Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW


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Mikaël Silvestre: Erfahrener Haudegen oder altes Eisen? 6

Gepostet am 30. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Als ich gehört habe, dass Werder Interesse an einer Verpflichtung von Mikaël Silvestre hat, war mein erster Gedanke: Um Gottes Willen! Mein zweiter Gedanke war: Bitte nicht! Warum eigentlich? War Silvestre nicht über Jahre hinweg bei Manchester United als Linksverteidiger gesetzt? War er nicht einer der Besten in Europa auf seiner Position? Ist er nicht dazu noch flexibel einsetzbar? Kann Werders Abwehr von solch einem Spieler nicht noch eine Menge lernen?

Silvestre der Weltklassespieler

Silvestres Erfolge sprechen für sich: 275 Spiele in der Premier League, 79 in der Champions League. Seine letzten Stationen hießen Inter Mailand, Manchester United und FC Arsenal. Seit 1998 hat er in jeder Saison in der Königsklasse gespielt. 1999 gewann er mit United den Weltpokal, neun Jahre später die Champions League. Nach seiner schweren Verletzung vor drei Jahren hielt ihn Arsène Wenger noch immer für gut genug, seiner jungen Mannschaft den nötigen Rückhalt in der Abwehr zu geben.

Silvestre war nie ein spektakulärer Spieler, eher ein Arbeiter, der seinen Job auf hohem Niveau zuverlässig erledigte. Als gelernter Innenverteidiger verbrachte er den Großteil seiner Karriere auf der linken Abwehrseite. Zweikampfstark, laufstark, gutes Stellungsspiel – der Fokus lag bei ihm stets zunächst auf dem Verteidigen und erst dann auf dem Spiel nach vorne. Das heißt jedoch nicht, dass er im Offensivspiel nicht zu gebrauchen war. Seine Flanken waren ziemlich passabel und die weiten Wege eines Außenverteidigers scheute er auch nicht. Allerdings suchte er jedoch längst nicht so konsequent und häufig den Weg nach vorne, wie heutzutage Philipp Lahm, Maicon oder Dani Alves. Silvestres größtes Plus war seine Konstanz. Über die Jahre zeigte er kaum Leistungsschwankungen, weshalb er sich um seinen Stammplatz lange Zeit keine Sorgen machen musste. Erst nach der Verpflichtung von Patrice Evra und einem Kreuzbandriss wurde Silvestres Standing bei den Red Devils nach und nach immer schlechter.

Silvestre der Aushilfsspieler

Im Sommer 2008 verpflichtete der FC Arsenal Silvestre und gab ihm einen Zweijahresvertrag. Von Alex Ferguson nicht mehr regelmäßig berücksichtigt war er für Arsène Wenger genau der richtige Mann, um seiner jungen Mannschaft etwas mehr Stabilität in der Defensive zu geben. Hinter den etatmäßigen Innenverteidigern William Gallas und Kolo Touré war Silvestre Ergänzungsspieler in der Innenverteidigung. Auf der Position der Linksverteidigers war mit dem in der Vorsaison starken Gaël Clichy ebenfalls ein Spieler gesetzt. Trotzdem kam Silvestre bei den von Verletzungsprobleme geplagten Gunners zunächst regelmäßig zum Einsatz. In der Rückrunde musste er jedoch meistens auf der Bank Platz nehmen. Insgesamt absolvierte er 23 Saisonspiele für Arsenal, davon 14 in der Premier League. In der folgenden Saison wurden seine Einsatzzeiten noch weniger. Erst gegen Ende der Saison, als Arsenal erneut Verletzungssorgen in der Abwehr hatte, wurde er regelmäßig in die Startelf berufen.

Von den Fans des FC Arsenal wurde Silvestre nie wirklich akzeptiert und hatte eine schwierige Zeit in Nord-London. Zunächst wurde er kritisch beäugt, weil er vom langjährigen Konkurrenten Manchester United kam und daher einen schlechten Ruf bei den Gooners hatte. Ein solcher Wechsel zwischen den beiden Vereinen ist absolut unüblich und kommt maximal alle 10 Jahre einmal vor. Zudem fragten sich viele Beobachter, warum Alex Ferguson ihn zu einem Spottpreis zu einem direkten Konkurrenten transferieren sollte, wenn er noch die nötige Qualität besäße. Für seine Leistungen auf dem Platz wurde Silvestre ebenfalls kritisiert und erlangte schnell einen Status als Unsicherheitsfaktor in der Viererkette. Arsène Wenger setzte trotz aller Probleme weiterhin auf ihn. Silvestre sollte vor allem auch neben dem Platz ein wichtiger Spieler für ihn sein, von dem seine jungen Spieler lernen konnten. Auf dem Platz kam er jedoch nie über den Status als Ergänzungsspieler hinaus und wurde von Wenger nur dann eingesetzt, wenn Not am Mann war.

Silvestre der Unsicherheitsfaktor

Im Juni 2010 endete Silvestres Zeit beim FC Arsenal. Wenger und der nun 33-jährige Ex-Nationalspieler konnten sich nicht auf einen neuen Vertrag einigen, was vor allem auf die wenigen Einsatzzeiten des Spielers zurückzuführen ist. Zu Weihnachten hatte es noch nach einer Verlängerung des Kontrakts ausgesehen. Wenger betonte immer wieder die Wichtigkeit Silvestres für sein Team, schenkte ihm jedoch nicht sein volles Vertrauen auf dem Platz. Die Nichtberücksichtigung Silvestres für den Kader beim Spiel gegen den FC Liverpool im Februar führte zu einem Bruch zwischen Spieler und Trainer. Die Trennung im Sommer nahm immer konkretere Formen an, auch wenn Wenger betonte, Silvestre gerne ein weiteres Jahr lang behalten zu wollen.

Im für Arsenal sehr ernüchternden Saisonendspurt spielte Silvestre wieder häufiger von Anfang an, was seinen Ruf bei den eigenen Fans jedoch noch mehr ramponierte. Bei den bitteren Niederlagen gegen Barcelona und Tottenham machte er eine unglückliche Figur und wurde für mehrere Gegentore verantwortlich gemacht. Bei den Gooners hielt sich die Trauer um seinen Abschied daher stark in Grenzen. Vielmehr waren viele Fans froh den vermeintlichen Unsicherheitsfaktor endlich los zu sein. Trotz anhaltender Abwehrsorgen und mehrerer Abgänge (Gallas, Senderos, Campbell) blieb Silvestre für die Saison 2010/11 unerwünscht.

Silvestre bei Werder Bremen

Die Kritik der Arsenalfans war sicherlich nicht ganz unbegründet, doch insgesamt gesehen zu hart. Auch wenn Silvestre nicht mehr den höchsten Ansprüchen genügt, war er doch ein zumindest einigermaßen solider Backup. Für Arsenals Ansprüche war dies auf dem Platz jedoch am Ende nicht mehr ausreichend. Nun kommt Silvestre in die Bundesliga zu einem Team, das eine ähnliche Spielphilosophie verfolgt und dessen Abwehrprobleme noch größer sind. Die Reaktionen der Fans sind gemischt, allerdings mit einem Übergewicht der positiven Kommentare. Doch was verspricht sich der Verein von Silvestre und wie realistisch sind diese Ansprüche?

Erfahrung – Silvestre ist zweifellos ein sehr erfahrener Spieler, der über ein Jahrzehnt auf höchsten Niveau Fußball gespielt hat. Diese Erfahrung soll er nun – wie beim FC Arsenal – an die jüngeren Spieler weitergeben. Nun liegen Werders Abwehrprobleme nicht unbedingt an mangelnder Erfahrung: Naldo, Per Mertesacker, Clemens Fritz und Petri Pasanen sind/waren gestandene Nationalspieler, die seit vielen Jahren Profis sind und regelmäßig spielen. Als junge Abwehrspieler bleiben lediglich Sebastian Prödl und Sebastian Boenisch. Dennoch kann Silvestre hier möglicherweise noch wichtige Impulse geben. Die Erfahrungen, die er bei mehreren europäischen Top-Teams gemacht hat, sind womöglich doch noch etwas höher einzuschätzen. Fraglich ist nur, wie schnell sich der Franzose ins Team integrieren und seine Erfahrungen weitergeben kann.

Vielseitigkeit – Silvestre ist gelernter Innenverteidiger, der den Großteil seiner Karriere als linker Verteidiger gespielt hat. Dabei hat er häufig betont, dass ihm die Position in der Mitte der Abwehr besser zusagt. Klingt irgendwie bekannt. Haben wir genau diesen Spieler nicht schon in Petri Pasanen? Eine Notlösung auf links, die sich dort eigentlich nicht so richtig wohl fühlt? Nun, Silvestre hatte auf dieser Position immerhin einen Stammplatz bei Manchester United. Allerdings ist er im Alter nicht schneller geworden und spielte bei Arsenal meistens in der Innenverteidigung. Eine Ideallösung für die linke Abwehrseite sieht anders aus, auch wenn Silvestre angesichts Werders Probleme auf dieser Position sicher Chancen auf einen Stammplatz hat.

Abgeklärtheit – Dieses Attribut schreibt man älteren Spielern mit viel Erfahrung gerne pauschal zu. Silvestre hat in seiner Karriere seine Abgeklärtheit häufig unter Beweis gestellt. Bei seinem letzten Arbeitgeber gelang im dies jedoch nicht wirklich. Silvestre wirkte häufig unsicher, was in Verbindung mit fehlender Schnelligkeit zu einem großen Problem werden kann. Zudem bekam er bei Arsenal und in seiner letzten Saison bei ManUtd wenig Spielpraxis, hat in den letzten drei Jahren nur 49 Pflichtspiele bestritten. Vielleicht kann er bei Werder – wo ihm wenig Gegenwind seitens der Fans entgegen blasen wird als bei Arsenal – noch einmal an seine Zeit bei United anknüpfen. Solange bei Werder kein Umdenken im Defensivspiel stattfindet und die Angriffe der Gegner weiter so unbehelligt vom Mittelfeld auf die Viererkette zurollen, sollte nicht erwarten, dass mit Silvestres Verpflichtung die Abwehrsorgen gelöst wären.

Wirtschaftlichkeit – Die Risiken der Verpflichtung halten sich für Werder in Grenzen. Da der Franzose ablösefrei zu haben war und man von einem stark leistungsbezogenen Vertrag ausgehen kann, sind die Kosten für den Transfer überschaubar. Die Vertragslaufzeit von zwei Jahren ist bei einem 33-jährigen ebenfalls in Ordnung, auch wenn aus Werdersicht ein Einjahresvertrag mit Option auf Verlängerung besser gewesen wäre. Im schlimmsten Fall hätte Werder einen vergleichsweise geringen finanziellen Verlust gemacht, im besten Fall einen wichtigen Spieler für kleines Geld verpflichtet.

Eine gute Verpflichtung?

Was spricht also nach all diesen Argumenten gegen die Verpflichtung? Nicht viel, wenn man den Transfer isoliert betrachtet. Silvestre verstärkt den Kader in der Breite und wahrscheinlich auch in der Tiefe. Der Transfer ist jedoch auch Zeichen für ein grundsätzliches Problem bei Werder: Während für Offensivspieler inzwischen auch Ablösesummen deutlich jenseits der 5 Mio. € gezahlt werden, hält man sich bei Defensivspielern merklich zurück. Die linke Abwehrseite ist seit Jahren eine Problemposition, die trotz zahlreicher Neuverpflichtungen der mittleren Kategorie nicht nachhaltig gut besetzt werden konnte: Ob Talente, wie Boenisch und Tosic oder namhaftere Spieler, wie Nery und Womé – zu häufig wurde die Notlösung mit Petri Pasanen zur besseren (bzw. weniger schlechten) Alternative. Mit der Verpflichtung Silvestres gesteht man dieses Manko implizit ein.

Nachdem alle Bemühungen der letzten Saison mehr (Abdennour) oder weniger (Boenisch) gescheitert sind, soll nun ein anderer Weg gegangen werden. Werder scheut die große Investition, sieht für kleineres Geld jedoch keinen Spieler auf dem Markt, der für eine deutliche Verbesserung sorgen könnte. Silvestre soll die kurzfristige Stabilisierung sein, die mittelfristig aber auch dem von Schaaf und Allofs hochgelobten, zuletzt aber kritisierten Boenisch eine Perspektive bietet. Ob dieser Weg der richtige ist lässt sich selbstverständlich erst im Nachhinein beurteilen, doch das (im Vergleich zu anderen Positionen) zurückhaltende Verhalten auf dem Transfermarkt schürt nicht die Hoffnung auf eine nachhaltige Verbesserung in der Defensive. Oder – um es mit Schaaf und Allofs Worten zu sagen – regt nicht die Fantasie an.

Allerdings, das muss man den beiden zugestehen, hatten sie gerade bei älteren Spielern bislang ein sehr gutes Händchen – man denke nur an Cesar, Micoud, Davala, Reinke und Ismael. Deshalb hoffe ich sehr, dass Mikaël Silvestre mich und alle anderen Kritiker eines besseren belehren wird. Willkommen bei Werder Bremen und bonne chance!

Danke, Mesut! 3

Gepostet am 18. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Mesut Özil wechselt nun also doch mit sofortiger Wirkung zu Real Madrid und verlässt nach 2 1/2 Jahren unseren SVW.

Finanziell ist es eine Verbesserung, das steht außer Frage. Auch sportlich ist Real Madrid eine Verbesserung, trotz aller Probleme, der Verein in den letzten Jahren hatte. Im letzten Jahr holte Real Madrid mehr Punkte pro Spiel als jedes andere Team in einer großen europäischen Liga – bis auf den FC Barcelona. Dieses ewige Duell um die Vorherrschaft im spanischen Fußball wird Mesut nun miterleben, vielleicht sogar mit prägen. Er spielt im Verein von di Stefano und Puskas, von Zidane und Raul. Ein Verein, dem Robben und Snejder vor einem Jahr zu schlecht waren. Er spielt zusammen mit Cristiano Ronaldo, Kaka, Xabi Alonso und Cassilas. Er spielt unter José Mourinho, den schillerndsten Trainer unserer Zeit. Welcher Fußballer – der nicht gerade im Barca-Trikot auf die Welt gekommen ist – würde dort nicht gerne spielen wollen?

Viele Werderfans sind nun erleichtert, weil die Spekulationen endlich vorbei sind. Im Hinblick auf das wichtige Spiel heute ist es sicher wichtig, dass diese Unklarheit aus dem Weg geräumt ist. Man kann Mesut aber eigentlich nicht viel vorwerfen, er hat sich zumindest nach Außen hin korrekt verhalten (im Gegensatz zu manchem anderen Spieler, der seinen Wechsel durchboxen wollte). Mesut wollte das Angebot annehmen, Werder wollte ihn verkaufen, um nicht in einem Jahr ohne Transfererlös dazustehen. Alles nachvollziehbar und ok. Kein böses Blut und kein Grund, ihm nicht alles Gute bei seinem neuen Verein zu wünschen.

Nun bleiben wir zurück, während Mesut beim größten Fußballverein der Welt spielen wird. Es ist nicht das erste Mal, dass wir einem Spieler als Sprungbrett für die weitere Karriere dienen. Wir sind es nicht anders gewohnt. Wir fühlen uns trotzdem benutzt und schmutzig. Wir sind nur so lange gut genug, bis jemand Besseres daherkommt. Wir lassen uns dafür bezahlen, dass wir bei dem Spielchen mitmachen und wir sollen uns auch noch gut dabei fühlen. Und trotzdem wissen wir schon jetzt, dass es nicht das letzte Mal gewesen sein wird. Der Fluch des Ausbildungsvereins.

Nun werden wir sehen wie gut Mesuts Ausbildung war, die er ja eigentlich schon auf Schalke bekommen hat. Hier war es der Feinschliff. Das Juwel ist zwar noch nicht in optimalem Zustand, aber längst kein Rohdiamant mehr. Die Aufgabe unseres Vereins ist es, weitere davon zu finden. Mit Marin hat man schon einen. Arnautovic ist wohl auch einer. Vielleicht Wesley oder Ben Arfa. Wir sollten stolz darauf sein, dass solche Spieler bei uns so aufblühen können, wie bei kaum einem anderen Verein in Europa.

Ob der Sprung für Mesut zu früh kam wird sich zeigen. Mourinho scheint von ihm überzeugt zu sein und ich kann mir nicht vorstellen, dass er ihn verheizen wird. Vielleicht ist er in ein paar Jahren ein Superstar, vielleicht ein gescheitertes Supertalent, aber er hat den Sprung gewagt. Guten Flug und gute Landung, Mesut!

Einen Nachruf auf den Werderspieler Mesut Özil findet ihr hier >> klick <<

‘schab Vertrag 1

Gepostet am 15. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

DFB-Pokal, 1. Runde: Rot Weiss Ahlen – Werder Bremen 0:4

Wie in den Jahren zuvor ein letztlich deutlicher Sieg zum Saisonauftakt gegen eine unterklassige Mannschaft. Im Gegensatz zu Union Berlin letztes Jahr erwies sich Ahlen jedoch in der ersten Halbzeit als echte Hürde. Werder kam schwer ins Spiel und musste vor dem Führungstor einige brenzlige Szenen überstehen. Danach lief dann fast alles wie erhofft und der Klassenunterschied wurde auf dem Feld deutlich sichtbar.

Thomas Schaaf entschied sich für das System mit der Raute und gegen das 4-2-3-1. Wie erwartet saßen deshalb Marin und Arnautovic zunächst auf der Bank und Hunt und Borowski nahmen die Halbpositionen im Mittelfeld ein. Werders Spielidee war von Anfang an erkennbar, doch es hakte noch bei der Genauigkeit im Kombinationsspiel. Da sich auch alle vier Spieler der Viererkette in der ersten Hälfte einige Aussetzer im Spielaufbau erlaubten, kam Ahlen immer wieder zu gefährlichen Konterchancen, die jedoch nur selten gut zu Ende gespielt wurden und deshalb meist von Werders Abwehr repariert werden konnten. Ahlen spielte vermehrt über die linke Bremer Abwehrseite und konnte Pasanen dabei einige Male bloßstellen. Mittelstürmer Knappmann suchte in jeder Situation den Torabschluss, agierte dabei jedoch häufig zu überhastet. Die beste Chance der ersten Halbzeit hatte Alder mit einem tollen Freistoß, der hinter Wiese an die Latte klatschte.

Werder befreite sich aus der Ahlener Druckperiode auf die bestmögliche Weise: Claudio Pizarro zog von links in den Strafraum und traf mit einem platzierten Schuss ins lange Eck. Danach kippte das Spiel klar zugunsten Werders. Özil, der zuvor ein eher mittelmäßiges Spiel hatte, drehte nun auf und war an allen gefährlichen Aktionen beteiligt. In dieser Phase hätte Werder das Spiel schon entscheiden können, vielleicht müssen. Stattdessen hatte nach der Pause erneut Knappmann die Chance zum Ausgleich, doch verlor allein vor Wiese die Nerven und ermöglichte diesem so seine beste Parade im Spiel. Kurz darauf traf Almeida, der zuvor ebenfalls kläglich vergeben hatte, per Kopf nach einer Ecke zum 2:0. Schaaf wechselte nun durch, brachte Marin für Özil und wenig später Arnautovic für Almeida. An der Einseitigkeit der Partie endete das aber nichts mehr, denn Borowski machte mit einem tollen Schuss nach einem verunglückten Klärungsversuch der Ahlener Defensive alles klar. So plätscherte das Spiel seine Ende entgegen, bis Marin mit einem schönen Heber den Schlusspunkt zum 4:0-Sieg setzte.

Die Raute scheint in dieser Phase der Saison die bessere Variante für Werder zu sein, gerade wenn man die Formkurven der Spieler so anschaut. Wenn Marin und Arnautovic bei 100% sind, spricht aber vieles für das 4-2-3-1, denn gerade bei Arnautovic hat man gesehen, dass ihm die Rolle des 2. Stürmers nicht wirklich auf den Leib geschneidert ist. Hunt und Borowski haben gestern zwar nicht überragend gespielt, doch sie erfüllten ihre Aufgaben ordentlich. Es war aber Bargfrede, der das Bremer Mittelfeld belebte und die Fäden zog. Defensiv aufmerksam, starker Spielaufbau und dazu noch viele Akzente nach vorne – wenn er das auch in der Bundesliga so umsetzen kann, müsste er auf der Sechserposition gesetzt sein.

Einiges hängt aber noch von den Wechseln ab, die sich in den nächsten Tagen entscheiden dürften. Mit dem Brasilianer Wesley ist alles klar, er wird in den nächsten Tagen einen 5-Jahres-Vertrag unterschreiben und kostet angeblich schlanke 7,5 Mio. Euro. Offiziell bestätigt ist der Transfer noch nicht, doch der Spieler selbst hat sich bei Twitter schon klar darüber geäußert, sich unter anderem bei Werders sportlicher Leitung für deren großes Bemühen bedankt. Im Fall Mesut Özils kommt zum ersten Mal seit Wochen wirklich (sprich: nicht nur in den Medien) Bewegung rein. Real Madrid hat ein Angebot abgegeben, das laut Allofs jedoch völlig inakzeptabel war. Özil selbst zeigte sich im Interview nach dem Spiel sichtlich hin und her gerissen zwischen seinen üblichen Kommentaren (“Ich hab Vertrag” und “Ich respektiere Werder Bremen”) und dem öffentlichen Interesse Reals und José Mourinhos (“Wenn man so ein Angebot hat, möchte man es gerne annehmen”). Dass Allofs Özil über das Angebot jedoch nicht informiert hat, ist schon ein wenig seltsam und gibt in der Öffentlichkeit kein gutes Bild ab. Özils Ärger darüber kann ich nachvollziehen, doch in seinem eigenen Interesse war es nicht sehr sinnvoll, dies an die Öffentlichkeit zu bringen. Eine Entscheidung muss in den nächsten Tagen fallen, sonst kommt vor dem wichtigen Spiel gegen Sampdoria zu viel Unruhe auf. Dazu braucht es entweder ein gutes Angebot von Real Madrid oder ein Machtwort von Allofs, der in dieser Angelegenheit jedoch am kürzeren Hebel sitzt.

Let’s talk business… 2

Gepostet am 14. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Betrachtet man den Fußball und insbesondere die Vertragsverhandlungen zwischen Spielern (bzw. deren Beratern) und Vereinen von einer rein geschäftlichen Seite, dann erhält man ein ziemlich unromantisches Bild. Dann geht es eben um Angebot (an spielerischen Fähigkeiten, Entwicklungs- und Vermarktungspotenzial) und Nachfrage (seitens der Vereine). Dann gibt es eben einen Markt für Fußballspieler, auf dem alle Akteure nach dem für sie größten Nutzen suchen. Dann unterscheidet sich der individuelle Nutzen eines Spielers eben häufig von dem seines Arbeitgebers und erst recht von dem eines Fans.

Das Verhältnis zwischen Spieler und Verein manifestiert sich dann eben in einem befristeten Arbeitsvertrag, an dessen Ende es keinerlei Verpflichtungen beider Seiten mehr gibt. Seit dem Bosman-Urteil wurde die Position der Spieler deutlich gestärkt, da nun das Prinzip der freien Arbeitsplatzwahl gilt und abgebende Vereine nach Vertragsende keine Ablöseforderungen mehr stellen dürfen. In Hinblick auf die Liberalisierung der europäischen Arbeitsmärkte eine folgerichtige Entscheidung, die auf den Profifußball jedoch weitreichende Auswirkungen hatte, die längst nicht von allen als positiv angesehen werden. Doch das ist ein Thema für sich.

Die Verpflichtung eines Spielers ist für einen Verein als Wirtschaftsunternehmen deshalb mehr denn je zu einem Investment geworden. Nehmen wir hier ruhig einmal Werders Verpflichtung von Mesut Özil zur Verdeutlichung: Werder hat ihn im Winter Januar 2008 für 4,25 Millionen Euro von Schalke gekauft und mit ihm einen 3 1/2 Jahresvertrag abgeschlossen. Zu den 4,25 Millionen kommen noch Handgelder, Gehälter und Prämien, die zusammen die Gesamtkosten der Investition bilden. Diesen Kosten stehen die Erlöse gegenüber, die sich für Werder mit Özil in diesen 3 1/2 Jahren erwirtschaften lassen. Neben den Einnahmen aus der Vermarktung des Spielers (z.B. Merchandising und Ticketverkäufe) sind das vor allem die Einnahmen, die Werder durch sportliche Erfolge erzielt. Diese lassen sich im Mannschaftssport Fußball wiederum nur schwer einem einzelnen Spieler zurechnen. Die Berechnungen basieren deshalb immer auf einer gewissen Unsicherheit. Hier wird mit Wahrscheinlichkeiten kalkuliert. Ein vielleicht etwas übertriebenes Beispiel: Wie wahrscheinlich ist eine Champions League Teilnahme mit Özil und wie wahrscheinlich ohne (wohl gemerkt im Januar 2008, nicht im August 2010)? Bleibt nach Berücksichtigung aller Kosten und Erträge unter dem Strich etwas übrig, amortisieren sich die Anschaffungskosten über die Laufzeit, dann ist das Investment für den Verein lohnenswert. Im Fall Özil hat es Werder also als lohnenswert erachtet.

Im Unterschied zur Investition in bspw. eine Maschine gibt es bei Profifußballern einen großen Unterschied: Der Fußballer kann zum Ende der Laufzeit nicht mehr verkauft werden. Bei einer Maschine gibt es in der Regel einen Restwert, der sich schon Jahre vorher einigermaßen gut abschätzen lässt. Der Anschaffungswert Mesut Özils (4,25 Millionen) muss also über die Vertragsdauer komplett abgeschrieben werden. Im Sommer 2011 beträgt der Restwert des Spielers 0. Bei linearer Abschreibung beträgt er in diesem Sommer somit noch rund 1,2 Millionen Euro – zumindest in Werders Büchern. Dies entspricht aber natürlich nicht dem tatsächlichen Marktwert des Spielers, der bei Mesut Özil (laut transfermarkt.de) derzeit 27 Millionen Euro beträgt. Müsste Werder den Spieler nun in einem Jahr kostenlos abgeben, dann hätte man doch Verlust gemacht, oder?

Zumindest auf dem Papier stimmt das nicht, denn in Werders Büchern ist Özil in einem Jahr tatsächlich nichts mehr wert. Dies wird schon bei Abschluss des Vertrags berücksichtigt und entsprechend kalkuliert. Eine etwaige Wertsteigerung des Spielers als zukünftige Einnahme mit in die Kalkulation aufzunehmen ist sehr risikoreich, wenn auch sicher nicht ganz ungewöhnlich im Fußballgeschäft. In diesem Fall ist man unbedingt auf einen Wiederverkauf (bzw. eine vorzeitige Vertragsverlängerung) angewiesen, um keinen Verlust zu erleiden. Erfüllt der Spieler nicht die sportlichen Erwartungen, verliert der Verein dann sogar doppelt: Zunächst zieht er weniger sportlichen (und damit finanziellen) Nutzen aus dem Spieler selbst und dann entwickelt sich der Marktwert auch noch schlechter als angenommen, sprich: Die Transfereinnahmen sind geringer, bzw. fallen unter Umständen ganz weg, wenn der Spieler bis zum Ende der Vertragslaufzeit bleibt.

Deshalb tun seriös wirtschaftende Vereine gut daran, solche spekulativen Kalkulationen zu unterlassen und tatsächlich vom Restwert 0 auszugehen. Werder ist zwar immer wieder auf Transfererlöse angewiesen, um finanziell mit den deutschen Topvereinen mithalten zu können, gilt aber als vorsichtig, wenn es um die Schätzung zukünftiger Einnahmen geht. Gehen wir also davon aus, das Werder dies im Fall Özil so gemacht hat, dann haben wir nun die folgende Situation: Verkauft Werder Özil in diesem Sommer für mehr als 1,2 Millionen Euro, dann haben sie auf dem Papier Gewinn gemacht. Allerdings hat Özil für Werder in der kommenden Saison einen Wert, der weit darüber hinaus geht. Diesen (geschätzten) Wert, abzüglich der Gehälter und Prämien, müsste Werder für Özil in diesem Sommer bekommen, um ihn tatsächlich gewinnbringend verkaufen zu können. In dieser Kalkulation spielt auch der Wiederbeschaffungswert eine Rolle: Wie schwierig und teuer ist es, einen Ersatz auf dem Transfermarkt zu beschaffen? Sportliche Überlegungen fließen ebenfalls mit ein, etwa die Frage, ob der Spieler durch einen anderen, bereits unter Vertrag stehenden Spieler ersetzt werden kann.

Vor diesem Hintergrund wird klar, dass ein akzeptabler Preis für Werder weit oberhalb der 1,2 Millionen Euro liegt, aber auch unterhalb der (geschätzten) 27 Millionen Euro Marktwert. Dies ist auch den interessierten Vereinen klar, weshalb es schwierig werden könnte, eine Ablösesumme zu erreichen, die von den Fans als angemessen erachtet wird. Ein Manager muss mit diesem Spannungsfeld umgehen können, einerseits wirtschaftlich sinnvolle Entscheidungen zu treffen und andererseits die Erwartungen der Fans nicht zu enttäuschen. Nicht zuletzt haben seine Entscheidungen auch Einfluss auf die Reputation bei zukünftigen Verhandlungspartnern. So kann es in manchen Fällen durchaus sinnvoll sein, selbst bei finanziell lohnenswerten Angeboten mit der Faust auf den Tisch zu hauen und einen Transfer zu verweigern. Allerdings läuft man dabei auch Gefahr, dass der Bluff auffliegt und man am Ende mit leeren Händen dasteht.

Welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

  1. Bei Spielertransfers ist die Formel Verkaufspreis – Einkaufspreis = Erlös viel zu kurz gedacht. Auch meine Beispiele sind schon stark vereinfacht und berücksichtigen viele zusätzliche Einflussfaktoren nicht (vertragliche Sondervereinbarungen, komplizierte Verteilung der Transferrechte, unterschiedliche Finanzierungsformen etc.).
  2. Im Fall Özil ist Werders Situation längst nicht so schlecht, wie sie von vielen dargestellt wird. Auch ohne Verkauf in diesem Sommer wird man an der Personalie Özil ganz sicher keinen Verlust gemacht haben. Ein Verkauf ist daher nicht zwingend notwendig. Interessant wird es jedoch, wenn man die Opportunitätskosten in die Rechnung mit einbezieht, also die entgangenen möglichen Einnahmen, wenn man Özil nächstes Jahr ablösefrei gehen lassen muss.
  3. Spieler und Vereine verfolgen egoistische Motive, die in manchen Fällen nicht kompatibel sind. Die Beziehung untereinander ist eine Zweckgemeinschaft, die solange aufrecht erhalten wird, wie beiden davon ausreichend profitieren. Für den Spieler ist sein Verein nur einer von vielen möglichen Arbeitgebern. Für den Verein sind seine Spieler Humankapital, das gekauft, gehalten, abgestoßen oder verkauft werden kann.

Das klingt alles nicht wirklich nach dem Fußball, den sich die meisten Fans vorstellen oder zumindest wünschen. Diese nüchterne Betrachtungsweise hat auch wenig mit dem Erleben eines Fans zu tun. Was jedoch auffällt ist die Art und Weise, wie selektiv Kritik an bestimmten Ausprägungen dieser Entwicklung genommen wird, während andere als völlig normal akzeptiert werden. Kein Fan beschwert sich über die Einnahmen seines eigenen Vereins aus Spielerverkäufen, denn dieser darf ganz selbstverständlich seine wirtschaftlichen Interessen in den Vordergrund stellen. Tut dies jedoch ein Spieler, sei es durch hohe Gehaltsforderungen oder einen Wechsel aus finanziellen Gründen, wird das Verhalten nicht nur nicht akzeptiert, sondern sogar als moralisch verwerflich angesehen. Diese Sichtweise ist nicht wirklich verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die Interessen des Vereins sich (im Gegensatz zu den Interessen einzelner Spieler) weitgehend mit den Interessen der Fans dieses Vereins decken.

Ein erhobener Zeigefinger ist deshalb wenig hilfreich, schließlich sind auch die Fans in ihrer Liebe und Hingabe zu ihrem Verein Teil des Fußballgeschäfts und ermöglichen dieses als solches erst. Trotzdem kann es sicher nicht schaden, sich seinen eigenen (egoistischen) Motiven bewusst zu werden, bevor mit der Moralkeule auf gewisse Spieler eingedroschen wird – nicht nur im Interesse dieser Spieler, sondern vor allem auch des eigenen Vereins.

Auf eine erfolgreiche grün-weiße Saison ohne Buhrufe gegen eigene Spieler!

Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff 1

Gepostet am 9. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Heute gibt’s den letzten Teil meiner Sommerpausen-Trilogie. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich zwei Posts daraus gemacht.

Mittelfeld:

Torsten Frings: In der letzten Saison mehr Licht als Schatten. Längst nicht so schwach, wie er von einigen Experten gemacht wurde, aber auch nicht mehr so überragend, wie vor ein paar Jahren. Macht einen guten Job als Kapitän und überzeugt durch Einsatzbereitschaft und gutes Zweikampfverhalten. Einerseits gute Ideen im Offensivspiel und teils geniale lange Pässe, andererseits zu viele Fehler im Aufbauspiel und nachlassende Schnelligkeit. Wenn er körperlich fit ist, kann er Werder auch in der kommenden Saison als Führungsspieler weiterhelfen.

Philipp Bargfrede: Der Senkrechtstarter der vergangenen Saison. Bis vor einem Jahr hatte ihn keiner auf dem Zettel. Nach starker Vorbereitung spielte er sich dann zu Beginn der Saison in die Startelf. Konnte dabei durchgehend überzeugen und spielte für sein Alter überraschend konstant auf hohem Niveau. Hat überaus gute Anlagen für einen defensiven Mittelfeldspieler. Luft nach oben besteht noch in der Spieleröffnung und im Torabschluss. Spielt derzeit wieder eine gute Vorbereitung und macht Hoffnung auf eine weitere Leistungssteigerung. Wenn er so weiter macht ist er bald auch für die Nationalmannschaft ein Thema.

Tim Borowski: Als Rückkehrer konnte er in der letzten Saison nicht an seine besten Tage bei Werder anknüpfen. Zeigte weitgehend solide Leistungen in der Hinrunde und fiel dann in ein Loch, aus dem er erst in der zweiten Hälfte der Rückrunde wieder herauskam. Für einen Leistungsträger zu wenig, wie er auch selbst erkannt hat. Von den eigenen Fans für seine Spielweise teils (zu) scharf kritisiert. Von ihm erwarte ich in der kommenden Saison mehr. Wenn er zu seiner Leichtigkeit in der Offensive zurückfindet, kann er für Werder noch sehr wertvoll sein. Wenn nicht, wird er ein ziemlich teurer Bankdrücker.

Peter Niemeyer: Das Sorgenkind im Mittelfeld. Konnte nur selten zeigen, warum Werder ihn verpflichtet hat. Dabei hat er durchaus die Anlagen, ein weit überdurchschnittlicher Mittelfeldspieler zu sein. Leider machen ihm Verletzungen immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Mit seiner Nominierung für die Startelf beendete Werder die Niederlagenserie im Frühjahr, doch nach einigen guten Spielen folgte (wieder mal) eine Verletzung. Nun wird er an Hertha BSC ausgeliehen und sein Vertrag gleichzeitig bis 2012 verlängert. Steigt Hertha auf, wird er wohl nicht zurück kommen.

Daniel Jensen: Sorgenkind zum Quadrat. Seit seinen Galaauftritten im Herbst 2007 immer wieder verletzt und mit nur wenigen Einsätzen. Wenn er körperlich fit und eingespielt ist, gibt es kaum einen kompletteren Spieler in Werders Kader. Kann aus dem defensiven Mittelfeld ein Spiel lenken. Leider besteht kaum noch Hoffnung, dass er noch einmal richtig den Anschluss findet. Alles Talent hilft nichts, wenn der Körper nicht mehr mitmacht. Müsste normalerweise ein Kandidat für einen Transfer sein, doch in seiner Verfassung könnte es schwer werden, einen für alle Seiten vernünftigen Deal hinzubekommen. Ich wünsche ihm einfach eine verletzungsfreie Saison, ob bei uns oder woanders. Alles weitere wäre Bonus.

Aaron Hunt: Spielte endlich eine Saison verletzungsfrei durch und konnte viele Kritiker von sich überzeugen. Besonders in der Hinrunde auf hohem Niveau, das ihm einen Einsatz in der Nationalmannschaft brachte. Absolvierte wie in der vergangenen Sommerpause wieder ein individuelles Fitnessprogramm, das ihm sehr zu helfen scheint. Wirkt auch auf dem Feld gereift und schöpft sein Potenzial endlich aus. Wenn er weiterhin so fit bleibt, hat er noch Steigerungspotenzial für die kommende Saison. Bekam für seine starke Vorbereitung zuletzt ein Extralob vom Manager.

Marko Marin: Zum Ende der Saison ein Opfer der taktischen Überlegungen von Thomas Schaaf und Joachim Löw. Oder seiner eigenen taktischen Unzulänglichkeiten, wie man will. Ist als Spielertyp ziemlich einmalig und einer der dribbelstärksten Spieler der Liga. Verbesserte sich über die Saison hinweg im Kombinationsspiel und ist offensiv immens gefährlich. Noch verbessern muss er seine Übersicht vor dem Tor und sein Defensivverhalten. Eine Herausforderung wird es sein, ihn taktisch zu schulen ohne ihm dabei seine Spielfreude zu nehmen.

Mesut Özil: Ein Kapitel für sich. Für die einen der neue Superstar, für die anderen ein überschätzter Schönspieler. Für mich einer der talentiertesten Fußballer in Werders Bundesligageschichte, der aber noch reifen muss. Bleibt er oder geht er? Wenn er geht verliert Werder den zentralen Spielgestalter und müsste mal wieder einen Leistungsträger ersetzen. Wenn er bleibt könnte er bei Werder weiter reifen (Stichwort: Konstanz) und mit dem Team die Bundesligaspitze angreifen. Andererseits könnte die Saison für ihn auch zum Spießrutenlauf werden, weil sein Standing bei den Fans sehr gelitten hat.

Nachwuchs: Für Said Husejinovic (22) dürfte die Zeit im Werdertrikot endgültig abgelaufen sein. In der Bundesliga hat er nie eine echte Chance erhalten, was nicht zuletzt an seinen Trainingsleistungen liegen dürfte. Sollte er bei Werder bleiben, wird er weit hinten in der Hierarchie stehen und muss auf Ausfälle hoffen, um in den Spieltagskader zu rutschen. Neuzugang Felix Kroos (19) wurde eigentlich für die U23 geholt und wird voraussichtlich zunächst auch dort eingesetzt. Bislang konnte er in der Vorbereitung der Proifs überzeugen und spielt somit auch in den Überlegungen von Thomas Schaaf eine Rolle. Wenn er sein Potenzial ausschöpft, rückt er spätestens in einem Jahr permanent zu den Profis auf. José-Alex Ikeng (22) droht nicht nur Ärger mit der Staatsanwaltschaft. Der Pechvogel der vergangenen Saison ist bei Werders Vereinsführung wegen unprofessionellen Verhaltens in Ungnade gefallen und trotz allen Talents laut Aussage von Klaus Allofs momentan weit weg vom Bundesligakader. Letztes Jahr hat Florian Trinks (18) Deutschlands U17 mit einem fulminanten Freistoß zum Europameister gemacht, nun soll er in der U23 weiter aufgebaut werden. Bevor er Bundesligaluft schnuppern darf, muss er sich in der 3. Liga durchbeißen und sich zunächst einmal von seiner Verletzung erholen. Für Kevin Artmann (24) ist der Zug wohl abgefahren. Immer wieder wurde er durch Verletzungen zurückgeworfen und musste sich mühsam wieder heranarbeiten. Sein fortgeschrittenes Alter macht den Sprung zu den Profis äußerst unwahrscheinlich – und einen Verbleib über die kommende Saison hinaus ebenfalls.

Transfers: Das Tischtuch zwischen Werder und Jurica Vranjes ist nicht nur zerschnitten – es ist verbrannt und die Asche über der Weser verstreut. Durfte nach Ende seiner Leihe nicht mehr bei den Profis trainieren und einigte sich mit Hajduk Split auf einen Wechsel. Bislang ist der Wechsel aber nicht offiziell bestätigt. Bei Mesut Özil ist eine Prognose derzeit reine Spekulation. Bei ihm heißt es mindestens bis zum Spiel gegen Sampdoria abwarten und Tee trinken, ob noch ein ernsthaftes Angebot eines Topclubs kommt. In dem Fall würde Werder ihn wohl abgeben. Weitere Abgänge dürften vor allem von eventuellen Neuverpflichtungen abhängen. Wahrscheinlichster Neuzugang ist der Brasilianer Wesley. Mit dem Spieler hat sich Werder längst geeinigt, ebenso mit dem Berater über 40% der Transferrechte (die man – entgegen einer Bild-Meldung – allerdings noch nicht “gekauft” hat). Bleiben die Verhandlungen über die restlichen 60% und den Wechselzeitpunkt. Wesleys Arbeitgeber FC Santos bestritt letzte Woche noch das Pokalfinale, danach sollte Belebung in die Angelegenheit kommen. Trotz positiver Signale von Allofs ist es zuletzt wieder ruhig geworden. Namen von möglichen Ersatzkandidaten, falls der Wechsel doch platzt, hört man derzeit nicht. Als möglicher Nachfolger für Özil war Hatem Ben Arfa von Olympique Marseille im Gespräch. Laut Allofs ist da jedoch nichts dran.

Angriff:

Claudio Pizarro: Was soll man über ihn noch schreiben? Seit seiner Rückkehr ist er Leistungsträger, Vorbild für die jüngeren Spieler und verbreitet gute Laune. Vergessen sind die Gerüchte um Steuerbetrug und eine Sperre durch die FIFA. Seine Stärken sind seine Kopfbälle, seine Technik und sein Spielverständnis. Taktisch hat er sich seit seiner Anfangszeit bei Werder enorm entwickelt und arbeitet viel nach hinten mit. Als Nummer 1 im Sturm eindeutig gesetzt.

Hugo Almeida: Noch immer der Mann mit dem Hammer. Noch immer das Talent, das den endgültigen Durchbruch nicht schafft. Bei den Fans ist Hugo inzwischen Kult, wird schon beim Warmmachen gefeiert. Was ihm vor allem fehlt, ist Ausgewogenheit: zwischen Schusshärte und -platzierung, zwischen Wucht und Ballkontrolle, zwischen Einsatz und Effizienz. Möchte mehr Einsätze, aber muss auch nachhaltig unter Beweis stellen, dass er in die erste Elf gehört. Vertrag soll verlängert werden.

Markus Rosenberg: Offenbar hat sich der Schwede Boubacar Sanogo zum Vorbild genommen. Seit ihn die Vereinsführung aufgegeben hat, hängt er sich voll rein und macht in den Testspielen auf sich aufmerksam. Laut eigenen Aussagen hofft er auf eine neue Chance bei Werder, aber alles deutet weiterhin auf eine Trennung hin. Seinen aktuellen Leistungen sei Dank besteht für Werder (wie bei Sanogo vor einem Jahr) nun keine Eile beim Verkauf. Bis zum Ende der Transferperiode kann man von seinem Formhoch profitieren und bis dahin auf ein akzeptables Angebot warten. Oder gibt ihm Schaaf doch eine neue Chance? Halte ich für sehr unwahrscheinlich.

Sandro Wagner: Wurde im Winter verpflichtet und nach seiner Verletzung über die U23 an die Profis herangeführt. Muss sich zunächst hinter Pizarro und Almeida als Nummer 3 etablieren. Ich habe bislang wenig von ihm gesehen und kann ihn nur schlecht einschätzen. Seine Chancen dürfte er in dieser Saison bekommen. Ich bin gespannt.

Marko Arnautovic: Bislang der einzige hochkarätige Transfer für die erste Mannschaft. „Astronautovic“ gilt als arrogant, launisch und charakterlich problematisch. Bisher macht er in Bremen einen selbstbewussten und kämpferischen Eindruck, hat jedoch auch schon für Negativschlagzeilen gesorgt. Sein Talent spricht für eine große Karriere im Werdertrikot. Er hat es selbst in der Hand, ob er irgendwann zur Kategorie Diego/Özil oder zur Kategorie Alberto/Moreno gehören wird. Ist im Angriff vielseitig einsetzbar, scheint mir als Außenstürmer jedoch am vielversprechendsten. Kann ihn mir im 4-2-3-1 oder 4-3-3 gut als Rechtsaußen vorstellen.

Nachwuchs: Im Angriff ist Werders Nachwuchs so stark besetzt, wie schon lange nicht mehr. Lennart Thy (18) konnte nicht nur bei der U17 EM überzeugen, sondern auch in Werders Vorbereitung. Er deutet an, dass er in absehbarer Zeit zu den Profis aufrücken kann. Gleiches gilt für Pascal Testroet (19), der schon einen Schritt weiter ist. Leider warfen ihn in der letzten Saison Verletzungen zurück, doch trotzdem erzielte er in 17 Spielen für die U23 8 Tore. Onur Ayik (20) hat in der letzten Saison schon Erfahrung in der Bundesliga gesammelt. Sein großes Plus ist die Vielseitigkeit, denn er ist nicht auf die Mittelstürmerposition festgelegt. Auch bei einem Rosenberg-Wechsel hätte Werder also keinen Personalbedarf. In diesem Fall könnte es zwischen den Genannten einen Dreikampf um den freien Platz bei den Profis geben. Völlig unklar ist hingegen die Zukunft von Kevin Schindler (22), der nach seiner Zeit als Leihspieler bei Rostock, Augsburg und Duisburg zurück bei Werder ist. Angesichts der starken Konkurrenz dürfte er dort einen schweren Stand haben. Leider ist er momentan noch verletzt und kann sich somit nicht beweisen. Sein Weg dürfte aber nur über die U23 zurück in die Nähe der Profis führen.

Transfers: Allofs hat gerade noch einmal betont, dass Werder Rosenberg abgeben möchte. Mit Pizarro, Almeida, Wagner, Arnautovic und den Nachwuchsspielern wäre man trotzdem auch in der Breite gut aufgestellt. Deshalb gab es auch für den zweiten Leihspieler aus Peru Juan Jose Barros keinen Bedarf, der zuletzt (in alter Werdertradition) noch als Außenverteidiger getestet wurde. Ein weiterer Neuzugang ist wohl kein Thema.

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr 2

Gepostet am 9. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Heute gibt’s den letzten Teil meiner Sommerpausen-Trilogie. Zur besseren Übersichtlichkeit habe ich zwei Posts daraus gemacht.

Tor:

Tim Wiese: Er ist die unangefochtene Nummer 1 bei Werder. Seine Leistungen sind beständig auf hohem bis sehr hohem Niveau. In den letzten beiden Jahren hat er sich vom „Reflexgott“ zu einem mitspielenden Torwart entwickelt und konsequent an seinen Schwächen gearbeitet. Gilt trotzdem als Torwart alter Schule und hat fußballerische Defizite sowie Probleme bei der Strafraumbeherrschung.

Christian Vander: Eine solide Nummer 2 – nicht mehr, nicht weniger. Hat die Wackler aus der Anfangszeit bei Werder weitgehend abgestellt. Übt jedoch keinen Druck auf Wiese als Nummer 1 aus. Momentan ist dies kein Problem, mittelfristig sollte Werder die Position überdenken.

Nachwuchs: Sebastian Miellitz (21) und Felix Wiedwald (20) stehen hinter den beiden etablierten Torhütern im zweiten Glied. Beide sammelten in der letzten Saison durch Verletzungen der Konkurrenten schon Erfahrungen im Spieltagskader der Profis. Miellitz kommt bereits auf drei Einsätze bei den Profis, doch in Wiedwald sehe ich (von den wenigen Eindrücken, die ich von beiden habe) das größere Potenzial. Langfristig wird sich höchstens einer von beiden bei Werder etablieren können. Ihr Ziel muss es zunächst sein, sich durch starke Leistungen in der U23 für die Profis zu empfehlen und die Position von Christian Vander anzugreifen. Fraglich, ob einer von beiden irgendwann Tim Wiese ersetzen kann.

Transfers: Im Tor sind keine Transfers geplant. Die vorhandenen Torhüter werden nicht abgegeben. Als einzigen möglichen Grund für eine Neuverpflichtung in letzter Minute könnte ich mir eine langfristige Verletzung von Tim Wiese vorstellen.

Abwehr:

Per Mertesacker: Gesetzt in der Innenverteidigung. Hat eine durchwachsene WM gespielt und auch seine letzte Saison war nicht die beste. Bei Fans und Trainer trotzdem unumstritten. Beeindruckt nach wie vor mit seiner Ruhe und Übersicht. Entgegen vieler Kritiken mit guter Spieleröffnung. Größte Schwäche ist seine fehlende Schnelligkeit, die er gerade bei der WM zu selten durch gutes Stellungsspiel wettmachen konnte. Stagniert etwas, allerdings auf hohem Niveau. Verbesserungspotenzial vor allem beim Antizipieren von Spielsituationen. Spekulationen um einen Wechsel zu Arsenal erteilte Klaus Allofs eine Absage.

Naldo: Hat zurück zu seiner Form gefunden. In der vergangenen Saison insgesamt der bessere der beiden Innenverteidiger. Trotz seiner Größe schneller als Mertesacker und technisch sehr beschlagen. Sein Offensivdrang ist Segen und Fluch zugleich, da Werder ohnehin sehr risikoreich spielt. Erzielte allerdings letzte Saison für einen Abwehrspieler sensationelle 13 Saisontore. Vom Gesamtpaket her einer der besten Innenverteidiger der Liga, mit leichtem Hang zu Unkonzentriertheiten. Leider seit Beginn der Sommerpause angeschlagen und mit großem Fragezeichen versehen, was seine Genesung angeht. Ein längerer Ausfall wäre für Werder ein herber Verlust.

Sebastian Prödl: Hat sich bei Werder bislang unter Wert verkauft. Ist nach wie vor ein großes Talent, musste jedoch immer wieder auf der rechten Außenbahn aushelfen, wo er Probleme hatte. In der Innenverteidigung kam er nur bei Ausfällen zum Einsatz und konnte dabei nicht immer überzeugen. Ähnlich kopfballstark wie Mertesacker und Naldo, dazu mit viel Dynamik und guter Antizipation. Für einen Stammplatz jedoch noch nicht beständig genug und unter normalen Bedingungen mit wenig Aussicht auf mehr Spielpraxis. Spielte eine gute Vorbereitung. Naldos Verletzung könnte seine Chance sein.

Petri Pasanen: Routinier und Defensivallrounder. In der letzten Rückrunde mal wieder solider Rückhalt auf der linken Abwehrseite. Seine Wunschposition ist jedoch die Innenverteidigung, wo er wegen der großen Konkurrenz aber nur selten eingesetzt wird. Hat sich mit seiner Rolle als Aushilfskraft arrangiert und kommt dank seiner Vielseitigkeit trotzdem regelmäßig zum Einsatz. Defensiv sehr solide und taktisch gut geschult. Auf der Außenbahn nach vorne eher zaghaft, wenn auch längst nicht so harmlos wie oft dargestellt. Hat zu Saisonbeginn einen kleinen Vorsprung vor Boenisch.

Clemens Fritz: Hat in der letzten Saison nach langer Schwächephase zurück in die Spur gefunden und zeigte als rechter Verteidiger überwiegend gute Leistungen. Vor allem defensiv verbessert. Offensiv noch mit Luft nach oben, gerade im Vergleich zu seiner ersten Saison bei Werder. Hat im aktuellen Kader keinen ernsthaften Konkurrenten um einen Stammplatz. Ist dazu mit den Innenverteidigern gut eingespielt. In der Vorbereitung sehr beständig.

Sebastian Boenisch: Nach einer ansprechenden Hinrunde in der letzten Saison nach seiner Verletzung nicht mehr richtig in Schwung gekommen. Noch immer sehr abhängig von seiner physischen Verfassung. Lauf-, Kopfball- und Zweikampfstark. Im Stellungsspiel verbessert, aber noch mit Defiziten. Wirkt gegen hochklassige Gegenspieler schnell überfordert. Muss in dieser Saison den Sprung vom soliden Linksverteidiger ins obere Bundesligadrittel schaffen, um seinen Stammplatz zu festigen. Bekommt womöglich neben Aushilfskraft Pasanen noch einen weiteren Konkurrenten vorgesetzt. Zudem in der Vorbereitung mit kleineren Verletzungsproblemen.

Nachwuchs: Niklas Andersen (21) kam bislang nicht über gelegentliche Kadernominierungen hinaus. In zwei Jahren kommt er auf nur einen Bundesligaeinsatz. In der U23 zeigt er ganz gute Leistungen, doch wenn nicht bald noch eine Leistungssteigerung kommt, dürfte der Zug zum Profikader abgefahren sein. Ähnliches gilt in noch stärkerem Maße für Dominik Schmidt (23). Er wird im Profikader geführt, hat aber kaum noch Chancen sich dort festzusetzen. Besser sieht es da schon für Timo Perthel (21) aus, der sich in der vergangenen Saison zum Linksverteidiger umschulen ließ und dort überzeugen konnte. Falls niemand mehr für die Position verpflichtet wird, könnte er hinter Boenisch zum festen Bestandteil des Profikaders werden.

Transfers: Bislang wurde kein Abwehrspieler verpflichtet. Der Kader ist auf den Außenbahnen jedoch etwas dünn besetzt. Testspieler Aldo Corzo aus Peru wurde nicht verpflichten, wohl auch, weil er für die U23 nicht spielberechtigt ist, was es erschwert hätte, ihm Spielpraxis zu geben. Gesucht wird vor allem ein Linksverteidiger, sei es für die Startelf oder um Boenisch Druck zu machen. Definitiv nicht verpflichtet wird Aymen Abdennour, der laut Allofs in der letzten Saison “verbrannt” wurde. Häufig genannte Namen waren Reto Ziegler, Pablo Armero und Nadir Belhadj, die jedoch allesamt aus dem Rennen sind. Der Brasilianer Rycharlyson (Sao Paolo) ist laut Allofs kein Thema, doch es gibt Gerüchte wonach er Werders Plan B ist. Bleibt die Frage: Wer ist Plan A?

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

Unsere Kaderstruktur 7

Gepostet am 31. July 2010 von Tobias (Meine Saison)

Ein kleines Experiment. Ich habe für alle Spieler aus Werders aktuellem Kader das Alter und die Anzahl der Bundesligaspiele gegenübergestellt und in einem Streudiagramm abgebildet. Dann habe ich eine Trendlinie eingefügt, um zu sehen wo in etwa der Soll-Wert liegt. Das Ergebnis ist eine schnuckelige, kleine Infografik*:

Anklicken zum Vergrößern

Anhand des Ergebnisses habe ich die Spieler in fünf Kategorien eingeteilt:

Nachwuchsspieler (Alter 18-23, unterdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Felix Kroos, Florian Trinks, Lennart Thy, Felix Wiedwald, Pascal Testroet, Onur Ayik, Marko Arnautovic, Sebastian Miellitz, Niklas Andersen, Timo Perthel, Said Husejinovic, Sandro Wagner, José-Alex Ikeng, Dominik Schmidt, Sebastian Prödl, Philipp Bargfrede.

Keine Überraschungen. Bargfrede liegt knapp über dem Strich, hat aber erst eine Saison als Profi absolviert. Wird er in der kommenden Saison weiter regelmäßig eingesetzt, rückt er zu den “Senkrechtstartern” vor. Prödl liegt dagegen knapp unter dem Strich. Die kommende Saison ist bei ihm entscheidend: “Mitläufer” oder “Leistungsträger”? Arnautovic und Wagner zählen als junge Neuzugänge ebenfalls in diese Kategorie.

Senkrechtstarter (Alter 18-23, überdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Marko Marin, Mesut Özil, Sebastian Boenisch, Aaron Hunt.

Der Name Boenisch überrascht vielleicht einige, doch der 23-Jährige spielt regelmäßig und liegt deutlich über den Strich.

Leistungsträger (Alter 24-29, überdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Per Mertesacker, Hugo Almeida, Naldo, Tim Wiese, Clemens Fritz.

Almeida und Fritz liegen nur knapp über bzw. unter dem Strich. Da sie schon lange bei Werder sind und regelmäßig spielen, zähle ich sie noch zu den Leistungsträgern.

Häuptlinge (Alter 30+, überdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Tim Borowski, Claudio Pizarro, Torsten Frings.

Frings hat mit Abstand die meisten Bundesligaspiele absolviert. Borowski muss sich steigern, um nicht bald zum “Mitläufer” zu verkommen.

Mitläufer (Alter 24+, unterdurchschnittliche Anzahl an Spielen)

Peter Niemeyer, Markus Rosenberg, Petri Pasanen, Christian Vander, Daniel Jensen.

Rosenberg kratzt von den genannten am ehesten an der Grenze zum Leistungsträger. Nach den letzten beiden Jahren eigentlich ein Witz. Jensen und Niemeyer auch aufgrund von Verletzungen weit unten.

—–

* Zur Klarstellung: Die Einteilung der Kategorien ist willkürlich anhand vorher festgelegter Kriterien. Die Daten sind nur auf Werder Bremen bezogen, die Trendlinie gibt also keine Durchschnittswerte der Bundesliga wieder. Die ausschließliche Berücksichtigung von Bundesligaspielen ist ebenfalls willkürlich und benachteiligt Spieler wie Niemeyer, Jensen oder Pasanen, die viele Spiele im Ausland bestritten haben. Andererseits wäre es auch Quatsch, Spiele in bspw. der dänischen Superliga mit Bundesligaspielen gleichzusetzen. Hier wird aber auch kein wissenschaftlicher Anspruch gestellt. In erster Linie geht es um eine Überprüfung subjektiver Einschätzungen zu unseren Spielern. Datenquelle: werder.de

Mesut Özil – Das Bremer Missverständnis 23

Gepostet am 21. July 2010 von Tobias (Meine Saison)

Um keinen anderen Spieler wird in dieser Sommerpause im Umfeld von Werder Bremen so viel diskutiert, wie um Mesut Özil. Nach einer starken WM, bei der er nach Ansicht vieler Experten zu den besten Spielern gehörte, scheinen seine Tage bei Werder gezählt. Die Reaktionen der Fans auf die seit Monaten andauernden Gerüchte reichen von Unverständnis über Empörung bis hin zu blankem Hass. Vereinzelt gibt es jedoch auch Verständnis für den Nationalspieler, dessen Vertrag bei Werder noch bis 2011 läuft. Für mich zeigt sich in den Diskussionen eine Reihe von Missverständnissen über den Spieler Mesut Özil:

1. Özil ist gar nicht so gut, wie er gemacht wird.

Es gibt zwei Dinge, an denen die angebliche Überbewertung des Spielers Özil festgemacht wird:

“In wichtigen Spielen taucht Özil unter!”

Gern genannte Beispiele sind das UEFA-Cup Finale 2009, das Pokalfinale 2010 und das WM-Halbfinale gegen Spanien. In diesen Spielen kam Özil nicht so zur Geltung, wie man es von einem Weltklassespieler erwarten würde. Ganz davon abgesehen, dass kaum ein Spieler (inkl. Weltfußballer Messi) ohne Leistungsschwankungen auskommt, kann dieses Argument nicht völlig von der Hand gewiesen werden. Allerdings zeigen einige andere Beispiele, dass es sich hierbei wohl eher um normale Leistungsschwankungen eines jungen Spielers handelt, als um ein generelles Problem mit der großen Fußballbühne. Nach dem enttäuschenden UEFA-Cup Finale im letzten Jahr schoss Özil das Siegtor im Pokalfinale und war beim Finale der U21-EM der Man of the Match. In der abgelaufenen Saison bot er im vorentscheidenden Spiel um den 3. Platz gegen Schalke eine herausragende Leistung und auch auf der vermeintlich größten Bühne, bei der Weltmeisterschaft, präsentierte er sich von seiner besten Seite. An diesen letzten Halbsatz schließt sich das zweite Argument an:

“Özils Leistung bei der WM wird überbewertet!”

Gerade vor ein paar Tagen erst wieder gehört: Özil habe pro Spiel nur 2-3 gute Szenen gehabt und sich ansonsten versteckt. Dieses Argument beruht meiner Ansicht nach auf einem Missverständnis. Özil spielt auf der Spielmacherposition und wird deshalb als “echter 10er” angesehen. Özils Spielweise unterscheidet sich jedoch deutlich von der “klassischer” Spielmacher. Gerade für deutsche Verhältnisse – unser größtes Mysterium der letzten Jahre war die Frage, ob Michael Ballack nun 6er, 8er oder 10er ist – ist Özil ein höchst ungewöhnlicher Spieler. Er spielt sehr offensiv, meistens auf der Höhe eines zurückhängenden Stürmers, und holt sich nur wenige Bälle an der eigenen Mittellinie ab. Während bspw. Bastian Schweinsteiger aufblühte, als er nach hinten versetzt wurde und das Spiel endlich vor sich hatte, geht Özil den entgegengesetzten Weg. Er sucht in erster Linie nicht den Ball, sondern den freien Raum zwischen Abwehr und Mittelfeld des Gegners. Dadurch ist er für gegnerische Defensivabteilungen schwer zu greifen und schafft Räume für seine Mitspieler indem er Verteidiger aus der Viererkette lockt bzw. einen defensiven Mittelfeldspieler weit nach hinten zieht. Am Ball ist Özil gut, jedoch (noch) nicht auf allerhöchstem Niveau – ohne Ball ist er herausragend. Ähnlich wie Thomas Müller hat Özil ein extrem gutes Gefühl für Spielsituationen und Lücken, wobei Müller durch seine Torgefahr noch mehr auffällt. Bei der WM haben beide sehr voneinander profitiert, was vielleicht auch ein Grund für Özils mangelndes Durchsetzungsvermögen gegen Spaniens Sergio Busquets war.

2. Für Özils Entwicklung wären 1-2 weitere Jahre bei Werder am besten.

Als Mesut Özil von Schalke zu Werder wechselte, war er 19 Jahre alt und galt als einer der talentiertesten deutschen Mittelfeldspieler. In seinen inzwischen 2 1/2 Jahren an der Weser hat er sich weiterentwickelt, den Status des “Talents” spätestens in der abgelaufenen Saison überwunden und gehört mittlerweile zu den besten Mittelfeldspielern der Bundesliga. Seine Leistungen sind teilweise überragend, doch es fehlt noch an der Konstanz, die für die absolute Weltspitze nötig ist. Es gibt gute Argumente, die für einen Verbleib bei Werder für zumindest eine weitere Saison sprechen: Hier hat er ein ruhiges Umfeld und einen Trainer, der auf ihn baut. Dazu winkt in der kommenden Saison eine Champions League Teilnahme. Der Kader wäre bei Özils Verbleib ebenfalls stärker einzuschätzen. Bei einem Wechsel zu einem großen Verein hätte er stärkere Konkurrenz. Zudem würde der Druck um ein Vielfaches anwachsen. Allerdings ist es genau dieser Konkurrenzdruck, der Spieler auch weiterbringen kann. Wenn das Potential für die ganz großen Vereine reicht, wird kaum ein Spieler allzu lange für Werder zu halten sein. Die warnenden Beispiele der ehemaligen Werderspieler, die sich nach einem Wechsel nicht durchgesetzt haben, sind hier nur bedingt als Argument tauglich. Letztlich liegt es am Spieler selbst und an dessen Potential, sich auf höchstem Niveau zu beweisen. Vielleicht wird Özil daran scheitern, doch eine pauschale Aussage, dass er sich bei Werder besser weiterentwickeln kann, ist mehr Wunschdenken als erwiesene Tatsache.

Dazu kommen die Anfeindungen, die Özil schon jetzt entgegengebracht werden. Solange er keinen neuen Vertrag bei Werder unterzeichnet, wird er in der Fankurve kaum seinen schlechten Ruf verbessern können. Sollte Özil in ein Leistungsloch fallen, wie vor drei Jahren Miroslav Klose, würde er vermutlich starker Kritik ausgesetzt sein. Dies widerspricht den oben getroffenen Aussagen über das ruhige Umfeld bei Werder. Wenn die Leistung nicht stimmt, droht Özil bei Werder ein Spießrutenlauf, der seiner Entwicklung sicher nicht besser täte, als ein Platz auf der Bank des FC Barcelona.

3. Özil und sein Berater sind geldgeil

Diese Auffassung wurde geschürt durch die Kampagne, die von Özils ehemaligem Arbeitgeber nach einer erfolglosen Vertragsverlängerung betrieben wurde. Özil und sein Berater hätten absurde Forderungen gestellt, so der Grundtenor. Auch in diesem Jahr erweisen sich die Beiden als schwierige Verhandlungspartner. Der Hintergrund: Bei einer Vertragsverlängerung würden die zu erwartenden Transfererlöse bei einem Verkauf des Spielers steigen. Je geringer die Ablösesumme, desto größer die Chance auf ein hohes Handgeld für den Spieler. Bei einem ablösefreien Wechsel nach Vertragsende könnte Özil daher einen sehr hohen Betrag als Handgeld kassieren. Diese Spekulation auf einen höchstmöglichen Profit wird Özil und seinem Berater übel genommen. Sicherlich gibt es auch Spieler, die in dieser Situation anders handeln würden, doch grundsätzlich versuchen im Profifußball beide Vertragsparteien das bestmögliche für sich selbst herauszuholen. Allerdings zeigte gerade Özils Wechsel zu Werder, dass Geld nicht das alleinige Entscheidungkriterium für ihn ist. Das Argument der Fixiertheit auf den persönlichen Profit kann trotzdem nicht entkräftet werden.

Interessant wird es jedoch, wenn es zur Profitorientierung der Kritiker selbst kommt. Die Forderung den Spieler jetzt schnell möglichst teuer zu verkaufen passt nicht unbedingt zur vorangegangenen Kritik an Özil. Die Tatsache, dass Spieler von vielen Fans als freibewegliches Handelsgut angesehen werden, wird dabei gerne ausgeblendet. Einerseits wünscht man sich eine tiefe Verbundenheit der Spieler zum eigenen Verein, andererseits würde man die meisten Spieler persönlich zum Flughafen bringen, wenn denn die Ablöse stimmt. Das Profigeschäft führt immer wieder zu solchen Widersprüchen zwischen materiellem Denken und romantischer Vereinstreue. Es ist legitim, Fußballspieler für diese Einstellung zu kritisieren, doch dann sollte es sich generell gegen die Zustände im Profifußball richten und nicht selektiv gegen einzelne Spieler. Marko Marin und Per Mertesacker sind schließlich auch nicht ganz ohne finanzielle Anreize nach Bremen gekommen.

4. Özil ist undankbar und hat einen schlechten Charakter

Ex-Werderspieler Diego verlängerte im Herbst 2007 seinem Wechsel seinen Vertrag bei Werder um weitere 12 Monate bis 2011. Dafür gab Werder dem Spieler ein Versprechen, ihn bei einem vernünftigen Angebot im Sommer 2009 gehen zu lassen. Die von vielen Werderfans als zu niedrig empfundene Ablösesumme ist auch Resultat dieser Vereinbarung. Mit Mesut Özil wurde dem Vernehmen nach ein ähnlicher Deal angestrebt: Eine Vertragsverlängerung mit deutlicher Gehaltsaufbesserung und der Aussicht auf einen problemlosen Wechsel bei entsprechenden Angeboten. Anders als Diego, dessen Vertrag ohnehin noch drei Jahre lief, ist Özil in einer ganz anderen Position. In einem Jahr kann er ablösefrei wechseln und das entgangene höhere Gehalt, das er bei einer Verlängerung bekäme, würde durch eine hohe Handgeldzahlung mehr als kompensiert. Verkauft ihn Werder dagegen schon in diesem Sommer, winkt bei einem anderen Verein schon jetzt ein höher dotierter Vertrag als er ihn bei Werder je bekommen könnte. Der Anreiz für eine Vertragsverlängerung ist also recht gering, wenn man nicht von einem langfristigen Verbleib bei Werder ausgeht.

Dennoch könnte Özil mit einer solchen Geste seinem Verein einen Gefallen tun, was bei Diegos Verlängerung sicherlich mit ausschlaggebend war. Dieses Vorgehen ist jedoch nicht alltäglich und kann nicht bei jedem Spieler vorausgesetzt werden. Werder hat sich in der Vergangenheit meistens sehr fair gegenüber den eigenen Spielern verhalten und auslaufende Verträge von verletzten (Kristian Lisztes) oder kranken Spielern (Ivan Klasnic) verlängert. Andererseits hat Mesut Özil öffentlich niemals gesagt, dass er seine Zukunft bei Werder sieht. Von daher wäre ein Verzicht auf einen neuen Vertrag konsequent und ehrlich. Zumal von Seiten vieler Fans auch das gegenteilige Verhalten bei Spielern kritisiert wird. Würde Özil Werder die Treue schwören und dann doch in einem Jahr wechseln, würde er als Verräter bezeichnet. In dieser Hinsicht kann man ihm nichts vorwerfen, denn er hat nie solche Äußerungen gemacht, auf die man ihn jetzt festnageln könnte. Interessant in dieser Hinsicht: Erfüllt ein Spieler seinen Vertrag ohne die von den Zuschauern gewünschte Leistung zu bringen, wird er ebenfalls schnell als Abzocker verschrien. Aus diesem Grund ist es auch absurd Klaus Allofs vorzuwerfen, er hätte Özils Vertrag schon vor über einem Jahr verlängern sollen. Werders momentane Probleme auf dem Transfermarkt kommen eher von Spielern, die der Verein abgeben will, aber aufgrund hoch dotierter Verträge nicht so einfach los wird.

Alle genannten Gründe führen zu einem schlechten Gesamtbild des Spielers und des Menschen Mesut Özil. Zwar teilen keinesfalls alle Fans diese negative Meinung, doch die allgemeine Stimmung scheint bereits in diese Richtung gekippt zu sein. Ob sich diese Entwicklung im Fall eines Verbleibs in diesem Sommer noch rückgängig machen lässt, darf bezweifelt werden. Von daher stellt sich auch die Frage, inwiefern Spieler und Verein in der kommenden Saison noch voneinander profitieren können. Daher deutet vieles auf einen Abschied hin. Ein Abschied, der beim introvertierten und verschlossenen Özil weniger emotional ausfallen dürfte als bei Publikumslieblingen wie Diego oder Ailton, der jedoch trotzdem schmerzen würde. Denn eines scheint sicher: Özil wird seinen besten Fußball nicht im Werdertrikot gespielt haben.

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded 6

Gepostet am 18. July 2010 von Tobias (Meine Saison)

Vor einem Jahr drehte sich alles um die Frage, welches System Werder nach dem Abgang von Diego wohl spielen würde. Die Abkehr von der Raute im Mittelfeld wurde in der vergangenen Saison tatsächlich vollzogen. Werder probierte unterschiedliche Formationen aus und spielte einen Großteil der Saison mit nur eine echten Sturmspitze. Zum Ende der Saison setzte Schaaf wieder vermehrt auf das 4-4-2, sowohl mit Raute (gegen Schalke) als auch ohne (gegen Bayern). Mit Marko Marin, Mesut Özil, Aaron Hunt und der Neuverpflichtung Marko Arnautovic besitzt Werder so viel Offensivpotenzial wie kaum eine andere Mannschaft in der Liga – falls Özil denn tatsächlich bleiben sollte. Die schwierige Aufgabe für Thomas Schaaf besteht nun darin, für sein Team die ideale Formation und die ideale Spielweise zu finden.

Auf dem Papier sieht die Ausgangssituation sehr gut aus. Die Mannschaft ist in verschiedenen Systemen erprobt, ist eingespielt und hat für viele unterschiedliche taktische Varianten das richtige Personal im Kader. Werders Spielweise ist hingegen ziemlich gleichbleibend. Bis auf wenige Ausnahmen gilt hier noch immer Schaafs Doktrin aus der Meistersaison: Wir wollen etwas anbieten, die aktive Mannschaft sein, das Spiel in die eigene Hand nehmen. Dazu gehören Pressing, eine hoch stehende Abwehrkette, der direkte Spielaufbau über die defensiven Mittelfeldspieler und das Überzahlspiel im Mittelfeld. Ebenfalls ein fester Bestandteil in Werders Spiel ist eine zentrale Figur in der Offensive. Von deren Fähigkeiten hängt im Wesentlichen das Offensivspiel ab. Johan Micoud war ein Stratege und Lenker, Diego hatte seine Stärken vor allem am Ball während Özils großes Plus sein Spiel ohne den Ball ist. Die WM hat gezeigt, dass es nur wenige Spieler gibt, die sich so gut zwischen Abwehr- und Mittelfeldreihen der Gegner bewegen. Sollte Özil bleiben, wird man sicher alles versuchen, diese Stärke so gut wie möglich einzusetzen.

In der letzten Saison spielte Werder zudem nach langer Zeit wieder mit offensiven Außenspielern. Mit Marin und Hunt hat man jedoch zwei Spieler, die sich nicht unbedingt durch geschicktes Defensivverhalten auszeichnen. Neuzugang Arnautovic kann in der Offensive jede Position spielen, steht aber ebenfalls nicht in dem Ruf, viel für die Defensive zu tun. Hier ist die erste Hürde erkennbar, die nicht neu ist für Werder: Fehlendes Gleichgewicht zwischen Offensive und Defensive. Spätestens seit Spaniens WM-Erfolg dürfte offensichtlich geworden sein, wie man als offensiv gepolte Mannschaft “defensiv” spielt: Durch Pressing und Ballkontrolle. Das Pokalfinale gegen die Bayern hat gezeigt, dass Werder mit dem vorhandenen Personal eine passive Grundhaltung nicht liegt. Die bisherigen Neuverpflichtungen deuten auch nicht darauf hin, dass hier ein Umdenken stattgefunden hat. Dies ist in erster Linie ein Frage der Spielweise und nicht des Systems. Ob Werder im 4-2-3-1 oder im 4-4-2 spielen wird, dürfte eher an den Leistungen der zentralen Mittelfeldspieler liegen.

Frings bildete zusammen mit Bargfrede eine gute Absicherung der Offensivabteilung, doch keiner von beiden ist ein Stratege. Frings schlägt teils gute Pässe in die Spitze, kann das Spiel antreiben, aber nicht lenken. Tim Borowski und Daniel Jensen sind zwei Spieler, die das grundsätzlich können. Leider konnten beide in der letzten Saison aus unterschiedlichen Gründen nicht die von ihnen erwarteten Leistungen abrufen. So bildete sich bei Werder schnell ein Gefälle zwischen den Tänzern vorne und den Haudegen dahinter. Der Spieler, der in der vergangenen Saison am meisten dafür tat dieses Gefälle zu schließen, war ausgerechnet Claudio Pizarro. Dies dürfte auch ein Grund sein, warum Werder so hartnäckig an einer Verpflichtung des Brasilianers Wesley arbeitet. Die große Problemstelle ist nämlich nicht die linke Abwehrseite, sondern das defensive/zentrale Mittelfeld. Und dort ist nicht die Qualität der vorhandenen Spieler das Problem, sondern die fehlende “ordnende Hand”. Ein Grund für Werders Erfolg mit der Raute liegt wohl auch darin, dass sie Platz für zwei “ausgewogene” Spieler auf den Halbpositionen bietet, die als Bindeglied zwischen Offensive und Defensive fungieren. Schon in Diegos letzter Saison kam diese Ausgewogenheit im Team abhanden, zugunsten größerer Spezialisierung: Özil und Frings, die beiden gesetzten Spieler auf den Halbpositionen, könnten unterschiedlicher kaum sein.

In der letzten Saison verstärkte sich dieser Gegensatz durch die Systemumstellung noch. Diese Form der Spezialisierung ist im internationalen Fußball seit Jahren zu beobachten. Die klassischen Box-to-box Spieler werden immer seltener. Für Werder könnte es wichtig sein, in der kommenden Saison wieder einen davon im zentralen Mittelfeld zu etablieren, egal ob es nun Borowski, Jensen oder tatsächlich Wesley ist. Die Leistungen der letzten Saison sprechen jedoch eher für Frings und Bargfrede als Doppelsechs. Ein “Typ Schweinsteiger” ist nicht so einfach zu bekommen.

Viel entscheidender als die Frage nach der Grundformation ist die Frage nach der Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Hier gibt es insbesondere zur letzten Rückrunde noch einigen Steigerungsbedarf. Was die Spielsysteme angeht scheint mir Werder gereift, der Kader besser auf verschiedene Variationen ausgelegt als noch vor ein paar Jahren. Das bedeutet jedoch auch, dass es ein paar Leidtragende geben könnte, wenn sich Schaaf auf ein System festlegt. Beim Spiel mit der Raute wäre das Marko Marin, beim 4-2-3-1 wären es Tim Borowski und Daniel Jensen. Für Werder könnte es schlimmere Probleme geben.

Bereits erschienen:

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn

Es folgt:

Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr
Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff

Sommerpause (Teil 1): Der ganz normale Wahnsinn 9

Gepostet am 10. June 2010 von Tobias (Meine Saison)

Während sich die Fußballwelt auf die anstehende WM konzentriert, laufen bei den Vereinen die Personalplanungen für die kommende Saison auf Hochtouren. So auch bei Werder Bremen, wo mit dem Österreicher Marko Arnautovic schon der erste hochkarätige Neuzugang vorgestellt wurde.

Sommerzeit ist immer auch Spekulationszeit und die transfer mill, die Transfermühle, läuf bereits auf Hochtouren. Berater bringen ihre Spieler bei Vereinen ins Gespräch, Manager baggern heftig an ihren Wunschspielern herum und wehe es wird mal ein Scout in einem fremden Stadion gesichtet – die Presse ist immer auf der Suche nach dem heißesten Transfergerücht. Kein Wunder, dass da mancher Fan ein wenig hyperventiliert.

In jedem Fall wird munter mitspekuliert, wen die Verantwortlichen, in Werders Fall Klaus Allofs, zur Verstärkung der Mannschaft aus dem Hut zaubern. Dabei werden gerne auch Zahlenspielchen veranstaltet und spätestens kurz vor Beginn der neuen Saison, wenn noch nicht alle Wunschspieler unter Vertrag genommen wurden, unterteilen sich die Fans in zwei Fraktionen. Die eine schwört Stein und Bein, dass einfach kein Geld vorhanden sei, von dem neue Spieler gekauft werden könnten. Der Stadionumbau, die Bankenkrise, die noch nicht sichere Champions League Teilnahme. Die andere will Taten sehen, vermutet die eine oder andere Million unter der Matraze unseres Sportdirektors und des notorisch geizigen Aufsichtsrats. Wo ist denn das ganze Geld aus fünf Jahren Champions League und dem Diego-Transfer geblieben? Und überhaupt müsse man doch endlich mal richtig investieren, wenn man dauerhaft oben angreifen will. Der Sturz ins Mittelmaß stünde sonst unmittelbar bevor.

Am Ende gibt es meistens eine Handvoll Transfers, von denen sich der eine oder andere als Verstärkung und der Rest mehr oder weniger als Flop entpuppt. Die beiden Fraktionen merken sich in der Regel nur die Transfers, die ihren Standpunkt unterstützen und begründen damit in der nächsten Transferperiode erneut ihre Meinung. Allofs wird dabei jeweils zur Managerikone bzw. zum Trottel vom Dienst stilisiert. Sagt die eine Seite Micoud, Ismael, Pizarro, Diego ruft die andere Seite Carlos Alberto, Nery, Tosic, Moreno. Lustigerweise riefen sie vor zwei Jahren auch Moreno. Damals aber, weil Werder Moreno eben nicht verpflichtet hatte. Überhaupt die ganzen Nicht-Verpflichtungen! Romagnoli. Monsoreau. Baros. Fred. Mandzukic. Was würden wir heute Carlos Alberto hinterherweinen, wenn wir ihn 2007 nicht verpflichtet hätten!

Interessant sind vor allem auf Seiten der Allofs-Kritiker die Widersprüchlichkeiten in der Argumentation. Einerseits sollen bitte alle wichtigen Spieler mit 5-Jahres-Verträgen an den Verein gebunden werden. Andererseits wird gemurrt, wenn man Spieler wie etwa Carlos Alberto dann nicht so einfach wieder los wird. Einerseits ist man stolz auf Werders hanseatisch-sparsames Kaufmannsgeschick und blickt hämisch in den Westen der Republik. Andererseits wird gebetsmühlenartig wiederholt, dass man doch nun endlich mal Geld in die Hand nehmen müsse, wenn man sportlich nicht den Anschluss verlieren möchte. Einerseits fordert man lautstark die Verpflichtung von Spielern, die man nur aus YouTube-Zusammenschnitten kennt. Andererseits wird dem ahnungslosen Vorstand jeder Fehlgriff sofort um die Ohren gehauen. Eines kann man dabei nicht bestreiten: Es wird nicht langweilig! Ein Blick in die Fan-Foren ist um diese Jahreszeit immer wieder höchst unterhaltsam. Der Nachteil dabei ist jedoch, dass differenzierte Meinungen dabei untergehen. Mit jeder Kritik macht man sich sofort verdächtig, zu den fanatischen Schwarzsehern zu gehören. Mit jedem Lob wird man von der anderen Seite als naiver Allofs-Fanboy angesehen.

Bleiben wir trotzdem mal bei den Tatsachen: Werder hat in den letzten 10 Jahren überwiegend mit Gewinn gewirtschaftet, Spieler verpflichtet, die den Verein auf eine neue Ebene hoben und sich langfristig in der nationalen Spitze festgesetzt. Allerdings schaffte es Werder nur selten, die besten Spieler über einen längeren Zeitraum zu halten, konnte die Bayern als Nummer 1 des Landes nicht ernsthaft angreifen und auch keinen deutlichen Vorsprung auf Schalke, Stuttgart oder den HSV aufbauen. Bei den Neuverpflichtungen spielt man inzwischen in einer anderen Liga als noch nach dem Doublegewinn, als man die 5 Mio. Euro für den Klose-Transfer mühsam aus dem Aufsichtsrat herausklopfen musste. Heute kauft man für knapp 9 Mio. Euro Marko Marin und bekommt hinterher zu hören, man würde keine Hochkaräter verpflichten. Tatsache ist auch, dass Werder seit Jahren auf die Verpflichtung “schwieriger” Spieler setzt, die hochtalentiert, aber eben nicht etabliert sind. Micoud galt in Italien als Pflegefall, Diego war Reservist in Porto, Ismael war auf keiner seiner vorherigen Stationen wirklich glücklich und über Ailton brauchen wir gar nicht zu reden. Es sollte eigentlich klar sein, dass die Fehlerquote dabei nicht bei Null liegen kann. Ein solcher Transfer kann nach hinten losgehen, wie bei Carlos Alberto oder ein Volltreffer sein, wie bei Mesut Özil. Auch Thomas Schaaf kann nicht mit jedem Spieler klarkommen.

Es ist jedoch ein schmaler Grat, wenn ein Transfer für Werder am finanziellen Limit liegt und sich der Erfolg nicht einstellen will. Carlos Alberto dient dabei als warnendes Beispiel, das sicher dazu beigetragen hat, dass Werder die 10-Millionen-Grenze bislang nicht überschritten hat. Man müsste für diesen Preis schon eine Erfolgsgarantie mitgeliefert bekommen. Gestandene Nationalspieler bekommt Werder deshalb nur selten, wie im Fall Per Mertesacker. Neben den genannten Risikotransfers bringt Werder auch immer wieder Spieler groß raus, die kein oder kaum Geld gekostet haben. Fabian Ernst zum Beispiel oder Torsten Frings, Tim Borowski, Frank Baumann, Ivan Klasnic und zuletzt Phillip Bargfrede. Es ist ein Balanceakt, diese beiden Bausteine erfolgreich miteinander zu kombinieren. Dies gelingt Werder insgesamt seit Jahren außerordentlich gut. Es reicht jedoch nicht, um den hohen Erwartungen der Fans immer wieder ganz gerecht zu werden.

Es folgen:

Sommerpause (Teil 2): Die Systemfrage reloaded
Sommerpause (Teil 3a): Personalplanung 2011 – Tor und Abwehr
Sommerpause (Teil 3b): Personalplanung 2011 – Mittelfeld und Angriff



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