Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



21. Spieltag: Jinx 5

Gepostet am 8. February 2010 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Hertha BSC 2:1

Vor gut 2 1/2 Monaten schrieb ich euphorisiert von Werders 6:0 in Freiburg folgendes:

“Ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!”

Wie dumm von mir! Als Fan lernt man über die Jahre, dass solch eine Aussage einfach nicht unbestraft bleibt. Außer man ist Fan des FC Bayern. Ich fühle mich daher schon mehr als nur ein wenig mitschuldig, dass Werders tolle Serie aus dem Herbst so jäh beendet wurde und es stattdessen bis zum Freitag gedauert hat, bis Werder den nächsten Sieg einfahren konnte. Im Baseball gibt es dafür sogar eine eigene Bezeichnung: jinx. Ein jinx ist ist eine Art Fluch, der durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden kann. Es gibt inzwischen ein ganzes Regelwerk für Spieler, die einen jinx vermeiden wollen. Die wichtigste Regel dabei ist: Spreche niemals über die Serie! Im Baseball ist damit die Serie eines Pitchers an No-Hittern gemeint, aber es lässt sich relativ leicht auf andere Sportarten übertragen. Wäre ich Amerikaner hätte es nach meiner Aussage vermutlich keine drei Sekunden gedauert, bis mir jemand zugerufen hätte: “Don’t jinx it!”

Auch in Deutschland hat mir jemand etwas ähnliches zugerufen, nämlich meine Freundin. Dummerweise habe ich nicht auf sie gehört und den schlimmsten Fehler begangen, den man in meiner Situation machen kann: Ich habe meine Aussage nicht etwa zurückgenommen oder relativiert, sondern ihren Einwand als Quatsch abgetan. Ich habe die Existenz des jinx verneint! Wenn es etwas gibt, das den Fluch sogar noch verstärkt, dann ist es, die Existenz des jinx zu leugnen! “There is no such thing as a jinx”, ist daher die dümmste Äußerung, die ein Sportfan in den USA von sich geben kann. Ein absoluter rookie mistake, den sich bestenfalls sportuninteressierte Nerds leisten, die zum ersten Mal eine Sports Bar besuchen und dann von allen Seiten beschimpft werden. Wenn es also einen Schuldigen für Werders elfwöchige Serie ohne Bundesligasieg gibt, dann ist es nicht der Trainer, dann ist es nicht die Mannschaft, sondern dann bin ich es!

Nun stellt sich aber die Frage, wer “Schuld” daran trägt, das Werder am Freitag zumindest vorübergehend zurück in die Erfolgsspur gefunden hat. Andersherum funktioniert der jinx nämlich nicht, auch wenn eine pessimistische Grundeinstellung bis zum sicheren Sieg die Gefahr eines jinx minimiert. Es muss sich also tatsächlich etwas verändert haben in Werders Mannschaft. Bloß was? Häufig sind die Änderungen nicht von außen erkennbar. Es werden vermeintliche Kleinigkeiten geändert, die auf dem Platz eine große Wirkung erzielen. Manchmal sind es aber auch ganz offensichtliche Dinge. Am Freitag waren die personellen Umstellungen in der Mannschaft deutlich: Für den in Gladbach überforderten Abdennour kam Perti Pasanen in die Startelf und im Mittelfeld ersetzte Peter Niemeyer Tim Borowski. Es blieb jedoch nicht nur bei den personellen Umstellungen, auch die Formation auf dem Platz war eine andere. Wer Thomas Schaaf auf die “Raute” im Mittelfeld anspricht, erntet zumeist nur ein müdes Lächeln, ihm sind diese Standardfloskeln ein Dorn im Auge. Viel wichtiger als die Grundformation sind ohnehin die Bewegungen der Spieler in unterschiedlichen Spielsituationen. Gegen die Hertha waren aber deutliche Umstellungen erkennbar, wie ein Blick auf die Durschnittspositionen während des Spiels zeigt.

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Hertha (Durchschnittliche Positionen)

Auf dem oberen Bild ist Werders Mannschaft im Spiel gegen Gladbach zu sehen, auf dem unteren im Spiel gegen Hertha. Was fällt auf? Die Abwehrkette stand beim Heimspiel gegen den Tabellenletzten deutlich tiefer als noch eine Woche zuvor. Am auffälligsten zeigt sich dies bei Per Mertesacker – der gegen Berlin in der ersten Halbzeit fast einen Libero abgab – und bei Petri Pasanen. Eine tiefer stehende Viererkette bedeutet aber auch mehr Raum für den Gegner im Mittelfeld. Während im oberen Bild eine deutliche Raute erkennbar ist (das ist bei Werder längst nicht immer so, weil die Spieler ihre Positionen immer wieder tauschen), sieht man im unteren Bild zwei defensive Mittelfeldspieler im Zentrum. Niemeyer fiel weder durch große Passgenauigkeit, noch durch außergewöhnliche Zweikampfstärke auf, doch er machte in taktischer Hinsicht vieles richtig. Bei Ballverlusten dauerte es keine zwei Sekunden, bis er sich neben Frings eingefunden hatte. Zusammen machten die beiden viele Gegenangriffe der Hertha zunichte, bevor sie auf die sichtlich bemühte, aber verunsichert wirkende Abwehrkette zurollen konnten. Borowski hatte in den Wochen zuvor als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive immer wieder enttäuscht, konnte weder Frings im Zentrum wirklich unterstützen, noch für Impulse im Angriffsspiel sorgen. Die Variante mit Niemeyer scheint bis auf weiteres die stabilere zu sein.

Während man defensiv deutlich mehr Augenmerk auf das Verhindern von Kontergelegenheiten legte, blieb in der Offensive alles beim Alten. Hunt mit ungeheuer viel Laufarbeit, Marin wirbelt und Pizarro sorgt für die entscheidenden Tore (wenn man denn hinten die Bude nicht voll bekommt). Man konnte auch ganz deutlich sehen, wie sehr man sich an Pizarros Torriecher gewöhnt hat. Als er die ersten drei dicken Torchancen gegen den Berliner Schlussmann Drobny liegenließ, wollte man es gar nicht so recht glauben. Der Sieg ging deshalb völlig in Ordnung. Hertha hatte trotz ordentlichen Spiels über die gesamten 90 Minuten kaum Torchancen, benötigte für den zwischenzeitlichen Ausgleich die Mithilfe von Tim Wiese. Den Ärger über die wohl ungerechtfertigte Abseitsentscheidung in der ersten Hälfte kann ich zwar verstehen, aber als spielentscheidende Szene kann man es wohl kaum bezeichnen. Das Sorgenkind auf Bremer Seite heißt leider weiterhin Mesut Özil. Er scheint so sehr mit dem Kampf gegen sein Phlegma beschäftigt, dass er der Mannschaft nicht so richtig weiterhelfen kann. Ich glaube aber erkannt zu haben, dass er diesen Kampf endlich annimmt und ihn auch gewinnen wird.

Ist etwa doch noch etwas drin in dieser Bundesligasaison? Dortmund und unsere Freunde aus Stellingen sind uns freundlicherweise etwas entgegen gekommen. Wenn nun noch Frings die einfachen Fehlpässe im Aufbau abstellen kann, die Abwehrkette ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt und auch noch Özil zurück zu seiner Form findet, dann, ja dann! I don’t wanna jinx it, but… aber so fangen eigentlich auch nur ziemlich dumme Sätze an.

Live-Blog: Werder Bremen – Hertha BSC 1

Gepostet am 5. February 2010 von Tobias (Meine Saison)

21. Spieltag: Fußball am Morgen schafft Kummer und Sorgen 0

Gepostet am 23. February 2009 von Tobias (Meine Saison)

Cottbus – Werder 2:1

Ich bin derzeit in den USA, wie aufmerksame Leser wahrscheinlich bereits festgestellt haben. In Minnesota genauer gesagt. Neben 7 Stunden Zeitunterschied bedeutet das auch, dass ich die Spieler unserer kriselnden Lieblingsmannschaft nicht live im Fernsehen sehen kann, sondern nur über Live-Streams im Internet. Das Problem dabei ist, neben der teils schlechten Bild- und Tonqualität, vor allem die Unzuverlässigkeit. Es lässt sich nie mit Sicherheit im Voraus sagen, ob man ein Spiel nun sehen kann oder nicht.

Dank der Zeitverschiebung finden die Samstagsspiele für mich nun um 8:30 morgens statt. Im Moment kommt mir mein Jetlag noch zugute, aber bald schon wird es wieder eine Qual sein, samstags um 7:30 aufzustehen und dann mit Frühstücksmüsli in der Hand und Schlaf in den Augen auf einen 10×10 cm großen Bildausschnitt zu starren, in der Hoffnung, dass sich die Pixel zu einer flüssigen Bilderfolge zusammentun mögen. 15 Minuten nach Anpfiff hatte ich gestern endlich einen funktionierenden Stream, der leider (oder Gott sei dank!) den Ton aus dem Cottbuser "Stadion der Freundschaft" (ein Treppenwitz der Fußballgeschichte) nicht mittransportierte.

Vorher konnte ich über einen anderen Stream wenigstens die Bundesligakonferenz sehen, bei der Cottbus – Werder erwartungsgemäß keine große Rolle spielte. Viel verpasst habe ich dabei wohl nicht. Es klappt momentan einfach gar nichts, die Verunsicherung  der Mannschaft ist so tiefgreifend, dass kleine Erfolgserlebnisse, wie etwa eine glückliche Führung gegen Cottbus, nicht mehr stabilisierend wirken. Wie gegen Gladbach war die Führung schon nach wenigen Minuten wieder verspielt und nur durch etwas Glück lag Werder eine Minute später nicht schon im Rückstand. Auch wenn Werder danach durchaus noch Chancen hatte, das Spiel zu gewinnen, war das 1:2 in der letzten Minute ein Nackenschlag mit Ansage.

Man kann der Mannschaft ja nicht vorwerfen, dass sie nicht will. Das war höchstens gegen Bielefeld so. Ansonsten stimmte bei den Spielen zumindest der Einsatz. Gegen Gladbach und Milan betrieb man extrem viel Aufwand und wurde dafür nicht belohnt. In der jetztigen Situation scheint es keine Rolle mehr zu spielen, ob Werder ein Offensivfeuerwerk abbrennt, wie gegen Gladbach, mit Kampf dagegenhält, wie auf Schalke oder uninspiriert lange Bälle nach vorne schlägt, wie gegen Cottbus. Am Ende sieht das Ergebnis immer gleich aus. Gegen Gladbach hätte es einen Kantersieg geben können, gegen Milan eine gloreiche Europapokalnacht, gegen Cottbus wenigstens einen "Arbeitssieg". Gab es aber nicht.

Die altbekannten Probleme (Disziplinlosigkeit, Führungslosigkeit auf dem Platz) taugen nur bedingt als Erklärung. Es sollte für Bundesligaspieler möglich sein, ihre Aktionen zumindest halbwegs mit denen ihrer Nebenleute abzustimmen. Bei Werder fehlt diese Koordination gerade völlig. Bei Standards werden die Zuordnungen nicht eingehalten, bei Ballverlusten dauert es zu lange, bis sich die Mannschaft verschiebt um die Gefahr zu unterbinden. Im Angriff passen die Laufwege oft nicht. Man spricht immer von den "Mechanismen", die in einer Krise greifen. "Wenn man hinten drin steht, will der Ball eben nicht ins Tor." Oder auch: "Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß" (nicht wahr, Herr Fritz?). Alles schon tausendmal gehört und gesehen. Genaso wie Mannschaften, die eine solche Krise überwinden und plötzlich wieder befreit aufspielen. Die Frage ist, ob Werder es schafft, sich irgendwie selbst aus dem Dreck zu ziehen, bevor plötzlich die Bielefelds, Bochums und Cottbusse von hinten anklopfen.

Mein Live-Stream hat letztendlich bis zum Abpfiff durchgehalten. Eigentlich ist nach so einem Ergebnis der ganze Tag für mich gelaufen. Dummerweise hatte ich nach Spielende noch den ganzen Samstag vor mir. Fußball am Morgen ist einfach nicht mein Ding.



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