Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW



16. Spieltag: How Felix stole Christmas 7

Gepostet am 13. December 2009 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Schalke 04 0:2

“Wissen Sie noch wie man ein Spiel verliert?” Diese Frage stellten die Sky-Reporter vor dem Spiel jedem Werderspieler, der nicht bei drei auf dem Baum war. 90 Minuten später kannten wir die Antwort: Ja, sie wissen es! Und wer dachte, nach vier Monaten ohne Niederlage wüsste man schon gar nicht mehr, wie es sich anfühlt zu verlieren, der wurde eines besseren belehrt. Das Gefühl ist nur all zu bekannt. Es kommt einem so vor, als sei es nie weg gewesen.

Viel ärgerlicher als das ist jedoch der Blick auf die Tabelle. Auf Platz 4 steht man dort, punktgleich mit dem nächsten Gegner HSV. Die vielen Unentschieden der letzten Wochen zeigen spätestens jetzt Wirkung: Nur zwei Punkte mehr als in der vergangenen Hinrunde hat Werder auf dem Konto. Bei einer Niederlage im Nordderby braucht man sich mit der Meisterschaft erstmal nicht mehr zu beschäftigen. Doch ich will nicht zu schwarz malen. Noch ist nicht viel verloren, der Rückstand dank Leverkusens Punktverlust in Berlin noch im Rahmen, und dass die Serie einmal reißen musste, war auch klar. Doch es ist kein Zufall, dass es gegen Schalke passierte.

Ausgerechnet Schalke, den viel zitierten “Lieblingsgegner” der Bremer, der gegen keine andere Mannschaft häufiger verloren hat. Seit dem Sieg beim berüchtigten Saisonauftakt im August 2004 konnte Werder jedoch nur noch einmal gegen Schalke gewinnen. Ansonsten gab es viele bittere Niederlagen und ein paar mehr oder weniger ärgerliche Unentschieden. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass die Schalker den Bremern nicht liegen. Allerdings hat das Schalke von vor fünf Jahren mit dem heutigen Schalke genau so wenig zu tun, wie das Werder von vor fünf Jahren mit dem heutigen Werder. Die Spielausrichtung en beider Mannschaften sind jedoch gleich geblieben. Und wenn jemand weiß, wie man sich das zu nutze macht, dann Felix Magath.

Das Schalker Spiel war eine konsequente Fortführung dessen, was die Kölner vor einer Woche erfolgreich probiert hatten. In der Vergangenheit reichte es gegen Werders Offensive oft aus, mit zwei Viererketten vor dem eigenen 16er auf die Angriffe zu warten und die Räume vor dem Tor eng zu machen. Möglichkeiten für Konterangriffe ergaben sich fast automatisch. In dieser Saison lässt Werder hinten weniger zu und kommt vorne selbst auf engstem Raum zu Torchancen, bzw. nutzt die Standards in Tornähe. Schalke ließ es (wie Köln letzte Woche) nicht dazu kommen. Sie setzten das Bremer Mittelfeld schon unter Druck bevor Özil, Hunt und Marin auf Reise geschickt werden konnten. Frings und Jensen bekamen das Spiel nicht in den Griff und so mussten die zuvor genannten den Ball schon früh im Spielaufbau fordern. Anstatt ihre Kombinationsfähigkeiten auszuspielen, versuchten sie es häufig mit Einzelaktionen, die an dieser Stelle fruchtlos waren. Vor dem Strafraum reicht es aus, zwei Spieler aussteigen zu lassen, um frei vor dem Tor zu stehen. Kurz nach der Mittellinie kommt dann eben der dritte Spieler dazu und klärt. Es war eher die Spielweise Diegos, der den Ball allerdings auch gegen vier Mann behaupten konnte.

Zur Pause konnte man also festhalten, dass die Schalker Taktik aufgegangen war. Trotzdem hatte Werder die besseren Torchancen: Jensens Schuss wurde per Kopf über Tor gelenkt, Almeida war am 5er zu überrascht und Boenischs Schuss eine gute Gelegenheit für Neuer sich auszuzeichnen. Schalkes Offensivspiel war wiederum zu unausgewogen. Rafinha und Farfan machten über die rechte Seite viel Betrieb, doch auf der anderen Seite fehlte das Gegenstück. So konnte Werders Viererkette Schalkes Angriffe eine Halbzeit lang problemlos stoppen, obwohl man ihnen im Mittelfeld zu viel Platz zum kombinieren ließ. Nach der Pause war es dann aber vorbei mit dem stoppen, doch auch hier lag der Fehler eher im Mittelfeld. Die Lücke zwischen Mertesacker und Naldo in der Mitte lässt sich bei einer Viererkette nicht vermeiden, genauso wenig, wie Kuranyis Lauf. Doch solche Pässe darf man einfach nicht zulassen. Holtby darf in diesem Bereich zwischen Mittelfeld und Abwehr nicht so viel Raum und Zeit haben, diesen einfachen, aber gut getimeten Pass zu spielen. Schalke ließ im gesamten Spiel keinen solchen Pass zu.

Danach entwickelte sich aus Bremer Sicht ein Trauerspiel. Schalke ging mit voller Wucht in die Zweikämpfe und Werder fand kein Mittel dagegen. Eigentlich hätte es nur zwei Möglichkeiten gegeben: Entweder mit voller Wucht dagegen halten (ja, das kann Werder, hat man in diesem Jahr auch schon mehrfach gezeigt) oder bei den Kombinationen einen Tick schneller sein, als der Gegner. Kombinationen fanden nun jedoch noch seltener statt als in der ersten Hälfte. Hunt versuchte es brachial mit Dribblings durch die Mitte, Marin konnte sich über außen nur selten durchsetzen und Özil spielte zu häufig den schwierigen Ball. Schaaf reagierte, brachte Borowski und Pizarro für Almeida und Jensen, um vor dem Tor in die Lufthoheit zu erlangen. Doch statt die langen Kerle mit hohen Bällen zu füttern, versuchte es Werder unverständlicherweise weiterhin mit Dribblings durch das Mittelfeld. Das Flügelspiel fand nicht statt, Boenisch und Fritz waren hinten gegen die Außenstürmer gebunden. Hier nochmal ein Kompliment an Magath: Linksaußen Sanchez für Holtby zu bringen, war eine taktische Meisterleistung!

So blieb am Ende viel Frust und Enttäuschung. Man möchte in dieser Situation am liebsten alle beschuldigen: Die eigenen Spieler, den Gegner, den Kommentator, den Schiri. Dabei gibt es an der Niederlage nichts zu rütteln, trotz diverser Nebengeräusche. Schalkes Spielweise war oft an der Grenze des Erlaubten und manchmal jenseits davon. Darauf kann sich Werder nun schon einmal einstellen, denn auch die kommenden Gegner werden gesehen haben, dass diese Taktik wie schon vor einer Woche beim 1.FC Köln aufging. “To beat Werder, you have to kick Werder”, um mal Arsene Wenger zu zitieren. Das hat sich Werder zumindest zum Teil selbst zuzuschreiben. Schiri Fleischer hatte wahrlich kein einfaches Spiel zu leiten und machte seine Sache im Prinzip auch gut. Eine klare Linie kann ich ihm nicht absprechen, aber er war auch deutlich bemüht, mit seinen Entscheidungen nicht zu sehr ins Spiel einzugreifen. So zum Beispiel als Sebastian Boenisch im Strafraum niedergestreckt wurde. Marcel Reif sah hier eine saubere Aktion, klar den Ball gespielt. Das stimmte auch, doch leider war der Spieler nicht einbeinig und grätschte Boenisch mit rechts von hinten so in die Parade, das dieser nicht weiterspielen konnte. Wenn das eine saubere Aktion war, weil sie dem Ball galt, war auch Wieses Tritt gegen Olics Kopf damals eigentlich ganz sauber.

Nun kann man – zu Recht – einwenden, dass Boenisch zu diesem Zeitpunkt nicht mehr auf dem Platz hätte stehen dürfen. Fleischer zeigte ihm nach einer ziemlich eindeutigen Notbremse nur die gelbe Karte. Ebenso hätte Kuranyi nicht mehr auf dem Platz sein dürfen, als er das Schalker 2:0 mustergültig vorbereitete. Einen Vorwurf kann man Fleischer trotzdem nicht machen, er hatte das Spiel ansonsten im Griff und so ist es nur ein statistischer Zufall, dass beide Werder-Niederlagen in dieser Saison unter seiner Leitung zustande kamen. Vielmehr sollten sich die Spieler an die eigene Nase fassen. Sich darüber aufzuregen, dass Kuranyi für den Tritt gegen Mertesacker unbestraft blieb, ist eine Sache – ihm danach Begleitschutz bis zum Strafraum zu gewähren, eine völlig andere. So blieb dem nicht gerade für seine technischen Fähigkeiten berühmten Kuranyi die schönste Einzelaktion des Spiels vorbehalten. Spätestens nach Boenischs vorzeitigem Ausscheiden war die Partie dann entschieden. Das traurigste dabei: Werder hätte wohl nicht nur den einen, sondern zwei Elfmeter benötigt, um noch etwas aus dem Spiel mitzunehmen. Verdient gewesen wäre es auch dann nicht.

Bis zur Winterpause bleibt nun folgendes zu tun: Die Wunden lecken (gute Besserung an Sebastian Boenisch), den Mund abputzen, die Ärmel hochkrempeln und das Spiel gegen Hamburg mit einer so kämpferischen Einstellung angehen, wie damals im Mai! Die Zeit der Geschenke ist vorbei, auch wenn dies kein sonderlich weinachtliches Motto ist.

Live-Blog: Werder Bremen – Schalke 04 3

Gepostet am 12. December 2009 von Tobias (Meine Saison)



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