Meister im Aufspüren und Ausnutzen der Schwächen ihrer Gegner. Und Werders Schwächen sind so offensichtlich. Die besten Bluffs sind aber die, die man erst erkennt, wenn es schon zu spät ist. So ging es gestern den Schalkern und wenn Magath regelmäßig für seine taktischen Meisterleistungen gelobt wird, steht diese Ehre nun Thomas Schaaf zu.

Etwas überraschend kehrte Werder gegen Schalke zur Raute mit zwei echten Spitzen zurück. Noch überraschender agierte Regisseur Mesut Özil alleine hinter den Spitzen, mit drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern in seinem Rücken. Es war eine “klassische” Interpretation der Mittelfeldraute, ein 4-3-1-2. So lässt es Schaaf nur selten spielen. Bargfrede und Borowski auf den Halbpositionen kümmerten sich vorwiegend um das Spiel gegen den Ball, sorgten bei Bedarf für Überzahlspiel in der Mitte und halfen vor allem auf den Außen aus. So kam es, dass Werder fast immer sieben Spieler hinter dem Ball hatte und das Spielfeld durch die tief stehende Viererkette für den Gegner deutlich größer machte, als gewöhnlich. Gegen Schalke erwies sich das als wirksame Taktik. Platz im Mittelfeld hilft einer spielerisch noch immer beschränkten Mannschaft nicht viel weiter, zumal Pizarro, Almeida und der gewohnt offensive Özil die Schalker Hintermannschaft davon abhielten, sich spürbar ins Angriffsspiel der Gastgeber einzuschalten. So hatten die Schalker plötzlich 57% Ballbesitz und wussten kaum, was sie damit anfangen sollten. Immer wieder versuchten sie es über die Flügel, vor allem über die starke rechte Seite, wo Werder ihnen jedoch keinen Platz ließ.

Werders Offensivspiel war verhältnismäßig eindimensional: Der Spielaufbau fand wie immer durch die Mitte statt, wo Frings zum Regisseur wurde. Die Verbindungsspieler auf den Halbpositionen hielten sich vornehm zurück, was auch erklärt, warum Özil über weite Strecken in der Luft hing. Frings spielte vornehmlich lange Bälle in die Spitze, was naturgemäß Pizarro und Almeida mehr entgegenkam, als dem kleinen Özil. Hier zeigte sich dann auch ein großer Unterschied zu Schaafs sonst favorisierter Raute: Özil wartete gestern im toten Raum hinter den Spitzen auf seine Chance, statt sich im Spielaufbau nach hinten fallen zu lassen und die Bälle in der eigenen Hälfte abzuholen. Hätte er sich mehr ins Aufbauspiel eingeschaltet, wen hätte er anspielen sollen?

Eine gute Taktik garantiert allein aber noch keinen Erfolg. Und so brauchte auch Werder einen nicht zu kleinen Anteil an Glück (oder Zufall oder Schicksal oder wie man es auch immer nennen mag). Nachdem es 20 Minuten lang im Sinne der taktischen Ausrichtung lief, bekam Schalke einen Fuß in die Tür zwischen Werders kompakt stehender Defensivabteilung. Eine fehlerfreie Vorführung gegen die Schalker wäre auch etwas viel verlangt, schließlich werden diese nicht von ungefähr Vizemeister. Den dicksten Bock leistete sich kurz vor der Pause Per Mertesacker, der anschließend versuchte zu reparieren und dabei gehöriges Glück hatte, dass Schiedsrichter Kircher nicht auf Elfmeter entschied. In meinen Augen ein klares Foul. Die Situation war im Nachhinein ein Wendepunkt in diesem Spiel. Sie als die spielentscheidende Situation zu bezeichnen, wie Magath es nach dem Abpfiff tat, ist dann aber doch etwas hoch gegriffen. Marko Marin machte nach dem Spiel gegen Frankfurt Anfang des Jahres eine ähnliche Aussage. Ich sage heute wie damals: Wer Meister werden will, der sollte sein Pulver nicht schon nach 40 Minuten verschossen haben. Und Schalke tat in der zweiten Hälfte nicht genug, um nach dem Spiel einzig auf die Elfmeterszene verweisen zu können. Bei allem Verständnis für die Enttäuschung, als Verschwörungstheoretiker macht Magath keine gute Figur. Weder er noch seine Schalker hätten es zudem nötig. Die Fans spürten das in der Schlussphase auch und feierten ihre Mannschaft, der vor der Saison nicht viele – auch ich nicht – eine solche Saison zugetraut hatten.

Wie so oft waren es dann Kleinigkeiten, die das Spiel und auch dessen Bewertung von außen entschieden. Nach dem Wechsel suchten die Schalker weiter ihr Glück in der Offensive. Vielleicht war es der Zwischenstand aus München, der ihre Köpfe ungeduldig und ihre Beine schwer werden ließen. Gerade, als man überlegte, ob Werders pomadige Spielweise wirklich Absicht sein könnte, schlugen die Grün-Weißen zu. Zunächst ließ Mesut Özil seine Torchance noch liegen, doch kurze Zeit später zeigte er seine ganze Klasse. Er zeigte, dass er es auch anders kann. Dass es bei ihm nicht nur Hopp oder Top gibt. Dass er auf seine Chance lauern kann, ohne das Selbstvertrauen zu verlieren. Sein Dribbling hätte andere Kommentatoren zu Begeisterungsstürmen verleitet, doch es war weder Robben noch Ribery noch Messi und deshalb durfte nicht sein, was nicht sein konnte. Es war deutlich zu spüren, dass dieser Treffer den Schalkern schwer zu schaffen machte und sie kaum mehr etwas entgegen zu setzen hatten. Um ganz sicher zu gehen, nutzten Özil und Almeida diese Phase der Unsicherheit zum 0:2 und entschieden damit das Spiel.

Ich hoffe Werder nimmt aus diesem Spiel genügend Erkenntnisse für die letzten beiden Spiele mit. Gegen den HSV wird man wieder aktiver sein müssen. Auf eine Unentschieden darf man sich nicht verlassen. Gladbach hat gerade sechs Tore in Hannover kassiert. Die Hamburger haben als letztes Saisonziel, uns in die Champions-League-Suppe zu spucken, deshalb müssen wir verdammt aufpassen solange sie nicht gegessen ist. Den Nachschlag gibt es dann in Berlin und während ich mich phrasentechnisch schon in Delling-Form bringe, denkt Thomas Schaaf hoffentlich darüber nach, wie er Van Gaals Positionsspiel beikommen kann. Die Taktik von gestern wäre dafür vermutlich gar nicht mal schlecht.

Europa League Play-Offs, Rückspiel: Diamant im Herzen 1

Gepostet am 27. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

FK Aktobe – Werder Bremen 0:2

Während in Bremen seit Sonntag munter über die Rückkehr zur Mittelfeldraute diskutiert wird (Thomas Schaaf: “Das war keine Raute, jeder, der das behauptet, liegt falsch!”), lassen einige internationale Spitzenvereine die von manchen als obsolet bezeichnete Formation wieder aufleben. Chelsea spielt sie (Ancelotti hat schon bei Milan häufig so spielen lassen), Inter spielt sie (ja, genau, das Inter, das von 4-3-3-Fetischist Mourinho trainiert wird), die Bayern spielen sie (bis auf Ribery). Ist Thomas Schaaf also doch kein solcher Hinterwäldler in Sachen Taktik? Ist er vielleicht gar ein Pionier?

Taktikexperte Jonathan Wilson (Inverting the Pyramid) schreibt im Blog des Guardian über die Raute: “Is the midfield diamond here to stay and how do you counter it?” Neben den üblichen Abschweifungen in die Frühphase des Fußballs kommt Wilson zu dem Schluss, dass die Raute ein gutes System für spielstarke Mannschaften ist, allerdings einige Nachteile hat:

Die Vorteile:

  • Die Raute ist eine gute Defensivformation. (hört, hört…)
  • Ein starker defensiver Mittelfeldspieler gibt den Spielern auf den beiden Halbpositionen die Möglichkeit, den Spielmacher zu entlasten. (Frank Baumann, anyone?)
  • Die Raute ist offensiv am stärksten, wenn sie asymmetrisch ausgelegt wird, die beiden Halbaußen (und die beiden Stürmer!) also nicht auf einer Höhe spielen.

Die Nachteile:

  • Das Spiel einer Mannschaft mit Raute ist leicht ausrechenbar.
  • Werden die Halbpositionen zu zentral interpretiert, ist die Mannschaft über außen verwundbar; die Überzahl in der Mitte kann aufgrund des geringen Raums zum Passen kaum ausgenutzt werden.
  • Mit einem 4-5-1 kann die Raute am wirkungsvollsten gestoppt werden: Die beiden äußeren Mittelfeldspieler können den Platz auf den Außenbahnen nutzen und die Außenverteidiger unter Druck setzen. Dies schafft Raum für die eigenen Außenverteidiger, die sich ins Mittelfeld einschalten können. Die drei zentralen Mittelfeldspieler machen dazu der Raute in der Mitte das Leben schwer.

Diese Punkte beschreiben eigentlich ganz gut Werders Stärken und Probleme der letzten Jahre: Die hohe Ballbesitzquote durch die Überzahl im zentralen Mittelfeld. Die Offensivpower, weil die Positionen sehr variabel getauscht werden und keine starre symmetrische Formation eingehalten wird. Die Anfälligkeit über die Außen, die nicht zuletzt dadurch zustande kommt, dass die Außenverteidiger häufig mit nach vorne gehen, um die ansonsten verwaisten Außenbahnen zu besetzen. Die Probleme gegen defensive Mannschaften, wenn sich die Mittelfeldspieler zu wenig bewegen.

Mir persönlich ist es eigentlich egal, welches System Werder spielt, wobei ich die Raute schon für die Formation halte, mit der Werder den besten Offensivfußball spielen kann. Allerdings hängt vieles davon ab, wie man die defensive und offensive Position der Raute besetzt. Torsten Frings hat mich als alleiniger defensiver Mittelfeldspieler bislang nicht überzeugt. Er hat zwar die nötige Zweikampfstärke, aber nicht die Unaufgeregtheit eines Frank Baumanns im Aufbauspiel, der anstandslos 40 Sicherheitspässe über 5-10 Meter pro Spiel zum nächstbesten Kollegen beförderte und taktisch kein Risiko einging. Den 6er traue ich eher Daniel Jensen zu, bei dem aber nicht klar ist, ob er nach der langen Verletzung noch einmal die Form der Saison 2007/08 erreichen kann. Ob Özil oder Marin die 10er-Position einnehmen können wage ich fast nicht zu beurteilen. Man braucht für die Position einen außergewöhnlichen Spieler, mit guter Übersicht und großer individueller Stärke, der im besten Fall noch ein großer Stratege ist. Vor allem Özil traue ich zu, ein solcher Spieler zu werden. Aber ist er auf der Position wirklich stärker als auf der linken Seite?

Man wird sehen. Thomas Schaaf wird sich während dessen heimlich (im Keller) ins Fäustchen lachen, dass nun, nach mindestens 2 Jahren der Kritik an seinem veralteten System, sowohl in Bremen als auch in Fußballeuropa die Raute so hoch im Kurs steht, wie selten zuvor.

Ach ja: Werder hat heute durch zwei Tore von Pizarro mit 2:0 bei FK Aktobe gewonnen und sich damit für die Gruppenphase der Europa League qualifiziert.

Meine Saisonvorschau 09/10 (Teil 1) 1

Gepostet am 7. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

Heute Abend beginnt in Wolfsburg die neue Bundesligasaison. Höchste Zeit für eine ausführliche Saisonvorschau. Auch dieses Jahr kommt sie wieder in mehreren Teilen. Heute steht dabei allein Werder im Vordergrund. Was kann man von der Mannschaft in der kommenden Spielzeit erwarten?

Tor

Auf dieser Position gibt es keine nennenswerten Veränderungen. Tim Wiese ist unumstrittene Nummer 1 mit Ambitionen auf einen Platz im WM-Kader. Bei ihm war letzte Saison ein deutlicher Aufwärtstrend erkennbar. Vor allem seine Coolness in Stresssituationen hebt ihn von der deutschen Konkurrenz ab. Verbessern sollte er noch seine Strafraumbeherrschung, dann könnte er sogar als 1. Torwart nach Südafrika fahren. Bei Werder machen ihm weder Christian Vander, noch Sebastian Mielitz den Stammplatz streitig.

Fazit: Im Tor ist Werder deutlich überdurchschnittlich besetzt.

Abwehr

Trotz 50 Gegentoren in der vergangenen Saison gab es in der Abwehr keine personellen Konsequenzen. In der Innenverteidigung spielen mit Per Mertesacker und Naldo zwei Kopfball- und Zweikampfstarke Spieler, die in Normalform zu den besten Innenverteidigerpärchen der Liga zählen. Gerade bei Naldo gab es in den letzten beiden Jahren jedoch immer wieder Phasen, in denen er diese Form nicht erreicht hat. Gegen Ende der letzten Rückrunde zeigte er aber wieder seine alten Stärken und führte Werder mit einer überragenden Leistung zum Pokalsieg. Sebastian Prödl hat sich dahinter dem Niveau der beiden langsam angenähert. Sollten Naldo und Mertesacker fit bleiben, dürfte er über den Status als Ergänzungsspieler aber nicht hinaus kommen.

Auf der rechten Außenbahn hinterließ Clemens Fritz in der Vorbereitung einen starken Eindruck. Nach der schwachen letzten Saison will er wieder an seine Glanzzeiten anknüpfen und sich erneut in den Kreis der Nationalmannschaft spielen. Der Stammplatz wird ihm vom neuen Konkurrenten Martin Harnik nicht zu nehmen sein, da dieser gerade vom Stürmer zum Außenverteidiger umgeschult wird und noch Schwächen im taktischen Bereich hat. Spannender ist es auf der linken Seite, dem traditionellen Sorgenkind der Bremer Viererkette. Sebastian Boenisch hat nach der U21-EM noch leichten Aufholbedarf, weshalb Petri Pasanen im Moment die Nase vorn hat. Vom Finnen sind keine großen Leistungssteigerungen zu erwarten, doch er füllt die Position defensiv gut aus und zeigte im Pokalspiel gegen Union Berlin, dass er auch in der Offensive Akzente setzen kann. Ich denke trotzdem, dass sich Boenisch im Laufe der Saison durchsetzen und weiterhin steigern wird. Dusko Tosic wird den Verein verlassen, da bin ich mir sicher.

Fazit: Auf beiden Außenbahnen glaube ich an eine Leistungssteigerung. Insgesamt ist die Abwehr leicht überdurchschnittlich besetzt.

Mittelfeld

Im defensiven Mittelfeld war Frank Baumann in den letzten 6 Jahren meist gesetzt. Flankiert wurde er dabei auf der rechten Seite von Torsten Frings, der nun eine zentralere Rolle einnehmen wird. Frings spielte eine insgesamt enttäuschende letzte Saison und muss sich im Jahr vor der WM dringen neu beweisen, wenn er sein Ticket nach Südafrika nicht gefährden will. Für seine physisch anspruchsvolle Spielweise benötigt er absolute körperliche Fitness. Diese ist ihm in der vergangenen Saison – wohl auch bedingt durch die langen Verletzungspausen im Jahr davor – etwas abhanden gekommen, doch scheint nun wieder da zu sein. Ich zähle Frings trotz zahlreicher anderer Stimmen noch nicht zum alten Eisen. Neben Frings steht mit Rückkehrer Tim Borowski eine große Überraschung. Nicht der Transfer selbst war unerwartet, sondern die Konsequenz mit der Borowski auf der – zumindest im Werdertrikot – ungewohnten Position im defensiven Mittelfeld bislang agiert. Viele haben ihm dies nicht zugetraut. Dabei hat Borowski eines seiner besten Spiel für Werder auf der Sechserposition gemacht (beim 1:0-Sieg gegen Chelsea 2006). Die Achse Frings – Borowski dürfte der Schlüssel zu einer erfolgreichen Saison für den SVW werden.

Leidtragender ist zunächst Peter Niemeyer, der endlich verletzungsfrei ist und sich in der Rückrunde mit respektablen Leistungen in die Stammmannschaft spielte. Nachwuchsspieler José-Alex Ikeng hat sich in der Vorbereitung leider das Kreuzband gerissen. Es bleibt abzuwarten, ob er in dieser Saison noch eine Rolle spielen kann, da es bereits die dritte Verletzung dieser Art für ihn ist. Ein großes Fragezeichen steht noch hinter Jurica Vranjes. Der Kroate gilt als Streichkandidat, könnte durch Ikengs Verletzung aber eine neue Chance erhalten.

Im offensiven Mittelfeld klafft nach Diegos Wechsel zu Juventus ein Loch. Da adäquater Ersatz für diesen Ausnahmespieler fehlt, versucht Werder erst gar nicht dieses zu stopfen. Stattdessen wird das System dem vorhandenen Spielermaterial angepasst. Mesut Özil und Marko Marin werden als Stammpersonal auf den beiden offensiven Positionen im Mittelfeld gehandelt. Zusammen sollen sie dort den Verlust von Diego kompensieren. Beide haben in der vergangenen Saison ihr großes Talent mehr als nur angedeutet. Dennoch gibt es Zweifel: Das stärkste Argument gegen die beiden ist ihr junges Alter. Weder Marin noch Özil konnten sich bislang konstant auf höchstem Niveau beweisen. Für Özil sprechen die Erfahrungen der vergangenen Saison, mit einem verlorenen und zwei gewonnenen Finals als Höhepunkt. Von ihm erwarte ich diese Saison einen weiteren Sprung, vor allem in Sachen Konstanz. Marin musste zuletzt in Gladbach und bei der U21-EM Rückschläge einstecken. Er erhält bei Werder die Chance, sich in einem guten Umfeld weiterzuentwickeln. Hier ist Papa Schaaf sicher gefordert.

Aaron Hunt kann langsam als Beispiel für einen Hochtalentierten dienen, der es nicht geschafft hat. Es hat sicher auch mit der Verletzungsanfälligkeit zu tun, aber von ihm muss deutlich mehr kommen, wenn er eine Zukunft bei Werder haben will. Daniel Jensen hat eine gebrauchte Saison erwischt. Seit über einem Jahr kämpft er nun gegen diverse Verletzungen an, ohne je wieder an die tollen Leistungen der Saison 2007/2008 anzuknüpfen, als er Torsten Frings hervorragend vertrat. Ein Spieler seiner Prägung täte der Mannschaft auch jetzt wieder gut: Technisch stark, flexibel einsetzbar und mit gutem Auge für den freien Mann. Leider habe ich aufgrund der verpassten Vorbereitung wenig Hoffnung auf ein baldiges Comeback auf Spitzenniveau. Die Überraschung der Vorbereitung heißt Philipp Bargfrede. Der 20jährige spielte sich durch engagierte und selbstbewusste Auftritte in den Mittelpunkt und kann in dieser Saison allemal als Ergänzungsspieler eine Rolle spielen.

Fazit: Werders Mittelfeld bleibt auch ohne Diego konkurrenzfähig und ist schwerer ausrechenbar. Hier gehört Werder zu den Besten der Bundesliga.

Angriff

Hier steht bislang das größte Fragezeichen. Kommt Claudio Pizarro oder kommt er nicht? Wenn er nicht kommt, kommt dann jemand anderes von ähnlichem Format? Eine Planstelle besteht im Werdersturm auf jeden Fall. Im Schatten der Transferspekulationen haben sich die vorhandenen Angreifer erstaunlich gut entwickelt. Sehr erfreut bin ich über die Auftritte von Boubacar Sanogo. Nach seiner Rückkehr aus Hoffenheim galt er als Streichkandidat – momentan dürfte er einen Stammplatz sicher haben. Ähnlich wie vor zwei Jahren kämpft Sanogo um jeden Ball, legt für Mitspieler auf und trifft auch das Tor wieder. Seine teils hölzernen Bewegungen scheinen dabei den Regeln der Physik zu trotzen. Bevor es der Rest der Liga merkt, könnte Sanogo schon wieder 10 Treffer auf dem Konto haben. Es scheint aber höchst fraglich, ob er dieses Niveau diesmal langfristig halten kann. Ebenfalls erfreulich ist die Situation bei Hugo Almeida. Schon gegen Ende der letzten Saison zeigte er gute Leistungen und scheint nun endlich den nötigen Willen aufzubringen, sein Talent vollständig auszuschöpfen. Ihm traue ich eine gute Saison zu, sehe auf Dauer ein Angriffsduo mit ihm und Sanogo jedoch kritisch.

Marcelo Moreno kam im Sommer neu aus Donezk. Der Bolivianer sollte schon vergangene Saison verpflichtet werden und verspricht eine Verstärkung zu werden. Technisch ist er beschlagen und das, was gemeinhin gerne als “Torriecher” bezeichnet wird, scheint er auch mitzubringen. Sollte er auch physisch auf Bundesliganiveau mithalten können, sehe ich ihn langfristig als festen Sturmpartner für Pizarro/Mr. X. Markus Rosenberg landete durch seine Formkrise in der Rückrunde auf dem Abstellgleis. Eine langwierige Verletzung hat ihn bislang daran gehindert, diesen Eindruck widerlegen zu können. Sollte noch ein Stürmer kommen kann Rosenberg noch ein Fall für die Transferliste werden.

Fazit: Der Werdersturm ist bislang personell nicht befriedigend besetzt. Die anhaltenden Verhandlungen um Pizarro und die Formstärke der drei aktuellen Kandidaten stimmen dennoch positiv.

Taktik

Es wird momenten viel über den Umbruch in der taktischen Ausrichtung geredet. Statt des 4-4-2 Systems mit Raute wird derzeit ein 4-4-2 mit zwei defensiven Mittelfeldspielern (Doppelsechs) und offensiven Außen gespielt. Interessant ist, was Thomas Schaaf zu dem Thema zu sagen hat:

“Es ist enorm wichtig, flexibel zu sein und auf verschiedene taktische Ausrichtungen zurückgreifen zu können. Wir versuchen alles auszuschöpfen, was der Fußball hergibt. Dabei ist die Taktik ein sehr vielseitiger Bereich. Aber es gibt nicht, wie häufig dargestellt, nur ein paar große Taktiksysteme. Viel entscheidender sind die vielen Nuancen, kleine Verschiebungen, die man vornimmt und die im Idealfall Großes bewirken.”

Aus dem Werder-Magazin Spezial. Interview: Martin Lange

Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Werders Formationsänderung ist deshalb auch keine Revolution. Sie ist den personellen Gegebenheiten geschuldet, da Spielmachertypen von der Qualität eines Diego oder eines Johan Micoud für wenig Geld nicht mehr zu bekommen sind. Der Wechsel von der eigentlichen Raute hin zu zwei defensiven Mittelfeldspielern ist ein schleichender Prozess, der in der vergangenen Saison längst begonnen hatte. Mesut Özil ist sicherlich der offensivste Spieler, der je auf den Halbpositionen der Werder-Raute gespielt hat. Als Konsequenz hatte sein Gegenpart auf der rechten Seite, in der Regel Torsten Frings, vermehrt Aufgaben in der Defensive zu bewältigen. Die flexible Grundformation machte diese Verschiebung problemlos möglich. Es ist anzunehmen, dass unter Schaaf auch das System mit der Doppelsechs ähnlich flexibel ausgelegt wird. Die Testspiele lassen zumindest darauf schließen.

In der Defensive ändert sich auf den ersten Blick nicht viel. Naldo wird vermutlich auch weiterhin seine Ausflüge nach vorne unternehmen, während Mertesacker im Notfall auch mal den Ausputzer gibt. Die Außenverteidiger könnten durch das neue System etwas entlastet werden, wenn das Mittelfeld weniger durch die Mitte agiert. Eine Schwäche, die Werder in jedem Fall in den Griff bekommen muss, ist die Unkonzentriertheit bei gegnerischen Standards. Eine Mannschaft mit so vielen kopfballstarken Spielern, darf einfach nicht so viele Gegentore nach Ecken und Freistoßflanken bekommen. Bei eigenen Standards könnte es schwierig werden, die Ausbeute der letzten Saison zu erreichen, denn Diegos Freistöße waren grandios. Mit Özil, Marin, Almeida, Naldo, Borowski und Frings hat man aber eine ganze Reihe an Spielern, die gut mit ruhenden Bällen  aus verschiedenen Positionen umgehen können.

Fazit: Der Wechsel zum neuen System wird weitgehend reibungslos verlaufen. Werder bleibt offensiv gefährlich und defensiv verletzlich, auch wenn ich deutlich weniger Gegentore erwarte, als in der letzten Saison.

Morgen werfe ich dann einen Blick auf die restliche Liga und wage eine Prognose für die Abschlusstabelle.



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