Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



Jahre voller Lust (Teil 3) 1

Gepostet am 16. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den dritten und letzten Teil.

28.11.2007: Werder Bremen – Real Madrid 3:2

Der Sprung von Spiel gegen Juventus zum Spiel gegen Real Madrid ist groß. 21 Monate liegen zwischen den beiden Partien, in denen es für Werder viele aufregende, aber auch manche ärgerliche Ereignisse gibt. Der Herbstmeisterschaft 2006 folgen zunächste herbe Enttäuschungen: Wie schon in der Hinrunde verliert man gegen Schalke und den späteren Meister VfB Stuttgart. Als dann auch noch das Heimspiel gegen den HSV verloren geht, scheint der Meisterschaftszug abgefahren, doch weil den Schalkern zum Ende hin die Puste ausgeht, kann sich Werder mit einer Siegesserie wieder herankämpfen. Auch international sieht es gut aus: Nach der verpassten Qualifikation der KO-Runde der Champions League erreicht man im UEFA-Cup das Halbfinale. Gegen Espanyol Barcelona setzt es im Hinspiel jedoch eine bittere 0:3 Niederlage. Für Aufregung sorgt kurz vor dem Spiel ein nicht mit dem Verein abgestimmtes Treffen zwischen Miroslav Klose und Vertretern von Bayern München. Der ehemalige Publikumsliebling, der zudem seit geraumer Zeit das Tor nicht mehr trifft, wird fortan bei den Fans zum Buhmann. Im Rückspiel sieht er bereits in der Anfangsphase gelb-rot und steigert seine Beliebtheit dadurch nicht gerade. Werder scheidet aus und auch die letzten Chancen auf die Meisterschaft können nicht genutzt werden. Die Niederlagen gegen Bielefeld und Frankfurt werden zum Sinnbild einer Saison, die zwar insgesamt erfolgreich war, doch den hohen Erwartungen aus dem Winter nicht gerecht werden konnte. Dabei hat Werder diese Meisterschaft nicht etwa gegen die kleinen Gegner verloren, sondern in den direkten Duellen gegen Schalke und Stuttgart. Ein Sieg aus den beiden Spielen gegen Stuttgart hätte letztendlich ausgereicht, um die Schale erneut an die Weser zu holen. Um die Auswirkung dieser direkten Duelle zu verdeutlichen: Hätte Werder diese vier Spiele alle gewonnen, statt sie alle zu verlieren, wäre man mit sage und schreibe 14 Punkten Vorsprung Meister geworden, anstatt mit 4 Punkten Rückstand Dritter.

In der Sommerpause wechselt Klose nach langem Hick-Hack schließlich doch zu den Bayern und ist in Bremen endgültig unten durch. Sein Nachfolger Boubacar Sanogo kommt ohne große Vorschusslorbeeren nach Bremen, doch kann innerhalb kurzer Zeit die Kritiker – vorerst – zum Schweigen bringen. Nach einer bitteren 0:4-Heimniederlage gegen Bayern München am 2. Spieltag spielt Werder eine großartige Hinrunde, an deren Ende wieder 36 Punkte auf dem Konto stehen. Nur die schlechtere Tordifferenz gegenüber den Bayern verhindert die erneute Herbstmeisterschaft. Sanogo avanciert in dieser Hinrunde zu Werders Lebensversicherung, erzielt viele wichtige Tore. Es bleibt leider die einzige Phase seiner Werderkarriere, in der er überzeugen kann (vom Intermezzo im vergangenen Sommer abgesehen). Der Star der Mannschaft ist nach Kloses Abgang endgültig der Brasilianer Diego, der sich immer mehr auch in das Blickfeld der europäischen Spitzenclubs spielt. Neben ihm kann Daniel Jensen endlich konstant starke Leistungen abliefern und wird in Abwesenheit der Platzhirsche Frings und Borowski zum Schlüsselspieler im Mittelfeld. Kein Spiel zeigt dies deutlicher, als das Champions League-Match gegen Real Madrid. Ein Blick auf die Aufstellung verdeutlicht die Verletzungsmisere, die sich wie ein roter Faden durch die Hinrunde zieht. Neben dem gesperrten Diego muss Werder gegen Real auf Wiese, Owomoyela, Frings, Borowski, Almeida, Klasnic und nach sechs Minuten auch auf Fritz verzichten. Mit Vander, Vranjes, Tosic und dem nach neunmonatiger Verletzungspause erstmals wieder auflaufenden Hunt gegen das große Real – kann das gutgehen?

Es kann! Werder liefert, auch gerade angesichts der Personalsituation, eines seiner besten Spiele der Ära Schaaf ab und bezwingt Madrid mit 3:2. Das 2:1 durch Sanogo ist in seiner Entstehung und Vollendung vielleicht das schönste, das Werder in der Champions League je erzielt hat. Die Zuschauer im Stadion sind 90 Minuten lang wie elektrisiert, die Stimmung ist für Bremer Verhältnisse gigantisch. Am Ende steht grenzenloser Jubel und die Hoffnung auf neue europäische Lorbeeren. Doch es kommt anders: Werder versagt in Piräus und muss in der Rückrunde erneut mit dem UEFA-Cup vorlieb nehmen. Neben dem Wirbel um den exzentrischen Neuzugang Carlos Alberto ist dies die größte Enttäuschung dieser Hinrunde. Die Tore des nach zwei Nierentransplantationen wiedergenesenen Ivan Klasnic gegen Bayer Leverkusen sorgen zu Weihnachten jedoch wieder für gute Laune.

27.9.2008: Werder Bremen – 1899 Hoffenheim 5:4

Das Jahr 2008 beginnt für Werder, wie so viele der vergangenen Jahre: Mit einer Krise. Man scheidet im Pokal gegen Dortmund aus und verpatzt auch den Auftakt in der Liga gegen Bochum. Binnen kurzer Zeit verspielt Werder alle Meisterschaftschancen. Dazu kommt das unglückliche und vor allem unnötige Ausscheiden aus dem UEFA-Cup gegen die Glasgow Rangers, wo Tim Wiese sein Juve-Flashback erlebt. Im Frühling 2008 scheint sich Werder aus der Spitzengruppe der Liga verabschiedet zu haben und nur ein großer Kraftakt zum Ende der Saison bringt Werder wieder in die Nähe der Champions League Ränge. Dann zeigt die Mannschaft jedoch, dass sie auch die entscheidenden Spiele gewinnen kann. Diese Eigenschaft hat man ihr aufgrund der Ergebnisse in den letzten beiden Jahren schon abgesprochen. Mit Siegen in Hamburg und Leverkusen sichert sich Werder die Vizemeisterschaft und ist somit erneut für die Champions League qualifiziert.

Die folgende Hinrunde bestätigt jedoch die Eindrücke der ersten Jahreshälfte: Werder fehlt die Balance zwischen Offensive und Defensive. Die Ergebnisse sind folglich sehr schwankend und reichen nicht mehr, um in der Liga oben dran zu bleiben. Werder kassiert viele Gegentore, die eine Bundesligamannschaft eigentlich nicht kassieren darf, weil die Defensive immer wieder weit aufrückt und die Rückwärtsbewegung des gesamten Teams so wirkt, als spiele hier eine Schülermannschaft. Man macht sich das Leben so viel zu schwer und steuert zeitweise einen neuen Vereinsrekord in Sachen Gegentoren an. Zum Glück ist Werders Offensive dank Diego und Rückkehrer Claudio Pizarro stark genug, um einen totalen Absturz zu verhindert. Neben den beiden entwickelt sich der von Schalke verpflichtete Mesut Özil vom Perspektiv- zum Stammspieler. Eine kurze Zeit lang sieht es sogar so aus, als reiche die Offensivpower aus, um wieder ein Wörtchen um die Meisterschaft mitzureden. In München verdirbt Werder den Hausherren kräftig den Oktoberfestauftakt, führt 25 Minuten vor Ende mit 5:0 in der Allianz-Arena. Die Anschlusstreffer des Ex-Bremers Borowski machen dieses Spiel aus Fansicht eher zu einem 7:0, als zum 5:2, das am Ende auf dem Spielberichtsbogen steht.

Das folgende Spiel gegen den späteren Herbstmeister Hoffenheim beginnt ähnlich furios, zeigt dann jedoch das ganze Spektrum des Bremer Spiels 2008. Die fehlende Balance kulminiert in diesem Spiel und sorgt wie das gesamte Jahr für ein Wechselbad der Gefühle auf den Rängen. Nach einer halben Stunde führt Werder mit 4:1 in einem für Bundesligaverhältnisse extrem schnellen Spielen. Die Abwehrreihen beider Mannschaften haben große Probleme und die Schussgenauigkeit beider Mannschaften ist fast schon beängstigend (Hunt! Salihovic!!!). Hoffenheim kann Werder in der zweiten Hälfte immer mehr hinten rein drücken und nach Mertesackers roter Karte und dem Ausgleichstreffer der Badener droht das Spiel vollends zu kippen. Özil entscheidet das Spiel schließlich mit einem Konter gegen den Aufsteiger, der nicht nur wegen seiner tollen Moral von einer unglücklichen Niederlage sprechen darf. Das Spiel ist ein Fest des Angriffsfußballs, bei dem Werder zeigen kann, dass man in dieser Disziplin noch immer nationale Spitze ist.

7.5.2009: Hamburger SV – Werder Bremen 2:3

Die erste Hälfte des Jahres 2009 steht für Werder im Zeichen der Pokalwettbewerbe. Im Ligaalltag rennt Werder dem Geschehen weiterhin nur hinterher. Während man im Pokal einen hart erkämpften Auswärtssieg in Dortmund feiern kann, steht man in der Bundesliga nach zwei Niederlagen gegen Bielefeld und Schalke zum Rückrundenauftakt im Niemandsland der Tabelle. In der Folge spult Werder mehr oder weniger ein Pflichtprogramm herunter und konzentriert sich auf die Highlights in den KO-Spielen. Ein erster Höhepunkt des Jahres ist die Partie in Mailand. Werder muss einem äußerst unglücklichen 0:2-Rückstand hinterherlaufen. Dank einer insgesamt sehr starken Leistung schafft man die Überraschung und wirft Milan aus dem Wettbewerb. Im Pokal gelingt ein 5:2-Kantersieg beim heimstarken VfL Wolfsburg. Werder fügt dem späteren Deutschen Meister dabei die einzige Heimniederlage der Saison zu. Es wird immer deutlicher, dass sich Werders Qualitäten in den letzten eineinhalb Jahren verändert haben. Während man früher konstant gut spielte und dann in den entscheidenden Spielen scheiterte, wirkt die Mannschaft nun reifer und erfolgshungriger in den großen Spielen, doch dafür hat man Probleme, konstant gute Leistungen abzuliefern.

Am Ende steht Werder auf einem sehr enttäuschenden zehnten Platz. Es ist erst das zweite Mal seit dem Wiederaufstieg 1981, dass Werder nach dem letzten Spieltag auf einem zweistelligen Tabellenplatz steht. Und wie schon 1999 ist dieser Umstand durch den Gewinn des DFB-Pokals nicht ganz so schwer zu verschmerzen. Der 1:0-Finalsieg gegen Leverkusen ist der krönende Abschluss einer über weite Strecken ärgerlichen Saison. Nach dem verlorenen UEFA-Cup-Finale gegen Donezk ist es eine große Genugtuung, doch noch einen Titelgewinn feiern zu können. Beachtlich an Werders Erfolgen in den Pokalwettbewerben sind auch die Umstände, unter denen sie zustande kommen. Es hat wohl nie widrigere Bedingungen gegeben, unter denen eine Mannschaft sich für zwei Finals qualifiziert hat: Im DFB-Pokal ist Werder die erste Mannschaft, die ohne ein einziges Heimspiel den Titel gewinnt. Im UEFA-Cup muss man die Rückspiele allesamt auswärts austragen, was gemeinhin als Nachteil gilt, und geht trotzdem jeweils als Sieger vom Platz.

Komplettiert wurde das Auf und Ab durch Pokal und Liga durch die vier Spiele gegen den HSV. Wenn es jemals einen klaren Sieger im Duell der beiden Vereine gab, dann dort. Innerhalb von zweieinhalb Wochen trifft Werder in Pokal, UEFA-Cup und Liga auf den Nordrivalen und kann sich in diesen Duellen eindrucksvoll durchsetzen. Man spielt die Hamburger nicht etwa an die Wand, doch legt einen Siegeswillen an den Tag, der kaum zu bändigen ist. Im Pokal wird Tim Wiese zum Helden, indem er drei Elfmeter hält und Werder damit das Ticket nach Berlin sichert. Im UEFA-Cup macht Werder eine 0:1-Heimniederlage und einen 0:1-Rückstand im Rückspiel wett und erkämpft sich auch hier die Finalteilnahme. In der Liga düpiert man den HSV schließlich vollends und zerstört dessen letzte Hoffnungen auf die Meisterschaft. Es ist eine Seelenmassage in vierfacher Ausfertigung, die für vieles, aber nicht alles entschädigt. Im Dezember spielt man erneut in Hamburg und verliert mit 1:2. Von „Revanche“ sprechen indes nicht einmal die Hamburger. Wir haben die bizarre Situation, dass Werder in den letzten 14 Monaten von 6 Spielen gegen den HSV nur zwei gewonnen und drei verloren hat und doch immer noch als Gewinner dasteht. Schöner, verrückter Fußball.

Im Sommer verlässt Diego Bremen in Richtung Turin. Ohne ihn ist Werder nur die Hälfte wert, da sind sich die Beobachter einig. Nicht nur die Niederlage in Istanbul hat gezeigt, dass Werder ohne seinen kreativen Kopf keine Spitzenmannschaft ist. Dazu beendet der langjährige Kapitän Frank Baumann seine Karriere. Im Sommer 2009 scheint trotz prominenter Neuzugänge wie Marko Marin, Tim Borowski und Marcelo Moreno unklar, ob Werder an die Erfolge anknüpfen kann. Es folgt erneut eine turbulente Hinrunde, in der Werder von 28 Spielen nur drei verliert, zwischenzeitlich Lobeshymnen einheimst und am Ende trotzdem nicht ganz zufrieden sein kann.

Wie geht es nun weiter? Wird ein Rückblick in 10 Jahren wieder so erfreulich sein? Ich bin gespannt und freue mich auf eine spannende und hoffentlich auch erfreuliche Rückrunde.

Lebenslang Grün-weiß!

Den ersten Teil der Serie (2000 – 2002) findet ihr hier. Den zweiten Teil (2003 – 2006) findet ihr hier.

Jahre voller Lust (Teil 2) 1

Gepostet am 8. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den zweiten Teil.

30.7.2003: Superpfund Pasching – Werder Bremen 4:0

Pasching. Dieses Wort hat jeder Werderfan noch immer im Gedächtnis und wird es wohl auch für immer dort behalten. Es wird zum Synonym für die Initialzündung zu einer Bremer Meisterschaft, die alles bisher da gewesene in den Schatten stellte. Das weiß zu diesem Zeitpunkt freilich noch niemand (auch wenn ich gerne immer wieder betone, dass ich im Herbst 1999 gewettet habe, dass Werder innerhalb der kommenden fünf Jahren Meister werden würde). Das Trauerspiel, das die Mannschaft in Pasching abliefert, sorgt daher in Bremen für große Besorgnis. Von Abstiegskampf ist die Rede und das minütlich wachsende Misstrauen gegenüber der Mannschaft ist während der Partie in Österreich fast schon mit den Händen zu greifen. Ich erinnere vor allem deshalb gerne an diese Situation, weil sie in der öffentlichen Wahrnehmung fast keine Rolle mehr spielt. Wenn Wolfsburgs Meisterschaft im letzten Jahr als „größte Sensation seit Kaiserslautern 1998“ bezeichnet wird, sollte man (von Stuttgarts Meisterschaft 2007 mal ganz abgesehen) bedenken, dass die Wölfe als Kandidat für die CL- oder zumindest UEFA-Cup-Plätze in die Saison gegangen sind, während Werder im Juli 2003 von vielen „Experten“ als Abstiegskandidat gehandelt wird.

In Pasching zeigt Werder alle negativen Eigenschaften, die eine Mannschaft haben kann: Mangelnde Laufbereitschaft, schwaches Zweikampfverhalten, unpräzise Pässe, schlechtes Positionsspiel und dazu haarsträubende individuelle Fehler. Aus heutiger Sicht lässt sich sagen: wohl selten hat eine Mannschaft ihre Lektionen aus einem Spiel so gut gelernt. Vom Saisonauftakt in Berlin bis zum Saisonende wiederum in Berlin legt Werder keine dieser negativen Eigenschaften mehr an den Tag und spielt so die wohl beste Saison der Vereinsgeschichte. Über die „Werder-Dösis“ lacht die Bild-Zeitung im August 2003. Auch ich lache heute gerne darüber, denn Pasching ist untrennbar mit den kommenden Erfolgen verbunden. Eine peinliche 0:4-Klatsche in Österreich nimmt man dafür gerne in Kauf – im Nachhinein zumindest.

8.5.2004: Bayern München – Werder Bremen 1:3

Der 8. Mai 2004 kann ohne Zweifel als größter Tag in der Geschichte unseres Vereins bezeichnet werden. Der Gewinn der Meisterschaft im Stadion des größten Rivalen, auf diese Art und Wiese, das ist schon ein einmaliger Moment im Leben eines Fans. Der Killer, der König und der Kugelblitz setzen die letzten Ausrufezeichen unter die für Werder traumhafte Bundesligasaison. Der vor dem Spiel tönende Uli Hoeneß und der patzende „Torwart-Titan“ Oliver Kahn werden zu den tragischen Figuren im Olympiastadion und in Bremen zum Sinnbild für den Triumph der fußballerischen Klasse über überbordenden Ehrgeiz und Arroganz. Entschieden wird die Saison zwar schon vorher, doch aufgrund der Last-Minute-Meisterschaften der Bayern in den Jahren 2000 und 2001 bleiben auch bei mir leichte Restzweifel. Nach 30 Minuten sind diese weggewischt. Der Bremer Domshof tobt und für Wochen ist unser „Dorf mit Straßenbahn“ in Grün und Weiß geschmückt (inklusive besagter Straßenbahn).

Der Doublegewinn 2004 hat zu jedem Spieler eine Geschichte parat: Ob nun der entfesselt am Zaun rüttelnde Frank Baumann, der Prophet Ümit Davala, der Nobody-Abwehrchef Valerien Ismael oder der per Auto aus Spanien angereiste Andreas Reinke – sie alle sind Teil der Bremer Meistergeschichte. Doch keiner hat eine so rührende Geschichte wie Torschützenkönig Ailton. Toni erzielt in seiner letzten Saison im Werdertrikot ganze 28 Tore und hat so entscheidenden Anteil an den Erfolgen seiner Mannschaft. Seine Torquote ist das Ergebnis eines Offensivspiels, das (fast) ganz Fußballdeutschland begeistert. Zu seinem und Bremens Enttäuschung hat Ailton jedoch schon im September 2003 einen Vertrag beim FC Schalke unterschrieben, was sich im Nachhinein als größerer Verlust für den Brasilianer als für Werder herausstellt. In Miroslav Klose findet Werder einen – zumindest spielerisch – mehr als würdigen Nachfolger (ich weiß, wie sehr es viele Fans immer noch schmerzt, dies einzugestehen). Ailton wird dagegen weder auf Schalke, noch an einer seiner folgenden Stationen wirklich glücklich und kickt seit kurzem in den Niederungen des deutschen Amateurfußballs beim KFC Uerdingen. Der 8. Mai 2004 bleibt auch der größte Tag in der fußballerischen Karriere des Ailton Goncalves da Silva. Schon deshalb wird er immer in den Herzen der Werderfans bleiben.

19.4.2005: Schalke 04 – Werder Bremen 7:6 n.E.

Im Jahr 2005 darf Werder die Erfahrung machen, dass es als amtierender Meister nicht ganz einfach ist, sich in der Spitze der Liga zu halten. Zum Ligaalltag kommt die Champions League hinzu, die Werder eine Menge abverlangt. In der Gruppenphase kann sich Werder mit 13 Punkten fürs Achtelfinale qualifizieren und besiegt dabei zweimal den amtierenden Spanischen Meister und UEFA-Cup-Sieger FC Valencia. Vor allem das Außwärtsspiel hat es in sich, als Werder durch zwei späte Tore von Valdez den Sieg sicherstellt und Valencias Spielern daraufhin die Lampen durchbrennen. Dieser Tage winkt ein Wiedersehen im Achtelfinale der Europa League, sollten beide Teams die nächste Runde überstehen. In der Champions League holt sich Werder gegen Olympique Lyon eine Abreibung, die es in sich hat. Mit insgesamt 2:10 Toren aus den beiden Spielen verabschiedet man sich aus dem Wettbewerb. Während man beim 0:3 zuhause noch eine spielerisch gute, aber zu naive Vorstellung zeigt, geht man im Rückspiel mit fliegenden Fahnen unter. Vor allem Trainer Schaaf ist nach dem Spiel angeschlagen, da seine äußerst offensive und riskante Aufstellung so nach hinten losgegangen ist.

Ein Happy End hat die Saison trotzdem: Am Ende wird Werder in der Bundesliga etwas unerwartet Dritter und kann sich erneut für die Champions League qualifizieren. Das emotionalste Spiel der Saison findet jedoch im DFB-Pokal statt – gegen den neuen Lieblingsfeind Schalke und die alten Bekannten Mladen Krstajic und Ailton. Das Spiel braucht eine Weile, bis es richtig in Fahrt kommt, doch dann bekommen die Fans in der Arena auf Schalke eine wahre Pokalschlacht zu Gesicht. Schalke geht zunächst verdient in Führung, doch Werder schafft es, wie so oft zu dieser Zeit, in der Schlussphase mächtig Druck aufzubauen. Valerien Ismael erzielt fünf Minuten vor dem Ende den Ausgleich und fast wird Werders Schlussoffensive noch belohnt. Ivan Klasnics vermeintlicher Siegtreffer in der 90. Minute wird jedoch zu Unrecht wegen Abseits aberkannt. Im Gegenzug hat Werder Glück, dass Ailton nur den Pfosten trifft und Reinke im Nachschuss gegen Lincoln rettet. In der Verlängerung geht es auf und ab, mit Chancen auf beiden Seiten. Werder geht zunächst durch ein schönes Tor von Borowski in Führung, doch nur zwei Minuten später erzielt (ausgerechnet…) Ailton den erneuten Ausgleich. Das Elfmeterschießen hätte sich auch ein Drehbuchautor aus Hollywood nicht spannender ausdenken können. Nachdem zunächst Stalteri und dann auch Borowski verschießen, hat Schalke zweimal die Chance, den Sack zuzumachen. Ailton donnert den Ball an die Latte – wie wir heute wissen nicht sein letztes Gastgeschenk an seinen ehemaligen Arbeitgeber. Werder ist also wieder im Spiel. Dann tritt Fabian Ernst an den Elfmeterpunkt, der wenige Wochen vorher seinen Wechsel im Sommer zu den Schalkern bekanntgegeben hat. Er rutscht beim Anlauf aus und gibt einem anderen Ex-Bremer, nämlich Torwart Frank Rost, die Gelegenheit, das Spiel durch seinen selbst verwandelten Elfmeter zu entscheiden. Schalke steht im Finale und für Werder bleibt nur die Gewissheit, Teil eines begeisternden Fußballspiels gewesen zu sein.

7.3.2006: Juventus Turin – Werder Bremen 2:1

Zugegeben, es gibt schönere Erinnerungen an das Jahr 2006, als das vermaledeite Ausscheiden aus der Champions League gegen Juventus Turin. Zum Beispiel das Hinspiel im Weserstadion, in dem Werder in den letzten Minuten einen 1:2 Rückstand noch in einen Sieg drehen kann oder das Saisonfinale in Hamburg, als man dem HSV noch die Vizemeisterschaft entreißt und in der Bremer Innenstadt Erinnerungen an die Double-Saison hochkommen. Doch dieses Spiel ist so prägend für die restliche Saison und auch für die Seele der Werderfans, dass es trotzdem mein Highlight aus dem Jahr 2006 ist. An keine Niederlage habe ich in den Jahren danach so häufig zurückgedacht, wie an das Rückspiel im Delle Alpi. Keine beschreibt dieses Gefühl besser, trotz einer tollen Leistung am Ende doch mit leeren Händen dazustehen. Es ist die grausamste aller Niederlagen, herbeigeführt durch eine Slapstickeinlage des damaligen Ersatztorhüters Tim Wiese, die Werder um den verdienten Lohn bringt.

Zuvor hat man das 3:2 aus dem Hinspiel nicht nur verteidigt, sondern durch ein Tor von Micoud sogar noch ausgebaut. Als Juventus zum 1:1 trifft, scheint es nur noch eine Frage der Zeit, bis das Spiel kippt. Juve ist damals eine der besten Mannschaften Europas, dominiert die italienische Liga nach Belieben – wie wir heute wissen nicht nur aus sportlichen Gründen. Werder ist der Emporkömmling, der der alten Dame kräftig ans Bein pinkelt. Gegen Ende des Spiels werden Turins Angriffe nicht etwa gefährlicher, sondern zunehmend kopflos. Es ist ziemlich genau eine Minute nachdem ich mich zum ersten Mal dabei ertappe, wirklich an das Weiterkommen zu glauben, als Wiese diese Flanke abfängt, eine Rolle vorwärts macht und den Ball vor den Füße des Brasilianers Emerson fallenlässt. Der Rest ist Geschichte. Fassungslosigkeit allerorten: Auf dem Platz macht Werder keine Anstalten, das Spiel noch einmal zu drehen (woher vermutlich die weit verbreitete Ansicht kommt, das Tor sei in der letzten Minute gefallen). Vor dem Fernseher keine Regung. Es scheint fast, als bliebe die Zeit für einen Moment stehen. Dann ertönt der Schlusspfiff und bald darauf weidet sich Fußballdeutschland an den Bildern des Wiese-Patzers. Es ist die tragische Geschichte einer Mannschaft, die auf der Schwelle dazu steht, in die Phalanx der europäischen Spitzenmannschaften einzubrechen und sich dann selbst die Tür vor der Nase zuschlägt. Dieses Gefühl kommt Ende des Jahres noch einmal zurück, als man kurz davor steht, den Titelverteidiger FC Barcelona aus der Champions League zu werfen, dann aber im entscheidenden Spiel im Camp Nou völlig chancenlos ist.

2006 ist vielleicht Werders bestes Jahr unter Thomas Schaaf. Saisonübergreifend holt man 70 Punkte, mehr als jede andere Mannschaft und auch international scheint der Durchbruch trotz großen Lospechs zum Greifen nah. Das überrascht vor allem deshalb, weil Werder im Sommer in Johan Micoud den prägenden Spieler der letzten Jahre verliert. Sein Nachfolger kommt von der Ersatzbank des FC Porto und sorgt in seiner ersten Hinrunde in Bremen gleich für viel Aufsehen. Werder gewinnt den Ligapokal, schlägt die Bayern auch in der Liga überlegen, schießt dreimal auswärts 6 Tore und wird von vielen schon als der kommende Meister angesehen. Doch es gibt auch Nebengeräusche. Kleine Rückschläge, wie das Ausscheiden im DFB-Pokal gegen Pirmasens oder die Niederlagen gegen Schalke und Stuttgart. Trotzdem sieht die Welt zu Weihnachten nicht nur für Tim Wiese wieder rosa aus.

Den ersten Teil der Serie (2000 – 2002) findet ihr hier. In den nächsten Tagen folgt der dritte Teil (2007 – 2009).

Die K-Frage 0

Gepostet am 7. July 2009 von Tobias (Meine Saison)

Nach Frank Baumanns Abschied stellte sich die Frage, wer seine Nachfolge als Kapitän antreten soll. Gestern gab es die Antwort und sie ist keine Überraschung: Torsten Frings
ist neuer Mannschaftskapitän. Per Mertesacker, auch das war zu
erwarten, wird sein Stellvertreter.

Hierzu ein interessantes Zitat von Frank Baumann aus einem Interview, das er kurz nach Bekanntgabe seines Karriereendes gab:

"(…) Auch ich hätte sicher mehr Schlagzeilen haben können und damit
auch mehr verdienen können, aber ich wollte das nicht. Ich war in
Nürnberg Führungsspieler und hier in Bremen nach einem Jahr Kapitän,
ich hätte sicher oft den einen oder anderen Spruch anbringen können.
Aber es wird insgesamt überbewertet, wenn einer wild gestikulierend
über den Platz rennt und hinterher in der Öffentlichkeit Dampf ablässt.

Ich glaube fast, dass das jeder Profi könnte, egal welcher Typ er ist.
Es wird verkannt, dass es oft schwieriger ist, ruhig zu bleiben und die
Dinge intern zu regeln. Aber das muss jeder für sich selbst wissen und
es ist oft auch gut für ein Team, wenn es verschiedene Typen hat." (Hervorhebung von mir)

Man kann diese Worte durchaus als Seitenhieb gegen Torsten Frings auffassen. Der gilt als Sprachrohr der Mannschaft, weil er sich nach fast jedem Spiel für Interviews zur Verfügung stellt und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt. Ich habe schon länger die Vermutung, dass Frings innerhalb des Teams nicht unumstritten ist. Spieler, die nach außen viel kritisieren, werden von Mitspielern selten wirklich gemocht, höchstens respektiert – so lange die Leistung stimmt. Das war bei Frings in der abgelaufenen Saison nicht immer der Fall und so mancher Kollege wird sich gedacht haben, dass er lieber den Mund halten und sich auf sein eigene Spiel konzentrieren sollte.

Ein Fußballer muss aber nicht unbedingt beliebt sein, um ein guter Mannschaftskapitän zu sein. Frings gefällt sich in der Rolle des Außenseiters und ist als Antreiber für die Mannschaft sehr wichtig. Mit Baumann ergänzte er sich gerade deshalb so gut, weil er zum ruhigen Franken einen Gegenpol bildete. So ergibt es auch Sinn, Mertesacker als Stellvertreter zu bestimmen. Die beiden könnten sich ähnlich gut ergänzen, wobei ich in Mertesacker die größeren Führungsqualitäten sehe. Wäre Frings jedoch bei der Wahl zum Spielführer übergangen worden, hätte er es mit Sicherheit als Affront gegen seine Person aufgefasst. Schon aus "politischer" Sicht hatte Schaaf kaum eine andere Wahl. Mit Diego
hat sich neben Baumann eine weitere Führungsfigur verabschiedet, was die Hierarchie in der Mannschaft durcheinander bringen wird. Ein beleidigter Torsten Frings würde diesen Umbruch zusätzlich erschweren.

Deshalb bin ich mit der Wahl alles in allem zufrieden und wünsche dem Lutscher alles Gute als Kapitän!

Trainingsbeginn 0

Gepostet am 5. July 2009 von Tobias (Meine Saison)

Ich komme ja wirklich zu nichts mehr. Die Mannschaft schwitzt bereits seit Freitag in Norderney und ich habe es noch nicht mal geschafft meinen Eintrag zum Trainingsauftakt zu schreiben. Wird hiermit nachgeholt:

So ein Laktat-Test ist wirklich genau so langweilig, wie er klingt. Als Werders Rumpfkader ergänzt durch einige U23-Spieler Donnerstag Nachmittag um 15:30 auf Platz 11 kamen, war der abgesperrte Zuschauerbereich noch gut gefüllt. Bedingt durch die Tageszeit war der Anteil an Kindern sehr hoch. Es waren sogar einige Schuklassen da. Nach einer knappen halben Stunde hatte sich das Feld jedoch bereits wieder geleert. Die Kinder saßen gelangweilt auf dem Boden, Rücken zum Spielfeld, und wirkten enttäuscht. Während Spieler und Trainerteam eine Runde nach der anderen auf der Tartanbahn drehten, gingen immer mehr Zuschauer nach Hause. Viele schienen sich das anders vorgestellt zu haben.

Für die rührendste Szene des Tages sorgte ein kleiner Junge, der seine Mama mit Tränen in den Augen fragte, wo denn Diego sei. Doch es war nicht nur der kleine Brasilianer, der fehlte. Neben den U21-Europameistern Özil, Marin und Boenisch fehlten aus unterschiedlichen Gründen auch Rosenberg, Sanogo, Pizarro, Moreno, Jensen, Tziolis und Mertesacker. Ansonsten gibt es nicht viel zu erzählen. Über die Höhepunkte habe ich ja schon live bei Twitter berichtet. Deshalb lasse ich jetzt lieber Bilder sprechen:

Trainingsauftakt Werder Bremen 09/10

Wie Diego einmal nicht zu Manchester City wechselte 5

Gepostet am 19. May 2009 von Tobias (Meine Saison)

19.05.2009, 0:44 Eine Userin mit dem Namen "Sandra" schreibt einen Kommentar unter diesen Artikel im Werderblog. In diesem Kommentar verlinkt sie einen angeblichen Artikel der Kreiszeitung Syke, in dem von einem Angebot Manchester Citys für Diego die Rede ist. Kolportiert wird eine Ablösesumme von 39 Millionen €. Dazu werden unter anderem Klaus Allofs, Diego, Djair da Cunha und Brian Marwood zitiert. Der Artikel ist im Layout der Onlineausgabe der Kreiszeitung verfasst und trägt "kreiszeitung.de" in der URL.

19.05.2009, 11:30
Als ich den Artikel einem Freund zeigen will, kann ich ihn nicht im Sportteil von kreiszeitung.de finden. Ich suche also in besagtem Blogeintrag nach dem Link, doch dieser führt nun auf die Startseite von smartdots.com, einem Anbieter kostenloser Web-Domains.

Auch auf transfermarkt.de ist die Meldung inzwischen angekommen, wo unter Berufung auf die sehr dubiose Quelle fansfc.com schon im April über ein mögliches Interesse ManCitys spekuliert wurde. Hier findet sich auch ein Zitat aus dem angeblichen Artikel der Kreiszeitung:

"Kochte die Gerüchteküche um den Wechsel des Bremer Spielmachers bereits
seit einiger Zeit recht hoch – so kocht sie nun geradezu über. Laut
übereinstimmenden Aussagen von Allofs und dem Diego-Berater Djair
Cunha, ist am Dienstag Morgen mit Manchester City ein weiterer Club im
den Poker um den Brasilianer eingestiegen. Aus vereinsnahen Quellen war
zu hören, dass der Club knapp 39 Millionen Euro Ablöse bietet – und ein
Gehalt, das etwa dem eineinhalbfachen des Juve-Angebots entspricht.
Brian Marwood, Geschäftsführer bei dem englischen Topclub: 'Wert ist er
das sicherlich.'"

In den Kommentaren wird bereits vermutet, dass es sich um einen Fake handelt.

19.05.2009, 13:00
Auch RTL berichtet inzwischen im Videotext und auf seiner Internetseite unter Berufung auf die Kreiszeitung Syke vom neuen Millionenangebot für Diego (siehe Screenshot). Auf Anfrage bestätigt die Kreiszeitung, die bislang von den Vorgängen nichts mitbekommen hatte, dass es besagten Artikel nicht gibt: "Da wird die Kreiszeitung von RTL falsch zitiert." Stattdessen wird auf einen anderen Artikel verwiesen, der den letzten Stand der Dinge darstelle.

Rtl_screenshot 
Quelle: RTL.de

19.05.2009, 17:00 Bei RTL.de ist das Gerücht noch immer online. Es wird weiterhin auf die Kreiszeitung verwiesen. Andere Medien haben die Faschmeldung meines Wissens nicht übernommen. Eigentlich ein gutes Zeichen.

32. Spieltag: Wechselspiele 2

Gepostet am 14. May 2009 von Tobias (Meine Saison)

Eintracht Frankfurt – Werder Bremen 0:5

50 Minuten lang wirkte Eintracht Frankfurt wie eine Mannschaft, die gerne in der 1. Bundesliga bleiben würde. In einem Spiel, das für Werder nicht den allergrößten Stellenwert hatte, war die Eintracht die aktivere Mannschaft, drückte nach der Pause wehement auf den Führungstreffer. Dann war Özil plötzlich frei durch, Ochs foulte ihn, sah die rote Karte und Frings verwandelte den fälligen Elfmeter. Fortan war es ein völlig anderes Spiel. Werder entschied die Begegnung auf eine Weise, wie es eigentlich nur Werder kann. Der Gegner wurde innerhalb kürzester Zeit überrollt, wobei Frankfurt freundlicherweise kaum noch Gegenwehr leistete.

Am Ende steht der erst zweite Auswärtssieg dieser Bundesligasaison. Eigentlich erstaunlich, dass eine Mannschaft, die in München und in Wolfsburg 5:2 gewonnen hat, die AC Milan auswärts nach 0:2 Rückstand ausgeschaltet hat, die 5:1 gegen die gnadenlos effiziente Hertha gewann und die den HSV aus allen Wettbewerben warf, eine solch schlechte Auswärtsbilanz aufweist und nur auf Platz 10 der Tabelle steht. Allerdings kann man diesen Zusammenhang auch umdrehen – er wird dadurch nicht weniger merkwürdig.

Gegen Frankfurt konnte es sich Thomas Schaaf erlauben, trotz dünner Personaldecke einigen Spielern früh eine Verschnaufpause zu geben. So kam Niklas Andersen zu seinem ersten Bundesligaspiel und Juri Maximov Vranjes zur Kapitänsbinde. Wie schon in der letzten Saison kommt Werder zum Ende noch einmal mächtig ins Rollen. Hieße der Trainer Felix Magath, würde man dies sicher dem harten Konditionstraining zuschreiben. Bleibt zu hoffen, dass der Akku bei den Spielern noch ein paar Wochen hält. Das Ende ist in Sicht und weitere Ausfälle wären insbesondere im Hinblick auf das UEFA-Cup Finale bitter. Es freut mich, dass Spieler wie Boenisch oder Prödl, die bislang eher als Teil des Problems als der Lösung galten, nun ansprechende Leistungen zeigen. Über Özils Entwicklung braucht man sicher keine Worte mehr verlieren. Und Wiese muss sich nur vor sich selbst in Acht nehmen – remember Juve & Glasgow!

Seit gestern ist nun bekannt, was seit Wochen die Spatzen von den Dächern twittern pfeifen: Diego wird mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu Juventus Turin wechseln. Der Kicker hatte bereits am Dienstag Spielerberater Giacomo Petralito zitiert, der behauptete, es liege längst eine Einigung zwischen allen Beteiligten vor. Für Aufregung sorgte dann jedoch die Zeitung mit den großen Buchstaben, die kurze Zeit später exklusiv von einem bevorstehenden Wechsel des Brasilianers nach München berichtete. Selbst gestern, als die Kreiszeitung Diego mit den Worten "ich bin mit Juventus Turin klar" zitierte, konterte Bild-Schreiberling Christoph Sonnenberg mit einem erneuten Artikel, in dem Diegos Wechsel zu den Bayern als bereits feststehende Tatsache dargestellt wurde. Derselbe Christoph Sonnenberg übrigens, der bereits letzten Sommer mit Insiderwissen über Werders Transferaktivitäten glänzte.

Der Rest ist typisch Bild und typisch Internet/Blogosphäre: Der Artikel wird kommentarlos gelöscht und durch einen anderen ersetzt, der die Bayern, vor allem aber die Bild-Zeitung selbst als Opfer der skrupellosen Cunha-Familie darstellt. Zum Glück blieben diese Machenschaften nicht unbemerkt und wurden vom sportmedienblog und vom Worum-Blog dokumentiert. Falsch informiert zu sein ist eine Sache, diese kontroversen Informationen als handfeste Tatsachen zu verkaufen eine andere. Zumindest sollte man den Mut haben zu solchen Fehlern zu stehen. Doch dazu bräuchte es das, was Oliver Kahn schon vor Jahren sehr bildlich beschrieb und hieran fehlt es der Bild-Redaktion offensichtlich.

Letztlich war es allen Werderfans schon lange klar, dass Diego über die Saison hinaus kaum zu halten sein wird. Die Trauer über seinen Abgang hält sich daher in Grenzen. Ich bin allerdings sehr froh und erleichtert, dass er nicht bei den Bayern landen wird. Erstens würde es mir wehtun, diesen Spieler demnächst bei einem unserer größten Rivalen spielen zu sehen. Und zweitens hätte der Wechsel nach dem "Fall Klose" einen bitteren Beigeschmack. Auf einen weiteren Werderspieler, dem die Welt offen steht und der es dann nicht einmal über die Alpen schafft, kann ich gut verzichten. Also dann eben Turin. Dabei ist mir Juve beileibe nicht sympathischer als die Bayern, ganz im Gegenteil.

Dank Diegos schnellem Heilungsprozess könnte es am Samstag wenigstens noch ein "Abschiedsspiel" im Weserstadion geben. Etwas, das Johan Micoud (Poulsen sei Dank) verwehrt blieb. Doch der hatte seine großen Erfolge im Werdertrikot zu dem Zeitpunkt bereits hinter sich. Diegos folgen hoffentlich noch in den nächsten Wochen.

UEFA-Cup Halbfinale, Rückspiel: Der Norden der Welt 0

Gepostet am 9. May 2009 von Tobias (Meine Saison)

Hamburger SV – Werder Bremen 2:3

Auch mit zwei Tagen Abstand habe ich noch nicht ganz realisiert, was eigentlich passiert ist. Lässt man Papierkugeln, Torwartfehler und sonstige Gehässigkeiten mal weg, bleibt unterm Strich die zweite Finalteilnahme dieser Saison und die zweite Finalteilnahme der Vereinsgeschichte im Europapokal. Bei allem was man in dieser Saison als erfolgsverwöhnter Werderfan über sich ergehen lassen musste, war dieses Spiel der vorläufige Höhepunkt an Spannung, vorübergehender Hilflosigkeit und schlussendlich grenzenloser Freude.

Wie soll man das alles auch einfach so wegstecken? Innerhalb weniger Tage der angeblich feststehende Weggang Diegos, der Sieg in Hamburg, Diegos Finalsperre, Mertesackers Saisonaus, Spekulationen über einen Wechsel Thomas Schaafs zu Wolfsburg und dazu dessen zehnjähriges Jubiläum als Werders Cheftrainer. Reicht eigentlich für mehrere Wochen und will in kurzer Zeit verarbeitet werden. Denn es steht bereits das nächste Nordderby auf dem Programm. Mit einem erneuten Sieg könnte man den HSV vorübergehend sogar aus den UEFA-Cup-Plätzen kegeln. Es wäre die ultimative Demütigung, wenn die Hamburger am Ende mit ganz leeren Händen dastünden.

Doch noch ist dies auch für Werder möglich. Im Finale gegen Donezk kann Werder ohne Diego und Mertesacker kaum als Favorit gelten. Selbst Almeidas Sperre wiegt ob Rosenbergs nicht enden wollender Formschwäche schwerer als nötig. Nun wird es Werder doch zum Verhängnis, nur mit drei Stürmern (plus Harnik) in die Rückrunde gegangen zu sein. Die gelbe Karte gegen Diego war unverständlich, taugt jedoch nicht zur Legendenbildung. Er hätte bereits vorher für eine Schwalbe verwarnt werden können, stattdessen bekam er einen Freistoß. Es ist mir trotzdem unbegreiflich, wie ein Spieler, der mit David Jarolim in einer Mannschaft spielt, ernsthaft einem anderen Spieler Fallsucht vorwerfen kann. Egal. Mund abputzen und weiter geht’s.

Franz Beckenbauer zeigte sich nach dem Spiel wieder einmal herrlich uninformiert. Nicht, dass ich mich darüber noch wundern oder gar ärgern würde. Ganz im Gegenteil fand ich es äußerst lustig wie der Kaiser nach dem Spiel überrascht feststellte, dass Bremen entgegen seiner Annahme ja doch eine Pokalmannschaft sei. Und das zwei Wochen nachdem Werder die achte Finalteilnahme der letzten 20 Jahre im DFB-Pokal sichergestellt hatte. Zur Einordnung (auch wenn die Zeitspanne willkürlich ist): Im selben Zeitraum standen die Bayern “nur” sieben mal im Pokalfinale.

Die (Un-)Logik des Pokals widerspricht dem über Monate gelernten Eindruck aus der Bundesliga, dass Werder eben keine Spitzenmannschaft mehr sei. In der Meisterschaft schon früh abgeschlagen, in der Champions League blamabel ausgeschieden. Und nun? Mittelmaß my ass! Es könnte eine der erfolgreichsten Spielzeiten der Vereinsgeschichte werden. Es ist noch nichts Greifbares gewonnen, doch trotzdem sollte man die Saison insgesamt nicht mehr als Misserfolg werten. Das heißt bei weitem nicht, dass alles in Ordnung wäre und die offensichtlich gewordenen Probleme einfach ignoriert werden könnten. Doch ein Rückfall in die Jahre voller Frust ist zumindest vorerst abgewendet.

UEFA-Cup Viertelfinale, Rückspiel: One Man Show 0

Gepostet am 18. April 2009 von Tobias (Meine Saison)

Udinese Calcio – Werder Bremen 3:3

Werder bleibt sich treu, in jeglicher Hinsicht: Sechstes Unentschieden im sechsten Auswärtsspiel in dieser Europapokalsaison, defensiv gerät man noch immer schnell ins Schwimmen, auch wenn die Gegentore weniger werden und den Unterschied macht vor allem ein Mann: Diego.

Wenn man sich immer noch darüber ärgern will, dass Diego das Spiel nicht schnell genug macht und sich zu oft in sinnlose Dribblings im Mittelfeld verrennt, dann kann man das nach wie vor tun. Doch was Diego in dieser Rückrunde leistet ist einfach großartig. Obwohl er am Donnerstag ganz offensichtlich nicht 100%ig fit war und das Spiel nicht wie gewohnt an sich riss, war er in den entscheidenden Situationen da und führte Werder ins Halbfinale. Es gibt nicht viele Spieler, die ein Tor wie das zum 1:1 schießen können. Gleiches gilt für das 2:0 im Hinspiel. 5 Tore hat Diego in seinen letzten 3 Spielen gemacht und dabei sogar noch 2 Elfmeter verschossen.

Diego geht mit Leistung voran und reißt dadurch die Mannschaft in dieser wichtigen Saisonphase mit. In allen wichtigen Spielen dieser Rückrunde hat er überzeugt, was für mich eine ganz wichtige Eigenschaft eines Führungsspielers ist. Es bleibt zu hoffen, dass er diese Form und diesen Killerinstinkt mit in die nächsten Spiele retten kann. Gegen den HSV wird man auf seine Genialität angewiesen sein, denn Hamburg wirkt vor allem mental sehr stark und wird darauf brennen, endlich wieder einmal ein wichtiges Spiel gegen Werder zu gewinnen.

Nun sehen wir also vier Nordderbys in den nächsten drei Wochen. Vier Chancen, die Vorherrschaft im Norden doch noch zu verteidigen, aber auch viermal die Gefahr, ausgerechnet gegen den großen Lokalrivalen die eigenen Saisonziele endgültig zu verspielen. Werder kommt diese Konstellation entgegen: In den Pokalwettbewerben hat die Mannschaft gezeigt, wozu sie fähig ist, wenn es ums Überleben geht und die Einstellung stimmt. In einem Nordderby wird es keiner der Spieler wagen, sich auch nur eine Sekunde lang hängen zu lassen (I'm looking at you, Hugo!). Auch würde sich niemand für die Halbfinalteilnahmen auf die Schulter klopfen lassen, wenn man ausgerechnet dem HSV den Weg in die Finals geebnet hätte. Das kann für Werder nur gut sein.

Am Mittwoch geht es los und ich freue mich auf drei spannende und hoffentlich erfolgreiche Wochen.

24. Spieltag: Spielbericht 0

Gepostet am 15. March 2009 von Tobias (Meine Saison)

(Erstellt aus meinem Live-Blog bei Twitter.)

Vor dem Spiel:

Mahlzeit
zusammen. Mein erstes Werder-Livespiel im TV seit dem 7.2. Und dazu
gibt's von mir, wie angekündigt, natürlich wieder Live-Tweets!
Heute muss in der
Bundesliga endlich der erste Rückrundensieg eingefahren werden.
Heimbilanz gegen Stuttgart: 42 Spiele, 19 Siege, 11 Unentschieden, 12 Niederlagen.
Bei Werder
überrascht die Aufstellung von Niemeyer, die ich allerdings gut finde.
Und wie wird sich die Innenverteidigung ohne Naldo und Merte schlagen?


Aufstellungen:

Werder: Wiese – Pasanen, Prödl, Baumann, Boenisch – Frings, Niemeyer, Özil, Diego – Pizarro, Rosenberg

Stuttgart: Lehmann – Boca, Osorio, Boulahrouz, Träsch – Hitzlsperger, Khedira, Hilbert, Elson – Marica, Gomez

Das Spiel:

1' Das Spiel beginnt wie schon am Donnerstag mit einer Gedenkminute für die Opfer des Amoklaufs in Winnenden. Und jetzt geht es los. Erste Chance Werder. Nach Freistoß Özil kommt Niemeyer mit dem Kopf ran, kann ihn aber nicht kontrolliert aufs Tor bringen.

5' Gemächlicher Beginn. Werder steht bei Ballbesitz VfB tief, spielt kaum Pressing. Viele kleine Fouls.

6' Diego guckt Lehmann aus und versucht es aus 18 Metern mit einem Lupfer. Allerdings deutlich übers Tor.

9' Schiri pfeift kleinlich. Boenisch wird nach einem normalen Zweikampf mit Körpereinsatz zurückgepfiffen.

13' Kurios:
Boenisch knall von der Seitenlinie aus 30+ Metern ein Pfund auf das
EIGENE Tor. Geht ans Außennetz. Wiese ist entsetzt!

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DFB-Pokal Viertelfinale: Wer braucht Petric, wenn er Petri hat? 0

Gepostet am 5. March 2009 von Tobias (Meine Saison)

Wolfsburg – Werder 2:5.

Was für ein Auftakt, was für ein Ende. Werder hat mit 5:2 bei der bislang besten Rückrundenmannschaft der Bundesliga gewonnen und sich für das Pokalhalbfinale qualifiziert. In einem sehr offensiv geführten Spiel nutzte Werder seine Chancen wesentlich besser als zuletzt und ließ sich wie schon gegen Milan und Bayern von Negativerlebnissen nicht zurückwerfen. Vor ein paar Wochen sah das noch ganz anders aus, was ich als Zeichen mangelnder Führung auf dem Platz auslegte. Die Leistungen der letzten drei Spiele (und des Hinspiels gegen Milan) kamen natürlich vor allem durch ein mannschaftlich geschlossenes Auftreten zustande. Doch ein Spieler stach dabei besonders heraus, in dem er Verantwortung übernahm und die Einstellung vorlebte, die letztendlich entscheidend für die guten Ergebnisse war: Diego.

Wie oft war er in der Winterpause kritisiert worden (da will ich mich gar nicht ausnehmen). Die Zahl der Fans, die ihn im Januar für einen Sack voller Geld dankend abgegeben hätten, war nicht klein. Er wurde abfällig als Diva und Popstar bezeichnet, der Werder nicht mehr weiterhelfen könne und durch sein Verhalten neben dem Platz sowieso nur seinen Abgang provozieren wolle. Diese Kritik scheint sich Diego zu Herzen genommen zu haben. Neben dem auch durch sein Fehlen begünstigten, verpatzten Rückrundenstart war das wohl der Auslöser für seinen erkennbaren Motivationsschub. Seit seiner Rückkehr kämpft er wieder um jeden Ball, zaubert vorne, schlägt tolle Pässe, hilft auch defensiv aus. So kann man die eine oder andere Pirouette zuviel leicht verschmerzen (vor allem, wenn er im Anschluss so ein großartiges Tor schießt, wie gegen Wolfsburg).

Es gibt noch einen weiteren Spieler, der in den genannten Spielen einen großen Unterschied gemacht hat. Einen Spieler, der nach einer guten Saison 07/08 schon wieder in der Versenkung verschwunden war. Der es trotz Formschwäche bei Clemens Fritz und den anhaltenden Problemen auf der linken Abwehrseite nur noch selten in die Mannschaft schaffte. Die Rede ist natürlich von Petri Pasanen. In der letzten Saison war er die Bestbesetzung für die schwache linke Abwehrseite. Als gelernter Innenverteidiger sorgte er dort für Stabilität. Seine beschränkten Fähigkeiten im Offensivspiel konnte man verschmerzen, galt er doch als Übergangslösung, bis die eigentlichen Linksverteidiger Wome, Tosic und Boenisch wieder fit sind bzw. ihre Form wiederfinden (oder zumindest ihr Förmchen).

Warum es in dieser Saison, in der die Abwehr keineswegs stabiler ist, nicht so recht laufen wollte, lässt sich schwer sagen. Zu Beginn der Saison, als Schaaf auf die vielen Gegentore reagierte, indem er vier gelernte Innenverteidiger in die Abwehrkette stellte, zeigte Pasanen ungewohnte Schwächen. Er verlor mehr Zweikämpfe, als man es von ihm gewohnt war. Plötzlich war er nicht mehr der Notnagel, der im Problemfall auf jeder Position der Viererkette aushelfen konnte und sich deshalb wenig Sorgen um seine Einsatzzeiten machen musste. Erst 11 Spiele hat Pasenen in dieser Bundesligasaison für Werder bestritten. Nach den letzten Auftritten dürften jedoch noch einige hinzu kommen.

Während Naldo und inzwischen leider auch Per Mertesacker gelegentlich wackeln, hat Pasanen zu seinen alten Stärken zurückgefunden: Durch gutes Stellungsspiel, Zweikampfstärke und eine gehörige Portion Coolness verstärkt er die Werderabwehr und ist wieder da, wenn er gebraucht wird. Als Naldo sich gestern in der zweiten Halbzeit bei einem hohen Ball verschätzte und Pasanen mit einer kompromisslosen Grätsche reparierte, konnte man sehen, was diesen Spieler wertvoll macht. Wie auch gegen die Bayern, wo er nach Naldos roter Karte in die Innenverteidigung rückte und ein tolles Spiel ablieferte.

Im nächsten Spiel gegen Hoffenheim wird Clemens Fritz ausfallen, so dass Petri seinen Platz in der Startelf sicher haben dürfte. Doch auch wenn alle Spieler an Bord sind, ist er endlich wieder eine gute Alternative, wenn nicht sogar erste Wahl.



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