30. Spieltag: Comeback Kid 6
Werder Bremen – SC Freiburg 4:0
Vor einer Woche schrieb ich noch, Werders Bundesligasaison sei beendet. Einem erwarteten Sieg gegen Freiburg, einem vorhersehbaren Punktverlust Leverkusens und einer halbwegs überraschenden Dortmunder Niederlage sei dank, widerspricht mir die Tabelle seit gestern wieder. Werders Schlussprogramm hält meinen Optimismus nach wie vor in Grenzen, da ich mir nicht vorstellen kann, dass Werder sich keinen Punktverlust mehr erlaubt. Dazu sind die verbleibenden Gegner zu stark, dafür ist Werder zu unkonstant. Aber ich lasse mich gerne eines besseren belehren!
Der Sieg gegen Freiburg war natürlich verdient. Was der SC in der zweiten Halbzeit ablieferte, lud Werder geradezu zum Toreschießen ein. Es hätte auch gut und gerne wieder ein 6:0 geben können. Werders Leistung fand ich über 90 Minuten gesehen gut, wenn auch nicht so überragend, wie es das Ergebnis vormacht. Man hatte Freiburg fast über die gesamte Spieldauer im Griff, war sehr ballsicher und kombinierte sich immer wieder flüssig und ansehnlich vors Tor. Was mich jedoch gestört hat, war die Fahrlässigkeit, mit der Werder (mal wieder) in der Anfangsphase vorging. Ein Fortschritt zwar, dass die Defensive nie ihre Ordnung verloren hat. In Einzelaktionen (Naldo!) kamen aber einige Male die Unzulänglichkeiten zum Vorschein. Normalerweise muss Freiburg nach 10 Minuten in Führung gehen. Bringt Makiadi den Abpraller aus 8 Metern aufs Tor, ist es zu 80% das 0:1. Danach lief es aber immer besser und ich bin mir nicht sicher, ob es nur an Werders geduldigem Spielaufbau lag, doch Freiburg rannte mit zunehmender Spieldauer nur noch hinterher und konnte überhaupt nicht mehr für Entlastung sorgen. Wichtig, dass in der ersten Halbzeit noch das Tor fällt und Werder nicht gezwungen wird, noch konsequenter nach vorne zu spielen. Pizarro unterstreicht dabei wieder mal seine Klasse. Beim 2:0 durch Hunt zeigt sich dann schon, dass Freiburg kapituliert hat, was angesichts ihrer Tabellensituation überrascht. Danach hatte Werder leichtes Spiel, konnte ungestört sein Programm runterspielen, wobei vor allem Özil glänzte.
Was ich bemerkenswert finde: Barcelona sei dank ist es inzwischen wieder schick, ein Spiel mit viel Ballbesitz und konsequentem Positionsspiel zu gestalten. Dazu braucht es natürlich ein hohes Maß an Ballsicherheit und Passgenauigkeit. Während bei Werder die Tendenz in den letzten Jahren in Richtung Free Form und ständigen Positionswechseln (Baumann ausgenommen) im Mittelfeld ging, entwickelte sich das Spiel bei einigen Mannschaften in die andere Richtung. Spätestens seit Barcelonas Champions Leauge Triumph nimmt die Zahl der Mourinho-Jünger augenscheinlich ab. Der Querpass, vor kurzem noch fast ein Schimpfwort, kommt wieder in Mode. Vor kurzem noch wurde jeder Ball, der nicht direkt vertikal nach vorne gespielt wurde, als Zeitverschwendung angesehen. Mir persönlich gefällt das ganz gut, ich mag Mannschaften, die aktiv (sprich: mit Ballbesitz) versuchen, das Spiel zu gestalten und nicht in erster Linie gegen den Ball arbeiten, um dann sporadisch, aber blitzartig zu kontern. Auch wenn es natürlich nur selten so elegant aussieht, wie bei Barca oder der spanischen Nationalmannschaft. Die Bayern unter van Gaal sind ein gutes Beispiel, wie so ein System aussehen kann. Dort ist längst noch nicht alles perfekt und die Mannschaft tut sich noch schwer, diese Spielweise in Tore umzuwandeln. Zum Glück haben sie Robben. Und Olic. Wie sie gegen Manchester zurückkamen war schon beeindruckend, nicht nur vom psychologischen Aspekt her. Nach dem Platzverweis haben sie konsequent ihren Stiefel runtergespielt, ohne Hektik, ohne Panik, den Ball von einer Seite zur anderen gespielt. Immer auf der Suche nach dem Fehler. Es war dann letztendlich eine Standardsituation, die das Spiel entschied, aber viel wichtiger war für die Bayern, dass sie sich Uniteds Stürmer vom Leib halten konnten. Mit Rooney hatte sich Sir Alex verzockt, Valencia war ins Mittelfeld eingebunden und Nani konnte alleine keine so große Gefahr mehr darstellen wie noch in Hälfte 1. Deshalb war es am Ende trotz der katastrophalen ersten Halbzeit nicht unverdient, dass Bayern weiterkam.
Barcelonas Spiel ist dann noch mal ein bis zwei Stufen ausgereifter. Die Spieler sind seit Jahren, zum Teil seit frühester Jugend, an das System gewöhnt. Die Mannschaft ist nicht nur was das Passspiel angeht eine Klasse für sich, sondern auch was die Balleroberung in der gegnerischen Hälfte angeht. Der Ball wird nicht nur lange gehalten, sondern das zum Großteil in der Zone, wo es für den Gegner gefährlich wird, wenn er nicht mit voller Konzentration gegen den Ball arbeitet. Und dann hat man natürlich auch die Spieler, die diese Gelegenheiten ausnutzen können. Barcas Gegner am Dienstag hat seine Stärken nicht im Spiel gegen den Ball. Es war klar, dass Arsenal das Spiel anders angehen musste als im Hinspiel. Dass man Barcelonas Mittelfeld früher unter Druck setzen und das Spiel weiter vom eigenen Tor entfernt halten musste. 20 Minuten lang klappte das auch sehr gut. Danach kam Messi und Arsenal glitt das Spiel aus den Händen. Eine Mannschaft, der fünf Spieler aus der Startelf fehlen, hat schon mit genügend Problemen zu kämpfen. Ein Messi, der das Repertoire der Sportjournalisten an Superlativen längst aufgebraucht hat, ist dann einfach zu viel. Die beiden Spiele legen aber nahe, dass Arsenal im Camp Nou auch in Bestbesetzung nicht allzu hoch gewonnen hätte. Was angesichts der tollen Offensive immer wieder übersehen wird: Barcelona hat in dieser Saison in 31 Spielen erst 19 Gegentore kassiert. Letzte Saison waren es bei 105 (!!!) geschossenen Toren insgesamt vergleichsweise geringe 35 Gegentore. Ein Beleg für die platte Aussage “Angriff ist die beste Verteidigung”? Eher dafür, dass kontrolliertes Spiel mit viel Ballbesitz dem Gegner wenige Tormöglichkeiten einräumt.
Um nochmal den Bogen zurück zu Werder hinzubekommen: Die Bayern zeigen momentan ganz gut, dass man mit konsquentem Positionsspiel Erfolg haben kann, auch wenn man nicht Barcelona ist. Bayerns Abwehr wirkt alles andere als gefestigt, dennoch hat man mit die wenigsten Gegentore der Liga gefangen. Vorne machen im Zweifel die Ausnahmespieler den Unterschied. Man muss nicht 90 Minute lang anrennen und dem Gegner die Konter auf dem Silbertablett servieren, um zum Torerfolg zu kommen. Mit Pizarro hat Werder einen der besten Stürmer der Liga, mit Marin und Özil zwei dribbelstarke Spieler, die auch über die Außenpositionen immer wieder für Gefahr sorgen. Mit der Kombination Bargfrede/Frings kann man gegen die meisten Gegner das zentrale Mittelfeld kontrollieren. Vielleicht kann die Mannschaft mit der zweitbesten Chancenverwertung der Liga wieder ein wenig Angriffswucht zugunsten von mehr Spielkontrolle aufgeben? Gegen Freiburg war das für mich das Erfolgsrezept. Wobei man nicht vergessen darf, dass Werder vor nicht langer Zeit noch das gegenteilige Problem hatte, wenn ich an die Jahre nach der Doublesaison denke, als man Gegner teilweise über 90 Minuten beherrschte und hinten rein drückte, ohne das entscheidene Tor zu erzielen. Irgendwas ist halt immer.


