Internet-Tagebuch eines Werderfans

Meine Saison mit dem SVW


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Gut genug 0

Gepostet am 29. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Bundesliga, 2. Spieltag: Werder Bremen – 1. FC Köln 4:2

Konnte man von diesem Spiel aus Werdersicht mehr erwarten? Für einen wirklichen Befreiungsschlag war der Gegner zu schwach, aber dafür bleibt ja in zwei Wochen die Partie gegen die Bayern. Vor der Länderspielpause sind Werders Probleme keineswegs gelöst, doch im Spiel gegen die Kölner standen die eigenen Stärken im Vordergrund.

Marko Arnautovic wird dieses Spiel besonders gebraucht haben, damit auch der letzte Beobachter erkennt, wozu er in der Lage sein könnte. Vor allem aber, damit die Negativschlagzeilen aufhören und ein ruhiges Arbeiten möglich ist. Thomas Schaaf fasste es gut zusammen: Marko hat viele Dinge richtig gemacht, einige Dinge aber noch nicht. Es dürfte niemanden im Bremer Umfeld stören, dass beim Österreicher noch Luft nach oben ist, wenn dabei trotzdem zwei Tore und eine Vorlage herausspringen. Ähnliches ließe sich über Marko Marin sagen. Bei ihm zeigt die Formkurve eindeutig nach oben, das Selbstvertrauen ist zurück und langsam kommt auch das Timing zwischen Dribbling und Abspielen wieder. Man muss diesen Spieler nehmen, wie er ist, und nicht versuchen, ihn zu etwas anderem zu machen. Ein Spielmacher ist er nunmal nicht, weshalb man sich schon fragen kann, warum Schaaf seine Startelf mit Raute im Mittelfeld spielen ließ. Ein 4-2-3-1 mit Marin auf links, Arnautovic auf rechts und Borowski in der Mitte wäre naheliegender gewesen.

Letzterer dürfte froh gewesen sein, nicht wieder auf der Außenbahn ranzumüssen. Auf der Halbposition im Mittelfeld zeigte er eine deutlich bessere Leistung als am Dienstag auf dem rechten Flügel. Bargfrede auf der anderen Seite konnte nach zuletzt ebenfalls unterdurchschnittlichen Leistungen an seine starke Frühform anknüpfen. Angesichts des wiedergenesenen Hunt, des Neuzugangs Wesley sowie des momentan fitten Jensen kann man sich von Werders Mittelfeld in dieser Saison einiges erhoffen. Lediglich die Aussetzer bei Torsten Frings, der gestern eine halbe Stunde brauchte, um richtig ins Spiel zu kommen, machen noch ein paar Sorgen. Es besteht jedoch berechtigte Hoffnung, dass er die Länderspielpause nutzen kann, um den Rückstand aufzuholen, den ihm seine Verletzung in der Vorbereitung eingebracht hat. Er hängt als Spieler absolut von seiner Fitness ab, das hat man in den letzten Jahren oft genug gesehen.

In der Bremer Abwehr stimmt längst noch nicht alles. Die Kölner waren zu harmlos, um die Schwächen häufiger aufzudecken, doch trotzdem kamen sie zu zwei Toren. Auf der Problemposition links in der Viererkette zeigte Boenisch eine ansprechende Leistung und dürfte damit Pasanen erstmal verdrängt haben. Ob dies etwas mit der bevorstehenden Verpflichtung von Mikaël Silvestre zu tun hat, kann wohl nur der Spieler selbst beantworten. Clemens Fritz bestätigte auf der rechten Seite seine starke Verfassung und hatte beim 4:1 (siehe unten) erneut eine klasse Offensivaktion. Nach der Achterbahnfahrt der letzten Wochen möchte man nicht krampfhaft nach dem Haar in der Suppe suchen (davon werden wir schon noch genügend finden), deshalb kann man mit dem Spiel und dem Ergebnis wirklich zufrieden sein. In zwei Wochen wissen wir dann schon besser, wo wir derzeit stehen.

Etwas zum Ärgern gab es gestern allerdings trotzdem: Die Kölner Auswärtsfans erwiesen sich als ziemlich unangenehme Gäste. Der Support der eigenen Mannschaft machte nur etwa 10% der Fangesänge aus. Der Rest der Zeit wurde mit Schmährufen gegen einen gegnerischen Spieler verbracht. Dass dieser Spieler dann den Elfmeter zum 1:0 herausholte, war aus Werdersicht umso erfreulicher.

Der Spielzug zu Werders 4:1:

Die Ausgangsposition auf der rechten Bremer Mittelfeldseite. Bargfrede (schwarz) hat den Ball an der Seitenlinie und passt auf die Halbposition zum durchstartenden Fritz (gelb). Aaron Hunt (magenta) und Hugo Almeida (hinter der Spielstandanzeige nicht zu sehen) binden die Außenverteidiger. Der spätere Torschütze Arnautovic (rot) steht noch unbeteiligt im Raum.

Das Kölner Mittelfeld ist schlecht gestaffelt: Die drei defensiven Spieler stehen auf einer Linie mit einem großen Abstand zur Viererkette. Clemens Fritz nimmt sofort Tempo auf, lässt einen Kölner aussteigen und zieht in den freien Raum im Zentrum vor der Abwehr. Jensen (blau) schiebt nach vorne und bindet den linken Kölner Innenverteidiger – der ihm ein paar Meter aus der Kette entgegen kommt – und verschafft Fritz so zusätzlichen Platz.

Nun spielt Werder die Kölner Unordnung super aus. Fritz setzt seinen Lauf ins Zentrum fort, ohne dass ein Kölner eingreifen kann. Almeida (weiß) sprintet ins Sturmzentrum und zieht den Kölner Rechtsverteidiger mit. Arnautovic startet im richtigen Moment, um den entstehenden Raum zu nutzen.

Die Kölner Viererkette ist aufgelöst. Der linke Innenverteidiger und der Rechtsverteidiger stehen im Zentrum bei Almeida. Der rechte Innenverteidiger wartet auf Fritz, um ihn zu blocken. Dieser spielt den Ball jedoch raus auf die linke Seite, wo Arnautovic frei in den Strafraum ziehen kann.

Der Rest ist für einen Spieler mit Arnautovics technischen Fähigkeiten kein Problem mehr. Gute Ballmitnahme und ein strammer Linksschuss ins lange Eck, bevor er vom Kölner Abwehrspieler gestellt wird. Es wäre ein schöner Schlusspunkt gewesen.

Werder Bremen – 1. FC Köln (live) 0

Gepostet am 28. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

3 Fragen zum 1. FC Köln 0

Gepostet am 28. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Vor dem 2. Spieltag hat mir der Spielbeobachter drei Fragen zum 1. FC Köln beantwortet:

Für beide Clubs war der 1. Spieltag ziemlich ernüchternd. In Bremen ist der 1. FC Köln nicht unbedingt Favorit. Wäre Euer Saisonstart bei einer Niederlage gegen Werder völlig in die Hose gegangen oder alles halb so schlimm?

Völlig in die Hose gegangen im Sinne von “Der Trainer steht kurz vor der Entlassung, die Neueinkäufe werden hinterfragt, der Mob klingelt an Overaths Tür” wäre der Start wohl erst, wenn nach einer potentiellen Niederlage gegen Euch noch eine im Heimspiel gegen St. Pauli folgen würde. Grundsätzlich ist schon allen klar, denke ich, dass Werder trotz der Klatsche gegen Hoffenheim eine Mannschaft ist, die am Ende vor der des FC zu erwarten ist, insofern sollte eine Niederlage nicht das Ende aller Tage sein. Aber natürlich – 0 Punkte nach den ersten beiden Spieltagen, ein dann zu erwartender Tabellenplatz in der Abstiegsregion, wenn nicht gar ganz hinten: Ein guter Start sieht ganz anders aus. Sagen wir also: Irgendwo zwischen “Alles halb so schlimm” und “Völlig in die Hose gegangen”.

Werders Abwehr gilt allgemein als wenig sattelfest, was sich zu Beginn dieser Saison noch einmal gesteigert hat. Köln hat letzte Saison mit die wenigsten Tore der Liga geschossen. Neutralisiert sich das gegenseitig oder bist Du zuversichtlich, dass Ihr unsere Schwächen hinten ausnutzt?

In der letzten Saison war der FC extrem auswärtsstark, der sechste Platz in der Auswärtstabelle und die wenigsten kassierten Tore auf des Gegners Platz sprechen da eine deutliche Sprache – diese Stärke war allerdings vor allem der massiven Defensive zu verdanken. Das Augenmerk bei der Umgestaltung der Mannschaft lag in Folge dessen in erster Linie auf der Verstärkung der Offensive: Die Inthronisierung Taner Yalcins als offensive Kraft im Mittelfeld, der Einkauf von Mato Jajalo, die Versetzung Podolskis vom Mittelfeld in den Sturm – all das soll dem Ziel dienen, torgefährlicher zu werden. Ob das gelingt, insbesondere in der Frühphase der Meisterschaft, kann ich nicht beantworten, das Spiel gegen Kaiserslautern taugte ob der frühen roten Karte nicht als Gradmesser. Aber ich hätte ganz und gar nichts dagegen, wenn Werder dem mit ein wenig Hühnerhaufenstil nachhelfen würde.

Youssef Mohamad sah gegen Kaiserslautern eine sehr frühe rote Karte. In Deinem Blog hast Du Dich heftig über die lange Sperre für ihn aufgeregt. Hat sich Dein Ärger langsam verzogen oder bist Du immer noch sauer auf den DFB? Wie schwer wiegt der Verlust eures Kapitäns?

Unverständlich ist mir das immer noch. Die Standardstrafe für eine Notbremse sind 2 Spiele Sperre. Angesichts der Tatsachen, dass das “Foul” eher ein beidseitiges leichtes Gerangel war und dass schon das Spiel gegen Kaiserslautern quasi komplett ohne Mohamad bestritten werden musste, ist eine Strafe, die über diese Standardstrafe hinausgeht, nicht nachzuvollziehen. Und ja, Mohamads Fehlen wiegt schwer, nicht nur, weil er Kapitän ist und hin und wieder auch Vorne für Gefahr sorgen kann, sondern auch, weil sein Partner in der Innenverteidigung, Pedro Geromel, wegen eines Muskelfaserrisses ebenfalls fehlt. Damit fehlt die komplette Innenverteidigung, also das Prunkstück der letzten Saison. Das macht ein bißchen Sorge.

Dein Tipp?

Ich hoffe auf ein 2:2.

Fehleranalyse in drei Teilen 3

Gepostet am 22. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Normalerweise ist Kollege Johan Petersen vom Werder-Fußball-Blog für die grafische Aufarbeitung von Toren zuständig. Nachdem ich Werders katastrophale erste Halbzeit nun doch noch gesehen habe, versuche ich mich mal an einer Fehleranalyse anhand der drei ersten Gegentore, die viele Probleme aufzeigten, die Werder in der Defensive (nicht nur gestern gegen Hoffenheim) hatte.

Das 1:1

Ein Rechtsfuß als Linksverteidiger hat Vorteile, wenn sein Gegenspieler nach innen zieht. Ibisevic zeigte Pasanen vor dem 1:1 gleich zweimal, wie man einen rechtsfüßigen Linksverteidiger über außen umspielt. Die Szene ist sinnbildlich für Werders Probleme auf der linken Seite.

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Ibisevic geht mit dem Ball an der Außenlinie entlang, verfolgt von Pasanen. Prödl rückt einige Meter raus, um Pasanen zu unterstützen.

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Pasanen geht zweimal mit dem rechten Fuß zum Ball, macht dazu eine halbe Drehung in Richtung Grundlinie. Ibisevic geht beide Male mit einem einfachen Trick außen an Pasanen vorbei. Beim zweiten Mal zieht er anschließend in die Mitte und spielt einen scharfen, flachen Ball vors Tor.

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In der Mitte gibt es ein Missverständnis zwischen Wiese und Fritz, der den Ball vor dem heranrauschenden Mlapa zurück vor den kurzen Pfosten spielt. Dort kommt Ba an den Ball und kann ihn ins leere Tor schieben. Prödl steht zu weit von ihm weg und kann nicht mehr eingreifen.

Das 2:1

Eine funktionierende Abseitsfalle ist ein gutes defensives Stilmittel. Eine nicht funktionierende Abseitsfalle ist defensiver Selbstmord. Gegen Sampdoria spielten Fritz, Mertesacker, Prödl und Pasanen sie nahezu perfekt. Gegen Hoffenheim steht Pasanen zwei Meter hinter der Kette während Mertesacker herausrückt und einen Fehlpass spielt. Eine haarsträubende Aktion, die Hoffenheim das zweite Tor auf dem Silbertablett serviert.

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Ein Einwurf als Ausgangssituation. Compper (schwarzer Balken) wirft ein und Mertesacker (gelber Balken), der in dieser Situation näher an der Seitenauslinie steht als Außenverteidiger Fritz, antizipiert den Ball.

Zwei02a

Statt beim freistehenden Bargfrede (rot) landet Mertesackers Pass erneut bei Compper, der sofort den Pass in die Tiefe auf den startenden Mlapa spielt. Prödl (blau) versucht auf eine Höhe mit Fritz (magenta) zu kommen, um Mlapa abseits zu stellen.

Zwei03a

Pasanen (grün) merkt dies zu spät und hebt das Abseits auf. Mlapa kommt an den Ball und geht allein auf Wiese zu. Da Prödl in der Vorwärtsbewegung ist und sich erst drehen muss, kann er Mlapa nicht mehr rechtzeitig stellen. Werders Viererkette gibt bei einem gegnerischen Einwurf in der eigenen Hälfte ohne Not jegliche Formation auf. Hoffenheim nimmt mit einem einzigen Pass in die Tiefe acht (!) Bremer aus dem Spiel.

Das 3:1

Ein blitzsauberer Konter, der Mertesackers fehlenden Antritt gnadenlos offenlegt.

Drei01a

Frings (gelb) verliert als hinterster Mittelfeldspieler 30 Meter vor dem Hoffenheimer Tor den Ball im Zweikampf gegen Gustavo (schwarz). Bleiben über 50 Meter für Hoffenheim, die sich in der Rückwärtsbewegung befindende Abwehrkette auszuspielen.

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Der Raum vor der Viererkette (weiße Fläche) ist komplett blank, das Bremer Mittelfeld nicht mehr existent. Die Hoffenheimer Stürmer positionieren sich gut, Ibisevic (rot) zieht in die Lücke zwischen Mertesacker und dem weit aufgerückten Fritz (magenta). Mlapa (blau) besetzt das Zentrum zwischen den Innenverteidigern und verhindert somit, dass Mertesacker sich voll auf Ibisevic konzentrieren kann.

Drei03a

Gustavo spielt den Pass außen an Mertesacker (grün) vorbei auf Ibisevic. Werders Innenverteidiger bleiben kurz stehen und spekulieren auf Abseits.

Drei04a

Der langsame Mertesacker hat keine Chance mehr, den Stürmer zu stellen. Auch Fritz kommt zu spät. Stark gekontert von den Hoffenheimern, die den Platz zwischen Werders Mittelfeld und Abwehr sowie das Risiko einer hoch stehenden Viererkette mit einem langsamen Innenverteidiger eiskalt ausgenutzt haben.

30 Minuten 4

Gepostet am 22. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Bundesliga, 1. Spieltag, 1899 Hoffenheim – Werder Bremen 4:1

Zum Glück habe ich nur 30 Minuten vom Spiel gesehen. Es waren die letzten 30. Da war das Spiel schon gelaufen. Der Schnitt vom Spiel am Mittwoch gegen Sampdoria zur 60. Minute in Hoffenheim war ein harter. Keine Spur mehr von flüssigem Kombinationsspiel. Beim Stand von 1:4 kann man das auch nicht erwarten. Bei 1:4 kann man überhaupt nichts mehr erwarten, außer vielleicht, dass der Schiedsrichter so bald wie möglich abpfeifen möge. 11 hängende Köpfe und die Welle geht durchs Stadion.

Ich kann das Spiel nicht beurteilen, will es auch gar nicht. Die letzten 30 Minuten sind nicht aussagekräftig. Es braucht allerdings nicht viel Fantasie um sich vorzustellen, was in der ersten Halbzeit das Problem war. Es ist so altbekannt, dass ich es nicht mal mehr aufschreiben möchte. Wenn es eine Erkenntnis in den letzten 30 Minuten gab, dann diese, die allerdings auch nicht spektakulär neu ist: Marko Marin kann keine Standards schießen. Es ist eine äußerst undankbare Aufgabe bei einem 1:4 eingewechselt zu werden. Dennoch ist es sehr traurig, dass Marin die Balance zwischen Dribbling und Abspiel völlig abhanden gekommen ist.

Von Lehren, die aus diesem Spiel gezogen werden müssen, brauche ich auch nicht sprechen. Diese Lehren hat man über Jahre nicht gezogen, man wird es auch künftig nicht tun. Vielleicht braucht Werder diesen Dämpfer zum Auftakt irgendwie. Den letzten Sieg in einem Auftaktspiel gab es zum Rückrundenstart 2007. Vielleicht erholt man sich auch dieses Jahr und spielt noch eine gute Saison, aber die Klatschen heute und gegen Fulham deuten schon eher auf strukturelle Probleme hin. Wie sich das mit der Leistung vom Mittwoch verträgt? Keine Ahnung. Von höheren Zielen braucht die nächsten Wochen zumindest niemand mehr zu sprechen.

3 Fragen zu 1899 Hoffenheim 2

Gepostet am 21. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Mal wieder eine neue Rubrik: Vor jedem Bundesligaspiel gibt es in dieser Saison ein Kurzinterview mit einem Fan/Blogger unseres Gegners. Den Auftakt macht vor dem 1. Spieltag Heiko vom Akademikerfanclub Hoffenheim, der mir drei Fragen zu seinem Club beantwortet hat:

Nach einer tollen Hinrunde nach dem Aufstieg kamen eineinhalb eher mittelmäßige Jahre. Nach Platz 11 in der letzten Saison, welche Erwartungen hast du 2010/2011 an deiner Mannschaft?

Wir haben auch gerade dazu eine MiFo (also MaFo unter den Mitgliedern) durchgeführt. Bis auf einen fast schon pathologischen Optimisten, der mit dem Einzug der EuropaLeague rechnet, gehen die meisten doch einem einem einstelligen Tabellenplatz aus. Aber eher einem, der den geographischen Eindruck, den Außenstehende von Hoffenheim haben, widerspiegelt, also: Niemandsland.

Für Ralf Rangnick gab es nach der Herbstmeisterschaft 2008 viel Lob für seinen durchdachten Konzeptfußball und seine innovativen Trainingsmethoden. In der letzten Saison kehrten dann die alten Vorbehalte gegen den “Fußballprofessor” zurück. Ist er der richtige Mann für den Job, Hoffenheim an die Spitze der Bundesliga zu führen? Und wie ist sein Standing im Verein nach dem gewonnenen Machtkampf mit Jan Schindelmeiser?

Wie sein Standing im Verein ist, wissen wir nicht. Aber das ist ja auch nicht entscheidend. Entscheidend ist sein Standing bei Babba Hopp – und das scheint doch sehr gut zu sein. Klar kamen mit RR auch die Aufstiege, aber da kam auch viel zusammen. Jung, hungrig und noch viel zu holen. In Liga 1 war dann halt nach Platz 1 in Hinrunde 1 Schluss. Man war oben angekommen. Danach kam nichts mehr. Auch kein Talent. Und das ist eine für uns doch erschreckende Erkenntnis, dass RR bei aller positiver PR über Nachwuchs- und Konzeptfußball es nicht geschafft hat, für Nachwuchskicker ein begehrlicher Trainer zu sein. Ein Holtby ging lieber nach Schalke. Da kackte er zwar ab, aber selbst dann zog Rangnick nicht so, dass er dann zu uns kam. Und ein Mlapa kam ebenfalls nicht wegen des Trainers, sondern wegen Schindelmeisers Nachfolger, die sich ja schon aus München kannten. Er müsste dringend was an seinem Image machen, um die Ziele zu erreichen, die er erreichen will. Aber jetzt hat man ja den Apparat etwas entschlackt, vielleicht bringt das ja was.

In den letzten beiden Jahren gab es große Spiele zwischen Werder und Hoffenheim, etwa das epische 5:4 vor zwei Jahren oder das Pokalspiel letzten Februar. Winkt uns am Samstag ein ähnliches Highlight oder ist es dafür am 1. Spieltag noch zu früh?

Die Hoffnung ist natürlich, dass wieder ein solches Spiel sehen, wenngleich auch mal mit anderem Ausgang. Zudem hätten wir so ein Spiel aber auch mal gerne auf unserem Rasen. Aber, wie du ja schon andeutest, 1. Spieltag, ist schwierig. Wie klappt das bei euch ohne Özil? Wie klappt das bei uns mit Salihovic? Was uns ein bisschen Sorge bereitet, sind beiden letzten Ergebnisse. 3:1 gegen Sunderland, 4:0 bei der Rostocker Hansa. Das hat fast schon Frühformcharakter – und die hat über die Saison gesehen noch keiner Mannschaft gut getan.

Dein Tipp?

Aber wenn die Frühform was bringen soll, dann am 1. Spieltag, oder? Also mein Tipp: 3:1

Die Glaskugel 2011 3

Gepostet am 20. August 2010 von Tobias (Meine Saison)

Vor Saisonbeginn treffe ich hier regelmäßig wilde Vorhersagen, wie die Spielzeit laufen wird. Wäre meine Trefferquote dabei nicht so absurd schlecht (Hoffenheim als Vizemeister 2010), könnte ich mich mit Fug und Recht als Krakenorakel der Fußballblogger bezeichnen. So muss ich mich hinter Paul in die Reihe der niederen Weichtiere einreihen. Meine Saisonvorschau 2011 möchte ich euch trotzdem nicht vorenthalten:

Die Abschlusstabelle

  1. Bayer Leverkusen – Richtig gelesen. Bayer macht es dieses Jahr mal anders herum und hält sich über weite Strecken der Saison auf den Plätzen 2 – 4 auf. Am 31. Spieltag holt sich Leverkusen dann die Tabellenführung und gibt sie zum Erstaunen aller Beobachter nicht mehr ab.
  2. Werder Bremen – Spielt eine starke Saison, muss zum Ende aber mal wieder der Mehrfachbelastung Tribut zollen. Werder schafft es in der Champions League bis ins Achtelfinale und spielt beflügelt durch diesen Erfolg eine starke Rückrunde. Leider wird man kurz vor Schluss von Leverkusen überholt und steht mit leeren Händen da.
  3. Bayern München – Eine Saison zum Vergessen für den Rekordmeister. Eigentlich sieht trotz großen Verletzungspechs lange alles gut aus (Herbstmeisterschaft), doch dann kommt das Aus im Champions League Viertelfinale gegen Barcelona und mehrere unnötige Punktverluste gegen kleinere Gegner. Am Ende reicht es deshalb nur zu Platz 3 und einem erneuten Sieg im DFB-Pokal.
  4. Borussia Dortmund – Der BVB kann den Aufwärtstrend der letzten beiden Jahre fortsetzen und etabliert sich in der Spitzengruppe. Erst im letzten Drittel kann man nicht mehr mithalten, erreicht dank der schwächelnden Konkurrenz aber einen sicheren Platz in der Europa League.
  5. Hamburger SV – Einer starken Hinrunde (Platz 2) folgt – wie könnte es auch anders sein – eine durchwachsene Rückrunde mit vielen kleineren und größeren Rückschlägen. Der HSV rettet die Saison mit dem 5. Platz, doch Armin Veh steht zu Beginn der Sommerpause intern heftig in der Kritik. Mal wieder ein bewegter Sommer in der Hansestadt.
  6. VfL Wolfsburg – Der VfL wollte eigentlich an die Erfolge unter Felix Magath anknüpfen, doch trotz hochpreisiger Neuverpflichtungen kommen die Wolfsburger nicht richtig aus den Startlöchern. Ein sechster Platz, der diesmal nicht fürs internationale Geschäft reicht, ist das Ergebnis einer enttäuschenden Saison.
  7. Schalke 04 – Schalke nur auf Platz 7? Trotz ansehnlicher Spielweise stolpert Schalke schon zu Beginn der Saison einige Male und droht den Anschluss zu verlieren. In der Rückrunde kommt es zum Eklat zwischen Trainer und den verfeindeten Grüppchen im Team. Magath gibt daraufhin seinen Rücktritt bekannt. Feuerwehrman Klaus Toppmöller holt am Ende nur einen 7. Platz heraus.
  8. VfB Stuttgart – Die Schwaben mit einem 5. Platz im Winter in Lauerstellung. Leider bleibt dir traditionell gute Rückrunde diesmal aus und Stuttgart versinkt im Mittelfeld der Liga. Den internationalen Wettbewerb sichert man sich durch den Einzug ins Pokalfinale jedoch trotzdem.
  9. 1. FC Kaiserslautern – Überraschungsaufsteiger ohne zu glänzen. Kaiserslautern kämpft sich im letzten Saisondrittel aus dem Abstiegskampf ins gesicherte Mittelfeld. Nicht mehr, nicht weniger.
  10. 1899 Hoffenheim – Hoffenheim beendet die Ära Rangnick im Niemandsland der Tabelle. Nach einer erneut durchwachsenen und spielerisch selten überzeugenden Saison kommt Dietmar Hopp zu dem Entschluss, dass ein Trainer von Weltformat her muss. Rangnick wird daraufhin Nachfolger von Matthias Sammer, der nach wüsten Beschimpfungen gegen Löw und Bierhoff seinen Posten als Sportdirektor beim DFB räumen muss.
  11. 1. FC Köln – Viva Colonia, der sympathische Karnevalsverein aus dem Rheinland hat den Poldi-Blues. Der Nationalspieler kann erneut nicht an seine Form in der Nationalmannschaft anknüpfen. Dennoch zeigen sich die Kölner spielerisch verbessert und holen sich am Ende einen gesicherten Mittelfeldplatz. Für Kölner Verhältnisse ein akzeptables Ergebnis, fürs Selbstbild mindestens zehn Plätze zu schlecht.
  12. FSV Mainz 05 – Der zweite Karnevalsverein erlebt im Winter seine größte Krise seit dem Wiederaufstieg. Trainer Tuchel erweist sich jedoch auch in dieser Zeit als Klopp-Nachfolger und führt die Mainzer noch rechtzeitig aus dem Keller.
  13. FC St. Pauli – Kampf, Leidenschaft und noch mal Kampf. St. Pauli rückt von den eigenen Idealen nicht ab, vernachlässigt aber das spielerische Element, das in der letzten Saison noch für den Aufstieg sorgte. Diese Umstellung macht die Spieler der Hamburger nicht attraktiv, aber sichert letztlich den Klassenerhalt in Liga 1.
  14. Borussia Mönchengladbach – Der guten Frühform (8 Punkte nach 5 Spielen) folgt eine katastrophale Hinrunde, die auf Platz 18 abgeschlossen wird. Zwar gelingt am Ende durch einen Kraftakt noch der Klassenerhalt, doch die schwache Saison des auf dem Papier eigentlich starken Kaders gibt den Verantwortlichen zu denken.
  15. Eintracht Frankfurt – Die Eintracht befindet sich am 30. Spieltag plötzlich im Abstiegskampf. Warum weiß keiner. Heimlich still und leise waren die Hessen, die zwischenzeitlich sogar am oberen Tabellendrittel anklopften, bis auf Platz 15 abgerutscht. Diesen Platz kann man zum Glück verteidigen…
  16. 1. FC Nürnberg – …weil Nürnberg gerne wieder in die Relegation möchte. Die Nürnberger spielen eine konstante Saison, liegen an 27 von 34 Spieltagen auf Platz 16. Der Klassenerhalt wird diesmal erst in der Verlängerung gegen Union Berlin perfekt gemacht, was den Jubel beim Relegationsmeister jedoch nicht trübt – ganz im Gegenteil.
  17. Hannover 96 – Frust in Hannover. Kaum ist die eine schlimme Saison vorbei, fängt die nächste schlimme Saison an. Zwar bleiben dem Verein persönliche Tragödien dieses Mal erspart, aber dafür sieht es sportlich noch schlechter aus. Am Ende steht der Abstieg, gegen den selbst die Verantwortlichen keine guten Argumente mehr finden.
  18. SC Freiburg – Die Wundertüte aus dem Breisgau. Leider reicht es diese Saison hinten und vorne nicht. Spielerisch ganz nett, aber nicht gut genug, um in der Bundesliga richtig mithalten zu können. Wir freuen uns aber schon auf den nächsten Besuch in der Bundesliga, denn der kommt bestimmt.

Aufsteiger

  1. Hertha BSC – Wie konnte das eigentlich passieren mit dem Abstieg letztes Jahr? In Berlin weiß es nach einer überzeugenden Saison in der 2. Liga keiner mehr. Schon bald ist die Hertha wieder im internationalen Geschäft dabei, oder etwa nicht?
  2. Arminia Bielefeld – Das Team aus der Stadt, die es auch bei Google Streetview nicht gibt, steigt zum elfzehnten Mal auf. Freuen wir uns also auf mindestens neun weitere Monate Erstligafußball der Arminia.
  3. Union Berlin – Wie eben schon erwähnt hat Union Berlin in diesem Jahr die Arschkarte gezogen und scheidet gegen Nürnberg in der Relegation aus. Während die Nürnberger sich mehrere Monate auf die anstehenden Spiele vorbereiten konnte, musste Union bis kurz vor Schluss um den dritten Platz kämpfen. Das Leben ist ungerecht.

Torschützenkönig

  1. Ruud Van Nistelrooy - Van the Man wird zu Van ze German. 20 Tore reichen dem Stürmer zum Gewinn der Torjägerkanone. Von Altersmüdigkeit keine Spur.
  2. Patrick Helmes – Jedes Jahr die gleiche Leier, der beste deutsche Torschütze wird von Löw nicht ausreichend berücksichtigt. Mit seinen 18 Saisontoren schießt Helmes immerhin seine Mannschaft zum Titel.
  3. Claudio Pizarro und Edin Dzeko – Zu beiden gibt es nicht mehr viel zu sagen. Pizza liefert in Bremen beständig seine Tore und Dzeko untermauert in einer schwachen Wolfsburger Mannschaft seine Wechselambitionen zu einem europäischen Spitzenverein.

34. Spieltag: Durchschaubar in die Champions League 2

Gepostet am 9. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

Werder Bremen – Hamburger SV 1:1

Zur Einführung ein Zitat aus meiner Saisonvorschau im August 2009:

“Es wird mal wieder eine typische Werder-Saison. Gute Hinrunde, Krise zu Beginn der Rückrunde, Aufholjagd im letzten Drittel und am letzten Spieltag werden die Positionen mit dem HSV getauscht. Werder wird Dritter und landet in der Champions League Qualifikation.”

Ok, die Positionen brauchte man mit dem HSV gestern nicht mehr zu tauschen. Geschenkt. Ansonsten eine ziemlich akkurate Beschreibung der gerade abgeschlossenen Bundesligasaison des SVW. In meine seherischen Fähigkeiten habe ich spätestens seit Dezember kein großes Vertrauen mehr, als ich Werder die Meisterschaft voraussagte und damit kräftig auf die Nase fiel. Vor fünf Wochen habe ich dann die Saison abgehakt – äußerst verfrüht, wie sich gezeigt hat. Zu meiner Verteidigung war da eine Portion Aberglaube bei, sodass ich mich bis zum 8.5. um 17:20 nicht traute, meine Aussage zu revidieren. Trotzdem, als Wahrsager bin ich bestenfalls so mittelbegabt. War es denn so vorhersehbar?

Schaut man sich die Tabellen der letzten fünf Jahre an, muss man sagen: Ja! Bayern und Werder waren in den letzten fünf Jahren jeweils viermal unter den Top 3 der Liga. Der FC Schalke dreimal. Ansonsten schafften nur der VfB Stuttgart (2x), der HSV und Wolfsburg (je 1x) den Sprung unter die ersten Drei. Nun sind es also wieder diese drei Mannschaften, die die vorderen Plätze belegen, wie schon 2005 und 2008. In England wurde die Dominanz der Big Four gerade zum ersten Mal seit fünf Jahren durchbrochen. Haben wir in Deutschland nun also unsere Big Three? Das wäre übertrieben, doch Zufall sind diese Resultate wohl kaum. Während die letzte Saison eine kleine Revolution war, zunächst mit dem Überflieger Hoffenheim und dann mit dem Meister Wolfsburg, hieß es in dieser Saison: Das Imperium schlägt zurück.

Es gehört zum Fußball, dass sich bestimmte Dinge immer wiederholen. Auch in den Jahren 2006 und 2008 sowie mit Abstrichen 2007 verlief Werders Saison ähnlich, wie oben beschrieben. Daneben gibt es noch einige andere Tradionen: Die Bayern werden (fast) immer Meister, Schalke nie, Leverkusen bricht in der Rückrunde ein, Stuttgart dreht in der Rückrunde auf, der HSV verpatzt die wichtigen Spiele und Nürnberg und Bochum bleiben Fahrstuhlmannschaften. Während all das nicht zuletzt mit der Qualität der jeweiligen Mannschaften zu tun hat, ist es in nicht unterschätzendem Maße Psychologie. So etwas setzt sich nicht nur in den Köpfen der Fans fest, sondern auch in denen der Spieler. Als Leverkusener muss einem im letzten Saisondrittel Angst und Bange werden, während sich die Bayern darauf freuen können. Immer wieder schön, wenn Mannschaften es schaffen, diesen Kreislauf zu unterbrechen, wie Wolfsburg letzte Saison oder Werder 2004.

Doch entspricht Werders schematischer Saisonverlauf wirklich den Tatsachen oder erstammt er der selektiven Wahrnehmung und Einordnung der Fans? Ich habe mal einen kleinen Vergleich gemacht zwischen den letzten fünf Jahren und dieser Saison. Verglichen habe ich monatsweise, wieviel Punkte Werder jeweils im Schnitt pro Spiel geholt hat. Und siehe da, der Vergleich zeigt: In den letzten fünf Jahren gab es tasächlich deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Monaten. Insgesamt holte Werder im Schnitt 1,8 Punkte pro Spiel. Hochgerechnet auf eine Saison sind das 61,2 Punkte pro Saison. Die aus Bremer Sicht erfolgreichsten Monate sind Januar und Dezember, gefolgt von Mai und September. In diesen Monaten hat Werder deutlich überdurchschnittlich viele Punkte geholt. Die schwächsten Monate sind März und Februar. Der von mir erwartete Leistungseinbruch in der ersten Hälfte der Rückrunde ist für Werder demnach nicht untypisch, sondern tritt regelmäßig auf.

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel

Durchschnittliche Punktzahl pro Spiel (monatsweise)

Die nun abgelaufene Saison war in vielen Bereichen durchschnittlich. Insgesamt 61 Punkte (1,79 pro Spiel) entsprechen genau dem Durchschnitt der letzten fünf Spielzeiten. Die ersten vier Monate der Saison sind ebenfalls relativ nah an den Werten der letzten Jahre. Dann zeigen sich aber zwei große Abweichungen: In den traditionell stärksten beiden Monaten stürzte Werder völlig ab und holte nur einen Punkt aus sechs Spielen. Danach spielte Werder von Februar bis Mai eine überdurchschnittliche Rückrunde. Die sonst schwächsten Monate Februar und März wurden in dieser Saison zu den stärksten. Alles wie immer also, nur eben ganz anders.

Und was sagt uns das nun? Werder hat acht Monate lang eine überdurchschnittliche Saison gespielt, durch zwei ganz schwache Monate rund um die verkürzte Winterpause verpasste man es aber, ein noch besseres Ergebnis zu erreichen. Das Stichwort Konstanz, das letzte Saison so häufig gebraucht wurde, darf man daher auch in diesem Sommer wieder auspacken, wenn es um die Fehleranalyse geht. Zu wichtig sollte man solche statistischen Spielerein jedoch nicht nehmen. Das Spiel gegen den HSV hat doch wieder einmal klar gezeigt, dass die nakten Zahlen manchmal eben doch lügen. Oder möchte ernsthaft jemand behaupten, das Duell um die Nummer 1 im Norden wäre unentschieden ausgegangen?

Live: Werder – HSV 3

Gepostet am 7. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

33. Spieltag: Meistermacher 1

Gepostet am 2. May 2010 von Tobias (Meine Saison)

Schalke 04 – Werder Bremen 0:2

Ich glaube es immer noch nicht.

Über die Unglaublichkeit unserer Ausgangssituation vor dem letzten Spieltag möchte ich mich gar nicht auslassen. Wir wissen alle noch, wo wir vor drei Monaten standen. Außerdem bliebe dafür nach Saisonende noch genügend Zeit. Vorher glaube ich es eh nicht. Auch wenn ich mich in ein abergläubisches Wrack verwandelt habe, das ist es mir Wert. Ich halte es mit den Römern: Non succede, ma se succede… Es wird nicht passieren, aber wenn es passiert. Aber es passiert nicht. Punkt.

Unglaublich finde ich vielmehr, dass Werder auf Schalke gewonnen hat – und vor allem wie! Vorab: Es gab sicherlich bessere Fußballspiele in dieser Saison und Werder hat auch schon besser Fußball gespielt, als am Samstagnachmittag in Gelsenkirchen. Doch Werder ist nicht nach Schalke gefahren, um dort “guten” (sprich: schönen) Fußball zu spielen. Werder ist dorthin gefahren, um drei Punkte zu holen. Und Werder ist dorthin gefahren und hat drei Punkte geholt. Werder hat zu Null gespielt. Werder hat kompakt gespielt und Schalke kommen lassen. Werder hat die Chancen eiskalt ausgenutzt. War das wirklich unser Werder? Oder haben die Mannschaften schon vor dem Spiel die Trikots getauscht?

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an diese Verwandlung gewöhnt hatte und es fiel mir bis zum Abpfiff schwer, es richtig einzuordnen. Ich war dabei nicht alleine. Marcel Reif kommentierte dieses Spiel von der Prämisse aus: “Werder: Schönspieler, Schalke: Malocher, Magath: Taktikgott.” Haben wir ja auch alle so gelernt. In Reifs Alter denkt man aber nicht mehr um. Es sei denn, man eignet sich die Jovialität Franz Beckenbauers an und nimmt die Dinge so, wie sie passieren, ohne nach tieferem Verständnis zu streben. Doch die meisten von uns sind keine Lichtgestalten, und so lassen wir uns erleuchten von dem, was wir in der Arena auf Schalke gesehen haben.

Lange Zeit schien es das Spiel der Schalker zu sein: Das zweikampfbetonte Spiel mit wenig Raum und noch weniger Glanz. Das Neutralisieren des gegnerischen Spiels. Das Niederringen durch körperliche und taktische Überlegenheit, durch höchste Disziplin. Und schließlich das Ausnutzen der sich bietenden Chancen in dem Bewusstsein, dass man nicht viele bekommen könnte. Gestern war es das Spiel der Bremer. Woher sollten wir es wissen? Andersherum war es so viel wahrscheinlicher. Magaths Schalker sind Meister im Aufspüren und Ausnutzen der Schwächen ihrer Gegner. Und Werders Schwächen sind so offensichtlich. Die besten Bluffs sind aber die, die man erst erkennt, wenn es schon zu spät ist. So ging es gestern den Schalkern und wenn Magath regelmäßig für seine taktischen Meisterleistungen gelobt wird, steht diese Ehre nun Thomas Schaaf zu.

Etwas überraschend kehrte Werder gegen Schalke zur Raute mit zwei echten Spitzen zurück. Noch überraschender agierte Regisseur Mesut Özil alleine hinter den Spitzen, mit drei defensiv ausgerichteten Mittelfeldspielern in seinem Rücken. Es war eine “klassische” Interpretation der Mittelfeldraute, ein 4-3-1-2. So lässt es Schaaf nur selten spielen. Bargfrede und Borowski auf den Halbpositionen kümmerten sich vorwiegend um das Spiel gegen den Ball, sorgten bei Bedarf für Überzahlspiel in der Mitte und halfen vor allem auf den Außen aus. So kam es, dass Werder fast immer sieben Spieler hinter dem Ball hatte und das Spielfeld durch die tief stehende Viererkette für den Gegner deutlich größer machte, als gewöhnlich. Gegen Schalke erwies sich das als wirksame Taktik. Platz im Mittelfeld hilft einer spielerisch noch immer beschränkten Mannschaft nicht viel weiter, zumal Pizarro, Almeida und der gewohnt offensive Özil die Schalker Hintermannschaft davon abhielten, sich spürbar ins Angriffsspiel der Gastgeber einzuschalten. So hatten die Schalker plötzlich 57% Ballbesitz und wussten kaum, was sie damit anfangen sollten. Immer wieder versuchten sie es über die Flügel, vor allem über die starke rechte Seite, wo Werder ihnen jedoch keinen Platz ließ.

Werders Offensivspiel war verhältnismäßig eindimensional: Der Spielaufbau fand wie immer durch die Mitte statt, wo Frings zum Regisseur wurde. Die Verbindungsspieler auf den Halbpositionen hielten sich vornehm zurück, was auch erklärt, warum Özil über weite Strecken in der Luft hing. Frings spielte vornehmlich lange Bälle in die Spitze, was naturgemäß Pizarro und Almeida mehr entgegenkam, als dem kleinen Özil. Hier zeigte sich dann auch ein großer Unterschied zu Schaafs sonst favorisierter Raute: Özil wartete gestern im toten Raum hinter den Spitzen auf seine Chance, statt sich im Spielaufbau nach hinten fallen zu lassen und die Bälle in der eigenen Hälfte abzuholen. Hätte er sich mehr ins Aufbauspiel eingeschaltet, wen hätte er anspielen sollen?

Eine gute Taktik garantiert allein aber noch keinen Erfolg. Und so brauchte auch Werder einen nicht zu kleinen Anteil an Glück (oder Zufall oder Schicksal oder wie man es auch immer nennen mag). Nachdem es 20 Minuten lang im Sinne der taktischen Ausrichtung lief, bekam Schalke einen Fuß in die Tür zwischen Werders kompakt stehender Defensivabteilung. Eine fehlerfreie Vorführung gegen die Schalker wäre auch etwas viel verlangt, schließlich werden diese nicht von ungefähr Vizemeister. Den dicksten Bock leistete sich kurz vor der Pause Per Mertesacker, der anschließend versuchte zu reparieren und dabei gehöriges Glück hatte, dass Schiedsrichter Kircher nicht auf Elfmeter entschied. In meinen Augen ein klares Foul. Die Situation war im Nachhinein ein Wendepunkt in diesem Spiel. Sie als die spielentscheidende Situation zu bezeichnen, wie Magath es nach dem Abpfiff tat, ist dann aber doch etwas hoch gegriffen. Marko Marin machte nach dem Spiel gegen Frankfurt Anfang des Jahres eine ähnliche Aussage. Ich sage heute wie damals: Wer Meister werden will, der sollte sein Pulver nicht schon nach 40 Minuten verschossen haben. Und Schalke tat in der zweiten Hälfte nicht genug, um nach dem Spiel einzig auf die Elfmeterszene verweisen zu können. Bei allem Verständnis für die Enttäuschung, als Verschwörungstheoretiker macht Magath keine gute Figur. Weder er noch seine Schalker hätten es zudem nötig. Die Fans spürten das in der Schlussphase auch und feierten ihre Mannschaft, der vor der Saison nicht viele – auch ich nicht – eine solche Saison zugetraut hatten.

Wie so oft waren es dann Kleinigkeiten, die das Spiel und auch dessen Bewertung von außen entschieden. Nach dem Wechsel suchten die Schalker weiter ihr Glück in der Offensive. Vielleicht war es der Zwischenstand aus München, der ihre Köpfe ungeduldig und ihre Beine schwer werden ließen. Gerade, als man überlegte, ob Werders pomadige Spielweise wirklich Absicht sein könnte, schlugen die Grün-Weißen zu. Zunächst ließ Mesut Özil seine Torchance noch liegen, doch kurze Zeit später zeigte er seine ganze Klasse. Er zeigte, dass er es auch anders kann. Dass es bei ihm nicht nur Hopp oder Top gibt. Dass er auf seine Chance lauern kann, ohne das Selbstvertrauen zu verlieren. Sein Dribbling hätte andere Kommentatoren zu Begeisterungsstürmen verleitet, doch es war weder Robben noch Ribery noch Messi und deshalb durfte nicht sein, was nicht sein konnte. Es war deutlich zu spüren, dass dieser Treffer den Schalkern schwer zu schaffen machte und sie kaum mehr etwas entgegen zu setzen hatten. Um ganz sicher zu gehen, nutzten Özil und Almeida diese Phase der Unsicherheit zum 0:2 und entschieden damit das Spiel.

Ich hoffe Werder nimmt aus diesem Spiel genügend Erkenntnisse für die letzten beiden Spiele mit. Gegen den HSV wird man wieder aktiver sein müssen. Auf eine Unentschieden darf man sich nicht verlassen. Gladbach hat gerade sechs Tore in Hannover kassiert. Die Hamburger haben als letztes Saisonziel, uns in die Champions-League-Suppe zu spucken, deshalb müssen wir verdammt aufpassen solange sie nicht gegessen ist. Den Nachschlag gibt es dann in Berlin und während ich mich phrasentechnisch schon in Delling-Form bringe, denkt Thomas Schaaf hoffentlich darüber nach, wie er Van Gaals Positionsspiel beikommen kann. Die Taktik von gestern wäre dafür vermutlich gar nicht mal schlecht.



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