Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher 6

Gepostet am 26. February 2010 von Tobias (Meine Saison)

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

Werder muss gewonn! 3

Gepostet am 21. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Am Samstag steigt im Bremer Weserstadion der sogenannte “Nord-Süd-Schlager” und er steigt unter ungewöhnlichen Voraussetzungen. Normalerweise sind wir es von den Bayern gewohnt, dass reichlich Nebengeräusche in den Medien mitklingen, bevor ein solches Spiel stattfindet und vor gar nicht langer Zeit wäre es auch noch so gewesen: Im November 2009 verzauberte Werder die Liga und beim Rekordmeister stand Trainer Louis Van Gaal mächtig in der Kritik. Dieser Tage stehen die Bayern zwar noch immer nicht da, wo sie hinwollen, doch sie haben eine – aus Bremer Sicht zwar kurze, aber dennoch beeindruckende – Siegesserie hingelegt. Es waren zwar bis auf Juventus Turin (an jenem Abend grottenschlecht) und mit Abstrichen Hoffenheim keine wirklich starken Gegner dabei, aber trotzdem sind die Münchner beständig in der Tabelle nach oben geklettert. Dazu kommt mit Ribery der Star der vergangenen beiden Jahre zurück in den Kader. Muss Werder Angst und Bange werden?

Vielleicht, doch das liegt nicht in erster Linie an der Stärke der Bayern, die erst noch beweisen müssen, dass sie wirklich schon so gut sind, wie sie momentan in jedes sich bietende Mikrofon diktieren. Werder muss vor allem Angst vor sich selbst haben. Angst vor dem Schlendrian, der in den letzten beiden Monaten in die Mannschaft Einzug erhalten hat und aus dem Titelaspiranten eine ziemlich biedere Durchschnittsmannschaft machte. Angst davor, dass sich das Theater um Mesut Özil in den Medien noch weiter verselbständigt und jede schlechte Leistung des Nationalspielers mit dessen Vertragspoker in Verbindung bringt. Angst vor der Abhängigkeit von Claudio Pizarro, der im Angriff weiterhin unersetzlich ist und selbst mit einer deutlich sichtbaren Verletzung besser spielt als seine Ersatzleute. Angst vor den alten Fehlern in der Abwehr, wo die mannschaftliche Geschlossenheit inzwischen ebenso fehlt wie in der Offensive. Angst vor einer erneuten Saison im Mittelmaß der Liga, die nur mit viel Willen und Glück erneut durch Erfolge in den Pokalwettbewerben wettgemacht werden könnte.

All das kann die Mannschaft auf dem Platz lähmen oder zu einer Höchstleistung gegen die Bayern anspornen. Vielleicht spielt es auch gar keine große Rolle, doch je nach Ergebnis wird es entsprechend interpretiert. Das trägt natürlich immer mehr dazu bei, dass sich die Prophezeiung selbst erfüllt. Herr Özil, wie sehr belastet sie die aktuelle Situation? Herr Frings, haben sie die Nichtnominierung durch den Bundestrainer verarbeitet? Natürlich machen sich die Spieler erst Recht darüber Gedanken, wenn sie zwölf mal am Tag danach gefragt werden. Objektiv gesehen könnte Özils Situation kaum besser sein, er hat schließlich viele Optionen für seine Zukunft, von denen keine ganz schlecht sein wird. Auch Torsten Frings dürfte die Ausbootung durch Joachim Löw eher als zusätzlichen Ansporn sehen, denn sein langsamer Abschied aus der Nationalelf hatte sich über 18 Monate mehr als nur angedeutet. Thomas Schaaf hat die Mannschaft den Spielern zufolge unter der Woche hart rangenommen. Nun wird es Zeit, auch den Gegner mal wieder hart ranzunehmen und damit meine ich keinesfalls eine unfaire Spielweise.

In der Hinrunde hat Werder im Spiel gegen die Bayern den ersten Schritt zur langen Serie ohne Niederlage getan. Es sah damals noch sehr nach harter Arbeit aus und längst nicht so leichtfüßig, wie die Spiele im Herbst. Will man in der Rückrunde wieder zu dieser Leichtigkeit und dem tollen Angriffsfußball zurückkehren, muss zuerst die harte Arbeit erledigt werden. Es geht nur auf diese Weise, das weiß Thomas Schaaf und das wissen inzwischen auch die Spieler. Ob sie es umsetzen können bleibt abzuwarten. Die Voraussetzungen sind gar nicht so schlecht, wie man denken könnte: Es soll schneien, Werder ist in der Außenseiterrolle und unser Lieblingsmaskottchen Ailton ist im Stadion. Musse mache gut Spiel un Feue mache mit Mannschaft! Ach, Toni…

18. Spieltag: Und jährlich grüßt das Murmeltier 7

Gepostet am 17. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Frankfurt – Werder 1:0

Und jährlich grüßt das Murmeltier. Ein großes, schläfriges Murmeltier namens Werder Bremen. Zum dritten Mal in Folge vergeigt es den Rückrundenauftakt mit einer katastrophal schlechten Vorstellung gegen einen bestenfalls mittelmäßigen Gegner.

Gegen Frankfurt kann man mal verlieren. Man sollte nicht – gegen eine Mannschaft, in der Maik Franz spielt, sollte man nie verlieren – aber man kann. Aber doch bitte nicht zweimal in einer Saison! Zweimal auf diese Weise! Werder zeigte kaum Gegenwehr, kaum ein Aufbäumen, kaum Laufbereitschaft. Das Spiel war wahrlich nicht schnell und das lag in erster Linie daran, dass Werder es nicht schnell machte. Den Frankfurtern spielte das natürlich in die Hände, die konnten hinten relativ leicht die Räume eng machen und in der Mitte waren sie bis zu Pizarros Einwechslung keinerlei Gefahr ausgesetzt. Ein Sturmduo Marin/Rosenberg kann Erfolg haben, wenn man gegen einen offensiven Gegner spielt, aber nicht gegen einen Gegner, der bestens damit leben kann, Werder den Ball zu überlassen und dann mit Kontern den Garaus zu machen. Rosenberg spielt nun seit einem guten Jahr völlig unter Form und darf trotzdem von Anfang an ran? Der Handlungsbedarf im Angriff hätte nicht deutlicher gemacht werden können. Es hatte fast etwas anklagendes, so als wollte Thomas Schaaf sagen: Schau her, Klaus, das ist das beste, was ich aufbieten kann.

Ist gestern jemandem aufgefallen, wie sich Werders Spielweise geändert hat, als Pizarro ins Spiel kam? Auf einmal wagte man direkte und hohe Anspiele an den Strafraum, aus dem ersten wäre beinahe das 1:1 gefallen. Diese Abhängigkeit von einem einzigen Spieler ist gefährlich, Pizarro nicht mehr der jüngste. Verletzungspausen muss man also einkalkulieren und dann zeigt sich, dass Klasse wichtiger ist als Masse. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest Moreno und Vranjes noch abgegeben werden können und das Geld in einen Mittelstürmer investiert wird. Die Verpflichtung Abdennours halte ich aus heutiger Sicht für richtig. Es bestand definitiv Bedarf auf der linken Seite und gute Ansätze waren trotz einer durchwachsenen Leistung erkennbar.

Es wäre jedoch falsch, die Bremer Niederlage nur an einem nicht vorhandenen Stürmer festzumachen. Die Leistung der Mannschaft war insgesamt völlig inakzeptabel. Allen voran wirkte Mesut Özil, als wäre er mit dem Kopf überall, nur nicht auf dem Platz. In dieser Form wäre er nicht mal für Arminia Bielefeld interessant. Solche Spieler sind besonders wertvoll für ein Team: Unter der Woche groß von den eigenen Ansprüchen auf die Champions League sprechen und dann so eine Leistung? Große Klasse, Mesut. Wenn es unter deinem Niveau ist, den Verein, der dich zum Nationalspieler gemacht hat, in die Champions League zu schießen, dann halt bitte einfach die Klappe und geh im Sommer wohin du auch immer möchtest!

Was bleibt zu hoffen? Bitte kein Wort mehr von Meisterschaft und Champions League! Eine Woche lang konzentrieren und dann mit vollem Einsatz gegen die Bayern. In der Hinrunde hat man nach der Niederlage gegen Frankfurt die Kurve gekriegt. In dieser Rückrunde mag ich daran nicht glauben, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.

6. Spieltag: Einfallslose Zufriedenheit 0

Gepostet am 21. September 2009 von Tobias (Meine Saison)

Bayer Leverkusen – Werder Bremen 0:0

Sechs Spiele, neun Punkte, Platz acht. Klingt so das Mittelmaß?

Ja, denn Werder tritt auf der Stelle. Wobei, eigentlich stimmt das nicht. Werder rutscht in der Tabelle nach unten. Hinter Mainz. Hinter Hoffenheim. Doch was sagt so eine Tabelle nach sechs Spieltagen schon aus?  Immerhin hat man ein Auswärtsspiel beim Tabellenzweiten relativ schadlos überstanden. Für höhere Ansprüche fehlt Werder momentan die Klasse. Ohne Özil fehlt zudem die zündende Idee.

Klingt so das Mittelmaß?

Nein, denn Werder behielt gegen einen offensivstarken Gegner in dessen Stadion über weite Strecken die Spielkontrolle, ließ wenige Chancen zu und spielte in Halbzeit eins nach einem holprigen Start auch mutig nach vorne. Dies veranlasste Jupp Heynckes in der Pause zu einem Systemwechsel. Er nahm den bindungslosen Gekas heraus und brachte mit Bender einen weiteren (offensiven) Mittelfeldspieler. Dies brachte Bayer in der zweiten Halbzeit höhere Spielanteile und auch einige Chancen, die der aufmerksame Wiese jedoch allesamt vereilten konnte.

Am Ende steht ein 0:0 auf das sich beide Mannschaften irgendwann im Laufe der zweiten Hälfte geeinigt zu haben schienen. Für den Werderfan ungewohnt. Schaaf wechselte nur vorsichtig, brachte für Marin einen zweiten “richtigen” Stürmer, den wiedergenesenen Markus Rosenberg. Damit hatte es sich mit den Auswechslungen auch schon erledigt und Werder verwaltete das 0:0 über die Zeit, ohne einen Versuch zu starten, den Gegner in der Schlussphase noch zu überrennen. Pragmatismus statt bedingungsloser Offensive nach dem Auswärtsspiel in der Europa League. Daran wird man sich vermutlich gewöhnen müssen, gerade wenn es gegen die deutschen Topmannschaften geht.

Konnte man Werder in der Vergangenheit vorwerfen, sich häufig in blinder Angriffswut noch den einen oder anderen Gegentreffer einzufangen, geben sich Mannschaft und Trainer nun im Zweifel lieber mit einem 0:0 zufrieden. Ist dies nun eine Stärke oder eine Schwäche? Es ist sicher kein Zeichen von überschäumendem Selbstbewusstsein. Doch in der aktuellen Situation ist es wohl die richtige taktische Maßnahme, wenn auch wenig inspirierend. Am Ende steht das dritte Zu-Null-Spiel dieser Bundesligasaison. Sechs Gegentore nach sechs Spielen ist für Werder eigentlich ein Traumwert. Er geht jedoch (noch) zu sehr auf Kosten der Offensivstärke.

Hoffnungsfroh stimmt dagegen, dass leicht auszumachen war, was der Mannschaft fehlte, um das Spiel gestern zu gewinnen. Es war die Idee im offensiven Mittelfeld, der geniale Einfall etwas außergewöhnliches zu machen, der unwiderstehliche Pass in die Spitze. Kurz: Diego Mesut Özil. Aaron Hunt machte seine Sache insgesamt gut, brachte in der ersten Halbzeit über links viele gute Ideen ein, war in der zweiten Halbzeit dafür aber offensiv abgemeldet. Je mehr Spielanteile Leverkusen hatte, desto weniger tauschte Werder im Mittelfeld die Positionen und desto berechenbarer wurden die Angriffe. Mit Pizarro und Marin hat man zwei Spielstarke Stürmer, die sich häufig zurückfallen lassen und Platz für Vorstöße aus dem Mittelfeld schaffen. Borowski und Bargfrede kümmerten sich jedoch in erster Linie um ihre taktischen Aufgaben und die Arbeit gegen den Ball, wodurch die Spitze nach dem Wechsel häufig verwaist war.

Wenn Chancen aus dem Spiel heraus ausbleiben gibt es ja noch die Standardsituationen, eigentlich eine große Stärke Werders. Aber auch hier machte sich Özils Abwesenheit bemerkbar. Die Ecken und Freistöße brachten keinerlei Gefahr, kamen zumeist nicht einmal in die Nähe der kopfballstarken Spieler. Immerhin hat man die “fehlende Zutat” schon in den eigenen Reihen und muss nur darauf warten, dass sie sich von ihrer Verletzung erholt. Leider besteht auch die Gefahr, schnell wieder von ihr abhängig zu werden, nachdem man sich gerade erst vom Diego-Rausch erholt hatte.

Vor des Bundestrainers Augen spielte (und grätschte) sich gestern ein anderer Spieler in den Mittelpunkt: Torsten Frings. Er machte sein bislang bestes Saisonspiel und wird nach dem Spiel gedacht haben: “Siehste, und das soll nicht für die Nationalmannschaft reichen?” Jogi Löw wird dagegen gedacht haben: “Junge, warum spielst du nicht immer so? Dann wäre dein Stammplatz sicher.” Ich habe einfach nur gedacht: “Mensch, wenn der Lutscher keine böden Fehlpässe spielt, ist er immer noch ein hervorragender Mittelfeldspieler.” Was Thomas Schaaf dachte ist nicht überliefert.

1. Spieltag: Alles blöd 2

Gepostet am 9. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Eintracht Frankfurt 2:3

Alles blöd! Werder blöd, Abwehr blöd, Frankfurt blöd, Bundesliga blöd, Fußball blöd, Schiri blöd, Stadionruine blöd, VIP-Loge blöd, alle Spieler bis auf Özil blöd, Wochenende blöd, Blogeintrag schreiben blöd.

Genau einen Spieltag lang hat es gedauert, mir die Freude über den Beginn der neuen Saison zu verderben. Die Heimniederlage gegen Eintracht Frankfurt riss in 90 Minuten alte Wunden wieder auf, von denen ich nicht mal mehr wusste, dass sie existierten. Diese Abwehrleistung, die meine wildesten Befürchtungen übertroffen hat, muss einem große Sorgen machen. Trotz Ausfall von Naldo und Boenisch darf sich eine Bundesligamannschaft defensiv einfach nicht so verhalten. Keine durchschnittliche Zweitligamannschaft lässt sich hinten mit so einfachen Mitteln aushebeln, wie Werder gestern Nachmittag.

Es verbietet sich fast schon, die restliche Leistung zu bewerten. Offensiv war das nämlich gar nicht mal so verkehrt, was Werder phasenweise auf den Rasen legte. Es fehlte noch etwas Genauigkeit und das Tempo darf gerne etwas höher gehalten werden, aber insgesamt war das für einen 1. Spieltag ganz ordentlich. Doch was nützt es, wenn man sich hinten so amateurhaft anstellt? Sebastian Prödl hat (hoffentlich!) das schlechteste Spiel seiner Fußballerkarriere gemacht. Petri Pasanen weigerte sich hartnäckig, die Mittellinie zu überschreiten und hatte auf seiner linken Seite trotzdem arge Probleme. Per Mertesacker ragte aus dem Abwehrtohuwabohu mit einigen tollen Rettungsaktionen noch als einziger hinaus.

Selbst wenn man alle widrigen Umstände, die starken Frankfurter Konter und die Zufallsfaktoren des Fußballs berücksichtigt, war das einfach eine ganz traurige Darbietung. Traurig vor allem, weil es keine naheliegende Erklärung dafür gibt. Warum schaffen es diese eigentlich doch ganz fähigen Spieler nicht, eine Abwehrformation einzuhalten, die bei eigenem Überzahlspiel (!!!) nicht durch einen hohen Diagonalpass aus den Angeln gehoben wird? Warum lässt sich keiner der offensiven Mittelfeldspieler zurückfallen, wenn Frings und Borowski gleichzeitig ihre Positionen verlassen? Diese Löcher vor der Viererkette sollten bei einem System mit Doppelsechs nicht vorkommen. Beim Verschieben darf eben nicht nur offensiv gedacht werden.

Es wäre wirklich schön, wenn sich der eine oder andere Werderspieler, nachdem er von der nächtlichen Sauftour zwischen Bolero und Modernes erwacht ist, mal Gedanken über die eigene Einstellung zu seinem Beruf machen würde. Es ist mir egal, was für ein unsympathischer Sauhaufen sich da abseits vom Spielfeld präsentiert, so lange sich auf dem Spielfeld jeder einzelne für 90 Minuten auf seine taktischen, läuferischen und spielerischen Aufgaben konzentriert.

Wenigstens über einen Spieler kann ich mich aber wirklich freuen: Mesut Özil. Das war eine richtig starke Leistung, die Lust auf mehr macht. Wenn mir der Rest diese Lust nicht schon verdorben hätte.

29. Spieltag: Rotieren geht über Verlieren 0

Gepostet am 26. April 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – VfL Bochum 3:2

Es ist so ein Sache mit diesen Spielen zwischen den Spielen. Für Werder ging es gegen den VfL Bochum nicht mehr um viel. Nach dem Kraft raubenden Spiel gegen den HSV am Donnerstag und vor dem wichtigen Spiel gegen den HSV am kommenden Donnerstag stand für Werder in erster Linie Regeneration im Vordergrund. Doch abschenken kann man die Liga auch nicht, will man nicht in den Ruf der Schiebung geraten – immerhin spielt man noch gegen die Meisterschaftskandidaten aus Hamburg und Wolfsburg.

Werders Auftreten gegen Bochum zeigte lange diese Zwiespältigkeit. Einerseits war man überlegen und spielte nach vorne, andererseits war man nicht konsequent genug um etwas daraus zu machen. An die Unkonzentriertheiten, die zu den Gegentoren führten, hat man sich als Werderfan ja schon fast gewöhnt. Das 0:2 zur Pause erwies sich dann aber gleich doppelt als Glücksfall für Werder:

Erstens zeigte sich die Mannschaft in ihrer Ehre gekränkt und drehte in Halbzeit zwei endlich auf. Es war völlig legitim, einige Stammspieler zu schonen, das machen andere Mannschaften auch und zumeist noch viel konsequenter. Die Mannschaft, die Werder zu Beginn aufbot, war schlagkräftig. Doch Spieler wie Özil und Pizarro bringen halt doch noch eine andere Qualität mit. Ihre Einwechslungen zahlten sich aus. Özil belebte das Werderspiel ungemein und trieb so auch Diego zu einer ganz starken Leistung in der Schlussphase.

Zweitens ist ein 3:2 nach 0:2 Rückstand sicher gut fürs Selbstvertrauen. Das sollte nach dem starken Auftritt in Hamburg ohnehin vorhanden sein, doch es ist wichtig, nicht sofort wieder einen Rückschlag hinnehmen zu müssen. In dieser Hinsicht war das 3:2 auch besser als z.B. ein lockeres 2:0. Es darf sich nicht wieder das Gefühl einschleichen, es gehe schon alles von alleine. Die Mannschaft ist noch immer anfällig für Anflüge von Überheblichkeit. Und Überheblichkeit kann sie sich in dieser Saison gegen keinen Gegner erlauben.

Der einzige Nachteil könnte der erneute Kräfteverschleiß sein, doch das dürfte eigentlich kein großes Problem darstellen. Fünf Tage hat man Zeit bis zum UEFA-Cup-Spiel, Spieler wie Frings, Özil, Pizarro und Fritz spielten 45 Minuten oder weniger und das Spieltempo gegen Bochum war insgesamt doch moderat.

Richtig wütend macht mich die Leistung von Dusko Tosic. Man konnte mal wieder sehen, dass Tosic ein wirklich guter Linker Verteidiger sein könnte. Er schlägt die mit Abstand besten Flanken unserer Außenverteidiger und bringt eigentlich alles mit, was man für die Position braucht. Doch statt sich einen Stammplatz zu erspielen, hat Tosic in seinen zwei Jahren bei Werder so ziemlich alles falsch gemacht, was man falsch machen kann. Zuletzt stellte Schaaf sogar lieber Fritz auf die linke Seite als Tosic. Trotz nicht gerade übermächtiger Konkurrenz steht er, der im Gegensatz zu etwa Boenisch als gestandener Spieler nach Bremen kam, nun auf dem Abstellgleis, nachdem er es schaffte innerhalb kurzer Zeit Fans, Mitspieler und Trainer mit seinen Aussagen und seiner Trainingsfaulheit zu verärgern. Sebastian Boenisch mag noch so manche Schwäche haben, doch man sieht ihm in jeder Minute des Spiels an, dass er mit vollem Herzblut dabei ist. Und das ist mir tausendmal lieber als ein Spieler, der sein Potenzial so sinnlos verschwendet.



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