Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



Danke, Mesut! 3

Gepostet am 18. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Mesut Özil wechselt nun also doch mit sofortiger Wirkung zu Real Madrid und verlässt nach 2 1/2 Jahren unseren SVW.

Finanziell ist es eine Verbesserung, das steht außer Frage. Auch sportlich ist Real Madrid eine Verbesserung, trotz aller Probleme, der Verein in den letzten Jahren hatte. Im letzten Jahr holte Real Madrid mehr Punkte pro Spiel als jedes andere Team in einer großen europäischen Liga – bis auf den FC Barcelona. Dieses ewige Duell um die Vorherrschaft im spanischen Fußball wird Mesut nun miterleben, vielleicht sogar mit prägen. Er spielt im Verein von di Stefano und Puskas, von Zidane und Raul. Ein Verein, dem Robben und Snejder vor einem Jahr zu schlecht waren. Er spielt zusammen mit Cristiano Ronaldo, Kaka, Xabi Alonso und Cassilas. Er spielt unter José Mourinho, den schillerndsten Trainer unserer Zeit. Welcher Fußballer – der nicht gerade im Barca-Trikot auf die Welt gekommen ist – würde dort nicht gerne spielen wollen?

Viele Werderfans sind nun erleichtert, weil die Spekulationen endlich vorbei sind. Im Hinblick auf das wichtige Spiel heute ist es sicher wichtig, dass diese Unklarheit aus dem Weg geräumt ist. Man kann Mesut aber eigentlich nicht viel vorwerfen, er hat sich zumindest nach Außen hin korrekt verhalten (im Gegensatz zu manchem anderen Spieler, der seinen Wechsel durchboxen wollte). Mesut wollte das Angebot annehmen, Werder wollte ihn verkaufen, um nicht in einem Jahr ohne Transfererlös dazustehen. Alles nachvollziehbar und ok. Kein böses Blut und kein Grund, ihm nicht alles Gute bei seinem neuen Verein zu wünschen.

Nun bleiben wir zurück, während Mesut beim größten Fußballverein der Welt spielen wird. Es ist nicht das erste Mal, dass wir einem Spieler als Sprungbrett für die weitere Karriere dienen. Wir sind es nicht anders gewohnt. Wir fühlen uns trotzdem benutzt und schmutzig. Wir sind nur so lange gut genug, bis jemand Besseres daherkommt. Wir lassen uns dafür bezahlen, dass wir bei dem Spielchen mitmachen und wir sollen uns auch noch gut dabei fühlen. Und trotzdem wissen wir schon jetzt, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird. Der Fluch des Ausbildungsvereins.

Nun werden wir sehen wie gut Mesuts Ausbildung war, die er ja eigentlich schon auf Schalke bekommen hat. Hier war es der Feinschliff. Das Juwel ist zwar noch nicht in optimalem Zustand, aber längst kein Rohdiamant mehr. Die Aufgabe unseres Vereins ist es, weitere davon zu finden. Mit Marin hat man schon einen. Arnautovic ist wohl auch einer. Vielleicht Wesley oder Ben Arfa. Wir sollten stolz darauf sein, dass solche Spieler bei uns so aufblühen können, wie bei kaum einem anderen Verein in Europa.

Ob der Sprung für Mesut zu früh kam wird sich zeigen. Mourinho scheint von ihm überzeugt zu sein und ich kann mir nicht vorstellen, dass er ihn verheizen wird. Vielleicht ist er in ein paar Jahren ein Superstar, vielleicht ein gescheitertes Supertalent, aber er hat den Sprung gewagt. Guten Flug und gute Landung, Mesut!

Einen Nachruf auf den Werderspieler Mesut Özil findet ihr hier >> klick <<

‘schab Vertrag 1

Gepostet am 15. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

DFB-Pokal, 1. Runde: Rot Weiss Ahlen – Werder Bremen 0:4

Wie in den Jahren zuvor ein letztlich deutlicher Sieg zum Saisonauftakt gegen eine unterklassige Mannschaft. Im Gegensatz zu Union Berlin letztes Jahr erwies sich Ahlen jedoch in der ersten Halbzeit als echte Hürde. Werder kam schwer ins Spiel und musste vor dem Führungstor einige brenzlige Szenen überstehen. Danach lief dann fast alles wie erhofft und der Klassenunterschied wurde auf dem Feld deutlich sichtbar.

Thomas Schaaf entschied sich für das System mit der Raute und gegen das 4-2-3-1. Wie erwartet saßen deshalb Marin und Arnautovic zunächst auf der Bank und Hunt und Borowski nahmen die Halbpositionen im Mittelfeld ein. Werders Spielidee war von Anfang an erkennbar, doch es hakte noch bei der Genauigkeit im Kombinationsspiel. Da sich auch alle vier Spieler der Viererkette in der ersten Hälfte einige Aussetzer im Spielaufbau erlaubten, kam Ahlen immer wieder zu gefährlichen Konterchancen, die jedoch nur selten gut zu Ende gespielt wurden und deshalb meist von Werders Abwehr repariert werden konnten. Ahlen spielte vermehrt über die linke Bremer Abwehrseite und konnte Pasanen dabei einige Male bloßstellen. Mittelstürmer Knappmann suchte in jeder Situation den Torabschluss, agierte dabei jedoch häufig zu überhastet. Die beste Chance der ersten Halbzeit hatte Alder mit einem tollen Freistoß, der hinter Wiese an die Latte klatschte.

Werder befreite sich aus der Ahlener Druckperiode auf die bestmögliche Weise: Claudio Pizarro zog von links in den Strafraum und traf mit einem platzierten Schuss ins lange Eck. Danach kippte das Spiel klar zugunsten Werders. Özil, der zuvor ein eher mittelmäßiges Spiel hatte, drehte nun auf und war an allen gefährlichen Aktionen beteiligt. In dieser Phase hätte Werder das Spiel schon entscheiden können, vielleicht müssen. Stattdessen hatte nach der Pause erneut Knappmann die Chance zum Ausgleich, doch verlor allein vor Wiese die Nerven und ermöglichte diesem so seine beste Parade im Spiel. Kurz darauf traf Almeida, der zuvor ebenfalls kläglich vergeben hatte, per Kopf nach einer Ecke zum 2:0. Schaaf wechselte nun durch, brachte Marin für Özil und wenig später Arnautovic für Almeida. An der Einseitigkeit der Partie endete das aber nichts mehr, denn Borowski machte mit einem tollen Schuss nach einem verunglückten Klärungsversuch der Ahlener Defensive alles klar. So plätscherte das Spiel seine Ende entgegen, bis Marin mit einem schönen Heber den Schlusspunkt zum 4:0-Sieg setzte.

Die Raute scheint in dieser Phase der Saison die bessere Variante für Werder zu sein, gerade wenn man die Formkurven der Spieler so anschaut. Wenn Marin und Arnautovic bei 100% sind, spricht aber vieles für das 4-2-3-1, denn gerade bei Arnautovic hat man gesehen, dass ihm die Rolle des 2. Stürmers nicht wirklich auf den Leib geschneidert ist. Hunt und Borowski haben gestern zwar nicht überragend gespielt, doch sie erfüllten ihre Aufgaben ordentlich. Es war aber Bargfrede, der das Bremer Mittelfeld belebte und die Fäden zog. Defensiv aufmerksam, starker Spielaufbau und dazu noch viele Akzente nach vorne – wenn er das auch in der Bundesliga so umsetzen kann, müsste er auf der Sechserposition gesetzt sein.

Einiges hängt aber noch von den Wechseln ab, die sich in den nächsten Tagen entscheiden dürften. Mit dem Brasilianer Wesley ist alles klar, er wird in den nächsten Tagen einen 5-Jahres-Vertrag unterschreiben und kostet angeblich schlanke 7,5 Mio. Euro. Offiziell bestätigt ist der Transfer noch nicht, doch der Spieler selbst hat sich bei Twitter schon klar darüber geäußert, sich unter anderem bei Werders sportlicher Leitung für deren großes Bemühen bedankt. Im Fall Mesut Özils kommt zum ersten Mal seit Wochen wirklich (sprich: nicht nur in den Medien) Bewegung rein. Real Madrid hat ein Angebot abgegeben, das laut Allofs jedoch völlig inakzeptabel war. Özil selbst zeigte sich im Interview nach dem Spiel sichtlich hin und her gerissen zwischen seinen üblichen Kommentaren (“Ich hab Vertrag” und “Ich respektiere Werder Bremen”) und dem öffentlichen Interesse Reals und José Mourinhos (“Wenn man so ein Angebot hat, möchte man es gerne annehmen”). Dass Allofs Özil über das Angebot jedoch nicht informiert hat, ist schon ein wenig seltsam und gibt in der Öffentlichkeit kein gutes Bild ab. Özils Ärger darüber kann ich nachvollziehen, doch in seinem eigenen Interesse war es nicht sehr sinnvoll, dies an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine Entscheidung muss in den nächsten Tagen fallen, sonst kommt vor dem wichtigen Spiel gegen Sampdoria zu viel Unruhe auf. Dazu braucht es entweder ein gutes Angebot von Real Madrid oder ein Machtwort von Allofs, der in dieser Angelegenheit jedoch am kürzeren Hebel sitzt.

Let’s talk business… 2

Gepostet am 14. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Betrachtet man den Fußball und insbesondere die Vertragsverhandlungen zwischen Spielern (bzw. deren Beratern) und Vereinen von einer rein geschäftlichen Seite, dann erhält man ein ziemlich unromantisches Bild. Dann geht es eben um Angebot (an spielerischen Fähigkeiten, Entwicklungs- und Vermarktungspotenzial) und Nachfrage (seitens der Vereine). Dann gibt es eben einen Markt für Fußballspieler, auf dem alle Akteure nach dem für sie größten Nutzen suchen. Dann unterscheidet sich der individuelle Nutzen eines Spielers eben häufig von dem seines Arbeitgebers und erst recht von dem eines Fans.

Das Verhältnis zwischen Spieler und Verein manifestiert sich dann eben in einem befristeten Arbeitsvertrag, an dessen Ende es keinerlei Verpflichtungen beider Seiten mehr gibt. Seit dem Bosman-Urteil wurde die Position der Spieler deutlich gestärkt, da nun das Prinzip der freien Arbeitsplatzwahl gilt und abgebende Vereine nach Vertragsende keine Ablöseforderungen mehr stellen dürfen. In Hinblick auf die Liberalisierung der europäischen Arbeitsmärkte eine folgerichtige Entscheidung, die auf den Profifußball jedoch weitreichende Auswirkungen hatte, die längst nicht von allen als positiv angesehen werden. Doch das ist ein Thema für sich.

Die Verpflichtung eines Spielers ist für einen Verein als Wirtschaftsunternehmen deshalb mehr denn je zu einem Investment geworden. Nehmen wir hier ruhig einmal Werders Verpflichtung von Mesut Özil zur Verdeutlichung: Werder hat ihn im Winter Januar 2008 für 4,25 Millionen Euro von Schalke gekauft und mit ihm einen 3 1/2 Jahresvertrag abgeschlossen. Zu den 4,25 Millionen kommen noch Handgelder, Gehälter und Prämien, die zusammen die Gesamtkosten der Investition bilden. Diesen Kosten stehen die Erlöse gegenüber, die sich für Werder mit Özil in diesen 3 1/2 Jahren erwirtschaften lassen. Neben den Einnahmen aus der Vermarktung des Spielers (z.B. Merchandising und Ticketverkäufe) sind das vor allem die Einnahmen, die Werder durch sportliche Erfolge erzielt. Diese lassen sich im Mannschaftssport Fußball wiederum nur schwer einem einzelnen Spieler zurechnen. Die Berechnungen basieren deshalb immer auf einer gewissen Unsicherheit. Hier wird mit Wahrscheinlichkeiten kalkuliert. Ein vielleicht etwas übertriebenes Beispiel: Wie wahrscheinlich ist eine Champions League Teilnahme mit Özil und wie wahrscheinlich ohne (wohl gemerkt im Januar 2008, nicht im August 2010)? Bleibt nach Berücksichtigung aller Kosten und Erträge unter dem Strich etwas übrig, amortisieren sich die Anschaffungskosten über die Laufzeit, dann ist das Investment für den Verein lohnenswert. Im Fall Özil hat es Werder also als lohnenswert erachtet.

Im Unterschied zur Investition in bspw. eine Maschine gibt es bei Profifußballern einen großen Unterschied: Der Fußballer kann zum Ende der Laufzeit nicht mehr verkauft werden. Bei einer Maschine gibt es in der Regel einen Restwert, der sich schon Jahre vorher einigermaßen gut abschätzen lässt. Der Anschaffungswert Mesut Özils (4,25 Millionen) muss also über die Vertragsdauer komplett abgeschrieben werden. Im Sommer 2011 beträgt der Restwert des Spielers 0. Bei linearer Abschreibung beträgt er in diesem Sommer somit noch rund 1,2 Millionen Euro – zumindest in Werders Büchern. Dies entspricht aber natürlich nicht dem tatsächlichen Marktwert des Spielers, der bei Mesut Özil (laut transfermarkt.de) derzeit 27 Millionen Euro beträgt. Müsste Werder den Spieler nun in einem Jahr kostenlos abgeben, dann hätte man doch Verlust gemacht, oder?

Zumindest auf dem Papier stimmt das nicht, denn in Werders Büchern ist Özil in einem Jahr tatsächlich nichts mehr wert. Dies wird schon bei Abschluss des Vertrags berücksichtigt und entsprechend kalkuliert. Eine etwaige Wertsteigerung des Spielers als zukünftige Einnahme mit in die Kalkulation aufzunehmen ist sehr risikoreich, wenn auch sicher nicht ganz ungewöhnlich im Fußballgeschäft. In diesem Fall ist man unbedingt auf einen Wiederverkauf (bzw. eine vorzeitige Vertragsverlängerung) angewiesen, um keinen Verlust zu erleiden. Erfüllt der Spieler nicht die sportlichen Erwartungen, verliert der Verein dann sogar doppelt: Zunächst zieht er weniger sportlichen (und damit finanziellen) Nutzen aus dem Spieler selbst und dann entwickelt sich der Marktwert auch noch schlechter als angenommen, sprich: Die Transfereinnahmen sind geringer, bzw. fallen unter Umständen ganz weg, wenn der Spieler bis zum Ende der Vertragslaufzeit bleibt.

Deshalb tun seriös wirtschaftende Vereine gut daran, solche spekulativen Kalkulationen zu unterlassen und tatsächlich vom Restwert 0 auszugehen. Werder ist zwar immer wieder auf Transfererlöse angewiesen, um finanziell mit den deutschen Topvereinen mithalten zu können, gilt aber als vorsichtig, wenn es um die Schätzung zukünftiger Einnahmen geht. Gehen wir also davon aus, das Werder dies im Fall Özil so gemacht hat, dann haben wir nun die folgende Situation: Verkauft Werder Özil in diesem Sommer für mehr als 1,2 Millionen Euro, dann haben sie auf dem Papier Gewinn gemacht. Allerdings hat Özil für Werder in der kommenden Saison einen Wert, der weit darüber hinaus geht. Diesen (geschätzten) Wert, abzüglich der Gehälter und Prämien, müsste Werder für Özil in diesem Sommer bekommen, um ihn tatsächlich gewinnbringend verkaufen zu können. In dieser Kalkulation spielt auch der Wiederbeschaffungswert eine Rolle: Wie schwierig und teuer ist es, einen Ersatz auf dem Transfermarkt zu beschaffen? Sportliche Überlegungen fließen ebenfalls mit ein, etwa die Frage, ob der Spieler durch einen anderen, bereits unter Vertrag stehenden Spieler ersetzt werden kann.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ein akzeptabler Preis für Werder weit oberhalb der 1,2 Millionen Euro liegt, aber auch unterhalb der (geschätzten) 27 Millionen Euro Marktwert. Dies ist auch den interessierten Vereinen klar, weshalb es schwierig werden könnte, eine Ablösesumme zu erreichen, die von den Fans als angemessen erachtet wird. Ein Manager muss mit diesem Spannungsfeld umgehen können, einerseits wirtschaftlich sinnvolle Entscheidungen zu treffen und andererseits die Erwartungen der Fans nicht zu enttäuschen. Nicht zuletzt haben seine Entscheidungen auch Einfluss auf die Reputation bei zukünftigen Verhandlungspartnern. So kann es in manchen Fällen durchaus sinnvoll sein, selbst bei finanziell lohnenswerten Angeboten mit der Faust auf den Tisch zu hauen und einen Transfer zu verweigern. Allerdings läuft man dabei auch Gefahr, dass der Bluff auffliegt und man am Ende mit leeren Händen dasteht.

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

  1. Bei Spielertransfers ist die Formel Verkaufspreis – Einkaufspreis = Erlös viel zu kurz gedacht. Auch meine Beispiele sind schon stark vereinfacht und berücksichtigen viele zusätzliche Einflussfaktoren nicht (vertragliche Sondervereinbarungen, komplizierte Verteilung der Transferrechte, unterschiedliche Finanzierungsformen etc.).
  2. Im Fall Özil ist Werders Situation längst nicht so schlecht, wie sie von vielen dargestellt wird. Auch ohne Verkauf in diesem Sommer wird man an der Personalie Özil ganz sicher keinen Verlust gemacht haben. Ein Verkauf ist daher nicht zwingend notwendig. Interessant wird es jedoch, wenn man die Opportunitätskosten in die Rechnung mit einbezieht, also die entgangenen möglichen Einnahmen, wenn man Özil nächstes Jahr ablösefrei gehen lassen muss.
  3. Spieler und Vereine verfolgen egoistische Motive, die in manchen Fällen nicht kompatibel sind. Die Beziehung untereinander ist eine Zweckgemeinschaft, die solange aufrecht erhalten wird, wie beiden davon ausreichend profitieren. Für den Spieler ist sein Verein nur einer von vielen möglichen Arbeitgebern. Für den Verein sind seine Spieler Humankapital, das gekauft, gehalten, abgestoßen oder verkauft werden kann.

Das klingt alles nicht wirklich nach dem Fußball, den sich die meisten Fans vorstellen oder zumindest wünschen. Diese nüchterne Betrachtungsweise hat auch wenig mit dem Erleben eines Fans zu tun. Was jedoch auffällt ist die Art und Weise, wie selektiv Kritik an bestimmten Ausprägungen dieser Entwicklung genommen wird, während andere als völlig normal akzeptiert werden. Kein Fan beschwert sich über die Einnahmen seines eigenen Vereins aus Spielerverkäufen, denn dieser darf ganz selbstverständlich seine wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund stellen. Tut dies jedoch ein Spieler, sei es durch hohe Gehaltsforderungen oder einen Wechsel aus finanziellen Gründen, wird das Verhalten nicht nur nicht akzeptiert, sondern sogar als moralisch verwerflich angesehen. Diese Sichtweise ist nicht wirklich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Interessen des Vereins sich (im Gegensatz zu den Interessen einzelner Spieler) weitgehend mit den Interessen der Fans dieses Vereins decken.

Ein erhobener Zeigefinger ist deshalb wenig hilfreich, schließlich sind auch die Fans in ihrer Liebe und Hingabe zu ihrem Verein Teil des Fußballgeschäfts und ermöglichen dieses als solches erst. Trotzdem kann es sicher nicht schaden, sich seinen eigenen (egoistischen) Motiven bewusst zu werden, bevor mit der Moralkeule auf gewisse Spieler eingedroschen wird – nicht nur im Interesse dieser Spieler, sondern vor allem auch des eigenen Vereins.

Auf eine erfolgreiche grün-weiße Saison ohne Buhrufe gegen eigene Spieler!

Mesut Özil – Das Bremer Missverständnis 23

Gepostet am 21. July 2010 von Tobias (Meine Saison)

Um keinen anderen Spieler wird in dieser Sommerpause im Umfeld von Werder Bremen so viel diskutiert, wie um Mesut Özil. Nach einer starken WM, bei der er nach Ansicht vieler Experten zu den besten Spielern gehörte, scheinen seine Tage bei Werder gezählt. Die Reaktionen der Fans auf die seit Monaten andauernden Gerüchte reichen von Unverständnis über Empörung bis hin zu blankem Hass. Vereinzelt gibt es jedoch auch Verständnis für den Nationalspieler, dessen Vertrag bei Werder noch bis 2011 läuft. Für mich zeigt sich in den Diskussionen eine Reihe von Missverständnissen über den Spieler Mesut Özil:

1. Özil ist gar nicht so gut, wie er gemacht wird.

Es gibt zwei Dinge, an denen die angebliche Überbewertung des Spielers Özil festgemacht wird:

“In wichtigen Spielen taucht Özil unter!”

Gern genannte Beispiele sind das UEFA-Cup Finale 2009, das Pokalfinale 2010 und das WM-Halbfinale gegen Spanien. In diesen Spielen kam Özil nicht so zur Geltung, wie man es von einem Weltklassespieler erwarten würde. Ganz davon abgesehen, dass kaum ein Spieler (inkl. Weltfußballer Messi) ohne Leistungsschwankungen auskommt, kann dieses Argument nicht völlig von der Hand gewiesen werden. Allerdings zeigen einige andere Beispiele, dass es sich hierbei wohl eher um normale Leistungsschwankungen eines jungen Spielers handelt, als um ein generelles Problem mit der großen Fußballbühne. Nach dem enttäuschenden UEFA-Cup Finale im letzten Jahr schoss Özil das Siegtor im Pokalfinale und war beim Finale der U21-EM der Man of the Match. In der abgelaufenen Saison bot er im vorentscheidenden Spiel um den 3. Platz gegen Schalke eine herausragende Leistung und auch auf der vermeintlich größten Bühne, bei der Weltmeisterschaft, präsentierte er sich von seiner besten Seite. An diesen letzten Halbsatz schließt sich das zweite Argument an:

“Özils Leistung bei der WM wird überbewertet!”

Gerade vor ein paar Tagen erst wieder gehört: Özil habe pro Spiel nur 2-3 gute Szenen gehabt und sich ansonsten versteckt. Dieses Argument beruht meiner Ansicht nach auf einem Missverständnis. Özil spielt auf der Spielmacherposition und wird deshalb als “echter 10er” angesehen. Özils Spielweise unterscheidet sich jedoch deutlich von der “klassischer” Spielmacher. Gerade für deutsche Verhältnisse – unser größtes Mysterium der letzten Jahre war die Frage, ob Michael Ballack nun 6er, 8er oder 10er ist – ist Özil ein höchst ungewöhnlicher Spieler. Er spielt sehr offensiv, meistens auf der Höhe eines zurückhängenden Stürmers, und holt sich nur wenige Bälle an der eigenen Mittellinie ab. Während bspw. Bastian Schweinsteiger aufblühte, als er nach hinten versetzt wurde und das Spiel endlich vor sich hatte, geht Özil den entgegengesetzten Weg. Er sucht in erster Linie nicht den Ball, sondern den freien Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners. Dadurch ist er für gegnerische Defensivabteilungen schwer zu greifen und schafft Räume für seine Mitspieler indem er Verteidiger aus der Viererkette lockt bzw. einen defensiven Mittelfeldspieler weit nach hinten zieht. Am Ball ist Özil gut, jedoch (noch) nicht auf allerhöchstem Niveau – ohne Ball ist er herausragend. Ähnlich wie Thomas Müller hat Özil ein extrem gutes Gefühl für Spielsituationen und Lücken, wobei Müller durch seine Torgefahr noch mehr auffällt. Bei der WM haben beide sehr voneinander profitiert, was vielleicht auch ein Grund für Özils mangelndes Durchsetzungsvermögen gegen Spaniens Sergio Busquets war.

2. Für Özils Entwicklung wären 1-2 weitere Jahre bei Werder am besten.

Als Mesut Özil von Schalke zu Werder wechselte, war er 19 Jahre alt und galt als einer der talentiertesten deutschen Mittelfeldspieler. In seinen inzwischen 2 1/2 Jahren an der Weser hat er sich weiterentwickelt, den Status des “Talents” spätestens in der abgelaufenen Saison überwunden und gehört mittlerweile zu den besten Mittelfeldspielern der Bundesliga. Seine Leistungen sind teilweise überragend, doch es fehlt noch an der Konstanz, die für die absolute Weltspitze nötig ist. Es gibt gute Argumente, die für einen Verbleib bei Werder für zumindest eine weitere Saison sprechen: Hier hat er ein ruhiges Umfeld und einen Trainer, der auf ihn baut. Dazu winkt in der kommenden Saison eine Champions League Teilnahme. Der Kader wäre bei Özils Verbleib ebenfalls stärker einzuschätzen. Bei einem Wechsel zu einem großen Verein hätte er stärkere Konkurrenz. Zudem würde der Druck um ein Vielfaches anwachsen. Allerdings ist es genau dieser Konkurrenzdruck, der Spieler auch weiterbringen kann. Wenn das Potential für die ganz großen Vereine reicht, wird kaum ein Spieler allzu lange für Werder zu halten sein. Die warnenden Beispiele der ehemaligen Werderspieler, die sich nach einem Wechsel nicht durchgesetzt haben, sind hier nur bedingt als Argument tauglich. Letztlich liegt es am Spieler selbst und an dessen Potential, sich auf höchstem Niveau zu beweisen. Vielleicht wird Özil daran scheitern, doch eine pauschale Aussage, dass er sich bei Werder besser weiterentwickeln kann, ist mehr Wunschdenken als erwiesene Tatsache.

Dazu kommen die Anfeindungen, die Özil schon jetzt entgegengebracht werden. Solange er keinen neuen Vertrag bei Werder unterzeichnet, wird er in der Fankurve kaum seinen schlechten Ruf verbessern können. Sollte Özil in ein Leistungsloch fallen, wie vor drei Jahren Miroslav Klose, würde er vermutlich starker Kritik ausgesetzt sein. Dies widerspricht den oben getroffenen Aussagen über das ruhige Umfeld bei Werder. Wenn die Leistung nicht stimmt, droht Özil bei Werder ein Spießrutenlauf, der seiner Entwicklung sicher nicht besser täte, als ein Platz auf der Bank des FC Barcelona.

3. Özil und sein Berater sind geldgeil

Diese Auffassung wurde geschürt durch die Kampagne, die von Özils ehemaligem Arbeitgeber nach einer erfolglosen Vertragsverlängerung betrieben wurde. Özil und sein Berater hätten absurde Forderungen gestellt, so der Grundtenor. Auch in diesem Jahr erweisen sich die Beiden als schwierige Verhandlungspartner. Der Hintergrund: Bei einer Vertragsverlängerung würden die zu erwartenden Transfererlöse bei einem Verkauf des Spielers steigen. Je geringer die Ablösesumme, desto größer die Chance auf ein hohes Handgeld für den Spieler. Bei einem ablösefreien Wechsel nach Vertragsende könnte Özil daher einen sehr hohen Betrag als Handgeld kassieren. Diese Spekulation auf einen höchstmöglichen Profit wird Özil und seinem Berater übel genommen. Sicherlich gibt es auch Spieler, die in dieser Situation anders handeln würden, doch grundsätzlich versuchen im Profifußball beide Vertragsparteien das bestmögliche für sich selbst herauszuholen. Allerdings zeigte gerade Özils Wechsel zu Werder, dass Geld nicht das alleinige Entscheidungkriterium für ihn ist. Das Argument der Fixiertheit auf den persönlichen Profit kann trotzdem nicht entkräftet werden.

Interessant wird es jedoch, wenn es zur Profitorientierung der Kritiker selbst kommt. Die Forderung den Spieler jetzt schnell möglichst teuer zu verkaufen passt nicht unbedingt zur vorangegangenen Kritik an Özil. Die Tatsache, dass Spieler von vielen Fans als freibewegliches Handelsgut angesehen werden, wird dabei gerne ausgeblendet. Einerseits wünscht man sich eine tiefe Verbundenheit der Spieler zum eigenen Verein, andererseits würde man die meisten Spieler persönlich zum Flughafen bringen, wenn denn die Ablöse stimmt. Das Profigeschäft führt immer wieder zu solchen Widersprüchen zwischen materiellem Denken und romantischer Vereinstreue. Es ist legitim, Fußballspieler für diese Einstellung zu kritisieren, doch dann sollte es sich generell gegen die Zustände im Profifußball richten und nicht selektiv gegen einzelne Spieler. Marko Marin und Per Mertesacker sind schließlich auch nicht ganz ohne finanzielle Anreize nach Bremen gekommen.

4. Özil ist undankbar und hat einen schlechten Charakter

Ex-Werderspieler Diego verlängerte im Herbst 2007 seinem Wechsel seinen Vertrag bei Werder um weitere 12 Monate bis 2011. Dafür gab Werder dem Spieler ein Versprechen, ihn bei einem vernünftigen Angebot im Sommer 2009 gehen zu lassen. Die von vielen Werderfans als zu niedrig empfundene Ablösesumme ist auch Resultat dieser Vereinbarung. Mit Mesut Özil wurde dem Vernehmen nach ein ähnlicher Deal angestrebt: Eine Vertragsverlängerung mit deutlicher Gehaltsaufbesserung und der Aussicht auf einen problemlosen Wechsel bei entsprechenden Angeboten. Anders als Diego, dessen Vertrag ohnehin noch drei Jahre lief, ist Özil in einer ganz anderen Position. In einem Jahr kann er ablösefrei wechseln und das entgangene höhere Gehalt, das er bei einer Verlängerung bekäme, würde durch eine hohe Handgeldzahlung mehr als kompensiert. Verkauft ihn Werder dagegen schon in diesem Sommer, winkt bei einem anderen Verein schon jetzt ein höher dotierter Vertrag als er ihn bei Werder je bekommen könnte. Der Anreiz für eine Vertragsverlängerung ist also recht gering, wenn man nicht von einem langfristigen Verbleib bei Werder ausgeht.

Dennoch könnte Özil mit einer solchen Geste seinem Verein einen Gefallen tun, was bei Diegos Verlängerung sicherlich mit ausschlaggebend war. Dieses Vorgehen ist jedoch nicht alltäglich und kann nicht bei jedem Spieler vorausgesetzt werden. Werder hat sich in der Vergangenheit meistens sehr fair gegenüber den eigenen Spielern verhalten und auslaufende Verträge von verletzten (Kristian Lisztes) oder kranken Spielern (Ivan Klasnic) verlängert. Andererseits hat Mesut Özil öffentlich niemals gesagt, dass er seine Zukunft bei Werder sieht. Von daher wäre ein Verzicht auf einen neuen Vertrag konsequent und ehrlich. Zumal von Seiten vieler Fans auch das gegenteilige Verhalten bei Spielern kritisiert wird. Würde Özil Werder die Treue schwören und dann doch in einem Jahr wechseln, würde er als Verräter bezeichnet. In dieser Hinsicht kann man ihm nichts vorwerfen, denn er hat nie solche Äußerungen gemacht, auf die man ihn jetzt festnageln könnte. Interessant in dieser Hinsicht: Erfüllt ein Spieler seinen Vertrag ohne die von den Zuschauern gewünschte Leistung zu bringen, wird er ebenfalls schnell als Abzocker verschrien. Aus diesem Grund ist es auch absurd Klaus Allofs vorzuwerfen, er hätte Özils Vertrag schon vor über einem Jahr verlängern sollen. Werders momentane Probleme auf dem Transfermarkt kommen eher von Spielern, die der Verein abgeben will, aber aufgrund hoch dotierter Verträge nicht so einfach los wird.

Alle genannten Gründe führen zu einem schlechten Gesamtbild des Spielers und des Menschen Mesut Özil. Zwar teilen keinesfalls alle Fans diese negative Meinung, doch die allgemeine Stimmung scheint bereits in diese Richtung gekippt zu sein. Ob sich diese Entwicklung im Fall eines Verbleibs in diesem Sommer noch rückgängig machen lässt, darf bezweifelt werden. Von daher stellt sich auch die Frage, inwiefern Spieler und Verein in der kommenden Saison noch voneinander profitieren können. Daher deutet vieles auf einen Abschied hin. Ein Abschied, der beim introvertierten und verschlossenen Özil weniger emotional ausfallen dürfte als bei Publikumslieblingen wie Diego oder Ailton, der jedoch trotzdem schmerzen würde. Denn eines scheint sicher: Özil wird seinen besten Fußball nicht im Werdertrikot gespielt haben.

WM 2010: Deutschland – Serbien 3

Gepostet am 18. June 2010 von Tobias (Meine Saison)

Deutschland – Serbien 0:1

Eine Niederlage gegen Serbien und man fragt sich warum. Waren die Serben jetzt wirklich so stark? Abgesehen von einer guten defensiven Organisation und dem naheliegenden Wechsel zu einer 4-5-1-Formation habe ich nicht viel Beeindruckendes gesehen auf Seiten des Gegners. Zigic ist durch seine Größe eine imposante Erscheinung und sorgte auch einige Male im Spiel für Gefahr (zumal wiederholt gegen Lahm im Kopfballduell!!!). Ansonsten klemmte es mächtig im Offensivspiel der Serben. Dass Badstuber gegen einen wuseligen Außenspieler Probleme bekommen würde, war schon vor der WM klar. Er bekam Krasic nicht in den Griff, was ich eher auf seine Unzulänglichkeiten, denn auf eine herausragende Leistung des Serben zurückführe. Einiges hätte hier für eine Einwechslung Aogos gesprochen.

Deutschland hatte die eigene Defensive bis zum Platzverweis ebenso gut im Griff, war nach vorne aktiver, tat sich aber enorm schwer, gegen die drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler Durchschlagkraft zu entwickeln. Der Schiedsrichter trug mit seiner kleinlichen Linie und seinen unsinnigen Verwarnungen dazu bei, das eigentlich faire Spiel in eine unschöne Richtung zu lenken. Die gelb-rote Karte gegen Klose war meiner Meinung nach deutlich zu hart, vor allem die erste Gelbe ein schlechter Witz. Ein erfahrener Spieler sollte sich vielleicht besser im Griff haben, wenn er schon verwarnt ist, aber wie soll die Lehre bei solch einem Schiedsrichter aussehen? Bloß den Zweikampf meiden, damit es mich nicht erwischt? Etwas weiter gedacht, können die gelben Karten für das Achtelfinale – sofern man es erreicht – bitter werden. Im Alles-oder-nichts-Spiel gegen Ghana könnte man sich leicht eine weitere Gelbe und damit ein Spiel Sperre einfangen. Auch wenn der Platzverweis das Spiel zweifellos entscheidend beeinflusst hat, gab es für das deutsche Team genügend Möglichkeiten, mehr aus dem Spiel herauszuholen.

Beim 10 gegen 11 hielt Löw lange an der ursprünglichen Formation fest, mit Özil an vorderster Front und den Flügelspielern Müller und Podolski, die bei Ballbesitz die diagonalen Wege in die Spitze suchen sollten. Damit entging Özil zwar etwas der direkten Bewachung durch Stankovic, was sich in einer auffälligeren Leistung in Halbzeit 2 bemerkbar machte, doch es fehlten die Anspielstationen vor ihm. Lediglich Podolski zog mit seinen Sprints immer wieder an Ivanovic vorbei Richtung Strafraum und hatte so Anteil an Özils beiden besten Szenen um die 60. Minute herum. Leider zeigte sich Podolski nicht sonderlich zielsicher und verfehlte mit seinen Abschlüssen ein ums andere Mal das Tor. Der einzige Schuss, der das Ziel traf, war der Elfmeter, der leider weder hart geschossen noch sonderlich schwer für den Torhüter zu erahnen war. Die Enttäuschung war ihm im weiteren Spielverlauf deutlich anzumerken.

Umso ratloser machen mich daher Löws Auswechslungen. Anstatt spätestens jetzt auf 4-3-2 umzustellen, beließ es Löw beim 4-2-3/4-4-1-System und brachte Cacau für Özil.* Damit war der Spieler, der die durchstartenden Flügelspieler mit Abstand am besten in Szene setzen kann, draußen und das Kreativspiel weitgehend eingestellt. Özil hatte nicht annähernd so viele lichte Momente, wie gegen Australien, aber in seiner Position kann man das gegen gut organisierte Gegner auch nicht erwarten. Der lange Flachpass auf Podolski war die beste deutsche Offensivaktion und der kam von Özil. Im Nachhinein ist man natürlich immer schlauer und zu der taktisch fragwürdigen Entscheidung kamen ein Totalausfall von Cacau und viel zu wenige Läufe zur Grundlinie des eingewechselten Marin hinzu. Die späte Umstellung auf eine Dreierkette hinten und Gomez Einwechslung für Badstuber konnten am Ende auch nichts mehr bewirken, zumal sich Marin und Podolski links auf den Füßen standen, während rechts Lahm allein auf weiter Feld und Flur war.

Was nimmt man aus dieser Niederlage mit? Zum Glück kam sie im zweiten Spiel, wo man noch Lehren aus ziehen kann und nicht schon im Flieger nach Hause sitzt. Zum einen weiß man spätestens jetzt, wie taktisch naiv Australien agiert hat und dass dies sicher keinem weiteren Gegner bei diesem Turnier passieren wird. Offensiv hat Deutschland vieles gut gemacht, Podolski hat gute Laufwege, muss seine Abschlüsse aber aufs Tor bringen. Das Turnier hat gezeigt, dass auch vermeintlich haltbare Bälle die Torhüter vor Probleme stellen. Özil wird wenig Platz bekommen, was die Rolle von Sami Khedira als Verbindungsmann zwischen Defensive und Offensive aufwertet. Mit seinen Vorstößen kann er für Überraschungsmomente sorgen und vielleicht auch Özil den nötigen Raum (und damit die nötige Zeit) verschaffen, damit dieser sich drehen und den entscheidenden Pass spielen kann. In Kloses Abwesenheit gegen Ghana muss sich zudem Cacau im Vergleich zu heute deutlich steigern, dann behält er den Platz vielleicht bis zum Ende der WM.

Ein wirklicher Test für die deutsche Defensive steht noch an, da war auch Serbien kein Gradmesser. Auch wenn das Turnier bislang keine Sternstunde des Angriffsfußballs war, werden im Laufe des Turniers noch Gegner kommen, die sich in der Offensive nicht nur auf die (Körper-)Größe ihres Mittelstürmers und die Schwäche des gegnerischen linken Verteidigers verlassen. Zunächst ist es jedoch erst einmal wichtig, das Weiterkommen gegen Ghana sicherzustellen. Dafür reicht vermutlich ein Unentschieden, mit einem Sieg sollte man mit großer Wahrscheinlichkeit Gruppensieger werden. Ghana ist entgegen des europäischen Klischees eine disziplinierte und taktisch hervorragend eingestellte Mannschaft. Falls Ghana morgen keinen Kantersieg gegen Australien herausschießt, werden sie gegen Deutschlanf einen Sieg brauchen, um weiterzukommen. Das sollte den Deutschen in die Hände spielen. Allerdings hatte man das vor dem Spiel gegen Serbien auch gedacht.

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*Ich hätte es bevorzugt, wenn Özil auf seiner Position als offensiver Mittelfeldspieler geblieben wäre, und dafür Podolski und Müller in etwas zentralere und offensivere Positionen gerückt wären. Die zusätzliche Laufarbeit bei Vorstößen der  gegnerischen Außenverteidiger hätte ich den beiden zugetraut (bzw. sie hätte ggf. später durch Auswechslungen aufgefangen werden können). Dafür hätte man im Angriffsspiel mehr Präsenz gezeigt und die Viererkette der Serben richtig unter Druck setzen können. Zudem wäre man im Mittelfeld nicht in Unterzahl geraten und hätte so Schweinsteiger und Khedira den Spielaufbau erleichtert. Das ist allerdings keinesfalls als Generalkritik an Löw zu verstehen, denn hinterher und vor dem Fernseher analysiert sich ein Spiel immer leichter, als in der Hitze des Gefechts.

Update: Bin offenbar nicht der Einzige, der dass so sieht.

Finalfieber: Die Schlüsselduelle 6

Gepostet am 13. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

Nachdem der Fokus gestern auf den möglichen taktischen Formationen lag, schauen wir uns heute die direkten Duelle der Partie an. Es gibt für mich drei Schlüsselduelle, die im wesentlichen den Ausgang dieses Spiels beeinflussen werden:

Petri Pasanen vs. Arjen Robben

Die rechte Seite mit Lahm und Robben ist das Prunkstück der Bayern. Robben ist seit seiner Ankunft zu Saisonbeginn der Star bei den Bayern. Nach ein paar gesundheitlichen Problemen ist er der Mann für die entscheidenden Spielsituationen und hat mit einem grandiosen Solo für den Finaleinzug gegen Schalke gesorgt. Mit 16 Saisontoren war er als nominell rechter Mittelfeldspieler genau so erfolgreich, wie Werders Claudio Pizarro. Robbens Torgefahr geht von seinem starken linken Fuß aus. Er zieht von der Außenbahn nach innen, verwendet dabei fast immer den gleichen Trick, der erstaunlicherweise jedes Mal wieder funktioniert. Beim Torabschluss hat er aus dieser Position alle Möglichkeiten und die nötige Schusstechnik, diese auch auszuschöpfen.

Petri Pasanen ist ein erfahrener, routinierter und abgeklärter Spieler. Er hat es in seinen fünf Jahren bei Werder nicht längerfristig zum Stammspieler geschafft, kommt aufgrund seiner vielseitigen Einsetzbarkeit und Verlässlichkeit jedoch regelmäßig zu seinen Einsätzen. In der Rückrunde kam er nach Boenischs Verletzung und Abdennours Wacklern in die Startformation und spielt seit dem einen soliden Part auf der linken Seite der Viererkette. Pasanen ist kein gelernter linker Verteidiger, ist im Spiel nach vorne limitiert und hat als Rechtsfuß auch wenige Optionen beim flanken. Er ist nicht der schnellste, geht auch deshalb wenige Risiken nach vorne ein und verfügt über ein starkes Stellungsspiel.

Auf dem Papier ist Arjen Robben durch seine Technik und Schnelligkeit in diesem Duell klar überlegen. Pasanen hat jedoch einen wichtigen Vorteil: Als Rechtsfuß fällt es ihm leichter, Robben an seinen Sololäufen in die Mitte zu hindern. Er lässt sich nicht auf Spielereien ein und beschränkt sich auf das Wesentliche. Sicherlich wird Pasanen die von Robben ausgehende Gefahr nicht komplett neutralisieren können, doch wenn er einen guten Tag hat, kann er sie vielleicht so weit eindämmen, dass Robben wesentlich weniger Chancen bekommt, als im letzten Aufeinandertreffen der Mannschaften, wo Robben dem überforderten Abdennour Knoten in die Beine dribbelte.

Torsten Frings vs. Thomas Müller

Thomas Müller ist der Shooting-Star der Saison beim Rekordmeister. Er zeigt für einen so jungen Spieler eine ungewöhnliche Abgeklärtheit und nutzt den Platz zwischen Viererkette und Mittelfeld des Gegners clever aus. Er ist weder ein richtiger Stürmer, noch ein Mittelfeldspieler und so für seine Gegenspieler schwer auszurechnen. Im Gegensatz zu Werders jungen Offensivspielern bewegt sich Müller auch bei Ballbesitz des Gegners sehr gut, stellt Passwege zu und setzt die defensiven Mittelfeldspieler unter Druck. Dazu ist er ein guter Vollstrecker, der vor dem Tor die Übersicht behält. Diese außergewöhnliche Kombination hat ihn nicht nur bei den Bayern trotz starker Konkurrenz zum unumstrittenen Stammspieler gemacht, sondern auch zu einem Platz im WM-Kader von Joachim Löw verholfen.

Torsten Frings wurde von vielen schon zum alten Eisen gezählt. Nach einer insgesamt schwachen Vorsaison bekam der Bremer Kapitän seine neue Rolle als Baumann-Nachfolger immer besser in den Griff. Im Winter sortierte ihn Löw endgültig aus dem Kreis der Nationalmannschaft aus und Frings reagierte endlich mit der lange erhofften Leistungssteigerung. In der Schlussphase der Saison erreichte Frings seine Topform und zählt so wieder zu den besten defensiven Mittelfeldspielern der Liga. Mit dem starken Newcomer Bargfrede an seiner Seite prägt er den Spielaufbau seiner Mannschaft und hat auch zum sicheren und überlegten Passspiel zurückgefunden. Daneben machen ihn seine Zweikampfstärke und sein nie enden wollender Kampfgeist für das Team äußerst wertvoll.

In der Grundformation treffen Frings und Müller nicht unmittelbar aufeinander. Zwar wird Frings sicher den einen oder anderen Zweikampf mit Müller suchen, wenn dieser sich zurückfallen lässt, doch in erster Linie werden sie es wohl bei Ballbesitz des Bremer Kapitäns miteinander zu tun bekommen. Frings größte Schwäche ist das schnelle Kombinationsspiel. Er nimmt die Bälle, die von den Innenverteidigern zu ihm geleitet werden, in der Regel erst an, schaut sich um und leitet sie erst dann weiter. Wird er sofort unter Druck gesetzt, geht er schon mal ins Dribbling oder versucht, einen Freistoß herauszuholen. Darunter leidet dann Werders Aufbauspiel. Thomas Müller hat genau hier seine Stärke. Frings ist daher auf seinen Nebenmann Phillipp Bargfrede angewiesen, der ihn entlasten und so die Gefahr durch Müllers frühes Stören abmildern kann.

Mesut Özil vs. Mark Van Bommel

Mark Van Bommel gilt bei den gegnerischen Fans vor allem als unfairer Spieler, der gerne mal über die Strenge schlägt. Es lässt sich schwer abstreiten, dass seine Spielweise hart ist und die Grenzen des Fair Plays mitunter überschreitet. Dazu ist er auch sehr geschickt darin, gegnerischen Spielern zu Karten zu “verhelfen”. Es wäre jedoch sehr kurz gedacht, ihn auf diese Eigenschaften zu beschränken. Ähnlich wie Frings bei Werder ist Van Bommel ein unermüdlicher Antreiber, der nie aufgibt und seiner Mannschaft als gutes Vorbild voran geht. Mit Schweinsteiger hat er nun wieder einen spielstarken Nebenmann, der seine Mankos in der Offensive überdeckt. In Van Gaals System muss er das Spiel nicht gestalten, sondern die Bälle in erster Linie auf die Außenpositionen verteilen. In der Defensive kommen seine Stärken dagegen voll zum Vorschein. Als Ausputzer vor der Viererkette spielt er seine vielleicht beste Saison bei den Bayern und macht seinen Gegenspielern das Leben schwer.

Mesut Özil trat in der Hinrunde endgültig aus Diegos Schatten. Gemeinsam mit Marin und Hunt machte er den brasilianischen Spielmacher vergessen. Seine brillante Technik und die Fähigkeit, den entscheidenden Pass in die Spitze zu spielen, machten ihn auch zum Hoffnungsträger der Nationalmannschaft. Dazu zeigte er sich auch im Torabschluss verbessert und traf regelmäßig selbst. Im Winter folgte dann jedoch ein Leistungseinbruch, der wahlweise auf sein Privatleben, die andauernden Vertragsverhandlungen oder seine körperliche Fitness geschoben wurde. Thomas Schaaf hielt jedoch an seinem Spiegestalter fest, gönnte ihm einige frühe Auswechslungen und hat so großen Anteil daran, dass Özil nun schon seit einigen Monaten aufsteigende Form zeigt. Zum Saisonende wirkt er wieder so dominant, wie über weite Strecken der Hinrunde und könnte im Pokalfinale wieder zum entscheidenden Mann werden.

Özil lässt sich noch zu leicht die Spielfreude nehmen, wenn seine Gegenspieler ihm wenig Freiräume lassen und er kaum Ballbesitz hat. Gegen Schalke zeigte er jedoch, dass er dazugelernt hat und auch auf seine Chance warten kann, ohne das nötige Selbstvertrauen zu verlieren. Die hängenden Schultern, die seine Resignation signalisieren, sind seltener geworden. Gegen die Bayern könnte er den nächsten Schritt in diese Richtung machen. Der Defensivverbund aus Van Bommel und Schweinsteiger ist der beste der Liga und wird ihm alles abverlangen. Besonders der Niederländer wird ihn mit allen legalen und halblegalen Mitteln bearbeiten, um ihm die Lust am Fußballspielen zu nehmen. Kann Özil diesem Druck standhalten?

Selbstverständlich gibt es daneben noch weitere Duelle, die das Spiel entscheiden könnten, vor allem, wenn die oben genannten keine klaren Sieger aufweisen. Olic bereitet Mertesacker schon seit Jahren Kopfschmerzen, Pizarro und Almeida sind im Verbund nur schwer zu stoppen und dann gibt es ja auch noch Ribery, der in seinem einzigen Finale sicher groß aufspielen will. Und nicht zuletzt hätten wir dann noch das Torhüterduell: Auf der einen Seite Jogi Löws neue Nummer 3 – und auf der anderen Seite Jörg Butt…

Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher 6

Gepostet am 26. February 2010 von Tobias (Meine Saison)

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

Werder muss gewonn! 3

Gepostet am 21. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Am Samstag steigt im Bremer Weserstadion der sogenannte “Nord-Süd-Schlager” und er steigt unter ungewöhnlichen Voraussetzungen. Normalerweise sind wir es von den Bayern gewohnt, dass reichlich Nebengeräusche in den Medien mitklingen, bevor ein solches Spiel stattfindet und vor gar nicht langer Zeit wäre es auch noch so gewesen: Im November 2009 verzauberte Werder die Liga und beim Rekordmeister stand Trainer Louis Van Gaal mächtig in der Kritik. Dieser Tage stehen die Bayern zwar noch immer nicht da, wo sie hinwollen, doch sie haben eine – aus Bremer Sicht zwar kurze, aber dennoch beeindruckende – Siegesserie hingelegt. Es waren zwar bis auf Juventus Turin (an jenem Abend grottenschlecht) und mit Abstrichen Hoffenheim keine wirklich starken Gegner dabei, aber trotzdem sind die Münchner beständig in der Tabelle nach oben geklettert. Dazu kommt mit Ribery der Star der vergangenen beiden Jahre zurück in den Kader. Muss Werder Angst und Bange werden?

Vielleicht, doch das liegt nicht in erster Linie an der Stärke der Bayern, die erst noch beweisen müssen, dass sie wirklich schon so gut sind, wie sie momentan in jedes sich bietende Mikrofon diktieren. Werder muss vor allem Angst vor sich selbst haben. Angst vor dem Schlendrian, der in den letzten beiden Monaten in die Mannschaft Einzug erhalten hat und aus dem Titelaspiranten eine ziemlich biedere Durchschnittsmannschaft machte. Angst davor, dass sich das Theater um Mesut Özil in den Medien noch weiter verselbständigt und jede schlechte Leistung des Nationalspielers mit dessen Vertragspoker in Verbindung bringt. Angst vor der Abhängigkeit von Claudio Pizarro, der im Angriff weiterhin unersetzlich ist und selbst mit einer deutlich sichtbaren Verletzung besser spielt als seine Ersatzleute. Angst vor den alten Fehlern in der Abwehr, wo die mannschaftliche Geschlossenheit inzwischen ebenso fehlt wie in der Offensive. Angst vor einer erneuten Saison im Mittelmaß der Liga, die nur mit viel Willen und Glück erneut durch Erfolge in den Pokalwettbewerben wettgemacht werden könnte.

All das kann die Mannschaft auf dem Platz lähmen oder zu einer Höchstleistung gegen die Bayern anspornen. Vielleicht spielt es auch gar keine große Rolle, doch je nach Ergebnis wird es entsprechend interpretiert. Das trägt natürlich immer mehr dazu bei, dass sich die Prophezeiung selbst erfüllt. Herr Özil, wie sehr belastet sie die aktuelle Situation? Herr Frings, haben sie die Nichtnominierung durch den Bundestrainer verarbeitet? Natürlich machen sich die Spieler erst Recht darüber Gedanken, wenn sie zwölf mal am Tag danach gefragt werden. Objektiv gesehen könnte Özils Situation kaum besser sein, er hat schließlich viele Optionen für seine Zukunft, von denen keine ganz schlecht sein wird. Auch Torsten Frings dürfte die Ausbootung durch Joachim Löw eher als zusätzlichen Ansporn sehen, denn sein langsamer Abschied aus der Nationalelf hatte sich über 18 Monate mehr als nur angedeutet. Thomas Schaaf hat die Mannschaft den Spielern zufolge unter der Woche hart rangenommen. Nun wird es Zeit, auch den Gegner mal wieder hart ranzunehmen und damit meine ich keinesfalls eine unfaire Spielweise.

In der Hinrunde hat Werder im Spiel gegen die Bayern den ersten Schritt zur langen Serie ohne Niederlage getan. Es sah damals noch sehr nach harter Arbeit aus und längst nicht so leichtfüßig, wie die Spiele im Herbst. Will man in der Rückrunde wieder zu dieser Leichtigkeit und dem tollen Angriffsfußball zurückkehren, muss zuerst die harte Arbeit erledigt werden. Es geht nur auf diese Weise, das weiß Thomas Schaaf und das wissen inzwischen auch die Spieler. Ob sie es umsetzen können bleibt abzuwarten. Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht, wie man denken könnte: Es soll schneien, Werder ist in der Außenseiterrolle und unser Lieblingsmaskottchen Ailton ist im Stadion. Musse mache gut Spiel un Feue mache mit Mannschaft! Ach, Toni…

18. Spieltag: Und jährlich grüßt das Murmeltier 7

Gepostet am 17. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Frankfurt – Werder 1:0

Und jährlich grüßt das Murmeltier. Ein großes, schläfriges Murmeltier namens Werder Bremen. Zum dritten Mal in Folge vergeigt es den Rückrundenauftakt mit einer katastrophal schlechten Vorstellung gegen einen bestenfalls mittelmäßigen Gegner.

Gegen Frankfurt kann man mal verlieren. Man sollte nicht – gegen eine Mannschaft, in der Maik Franz spielt, sollte man nie verlieren – aber man kann. Aber doch bitte nicht zweimal in einer Saison! Zweimal auf diese Weise! Werder zeigte kaum Gegenwehr, kaum ein Aufbäumen, kaum Laufbereitschaft. Das Spiel war wahrlich nicht schnell und das lag in erster Linie daran, dass Werder es nicht schnell machte. Den Frankfurtern spielte das natürlich in die Hände, die konnten hinten relativ leicht die Räume eng machen und in der Mitte waren sie bis zu Pizarros Einwechslung keinerlei Gefahr ausgesetzt. Ein Sturmduo Marin/Rosenberg kann Erfolg haben, wenn man gegen einen offensiven Gegner spielt, aber nicht gegen einen Gegner, der bestens damit leben kann, Werder den Ball zu überlassen und dann mit Kontern den Garaus zu machen. Rosenberg spielt nun seit einem guten Jahr völlig unter Form und darf trotzdem von Anfang an ran? Der Handlungsbedarf im Angriff hätte nicht deutlicher gemacht werden können. Es hatte fast etwas anklagendes, so als wollte Thomas Schaaf sagen: Schau her, Klaus, das ist das beste, was ich aufbieten kann.

Ist gestern jemandem aufgefallen, wie sich Werders Spielweise geändert hat, als Pizarro ins Spiel kam? Auf einmal wagte man direkte und hohe Anspiele an den Strafraum, aus dem ersten wäre beinahe das 1:1 gefallen. Diese Abhängigkeit von einem einzigen Spieler ist gefährlich, Pizarro nicht mehr der jüngste. Verletzungspausen muss man also einkalkulieren und dann zeigt sich, dass Klasse wichtiger ist als Masse. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest Moreno und Vranjes noch abgegeben werden können und das Geld in einen Mittelstürmer investiert wird. Die Verpflichtung Abdennours halte ich aus heutiger Sicht für richtig. Es bestand definitiv Bedarf auf der linken Seite und gute Ansätze waren trotz einer durchwachsenen Leistung erkennbar.

Es wäre jedoch falsch, die Bremer Niederlage nur an einem nicht vorhandenen Stürmer festzumachen. Die Leistung der Mannschaft war insgesamt völlig inakzeptabel. Allen voran wirkte Mesut Özil, als wäre er mit dem Kopf überall, nur nicht auf dem Platz. In dieser Form wäre er nicht mal für Arminia Bielefeld interessant. Solche Spieler sind besonders wertvoll für ein Team: Unter der Woche groß von den eigenen Ansprüchen auf die Champions League sprechen und dann so eine Leistung? Große Klasse, Mesut. Wenn es unter deinem Niveau ist, den Verein, der dich zum Nationalspieler gemacht hat, in die Champions League zu schießen, dann halt bitte einfach die Klappe und geh im Sommer wohin du auch immer möchtest!

Was bleibt zu hoffen? Bitte kein Wort mehr von Meisterschaft und Champions League! Eine Woche lang konzentrieren und dann mit vollem Einsatz gegen die Bayern. In der Hinrunde hat man nach der Niederlage gegen Frankfurt die Kurve gekriegt. In dieser Rückrunde mag ich daran nicht glauben, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.

6. Spieltag: Einfallslose Zufriedenheit 0

Gepostet am 21. September 2009 von Tobias (Meine Saison)

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 0:0

Sechs Spiele, neun Punkte, Platz acht. Klingt so das Mittelmaß?

Ja, denn Werder tritt auf der Stelle. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Werder rutscht in der Tabelle nach unten. Hinter Mainz. Hinter Hoffenheim. Doch was sagt so eine Tabelle nach sechs Spieltagen schon aus?  Immerhin hat man ein Auswärtsspiel beim Tabellenzweiten relativ schadlos überstanden. Für höhere Ansprüche fehlt Werder momentan die Klasse. Ohne Özil fehlt zudem die zündende Idee.

Klingt so das Mittelmaß?

Nein, denn Werder behielt gegen einen offensivstarken Gegner in dessen Stadion über weite Strecken die Spielkontrolle, ließ wenige Chancen zu und spielte in Halbzeit eins nach einem holprigen Start auch mutig nach vorne. Dies veranlasste Jupp Heynckes in der Pause zu einem Systemwechsel. Er nahm den bindungslosen Gekas heraus und brachte mit Bender einen weiteren (offensiven) Mittelfeldspieler. Dies brachte Bayer in der zweiten Halbzeit höhere Spielanteile und auch einige Chancen, die der aufmerksame Wiese jedoch allesamt vereilten konnte.

Am Ende steht ein 0:0 auf das sich beide Mannschaften irgendwann im Laufe der zweiten Hälfte geeinigt zu haben schienen. Für den Werderfan ungewohnt. Schaaf wechselte nur vorsichtig, brachte für Marin einen zweiten “richtigen” Stürmer, den wiedergenesenen Markus Rosenberg. Damit hatte es sich mit den Auswechslungen auch schon erledigt und Werder verwaltete das 0:0 über die Zeit, ohne einen Versuch zu starten, den Gegner in der Schlussphase noch zu überrennen. Pragmatismus statt bedingungsloser Offensive nach dem Auswärtsspiel in der Europa League. Daran wird man sich vermutlich gewöhnen müssen, gerade wenn es gegen die deutschen Topmannschaften geht.

Konnte man Werder in der Vergangenheit vorwerfen, sich häufig in blinder Angriffswut noch den einen oder anderen Gegentreffer einzufangen, geben sich Mannschaft und Trainer nun im Zweifel lieber mit einem 0:0 zufrieden. Ist dies nun eine Stärke oder eine Schwäche? Es ist sicher kein Zeichen von überschäumendem Selbstbewusstsein. Doch in der aktuellen Situation ist es wohl die richtige taktische Maßnahme, wenn auch wenig inspirierend. Am Ende steht das dritte Zu-Null-Spiel dieser Bundesligasaison. Sechs Gegentore nach sechs Spielen ist für Werder eigentlich ein Traumwert. Er geht jedoch (noch) zu sehr auf Kosten der Offensivstärke.

Hoffnungsfroh stimmt dagegen, dass leicht auszumachen war, was der Mannschaft fehlte, um das Spiel gestern zu gewinnen. Es war die Idee im offensiven Mittelfeld, der geniale Einfall etwas außergewöhnliches zu machen, der unwiderstehliche Pass in die Spitze. Kurz: Diego Mesut Özil. Aaron Hunt machte seine Sache insgesamt gut, brachte in der ersten Halbzeit über links viele gute Ideen ein, war in der zweiten Halbzeit dafür aber offensiv abgemeldet. Je mehr Spielanteile Leverkusen hatte, desto weniger tauschte Werder im Mittelfeld die Positionen und desto berechenbarer wurden die Angriffe. Mit Pizarro und Marin hat man zwei Spielstarke Stürmer, die sich häufig zurückfallen lassen und Platz für Vorstöße aus dem Mittelfeld schaffen. Borowski und Bargfrede kümmerten sich jedoch in erster Linie um ihre taktischen Aufgaben und die Arbeit gegen den Ball, wodurch die Spitze nach dem Wechsel häufig verwaist war.

Wenn Chancen aus dem Spiel heraus ausbleiben gibt es ja noch die Standardsituationen, eigentlich eine große Stärke Werders. Aber auch hier machte sich Özils Abwesenheit bemerkbar. Die Ecken und Freistöße brachten keinerlei Gefahr, kamen zumeist nicht einmal in die Nähe der kopfballstarken Spieler. Immerhin hat man die “fehlende Zutat” schon in den eigenen Reihen und muss nur darauf warten, dass sie sich von ihrer Verletzung erholt. Leider besteht auch die Gefahr, schnell wieder von ihr abhängig zu werden, nachdem man sich gerade erst vom Diego-Rausch erholt hatte.

Vor des Bundestrainers Augen spielte (und grätschte) sich gestern ein anderer Spieler in den Mittelpunkt: Torsten Frings. Er machte sein bislang bestes Saisonspiel und wird nach dem Spiel gedacht haben: “Siehste, und das soll nicht für die Nationalmannschaft reichen?” Jogi Löw wird dagegen gedacht haben: “Junge, warum spielst du nicht immer so? Dann wäre dein Stammplatz sicher.” Ich habe einfach nur gedacht: “Mensch, wenn der Lutscher keine böden Fehlpässe spielt, ist er immer noch ein hervorragender Mittelfeldspieler.” Was Thomas Schaaf dachte ist nicht überliefert.



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