Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



Europa League, 1/16-Finale: Der heimliche Spielmacher 6

Gepostet am 26. February 2010 von Tobias (Meine Saison)

Twente Enschede – Werder Bremen 1:0
Werder Bremen – Twente Enschede 4:1

Als Werderfan kann man heute wirklich zufrieden sein. Aus der schwierigen Ausgangsposition, mit zwei Toren Vorsprung gewinnen zu müssen, hat sich Werder souverän ins Achtelfinale geballert und  dabei über weite Strecken richtig guten Fußball gespielt. Wie schon im Hinspiel vor einer Woche gehörte die erste halbe Stunde des Spiels Werder. Wie im Hinspiel erzielte Enschede dann wie aus dem Nichts ein Tor. Anders als vor einer Woche hatte Werder zu diesem Zeitpunkt aber schon die eigenen Chancen genutzt und mit 3:0 in Führung gelegen. Am Ende kam ein 4:2 Gesamtergebnis heraus, das nach den gezeigten Leistungen über 180 Minuten so in Ordnung geht. Twente hatte insgesamt nur eine Halbzeit lang Oberwasser gegen Bremen, verpasste es dort jedoch, eine noch bessere Ausgangssituation für das Rückspiel herauszuholen.

Die hätte es gestern Abend gebraucht, um gegen eine sehr konzentrierte und kombinationsfreudige Bremer Mannschaft etwas zu holen. Der Knackpunkt für Enschede war sicherlich die vergebene Chance durch Parker, bei der Vander seine – von vielen im Stadion unbemerkte – beste Aktion hatte, und dem folgenden Tor durch Claudio Pizarro. Vander war sehr lange stehen geblieben, gab Parker dadurch nicht die einfache Option, ihn auszugucken und dann einzuschieben. Dass der Schuss  nur an den Außenpfosten ging war dann natürlich auch Glückssache. Dennoch eine (sehr, sehr seltene!) Situation, in der ich ganz froh war, nicht den mit Messer zwischen den Zähnen heranrauschenden Tim Wiese im Kasten zu haben. Im Gegenzug dann Abdennour mit seiner besten Szene, einem gewonnenen Tackling im Mittelfeld und Özils Pass auf Pizarro, der sein bereits zwölftes Tor im zehnten Europa League Spiel erzielte. Danach war die Messe gelesen, ein Aufbäumen Twentes fand nicht mehr statt, obwohl Werder nicht mehr voll konzentriert wirkte.

Bei Özils Auswechslung nur verhaltener Beifall, obwohl er eine gute Leistung gezeigt hatte und an allen Toren beteiligt war. Es läuft noch längst nicht alles rund bei ihm, aber die Formkurve zeigt seit dem Spiel gegen Leverkusen wieder nach oben. Möglicherweise einer der Gründe: Özil musste gestern nicht Spielmacher und Vollstrecker zugleich sein. Die Umstellung mit Almeida und Pizarro gemeinsam im Angriff – zum ersten Mal in dieser Saison von Beginn an – machte sich deutlich bemerkbar. Während Marin und Özil mehr die Außenbahnen beackerten, ließ sich Pizarro (wie auch schon in der zweiten Halbzeit gegen Hoffenheim) häufig  gute zehn Meter hinter Almeida fallen und beteiligte sich am Spielaufbau. Eigentlich keine Besonderheit, doch gestern hatte er mit Almeida noch einen wirklichen Stürmer vor sich, der a) auch hoch anspielbar war und b) die Bälle wiederum für Pizarro ablegen konnte – eine Aufgabe die Pizarro zuvor in Personalunion schlecht selbst bewerkstelligen konnte. Trotzdem kann man seine Leistung gar nicht hoch genug bewerten. Großartiges Spielverständnis, gutes Auge, technisch ohnehin klasse. Die Lücke zwischen den defensiv überzeugenden, aber im Aufbauspiel verbesserungswürdigen Frings und Niemeyer und den kleinen Wirblern füllte er blenden aus. Es war, als hätte Werder endlich das fehlende Puzzlestück gefunden. Dazu nutzte Pizarro diesmal auch seine Chancen.

Nach einem zwar konzentrierten, aber etwas zähen Start war es Torsten Frings Pass, der das 1:0 einleitete. In dieser Situation hatte er am schnellsten gedacht, war den Niederländern um einen Schritt voraus und Werder brauchte es über die Stationen Özil, Almeida und Pizarro “nur” noch sauber zuende spielen. Almeidas punktgenaue Hereingabe ist dabei sicherlich ebenfalls hervorzuheben. Danach spielte sich Werder in einen Rausch und die Gäste fanden eine Viertelstunde lang keinen Weg, dem etwas entgegenzusetzen. Werder belohnte sich mit zwei weiteren Toren. Pizarro und Naldo behielten vor ihren jeweiligen Treffern die Nerven und schlossen überlegt ab. Gibt es einen anderen Innenverteidiger in Europa, der auf so viele unterschiedliche Weisen torgefährlich ist, wie Naldo? Kopfbälle, Freistöße und nun im Stile eines abgezockten Klassestürmers den Torwart verladen. Dazu in der Defensive oft im richtigen Moment aus der Viererkette gelöst und dadurch das Angriffsspiel unterbunden. Gerne hätte ich das bei seinem Nebenmann Mertesacker in den beiden Spielen zuvor gegen Janssen und Kroos auch gesehen! Mertesacker war auch gestern für mich neben dem übermotivierten Abdennour der einzige, mit dessen Leistung ich nicht ganz einverstanden war. Er war mit einer Grippe ins Spiel gegangen, was einerseits eine gute Entschuldigung, andererseits natürlich auch ziemlich leichtsinnig ist. Eine wirklich schlechte Leistung war es allerdings auch von ihm nicht. In der Spieleröffnung konnte er Pluspunkte sammeln. Mit Stürmer de Jong hatte er jedoch einige Probleme, weil dieser mit viel Körper- und Armeinsatz in die Luftzweikämpfe ging und sich so erstaunlich gut behaupten konnte.

Es war sicherlich noch nicht alles Gold, was da gestern im Weserstadion schon wieder sehr ansehnlich glänzte, aber es war eindeutig die beste Mannschaftsleistung des Jahres und ein Fingerzeig, wozu diese Mannschaft in der Saison noch fähig sein könnte. Das Comeback von Bargfrede macht zusätzlich Hoffnung. Thomas Schaaf steht nun jedoch vor dem Problem, über drei sehr gute offensive Mittelfeldspieler zu verfügen, die wunderbar harmonieren, nicht jedoch mit dem Zweiersturm Pizarro/Almeida zusammen aufgestellt werden können. Wäre Frings doch nur vier Jahre jünger! So dürfte es in den nächsten Spielen, in denen es nicht von der ersten Minute an einen Rückstand aufzuholen gilt, wieder auf die bekannte Formation hinauslaufen, mit Almeida als Backup für die Sturm- und Drangphase in den letzten dreißig Minuten. Alternativ könnte man natürlich auch einen der drei zuvor genannten auf der Bank lassen, am ehesten wohl Marin, der dann in der Schlussphase dem erschöpften Gegner Knoten in die Beine dribbelt. Nun geht es mit nur einem Tag Pause zum Auswärtsspiel nach Mainz. Eine ohnehin schwierige Aufgabe, bei der Werders Fitness und/oder Reservebank auf eine harte Probe gestellt werden.

Ein paar Randnotizen aus dem Stadion: Viertes Heimspiel in der Europa League, zum vierten Mal live vor Ort, vierter Sieg. Die Sicht vom VIP-Rang ist phänomenal, die Stimmung nicht so ganz. Genörgel über Özil allerorten und nur wenig Interesse fürs oder gar Verständnis vom Spiel. Ein wenig deplatziert fühle ich mich dort schon, auch wenn es vor dem Fernseher mit einer Tüte Chips TrailMix kaum weniger spießig ist. Dafür immer wieder Begegnungen mit altgedienten Werderspielern (diesmal Mirko Votava). Vor dem Stadion wäre ich dann fast noch von Aaron Hunt über den Haufen gerannt worden, der es wohl sehr eilig hatte, zu seinem Auto zu kommen. Gut so, Aaron, diesen Einsatz will ich von dir in den nächsten vier Jahren bei Werder weiterhin sehen!

18. Spieltag: Und jährlich grüßt das Murmeltier 7

Gepostet am 17. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Frankfurt – Werder 1:0

Und jährlich grüßt das Murmeltier. Ein großes, schläfriges Murmeltier namens Werder Bremen. Zum dritten Mal in Folge vergeigt es den Rückrundenauftakt mit einer katastrophal schlechten Vorstellung gegen einen bestenfalls mittelmäßigen Gegner.

Gegen Frankfurt kann man mal verlieren. Man sollte nicht – gegen eine Mannschaft, in der Maik Franz spielt, sollte man nie verlieren – aber man kann. Aber doch bitte nicht zweimal in einer Saison! Zweimal auf diese Weise! Werder zeigte kaum Gegenwehr, kaum ein Aufbäumen, kaum Laufbereitschaft. Das Spiel war wahrlich nicht schnell und das lag in erster Linie daran, dass Werder es nicht schnell machte. Den Frankfurtern spielte das natürlich in die Hände, die konnten hinten relativ leicht die Räume eng machen und in der Mitte waren sie bis zu Pizarros Einwechslung keinerlei Gefahr ausgesetzt. Ein Sturmduo Marin/Rosenberg kann Erfolg haben, wenn man gegen einen offensiven Gegner spielt, aber nicht gegen einen Gegner, der bestens damit leben kann, Werder den Ball zu überlassen und dann mit Kontern den Garaus zu machen. Rosenberg spielt nun seit einem guten Jahr völlig unter Form und darf trotzdem von Anfang an ran? Der Handlungsbedarf im Angriff hätte nicht deutlicher gemacht werden können. Es hatte fast etwas anklagendes, so als wollte Thomas Schaaf sagen: Schau her, Klaus, das ist das beste, was ich aufbieten kann.

Ist gestern jemandem aufgefallen, wie sich Werders Spielweise geändert hat, als Pizarro ins Spiel kam? Auf einmal wagte man direkte und hohe Anspiele an den Strafraum, aus dem ersten wäre beinahe das 1:1 gefallen. Diese Abhängigkeit von einem einzigen Spieler ist gefährlich, Pizarro nicht mehr der jüngste. Verletzungspausen muss man also einkalkulieren und dann zeigt sich, dass Klasse wichtiger ist als Masse. Es bleibt zu hoffen, dass zumindest Moreno und Vranjes noch abgegeben werden können und das Geld in einen Mittelstürmer investiert wird. Die Verpflichtung Abdennours halte ich aus heutiger Sicht für richtig. Es bestand definitiv Bedarf auf der linken Seite und gute Ansätze waren trotz einer durchwachsenen Leistung erkennbar.

Es wäre jedoch falsch, die Bremer Niederlage nur an einem nicht vorhandenen Stürmer festzumachen. Die Leistung der Mannschaft war insgesamt völlig inakzeptabel. Allen voran wirkte Mesut Özil, als wäre er mit dem Kopf überall, nur nicht auf dem Platz. In dieser Form wäre er nicht mal für Arminia Bielefeld interessant. Solche Spieler sind besonders wertvoll für ein Team: Unter der Woche groß von den eigenen Ansprüchen auf die Champions League sprechen und dann so eine Leistung? Große Klasse, Mesut. Wenn es unter deinem Niveau ist, den Verein, der dich zum Nationalspieler gemacht hat, in die Champions League zu schießen, dann halt bitte einfach die Klappe und geh im Sommer wohin du auch immer möchtest!

Was bleibt zu hoffen? Bitte kein Wort mehr von Meisterschaft und Champions League! Eine Woche lang konzentrieren und dann mit vollem Einsatz gegen die Bayern. In der Hinrunde hat man nach der Niederlage gegen Frankfurt die Kurve gekriegt. In dieser Rückrunde mag ich daran nicht glauben, lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen.

Jahre voller Lust (Teil 1) 3

Gepostet am 4. January 2010 von Tobias (Meine Saison)

Das Jahr 2010 ist da – die Nuller Jahre sind vorbei. Ein Jahrzehnt, das aus der grauen Fußballmaus Werder Bremen einen regelmäßigen Champions League-Teilnehmer machte. Ich habe mir aus jedem Jahr ein besonderes Spiel herausgepickt und paar Zeilen dazu geschrieben. So ist ein sehr persönlicher Rückblick auf die Dekade entstanden, den ich nun in drei Teilen hier im Blog veröffentlichen werde. Heute gibt es den ersten Teil.

23.3.2000: Werder Bremen – Arsenal FC 2:4

Thomas Schaafs erste richtige Saison als Werdertrainer markiert einen Wendepunkt in Werders Geschichte. Nach Rehagels Abgang war man in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zur grauen Maus mutiert und zeigte keine Anzeichen der Besserung. Schaaf gibt der Mannschaft eine offensive Grundausrichtung mit und fördert das Kreativspiel. Claudio Pizarro wird der Überraschungstransfer der Saison und bildet fortan mit dem schon als Fehleinkauf abgestempelten Ailton ein spektakuläres Angriffsduo. Für höhere Ambitionen fehlt es noch an der Konstanz, doch endlich sieht man in Bremen wieder Fußball, der zum Träumen anregt. Besonders im UEFA-Cup überzeugt Werder und rückt bis ins Viertelfinale vor.

Das Hinspiel hat Werder ziemlich chancenlos mit 0:2 verloren, doch es gibt Grund zur Hoffnung, als Arsenal London im Frühling 2000 zum Rückspiel ins Weserstadion kommt. In den Runden zuvor hat Werder in alter „Wunder-von-der-Weser“-Manier Hinspielpleiten im eigenen Wohnzimmer ausgebügelt – etwa gegen die damalige Klassemannschaft AC Parma (0:1, 3:1) und auch Olympique Lyon (0:3, 4:0). Gegen das Team von Arsène Wenger erwarteten die Fans nun eine erneute Aufholjagd. Doch viel zu früh wird klar, dass daraus an diesem Abend nichts werden soll. Schnell liegt Werder durch ein Tor von Ray Parlour hinten und als wiederum Parlour einen 35-Meter-Kracher in den Winkel hämmert, ist das Spiel entschieden. Doch damals ist das Anspruchsdenken in Bremen noch ein anderes. Die Bremer Anhänger unterstützen ihre Mannschaft weiterhin nach Leibeskräften und auch die Fans der Nord-Londoner sorgen für tolle Stimmung im Stadion. Werders Anschlusstreffer werden frenetisch bejubelt, die Sturmläufe – und die rote Karte – des jungen Thierry Henry mit offenem Mund bestaunt. Solchen Fußball bekommt man hier zu dieser Zeit nur selten zu sehen. Am Ende steht ein 2:4 als Ergebnis unter einem Fußballfest (mit einem Dreierpack des defensiven Mittelfeldspielers Parlour), das wohl jeden der anwesenden Zuschauer begeistert. Arsenal hat von diesem Tag an ein paar Sympathisanten mehr in der Hansestadt – diesen Autor mit eingerechnet.

17.2.2001: Werder Bremen – Schalke 04 2:1

Spektakulär ist eine Untertreibung, um Claudio Pizarros Tor gegen den Tabellenführer der Bundesliga zu beschreiben. Einen hohen, weiten Pass vom eigenen Strafraum pflückt der Peruaner mit dem Fuß nicht etwa bloß herunter, sondern tickt ihn so hauchzart und gefühlvoll an, dass er den Ball aus dem Lauf heraus Volley über den herauslaufenden Torwart Olli Reck ins Tor lupfen kann. Ein absolutes Meisterstück und sicherlich eines der schönsten Tore, die je im Weserstadion erzielt wurden. Dass es sich hierbei nicht um einen Zufall handelte, sondern Pizarros Klasse widerspiegelt, beweist der Peruaner mit 19 Toren in seiner zweiten und vorerst letzten Saison für Werder. Seine Leistungen wecken Begehrlichkeiten auf der anderen Seite der Republik und so wechselt Pizarro im Sommer 2001 für die stolze Summe von 16 Millionen DM nach München. Für die einen eine Katastrophe, den Weltklassemann ausgerechnet an die Bayern zu verlieren, für die anderen eine Bestätigung, dass man in Fußballdeutschland wieder ernst genommen wird.

Dazu hatte auch die ausgezeichnete Rückrunde der Bremer beigetragen, in der man neben dem späteren „Meister der Herzen“ auch den FC Bayern bezwingen kann. Wäre man in der Hinrunde ähnlich furios aufgetreten, hätte am Ende auch ein Platz in der Champions League winken können, denn selten holten die Topmannschaften der Liga so wenige Punkte. So bleib neben vielen schönen Toren von Pizza-Toni nur der undankbare 7. Platz (Platz 6 reichte damals für die UEFA-Cup-Teilnahme) und die Gewissheit, einen der besten Stürmer der Vereinsgeschichte verloren zu haben. Man muss es sich wirklich immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Pizarro im Jahr 2010 erst seine vierte Saison für Werder spielt. Trotz seiner sechs Jahre bei den Bayern hat er in Bremen nie an Sympathie eingebüßt, was sicher nicht nur an seinen Leistungen auf dem Platz liegt.

10.9.2002: Werder Bremen – 1.FC Nürnberg 4:1

Nicht beständig genug. So lässt sich das Manko der Bremer knapp in Worte fassen. Trotz einer tollen Hinrunde mit Siegen gegen die Meisterschaftsanwärter Bayern und Bayer Leverkusen kann Werder 2002 den Platz in der Spitzengruppe nicht verteidigen. Dank gütiger Mithilfe aus Kaiserslautern sichert sich Werder am letzten Spieltag trotz einer Niederlage gegen den neuen Meister Borussia Dortmund zumindest einen UEFA-Cup-Platz. Selbstverständlich nicht, ohne vorher noch Zünglein an der Waage im Meisterkampf zu spielen, indem man unter äußerst glücklichen Umständen zu einem Auswärtssieg in Leverkusen kommt. Für die neue Saison sieht es nicht wirklich gut aus. Leistungsträger Torsten Frings ist zum Meister gewechselt und Torwart Frank Rost zu dessen Erzrivalen nach Schalke. Ironischerweise wechseln beide, um ihre Chancen auf den Gewinn der Deutschen Meisterschaft zu verbessern. Im Spätsommer 2002 fehlt Werder vor allem ein Spielgestalter. Jemand, der die Mannschaft inspirieren kann. Es scheint hoffnungslos, einen solchen Spieler zu verpflichten, denn das nötige Kleingeld dafür ist trotz der Abgänge nicht vorhanden. Dennoch wickelt Sportdirektor Allofs im September noch einen Transfer ab, für den er zu Recht bis heute gefeiert wird: Er holt den französischen Mittelfeldspieler Johan Micoud ablösefrei zu Werder.

Es dauert genau 90 Minuten, bis Bremen „König Johan“ zu Füßen liegt. Vom ersten Spiel an kann man die Aura eines Weltklassespielers spüren. Nicht, dass es bei Werder vorher keine ähnlich starken Spieler gegeben hätte, doch im Gegensatz zu Micoud wurden diese in Bremen zu solchen ausgebildet. Micoud hingegen scheint seit seiner Ankunft die gesamte Mannschaft mit seiner Genialität mitzureißen. Nie zuvor und leider auch (noch) nicht danach hatte Werder einen Spieler, mit dieser Fähigkeit, ein Spiel zu „lesen“, es vor sich auszubreiten und nach seinen Vorstellungen zu gestalten. Neben diesen strategischen Fähigkeiten verfügt Micoud auch über die technischen Fähigkeiten, diese Spielweise auf dem Platz umzusetzen. Ein wirklicher Spielmacher eben, vielleicht der letzte klassische Spielmacher der Bundesliga. Zwar kann auch er Werder nicht auf Anhieb in die Bundesligaspitze hieven, dafür ist der erneute Leistungseinbruch nach der Winterpause zu groß, doch zum ersten Mal seit Andreas Herzog in seiner Glanzzeit hat Werder wieder einen richtigen Regisseur.

In den nächsten Tagen folgen der zweite (2003 – 2006) und der dritte Teil (2007 – 2009).

7. Spieltag: Drei… zwei… eins… Mainz 7

Gepostet am 26. September 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Mainz 05 3:0

Drei Tore geschossen. Zweiten Heimsieg der Saison eingefahren. Ein Spieler sorgte wieder mal für die Entscheidung. Mainz geht leer aus.

Man kann es ja zunächst mal positiv sehen: Werder hat am Ende relativ locker mit 3:0 gewonnen, hat nicht viele Chancen zugelassen und erneut zu Null gespielt, war effektiv im Abschluss. Dazu die nicht als Flankengötter verschrieenen Pasanen und Boenisch je mit einer starken Torvorlage. Mesut Özil ist wieder zurück. Marko Marin machte ein starkes Spiel, ebenso Torsten Frings. Aaron Hunt nicht so gut wie gegen St. Pauli, aber erneut Torschütze. Doch es blieb wieder einmal Claudio Pizarro vorbehalten, das Spiel zu entscheiden. Seine Kopfbälle machten in der zweiten Halbzeit den Sack zu. Im Hinblick auf das Spiel gegen Bilbao am Donnerstag ist es sicherlich vorteilhaft, dass Werder nicht über 90 Minuten ans Limit gehen musste.

Das alles kann aber nicht darüber hinweg täuschen, dass es über weite Strecken kein gutes Spiel war, das Werder ablieferte. Es reihte sich Fehlpass an Fehlpass. So machte man es Mainz zu einfach, den Ball vom eigenen Tor fernzuhalten. Nach der Bremer Führung wurde das Spiel für einige Minuten ganz gut, doch in der zweiten Halbzeit zunächst das alte Bild. Marko Marin riss in der Folge das Spiel immer mehr an sich und holte einige gefährliche Freistoßchancen heraus. Erst nach dem 2:0 durch Pizarro konnte man einigermaßen sicher sein, dass nichts mehr anbrennen würde.

Übertriebener Pessimismus ist nach diesem Ergebnis fehl am Platz. Deshalb sollte man das Spiel einfach als Arbeitssieg abhaken und sich über die nun 10 Spiele währende Serie ohne Pflichtspielniederlage freuen.

Pizzaros Werk und Moens Beitrag 4

Gepostet am 18. September 2009 von Tobias (Meine Saison)

Nacional Funchal – Werder Bremen 2:3

Was nimmt man aus diesem Spiel mit? Ein Auswärtssieg und drei Punkte zum Start sind schön. So ganz unzufrieden kann man mit dem Spiel nicht sein. Dafür hat man zuviel erlebt in den letzten Jahren, vor allem gegen Europas vermeintliche Leichtgewichte. Funchal bot eine engagierte Leistung und stellte Werders Defensive vor große Probleme. Am Ende war es dann die individuelle Klasse von Claudio Pizarro, die Werder den Sieg rettete.

Sonst gibt es nicht viel positives über das Spiel zu sagen. Der Wurm war in allen Mannschaftsteilen. Tim Wiese hatte nicht seinen besten Tag und demonstrierte seine Probleme bei der Strafraumbeherrschung gleich mehrmals. Bei gegnerischen Standards sah Werder wie so oft dumm aus. Man sollte nicht glauben, dass Körpergröße automatisch Lufthoheit bedeutet. Im Mittelfeld tat sich Frings durch einige haarsträubende Fehlpässe hervor, von denen einer nur dank einer Klasseaktion von Clemens Fritz nicht zum Gegentor führte. Bargfrede spielte (wie immer) recht gut, aber er bekommt die Bälle nicht aufs Tor. Aaron Hunt spielte ebenfalls wie immer, mit einigen guten Aktionen, aber auch vielen Schnitzern. Marin verzettelte sich oft in Einzelaktionen und verlor dabei den Zug zum Tor. Und Pizarro?

Was soll man sagen, zwei Tore geschossen, wobei der Siegtreffer nicht nur wunderschön, sondern vor allem für die Sicherheit der Mannschaft enorm wichtig war. Dazu ein Tor mit einer sehr fragwürdigen Aktion “vorbereitet”. Sie als Schwalbe zu bezeichnen wäre vielleicht etwas hart, doch gefoult wurde Pizarro nun wirklich nicht. Schiedsrichter Svein Oddvar Moen sah dies anders und entschied auf Elfmeter. Auch einer der im Spiel eingesetzten Torlinienrichter machte nicht positiv auf sich aufmerksam. Als in der zweiten Halbzeit Aaron Hunt an der Strafraumgrenze, wenige Meter vor dem Assisten, rüde von den Beinen geholt wurde, sah er als einziger im Stadion keinen Regelverstoß und es gab Abstoß für Funchal. Es lag allerdings vor allem an Werders phasenweise pomadigem Auftritt, dass diese Szene als einer der Aufreger des Spiels in Erinnerung bleibt.

Trotzdem: Im Gegensatz zu Hertha und dem HSV (was war DAS denn, bitte???) ist Werder mit einem guten Ergebnis in die Europa League gestartet und hat endlich das geschafft, was in fünf Jahren Champions League nicht gelungen ist: Einen Sieg im Auftaktspiel.

3. Spieltag: Immer wieder Gladbach 4

Gepostet am 25. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Borussia Mönchengladbach 3:0

Bei 34 Bundesligaspieltagen im Jahr bleibt es leider nicht aus, dass man das eine oder andere Spiel verpasst. Auch wenn ich versuche, alle Termine, die nicht mit Leben und Tod zusammenhängen, rund um die Spieltage zu verteilen, gibt es leider auch Tage, an denen ich ein Werderspiel nicht sehen kann. So auch am vergangenen Sonntag.

Ausgerechnet gegen Gladbach. Es sind immer wieder die Spiele gegen Gladbach, die ich verpasse. Das 1:1 in der letzten Rückrunde blieb mir erspart – Geburtstag meines Vaters. Radiokonferenz statt Livebilder. Knapp 40 Torschüsse und doch nur ein Unentschieden. Das 2:2 zwei Jahre vorher konnte ich ebenfalls nicht sehen. In einem Internet-Café in London durfte ich zumindest den Live-Ticker verfolgen. Nach Gladbachs Ausgleich in der Nachspielzeit flog ein 486er (inklusive 26k-Modem) in die Themse. Das Hinspiel hatte ich, geplagt von Jet Lag, zur Hälfte verschlafen. Immerhin ein schöner Trost, zu einer 3:0-Halbzeitführung aufzuwachen. Nun also wieder mal ein Spiel gegen Gladbach verpasst.

Ausgerechnet gegen Gladbach, meinen persönlichen Angstgegner. Was hat Werder in den letzten Jahren schon für Gurkenspiele gegen die Fohlen abgeliefert! Angefangen mit der 1:4-Niederlage am letzten Spieltag der Saison 2002/2003, die uns die UEFA-Cup-Teilnahme kostete, über die 1:3-Pleite im September 2004 als frischgebackener Meister, bis zum unsäglichen 2:3 in der vergangenen Saison, wo man sich über weite Strecken vorführen ließ. Zur Beruhigung hielt ich mir vor Augen, dass all diese Spiele in Mönchengladbach stattfanden. In Bremen gab’s für die Borussia hingegen schon ewig nichts mehr zu holen. 1987, in meiner ersten Saison als Fan, verlor Werder mal mit 1:7 – Rekordheimniederlage. Seitdem ist Werder im Weserstadion gegen Gladbach ungeschlagen. Diese Bilanz durfte gerne so bleiben.

Mit meinem Leid war ich an diesem Spieltag nicht allein. Während Jannik sich im Nachhinein gefreut hat, das Spiel nicht sehen zu müssen, hätte ich mir schon gerne ein eigenes Bild von Werders erstem Saisonsieg gemacht. Ein 3:0 klingt souverän, überlegen, unaufgeregt. Nach den letzten Spielen fast zu schön, um wahr zu sein. Traumeinstand für Claudio Pizarro und endlich mal kein Gegentor. Vor drei Jahren war ein 3:0 Heimsieg gegen Gladbach nach holprigem Saisonstart der Beginn einer Serie, an deren Ende die Herbstmeisterschaft stand. Davon ist Werder noch sehr weit entfernt. Aber vielleicht war dieses Spiel tatsächlich die Initialzündung für konstantere Leistungen auf gehobenem Bundesliganiveau. Mehr wünscht man sich als Werderfan dieser Tage kaum.

Zum Zeitpunkt des Spiels befand ich mich gerade auf der Rückfahrt von einer Hochzeit in Frankreich. Ohne Internetzugang musste ich trotzdem nicht auf aktuelle Nachrichten aus dem Weserstadion verzichten. Eine Freundin war so nett, mich per SMS auf dem laufenden zu halten. Sie machte das so gut, dass ich schon überlegt habe, sie als Urlaubsvertretung zu engagieren. Hier ist der “Spielbericht”, wie ich ihn gelesen habe:

Nach 20 Minuten: 1:0 Pizarro nach Freistoß Özil! Sonst aber noch gar keine Torgefahr auf beiden Seiten. Gladbach sehr defensiv. Özil und Marin sehr gut.

37′ 2:0 Pizarro nach Flanke Fritz! War mal ausnahmsweise schnell gespielt. Ansonsten eher zu langsam. Vorher Tor Gladbach wegen strittigem Abseits nicht gegeben.

Halbzeit: 2:0. Hunt zwei gute Chancen vergeigt. Ballbesitz 70% für Werder. Wiese musste nur einmal ran. Es steht übrigens bei Wolfsburg – HSV 0:2.

Elfmeter. Foul an Marin

Özil schießt… gehalten

Werder macht jetzt mehr Druck! Gladbach nicht ein Torschuss. Boro gelb. Hunt muss unbedingt raus – außer Spesen nix gewesen. Marin echt super.

Hunt wurde in der 66′ endlich durch Almeida erlöst.

68′ Gut pariert von Wiese!

70′ Suuuper Schuss von Almeida, aber leider guter Heimeroth!

3:0 Naldo nach Freistoß Özil! Yeah! War aber sonst eben ziemlich ruhig. Jetzt noch eins für Gladbach und mein Tipp stimmt, aber ich glaub datt wird nischt.

Abpfiff! Werder insgesamt wesentlich besser! Hoffe, Sie schalten nächstes mal wieder ein.

Wer braucht da noch ein Live-Blog?

Ganz ohne Wortspiel: Pizarro ist zurück 0

Gepostet am 18. August 2009 von Tobias (Meine Saison)

Claudio Pizarro ist zurück in Bremen. Der Transfer, der wochenlang zu stagnieren schien, wurde nun überraschend schnell abgeschlossen. Noch am Sonntag gab sich Klaus Allofs sehr zurückhaltend, was einen möglichen erneuten Wechsel Pizarros an die Weser betraf. Am Montagabend landete der Peruaner dann schon zu abschließenden Verhandlungen in Bremen. Heute wurde der Wechsel schließlich auf einer Pressekonferenz bekannt gegeben. Die Vertragslaufzeit beträgt 3 Jahre plus 1 Jahr Option. Als Ablösesumme werden 5 Millionen Euro kolportiert. Wie ist dieser Transfer nun einzuordnen?

Finanziell musste Werder sicher an seine Grenzen gehen. Der Wiederverkaufswert dürfte gegen Null tendieren, da Pizarro nach Ablauf des Vertrags bereits 33 (bzw. 34) Jahre alt sein wird. Die Ablösesumme sollte dank des vorhandenen Kleingelds nach zwei Finalteilnahmen und Diego-Verkauf zu verschmerzen sein, Pizarros Gehalt dagegen wird dagegen deutlich höher zu Buche schlagen als letzte Saison. Damals zahlte der FC Chelsea noch einen Teil des Festgehalts, was das Ausleihgeschäft für Werder finanzierbar machte. Nun muss noch mindestens ein Spieler gehen, um die Personalkosten auf ein erträgliches Maß zu drücken.

Auch aus sportlicher Sicht ergibt es Sinn, noch einen Angreifer abzugeben. Mit Pizarro, Marcelo Moreno, Hugo Almeida, Boubacar Sanogo und Markus Rosenberg gibt es fünf arrivierte Stürmer im Kader. In Torsten Oehrl und Marko Futacs stehen zwei Nachwuchsspieler bereit, die an die Mannschaft heran geführt werden sollen und bei Verletzungsproblemen den Kader auffüllen können. Dazu verfügt man mit Aaron Hunt und Said Husejinovic noch über zwei Mittelfeldspieler, die bereits im Sturm zum Einsatz kamen. In der Breite wäre man also – im Gegensatz zur letzten Saison – noch mehr als ausreichend besetzt. Doch welchen Stürmer wird es treffen?

Wahrscheinlichster Wechselkandidat ist Boubacar Sanogo. Er befindet sich wieder in guter Form, könnte also eine vernünftige Ablöse einbringen. Zudem liegt vom AS St. Etienne ein konkretes Angebot vor. Vor wenigen Wochen hätte man keine Sekunde überlegen müssen, diesem Transfer sofort zuzustimmen. Nun hat sich Sanogo aber in der noch jungen Saison vom sicheren Verkaufsobjekt zu einer wertvollen Stütze der Werderoffensive gemausert. Der einzige Grund, ihn in der jetzigen Situation zu verkaufen, ist die Befürchtung, dass es sich dabei zum wiederholten Mal nur um ein Strohfeuer handelt. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit legen dies nahe.

Einen Transfer Hugo Almeidas halte ich für unwahrscheinlich, auch wenn er von allen Kandidaten die höchste Transfersumme einbringen würde. Die erhoffte Leistungsexplosion des Portugiesen lässt weiter auf sich warten, doch Schaaf und Allofs glauben offensichtlich weiter daran, dass diese noch kommen wird. Dass beide Almeida für ein Riesentalent halten, haben sie mehrfach deutlich gemacht. Ich bezweifle deshalb, dass man ihn nun ohne Not verkaufen wird.

Markus Rosenberg ist bereits seit einiger Zeit verletzt, was Werders Möglichkeiten ihn zu verkaufen erheblich einschränkt. Nach der enttäuschenden letzten Saison scheint ein Verkauf Rosenbergs die logische Konsequenz. Bei nur 13 verbleibenden Tagen bis zum Ende der Transferperiode ist es aber wohl utopisch, einen willigen Käufer für den Schweden zu finden, zumal nicht klar ist, wann dieser wieder einsatzfähig sein wird. Ob Rosenberg nach Überwindung seiner körperlichen Beschwerden wieder zu alter Stärke zurückfindet ist fraglich. Als Stürmer Nr. 4 wäre er dann aber allemal brauchbar.

Egal, wie sich Werders sportliche Führung entscheiden wird – die Situation in Werders Angriff hat sich heute verbessert. Pizarro besitzt große spielerische Qualitäten und absolvierte im letzten Jahr (im Schatten der Torflut des Duos Grafite/Dzeko) mit 17 Toren in 26 Spielen seine erfolgreichste Saison seit 8 Jahren. Hoffen wir, dass ihm ähnliches auch 2009/2010 gelingt und neben ihm endlich einer (oder besser mehrere) seiner Nebenleute im Sturm aus dem Quark kommt!

Der schlechteste Kader seit 2003 6

Gepostet am 23. July 2009 von Tobias (Meine Saison)

Noch 10 Tage, bis das Pokalspiel bei Union Berlin die neue Werdersaison offiziell eröffnen wird. Die konditionellen Grundlagen sollten zu diesem Zeitpunkt der Saison bereits gelegt sein und das taktische und spielerische Konzept langsam zum Vorschein kommen. Langsam aber sicher nimmt auch der Kader, mit dem Werder in die neue Saison geht, erkennbare Formen an. Tim Borowski, das steht seit gestern fest, ist zurück in Bremen. Der Transfer war keine wirkliche Überraschung mehr. Eine Rückkehr Claudio Pizarros kann ebenfalls als wahrscheinlich angesehen werden. Und sonst?

Weitere Transfers scheinen vorerst nicht geplant zu sein. Der Kader hat bereits eine stattliche Größe. Es ist schon aus finanziellen Gründen wahrscheinlich, dass noch der eine oder andere Spieler abgegeben wird. Der Verkauf von Diego hat Geld in die Kasse gespült. Das Gehaltsniveau dürfte mit Neulingen wie Marin, Moreno, Borowski und unter Umständen Pizarro jedoch kaum gesunken sein. Aus sportlicher Sicht wären Spielerverkäufe ebenfalls sinnvoll. Zum einen braucht man keinen aufgeblähten Kader mit 5-6 unzufriedenen Spielern, die nie zum Einsatz kommen und zum anderen sind einige Spieler in den letzten Monaten auf dem sportlichen Abstellgleis gelandet. Zu nennen wären hier Boubacar Sanogo, Dusko Tosic, Markus Rosenberg oder auch Jurica Vranjes. Die Gründe dafür sind von Spieler zu Spieler unterschiedlich. Eigentlich haben (mit Ausnahme von Tosic) alle dieser Spieler ihre Klasse in der Vergangenheit schon im Werdertrikot nachgewiesen. Spielten sie bei einem anderen Verein, würden sie also perfekt in Werders Beuteschema passen.

Man kann Allofs in diesem Sommer nicht nachsagen, zu knauserig mit dem vorhandenen Geld umzugehen. Alle drei bisherigen Transfers sollen Werders Qualität verbessern und nicht nur die Breite des Kaders auffüllen. Allerdings verleiten die Namen kaum zum Träumen. Niemand wird ernsthaft daran zweifeln, dass Pizarro und Borowski in Normalform Werder weiterhelfen. Auch das Talent Marko Marins und Marcelo Morenos steht außer Frage. Dennoch garantiert das nicht, wie in der Vergangenheit, einen Platz im internationalen Geschäft. Neben den übermächtig scheinenden Bayern kann mit Schalke, Hamburg, Wolfsburg, Hoffenheim, Dortmund, Leverkusen, Berlin und Stuttgart gleich die halbe Bundesliga als ernsthafte Konkurrenz um die Champions- und Europaleague-Plätze angesehen werden. Alle diese Mannschaften standen letzte Saison in der Tabelle vor Werder und haben sich diesen Sommer personell kaum verschlechtert. Muss man also Angst um Werder haben?

Meine Antwort ist ein klares Nein! Zum Vergleich sollte man vielleicht einen Blick auf die Situation vor der Doublesaison 2003/2004 werfen: Im Tor hatte man mit Pascal Borel ein Nervenbündel, das zwar eine passable Rückrunde gespielt hatte, jedoch kaum als sicherer Rückhalt angesehen wurde. In der Abwehr verabschiedete sich Führungsspieler Frank Verlaat. Nun konnte Schaaf endlich auf Viererkette umstellen, was bei den Fans jedoch nicht nur zu positiven Reaktionen führte. Im Mittelfeld gab es mit Johan Micoud einen brillianten Regisseur, dazu zwei solide Abräumer (Baumann, Ernst) einen technisch starken Mitläufer (Lisztes) und ein phlegmatisches Talent (Borowski). Im Angriff hatte man neben dem alternden Ailton keine adäquate zweite Spitze (der langzeitverletzte Klasnic galt noch als verhindertes Talent). Und dann diese Neuverpflichtungen! Ein greiser Torhüter aus der zweiten spanischen Liga (Reinke), ein unbekannter Franzose, der bei keiner seiner bisherigen Stationen glücklich geworden war (Ismael) und ein türkischer WM-Held, der so gut nicht sein konnte, da Inter Mailand ihn ablösefrei ziehen ließ (Davala). Gesamtausgaben: 300.000 Euro.* Allofs raus!

Aus heutiger Sicht klingt das eigentlich viel zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein. Anno 2003 passte bei Werder einfach vieles zusammen, was nicht als selbstverständlich anzusehen ist. Ein solcher Erfolg kann nicht kopiert werden. Dennoch ist die Situation heute nicht viel anders als damals. Es gibt mehr Fragezeichen hinter den Spielern, als in den letzten Jahren. Spielen Fritz und Frings noch einmal so unter ihren Möglichkeiten? Kann Boenisch sich steigern? Findet Borowski zu alter Stärke? Passt Marin ins System? Fällt Özil in ein Loch? Platzt bei Almeida endlich der Knoten? Wie gut ist Moreno wirklich? Und die vielleicht wichtigste Frage: Findet sich die Mannschaft wieder zu einer Einheit zusammen, die für einander kämpft und zusammen hält? Die letzte Frage klingt klischeehaft, ist es vielleicht auch, doch der Teamgeist zählt nun mal auch heute noch zu den elementaren Voraussetzungen für Erfolg im Fußball. Und hier könnte, ohne dem Brasilianer Unrecht tun zu wollen, eine große Chance im Jahr 1 nach Diego liegen.

* Für den ausgeliehenen Ismael zahlte man ein Jahr später weitere 750.000 Euro Ablöse.

Der Fall Born – Eine Chronik 0

Gepostet am 17. March 2009 von Tobias (Meine Saison)

Die Vorwürfe gegen (Ex-)Werder-Boss Jürgen L. Born werden von Tag zu Tag größer. Inzwischen hat Born dem Druck nachgegeben und hat seinen für Jahresende vorgesehenen Rücktritt vorgezogen. Beendet ist die Affäre, die außerdem Werderprofi Claudio Pizarro belastet, damit noch lange nicht.

Eine Chronik der Ereignisse:

Montag, 2.3.2009:

Der Spiegel erhebt in seiner Ausgabe 10/2009 erstmals Anschuldigungen gegen Werder Bremen und seinen Geschäftsführer Jürgen L. Born. Beim Transfer des Peruaners Roberto Silva sollen nur $250.000 der Kaufsumme von $1,35 Mio. an dessen Verein Sporting Cristal Lima überwiesen worden sein. Der Rest ging angeblich an die Agentur Image des Spielerberaters Carlos Delgado, bei der auch Claudio Pizarro (stiller) Gesellschafter ist, und von wo aus das Geld dann verteilt worden sein soll: $895.875 an Pizarro, $10.000 an Limas Sportdirektor und $100.000 an einen gewissen "JB", bei dem es sich um Jürgen Born handeln soll. Born bestreitet die Vorwürfe und behauptet, die gesamte Transfersumme sei an Sporting Cristal Lima gezahlt worden. Diese Behauptung nahm er wenige Tage später jedoch zurück.

Samstag, 7.3.2009:

Spiegel-Online bekräftigt die Vorwürfe gegen Born. Dem Spiegel liege eine Zahlungsanweisung von Delgado an Born vom 29. August 2001 über $50.000 vor, heißt es. Born gibt dem Spiegel gegenüber zu, Geld von Delgado erhalten zu haben. Er könne sich nicht erinnern, ob dies im Zusammenhang mit Silvas Transfer geschehen sei, kann allerdings auch keine andere schlüssige Erklärung liefern. Möglicherweise habe es sich um die Rückzahlung eines Privatkredits gehandelt, den Born Delgado zur Finanzierung einer Weltreise gewährt hatte. Born erklärt weiter, dass er sich als Opfer eines Ehestreits zwischen Delgado und seiner Noch-Ehefrau Fiorella Farré (in einigen Quellen auch Fiorella Fore/Faré) sehe, in dessen Rahmen die belastenden Dokumente an die Öffentlichkeit geraten waren.

Am Samstagabend teilt Born Werders Aufsichtsratsvorsitzenden Willi Lemke mit, dass er seine Ämter bei Werder Bremen bis auf Weiteres ruhen lasse. Daraufhin gibt Werder Bremen eine Pressemitteilung heraus, die den vorläufigen Rücktritt des Geschäftsführers bestätigt. Lemke wird darin folgendermaßen zitiert:

"Die Vertreter des Aufsichtsrates begrüßen und akzeptieren ausdrücklich diesen Schritt von Jürgen Born. Wir werden alles daran setzen, damit es zu einer schnellen Aufklärung der Angelegenheit kommt. Werder Bremen ist für seine solide Geschäftspolitik bekannt, solche Vorwürfe gefährden unser Image. Deshalb werden wir zur Aufklärung einen unabhängigen und renommierten Wirtschaftsprüfer einsetzen."

Zugleich betont Lemke jedoch, dass man solange davon ausgehe, dass sich Jürgen Born korrekt verhalten habe, wie "keine Schuld nachgewiesen wird." Born beteuert seine Unschuld. Er habe keinerlei Zahlungen im Rahmen des Transfers erhalten, wolle jedoch bis zur "endgültigen Klärung des Sachverhaltes" seine Funktionen ruhen lassen.

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24. Spieltag: Treppenwitz der Bremer Fußballgeschichte 0

Gepostet am 17. March 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder – Stuttgart 4:0

Eigentlich würde ich gern über Fußball schreiben. Immerhin hat Werder gerade den ersten Bundesligasieg seit drei Monaten errungen. Doch leider gibt es dieser Tage wichtigere Themen bei Werder Bremen. Die Affären um den inzwischen zurückgetretenen Geschäftsführer Jürgen L. Born und Werderspieler Claudio Pizarro sorgen für viel Wirbel an der Weser. Grund genug, sich einmal mit den Auswirkungen zu befassen (um sich mit dem Fall vertraut zu machen, sei ein Blick in die Chronik der Ereignisse empfohlen).

Wie geht es jetzt weiter?

Für Jürgen Born dürfte es sehr schwer werden, aus der
Geschichte heraus zu kommen. Der Fall wirft so viele Fragen auf, dass
man sich schlicht keine plausible Erklärung mehr vorstellen kann, die
die Vorwürfe entkräften würde. Warum bestreitet Born die Zahlung
zunächst, erinnert sich dann doch, kann jedoch nicht sagen, wofür er
das Geld erhalten hat? Warum kann er dem Aufsichtsrat gegenüber nicht
erklären, warum das Geld auf sein Konto gezahlt wurde, wenn es sich
nicht um eine unerlaubte Bereicherung handeln sollte?

Man muss sich fast zwangsläufig die Frage stellen, ob es sich um zwei schlimme Einzelfälle
handelt oder, ob im Laufe der Ermittlungen noch mehr belastendes
Material gegen Born (und Pizarro) zum Vorschein kommen wird. Fraglich
ist auch die Rolle der restlichen Mitglieder der Geschäftsführung. War
es ein Alleingang Borns, von dem Müller, Fischer und Allofs nichts
wussten? Oder wurde der Vorgang vielleicht stillschweigend hingenommen,
weil man weiß, dass derartige Zahlungen im Fußball nichts
Ungewöhnliches sind?

Spekulationen über mögliche Schwarzgelder,
die bei Spielertransfers auch an Vereinsbosse und -manager fließen
sollen, gibt es schon lange. In Südamerika gilt die Situation als besonders schlimm. In der SZ ruft Jörg Marwedel einen Satz Klaus Toppmöllers in Erinnerung: "Der
normale Fan soll froh sein, dass er nicht weiß, was hinter den Kulissen
vorgeht." Auch gegen den ehemaligen Manager von Bayer Leverkusen Reiner Calmund
hatte es immer wieder Vorwürfe gegeben, er sei in illegale
Transfergeschäfte und Geldschiebereien verstrickt gewesen, was jedoch
nie nachgewiesen worden konnte. Calmund gilt wie Born als exzellenter
Kenner des südamerikanischen Fußballs. Hat man die dortigen
Gepflogenheiten einfach übernommen? Doch warum sollte sich der
hanseatisch wirtschaftende Born auf Kosten eines Vereins bereichern,
für den er auf eigenen  Wunsch ehrenamtlich tätig ist? Vermutlich ist schon allein diese
Frage naiv.

Claudio Pizarro muss noch diesen Monat nach Peru reisen und vor der dortigen Staatsanwaltschaft zu den Vorwürfen gegen Carlos Delgado
aussagen. Dabei wird auch seine eigene Beteiligung am Unternehmen von
Interesse sein. Sollte er sich durch eine Beteiligung an
Steuerhinterziehung und/oder Geldwäsche mitschuldig gemacht haben,
droht ihm sogar eine Gefängnisstrafe. Doch auch, wenn sich die
Anschuldigungen gegen die Agentur Image als falsch erweisen
sollten, oder er zumindest glaubhaft versichern kann, dass er nichts
von den Machenschaften seines Kumpels Delgado gewusst hat, könnte
Pizarro die Beteiligung an Roberto Silvas Transferrechten zum
Verhängnis werden. Wird dies  von der FIFA als aktive Spielervermittlung ausgelegt,
droht ihm eine Sperre von bis zu zwei Jahren. Allerdings galt das ja bis vor kurzem auch noch für zwei Hoffenheimer Spieler…

Unter
diesen Umständen ist es schwer vorstellbar, dass Werder Pizarro über
das Ende des Ausleihvertrags hinaus verpflichten wird. Dies ist momentan
eigentlich nur in zwei Fällen denkbar: Die ganze Geschichte entpuppt
sich als dreiste Fälschung, betrieben durch Delgados enttäuschte Ehefrau
oder Pizarro kann zumindest die Vorwürfe gegen seine Person entkräften
und geht auf Distanz zu Delgado. Beides dürfte sehr unwahrscheinlich sein. Interessant ist zudem, welche
Auswirkungen die Affäre auf Werders Kaufoption für den Peruaner Junior Ross
hat – ebenfalls ein Klient Delgados. Der 23 Jährige ist derzeit an den
FSV Frankfurt ausgeliehen und könnte im Sommer von Werder verpflichtet
werden.

Für Werder heißt es nun, möglichen weiteren Schaden vom Verein
abzuwenden. Es ist von Seiten der Verantwortlichen immer wieder von
einem "Imageverlust" die Rede. Doch das Image wird in erster
Linie durch Werders Taten bestimmt. Der eingeschlagene Weg,
mithilfe eines unabhängigen Wirtschaftsprüfers für Aufklärung und Transparenz
zu sorgen, ist richtig und sollte weiter beschritten werden. Das könnte
zu schmerzlichen Erkenntnissen und auch Verlusten führen, ist aber der
einzige Weg, das verloren gegangene Vertrauen der Öffentlichkeit zurück
zu gewinnen.

Dass der Ex-Bankangestellte Jürgen L. Born, verantwortlich für Finanzen und
Öffentlichkeitsarbeit, Werder ausgerechnet in seinen beiden
Paradedisziplinen solchen Schaden zufügt, ist ein Treppenwitz der
Bremer Fußballgeschichte. Leider ein sehr trauriger.



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