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“Es wird auch dieses Mal kein Unentschieden geben” 2
Es ist März und auf Werder wartet ein hartes Programm. Sieben Spiele stehen in den nächsten 21 Tagen an, die Werders Kader ordentlich auf die Probe stellen werden. Reichen die Kräfte, um in drei Wettbewerben weiterhin eine Rolle zu spielen? Wir werden sehen. Den Auftakt macht morgen das Heimspiel gegen den VfB Stuttgart, zu dem mich ja eine ganz besondere Verbindung habe. Trotzdem steht ein Heimsieg gegen die Schwaben momentan ganz oben auf meinem Wunschzettel.
Als kleine Einstimmung auf das Spiel habe ich mal wieder ein Interview geführt. Marcel, aka hirngabel, schreibt in seinem überaus lesenswerten Blog Brustring über den VfB Stuttgart und hat mir freundlicherweise ein paar Fragen beantwortet.
Hallo Marcel, ich weiß ehrlich gesagt nicht genau, ob ich Dir zu Eurem Spiel gegen Barcelona gratulieren soll oder nicht. Was überwiegt bei Dir, die Freude über die tolle Leistung gegen die beste Mannschaft der Welt oder der Ärger über die vergebene Chance, eine richtig gute Ausgangsposition fürs Rückspiel herauszuholen?
Die Gefühle haben bei mir ehrlich gesagt geschwankt bei mir im Nachklapp des Spiels. Während des Spiels hat man sich zwar einerseits erfreut, gerade in der ersten Halbzeit, an der beeindruckenden Leistung, aber natürlich auch ein wenig gehadert mit der Chancenauswertung. Direkt ach dem Spiel war dann die Freude eigentlich größer, am nächsten Morgen wiederum nagte die Enttäuschung doch etwas, aber irgendwann habe ich mich doch damit anfreunden können. Schließlich hatten die Kollegen aus Nordösterreich (die, die vor einem Jahr im Hinspiel 0:4 untergegangen sind) uns ja schon vorab beerdigt – und nicht nur die.
Im Rückspiel in Barcelona traut Euch nach dem 1:1 nun niemand mehr ein Weiterkommen zu. Ist genau das Stuttgarts Chance oder könnten sie sich die Reise eigentlich sparen?
Ich glaube, eine Reise ins Camp Nou lohnt sich immer, oder nicht? =) Direkt nach dem Spiel war ich Teil einer Diskussion, in der ich genau das behauptet habe, dass vielleicht das 1:1 sogar besser ist als ein 1:0 oder 2:1-Sieg. Denn so haben sie einerseits nicht ihr “Gesicht verloren” und andererseits wirkt es wie eine recht komfortable Ausgangsposition. Dementsprechend *könnte* es also durchaus sein, dass es Barca nicht so ganz ernsthaft angehen wird, der VfB wieder mit vollem Elan attackieren wird und mit murrendem Heimpublikum könnte dann vielleicht sogar der große FC Barcelona wieder nervös werden. Denn es war ja nicht so, dass Barcelona gegen Stuttgart einfach nur lässig aufgetreten wäre, sondern es ist dem VfB in der ersten Halbzeit perfekt gelungen den Spaniern richtig den Schneid abzukaufen und sie wirklich zu verunsichern. Aber gut, das wird ein neues Spiel und es muss, realistisch betrachtet, schon einiges zusammenlaufen, dass wir es tatsächlich schaffen, weiterzukommen. Immerhin, die Chance ist da.
Bei Werder ärgert man sich seit Jahren, dass man nach guten bis sehr guten Hinrunden in der Rückrunde regelmäßig – zumindest phasenweise – einbricht. Beim VfB scheint es andersherum zu sein. Purer Zufall oder hast Du eine andere Erklärung dafür?
Puh. Ich glaube, wenn ich darauf eine wirkliche Antwort hätte, dann würde ich mich umgehend beim VfB melden und mir ein fürstliches Beraterhonorar aushandeln. Es ist natürlich schon so, dass sich gewisse Dinge wiederholen. Eher so mittelprächtige Erfolgsbilanzen auf dem Transfermarkt in der Sommerpause und ein gewisser Schlendrian, der sich gerne nach halbwegs erfolgreichen Halbserien einzustellen scheint. Gerade letzteres stimmt mich auch immer ein wenig nachdenklich bezüglich des Charakters der Mannschaft, da es dann tatsächlich immer wieder ein neuer Trainer richten muss. Andererseits schafft es die Mannschaft dann aber auch wiederum sich wieder am Riemen zu reissen. Naja, wie Du siehst, ich bin da selbst ein wenig ratlos. Immerhin gibt es ein halbwegs gutes Gefühl zu wissen, dass dieser Verlauf schon etwas Tradition hat und man sich mehr oder weniger drauf “verlassen” kann, dass es am Ende schon irgendwie gut geht. Und, ganz ehrlich, mir ist es fast lieber, wenn es hinten raus besser wird, als andersrum. Da kann man dann wenigstens mit einem guten Gefühl aus der Saison herausgehen.
Achja, und, weils mich doch immer ein bisschen wurmt: In unserer Meistersaison sind wir zwar schwach gestartet, waren aber schon im November 2006 Tabellenführer. Das wird beim “Zufallsmeister”-Gerede ja gerne mal vergessen.
Seit dem Trainerwechsel läuft es beim VfB wieder richtig gut. Was macht Christian Gross anders als sein Vorgänger? Und daran anknüpfend: vor einem Jahr gab es genau die gleiche Situation als Babbel Euren Meistertrainer Armin Veh ablöste. Bist Du zuversichtlich, dass sich diesmal ein langfristiger Erfolg einstellen wird?
Kurz nachdem Gross verpflichtet wurde habe ich im Scherz mal gesagt, dass Gross ja dann auf jeden Fall schon mal schön planen kann, was er ab November/Dezember 2010 machen will. Aber natürlich habe ich die Hoffnung, dass es jetzt endlich mal wieder etwas langfristiger wird. Die andauernde Wechselei auf der Trainerposition ist schon etwas nervig auf Dauer und da schaut man dann schon mal neidisch auf Euch in Bremen beispielsweise, wo Kontinuität ja scheinbar Gesetz ist. Bei Gross selbst habe ich eigentlich schon einen guten Eindruck. Was er im Training großartig anders macht, kann ich aus der Distanz natürlich nicht beurteilen, aber von dem was man so mitbekommt, ist er halt einfach ein wesentlich autoritärer Trainer, wohingegen Babbel scheinbar (vielleicht auch bedingt durch diese unsägliche Trainerlehrgangsgeschichte) den Kontakt zur und den Respekt bei der Mannschaft verloren hatte.
Der wichtigste Unterschied allerdings ist, dass Gross sich sehr schnell auf eine Stammelf festgelegt hat und dieser sehr klar sein Vertrauen geschenkt hat. Diese Elf wurde eigentlich nur dann verändert, wenn es aufgrund von Verletzungen oder Sperren notwendig war. Bei Babbel in der Hinrunde war das ja schon teilweise extrem anders mit einer teilweise doch etwas planlos wirkenden Rotation.
Thomas Hitzlsperger ist in dieser Saison vom Kapitän und Leistungsträger aufs Abstellgleis geraten und wurde im Winter abgegeben. War er wirklich zu schlecht, um bei einer Mannschaft aus dem unteren Tabellendrittel regelmäßig eingesetzt zu werden? Wo siehst Du die Gründe für seinen rasanten Abstieg?
Okay, das wird jetzt vermutlich etwas länger. Ich habe ja oben schon von der teilweise planlos anmutenden Rotation von Babbel gesprochen, und Hitzlsperger war natürlich das prominenteste Opfer dieser Wechselspiele. Hitz kam halt schon mies in die Saison rein, mit einem schwachen Auftritt gegen Wolfsburg, nach dem er danach erstmal auf der Bank Platz nehmen musste. Dann spielte er wieder, erst ziemlich gut (gegen Dortmund), dann wieder schwach gegen Nürnberg – ergo wieder Bank. Dann kam er wieder zurück mit einem starken Spiel gegen Frankfurt, gefolgt von schwachen Auftritten und der erneuten Bankplatzierung. So ging das dann wieder weiter und irgendwann verselbständigte sich die Diskussion um seine Person immer mehr mit dem Höhepunkt der “Entmachtung” durch Babbel – bei der ich allerdings nach wie vor glaube, dass Babbel ihm damit wirklich einen Gefallen tun wollte.
Spätestens bei Babbels Entlassung war Hitzlsperger dann wirklich in einer echten Formkrise und zu allem Überfluss auch noch dank einer Oberschenkelverletzung in den ersten Spielen ausser Gefecht gesetzt. Zeitgleich kehrte Khedira aus seiner Verletzungspause zurück, spielte gut, ebenso der von Gross favorisierte Träsch – und dann war da immer noch Kuzmanovic, der als einer der wenigen in der Hinrunde noch ein Lichtblick war (nur momentan eben ein Opfer des Systems ist, bzw. eine Art Edeljoker). Dementsprechend waren dann plötzlich drei Leute da, die die Nase vorne hatten und zudem alle deutlich jünger sind als Hitzlsperger selbst. In Anbetracht dessen, dass auch noch Lanig (25 BL-Einsätze in der Saison 08/09) in absehbarer Zeit zurückkehren würde, war es für mich dann zu Beginn des Jahres eigentlich klar, dass Hitzlsperger auf jeden Fall gehen musste, um irgendwo anders Spielpraxis für die WM zu erhalten.
Daher kann man, glaube ich, auch nicht davon reden, dass er “zu schlecht” ist, da ich schon tippe, dass er ohne WM womöglich geblieben wäre und sich im Laufe der Saison vielleicht sogar wieder an die Startelf rangespielt hätte. Aber gut, das ist Spekulation, schwer genug wäre es geworden und im Sommer wäre sein Vertrag angesichts der starken und eben jungen Konkurrenz wohl ohnehin nicht verlängert worden. Ich hoffe für ihn, den ich wirklich sehr schätze und dem ich sehr dankbar für viele tolle Leistungen bin, dass er die Kurve bei Lazio noch kriegt – aber ich befürchte, nach diesem Katastrophenstart wird das wohl nichts mehr. Vielleicht gehts dann im Sommer wieder zurück nach England.
Tschuldigung, das war jetzt wirklich ausführlich – aber es war halt einfach ein ganz unglücklicher Mix aus Dumm gelaufen und “Hasse Scheisse am Fuss, hasse Scheisse am Fuss”.
Dem VfB Stuttgart wird allgemein eine sehr gute Jugendarbeit nachgesagt. Es schaffen auch immer wieder junge Spieler den Sprung ins Profiteam und in die Nationalmannschaft. Manche sagen, Joachim Löw bevorzuge Stuttgarter Spieler bei seinen Nominierungen. Alles Quatsch oder ist da etwas dran?
Du stellst aber auch nur Fragen, auf die man wirklich ausführlich antworten müsste… =)
Daher fasse ich mich diesmal kurz und bleibe bei den einzelnen Personalien: Khedira gehört in die Nationalmannschaft, ohne wenn und aber. Über Tasci kann man gerne diskutieren – wobei man da auch sagen muss, dass die Konkurrenz sich bisher nicht so aufgedrängt hat, als dass seine Nominierung zumindest für den Kader an sich völlig unverständlich wäre. Wobei ich sehr gerne auch Hummels im Kader sehen würde. Bei Träsch glaube ich, dass er für die WM noch keine wirkliche Rolle spielen wird, aber mittelfristig wird man um ihn, wie um Khedira nicht umhin kommen. Die beiden haben einfach herausragendes Potential.
Wer ist dieser neue Torjäger beim VfB und was hat er mit Cacau gemacht?
Hehe! Von dieser Leistungsexplosion unseres “Helmuts” sind wir selbst (oder gerade?) als VfB-Fans doch auch ziemlich überrascht worden. Wobei, andererseits, der geschätzte Kollege heinzkamke hat zum “Comeback-Kid” Cacau einen wirklich schönen und passenden Text geschrieben.
Zudem ist er gerade ein perfektes Beispiel dafür, wie unfassbar wichtig der Faktor “Momentum” gerade für einen Stürmer ist. Da machst Du dann eben auch so Tore wie das 2:1 gegen Frankfurt. Und auch sein Kurzauftritt gegen Argentinien zeigte deutlich das getankte Selbstvertrauen. Klar ist aber auch, dass er diese Leistungen halbwegs konstant abrufen muss in der Rückrunde, will er eine ernsthafte Alternative für die Nationalelf werden. Für den VfB würde ich mir das natürlich auch erhoffen, da wir nach dem Abgang von Gomez doch mit leichten Problemen auf dieser Position gestraft sind. Zumindest bei Pogrebnyak habe ich da aber eigentlich noch Hoffnung.
In den vergangenen drei Saisons war das Duell zwischen unseren beiden Teams eigentlich immer ein Toregarant mit mindestens 4, meistens sogar 5 Toren und i.d.R. einem klaren Sieg für die jeweilige Heimmannschaft. Einzige Ausnahme war das Hinspiel diese Saison, wo wir 2:0 in Stuttgart gewinnen konnten. Wird es am Samstag wieder Tore hageln? Wie lautet Dein Tipp?
Das einzige wo ich mir halbwegs sicher bin ist, dass es auch dieses Mal kein Unentschieden geben wird, so wie es in den letzten Jahren ohnehin nur in der Saison 2005/06 der Fall war. Dazu sind unsere beiden Teams einfach zu sehr auf Hop oder Top eingestellt. Ich hoffe natürlich, dass wir die Scharte aus dem Hinspiel wieder auswetzen können und glaube auch definitiv, dass dies möglich ist, da Eure Abwehr nun nicht die sattelfesteste ist. Gerade Abdennour könnte erhebliche Probleme mit dem wuseligen Gebhart bekommen und wenn dann Pizarro mal wieder einen eher durchschnittlichen Tag erwischt, dann dürfte es für Euch schwierig werden. Aber es wird auf jeden Fall sehr von der Tagesform abhängen, denke ich – bei beiden Teams. Daher tippe ich einfach mal 3:1 – ich hoffe für uns, aber für Euch wäre eben genauso möglich.
Vielen Dank, Marcel!
Im Gegenzug hat auch Marcel mir einige Fragen zum einzig- wie großartigen SV Werder gestellt, die ich natürlich gerne beantwortet habe.
24. Spieltag: Pragmatismus 1
Mainz 05 – Werder Bremen 1:2
Viel Aufregung über ein wenig aufregendes Spiel. Die Mainzer sprachen nach dem Spiel vor allem über Schiedsrichter Rafati und dessen rote Karte gegen Heller. Man kann sicherlich darüber streiten, ob die Aktion gegen Aaron Hunt zwingend eine Tätlichkeit ist, dumm war sie in jedem Fall. Mit Anlauf auf einen am Boden liegenden Spieler zuzulaufen und eine Ausholbewegung mit dem Fuß zu machen, gibt dem Schiedsrichter kaum eine andere Wahl, auch wenn Heller den Tritt nicht richtig durchführt und Hunt nur leicht touchiert. Ganz unschuldig war Rafati an der Szene jedoch nicht, da er zuvor einem Mainzer für ein ziemlich hartes Foul an Hunt keine gelbe Karte gegeben hatte und dieser nun durch ein eigenes Foul um Revanche bemüht war. Ich halte nicht viel davon, die ersten paar gelbwürdigen Fouls in einem Spiel nicht zu bestrafen, nur um eine drohende Kartenflut zu vermeiden. Die Intention dahinter mag richtig sein, doch letztlich sollte es vom Verhalten der Spieler abhängen, wie oft ein Schiri zur Karte greifen muss. Leider sehen viele Schiedsrichter das anders.
Wie dem auch sei, die frühe rote Karte hatte zweifellos Einfluss auf das Spiel der Mainzer, die einen richtig guten Start erwischt hatten. Werder mit Problemen, auch in Überzahl, sich gegen die früh angreifenden Mainzer zu behaupten. Erst die Auswechslung des wieder übermotiviert wirkenden und an der Schwelle zum Platzverweis stehenden Abdennour brachte etwas Ruhe in das Bremer Spiel. Borowskis Freistoßtor tat dann das übrige. Werder schien über 90 Minuten in erster Linie um Spielkontrolle bemüht zu sein und nicht so sehr um Kreativität. Dazu trug auch die Aufstellung bei. Schaaf musste den gesperrten Frings ersetzen und brachte neben Niemeyer den wiedergenesenen Phillip Bargfrede von Anfang an. In der Offensive hatte ich mich noch gefragt, ob Marin oder Almeida neben Pizarro auflaufen würde. Stattdessen blieben beide auf der Bank und Tim Borowski rotierte in die Startaufstellung. Die Mainzer Heimbilanz und die kurze Erholungspause nach dem Spiel gegen Enschede zwangen den Idealisten Schaaf zu Pragmatismus. In der jetztigen Phase zählen nur noch Punkte.
Von diesem Standpunkt kann man sagen: Alles richtig gemacht! Werder brachte Mainz mit einem hanebüchenen Patzer von Vander zwar zwischenzeitlich zurück ins Spiel, ging durch einen Sonntagsschuss von Sebastian Prödl aber schon kurz nach Wiederanpfiff erneut in Führung. Aus einer halben Torchance zwei Tore gemacht, wie es Tuchel nach Abpfiff schön zusammenfasste. Mehr Chancen konnte sich allerdings auch Tuchels Team nicht herausspielen, was einerseits an der für Werder nicht selbstverständlichen Disziplin der Mannschaft lag, andererseits wohl auch an den ausgehenden Kräften der in Unterzahl kämpfenden Mainzer. Für Werder ist es daher ein Arbeitssieg, für die Mainzer eine ziemlich unglückliche erste Heimniederlage der Saison.
Das Spiel dürfte für “neutrale” Beobachter ziemlich langweilig gewesen sein. Als Werderfan möchte ich nicht viel meckern, wenn man solche Spiele gewinnt, erst recht weniger als 48 Stunden nach einem Galaauftritt in der Europa League. Vor wenigen Wochen wollte ich schon nicht mehr daran glauben, dass Werder überhaupt noch eine Chance auf Platz 5 hat und nun ist man den Dortmundern und Hamburgern schon wieder ziemlich dicht auf die Pelle gerückt. So macht die Bundesliga langsam wieder Spaß!
Was mich am Wochenende sehr mitgenommen hat, war die schlimme Verletzung des Arsenalprofis Aaron Ramsey, der sich nach einem Foul einen doppelten Schien- und Wadenbeinbruch zuzog. Mitgenommen hat es mich nicht nur, weil es einen der talentiertesten britischen Jungprofis erwischt hat, sondern weil ich nicht mehr glaube, dass es sich dabei um einen Zufall handelt. Es ist die dritte schwere Verletzung eines Arsenalspielers durch ein brutales Foul seit 2006. Sicherlich kann so etwas im Fußball passieren und Absicht unterstelle ich besonders Shawcross bei dessen (mit rot bestraftem) Foul an Ramsey nicht. Die Spielweise, die viele schwächere Mannschaften gegen Arsenal wählen, ist jedoch darauf ausgelegt, den Gunners mal so richtig einen draufzuhauen. Es gilt als legitime Strategie, eine technische und taktische Unterlegenheit durch übertriebene Härte wettzumachen, weil (Überraschung!) Arsenal das nicht mag. Mal ganz davon abgesehen, dass ich keine Mannschaft kenne, die es mag, wenn der Gegner überhart spielt, finde ich es erstaunlich, dass auch die englischen Medien immer wieder in diese Kerbe stoßen, als sei Unfairness im Fußball erwünscht. Ich habe natürlich nichts gegen Härte im Fußball, sie macht einen Teil dieses Sports aus. Wenn eine Mannschaft jedoch nur darauf bedacht ist, den Gegner durch unfaire und gefährliche Aktionen zu stoppen, sollte man es als das bezeichnen, was es ist: unsportlich!
Live-Blog: Werder Bremen – Bayer Leverkusen 0
22. Spieltag: Nun ja… 4
Hannover 96 – Werder Bremen 1:5
Nun ja, was soll man da groß schreiben? In Hannover trafen sich am Samstag um 15:30 zwei Mannschaften zum Fußballspielen. Eine davon setzte das Vorhaben in die Tat um, die andere hörte nach 10 Minuten schon wieder damit auf. Einen so schwachen Gegner, wie ihn Hannover 96 in der ersten Halbzeit abgab, habe ich in der Bundesliga noch nicht gesehen. Das war ja gar nichts! Müßig daher, Werders Leistung im Detail bewerten zu wollen.
Hannover ist seit langer Zeit der Lieblings-Sparringspartner unserer Mannschaft, hatte schon vor dem Spiel gegen keinen anderen Gegner so viele Gegentore in der heimischen AWD-Arena kassiert, wie gegen Werder. Die Grün-Weißen taten am Samstag genug dafür, dass es noch eine Weile so bleiben wird. Bei einem 5:1 kann und will ich nicht viel kritisieren, das ist Aufgabe des Trainers. Es dürfte klar sein, dass in den nächsten Spielen gegen Enschede und Leverkusen andere Kaliber warten. Die verbleibenden Probleme der Mannschaft sind ebenfalls bekannt: Özils Formschwäche (der immerhin gegen Hannover wieder gute Standards ausführte) sowie die gelegentliche Indisponiertheit der Viererkette. Das zentrale Mittelfeld gefällt mir mit Frings und Niemeyer wieder richtig gut. Man darf eines nicht vergessen, wenn man Frings mit Baumann vergleicht: Baumann hatte fast immer einen richtig guten, zweikampfstarken und ballsicheren Nebenmann (erst Ernst, dann Frings). Den hatte Frings in der Hinrunde über weite Strecken in Bargfrede, während der “Krise” jedoch aus verschiedenen Gründen nicht. Nun hat er mit Niemeyer wieder die nötige Unterstützung und schon läuft es wesentlich besser. Es gibt eigentlich keinen Grund, an dieser Aufstellung etwas zu ändern, auch wenn ich grundsätzlich ein System mit zwei Stürmern bevorzuge (Pizarro und Almeida standen in dieser Saison noch nicht einmal gemeinsam in der Startelf). “Party-Peter” wünsche ich jedenfalls ein richtig gutes Spiel am Donnerstag bei seinem Ex-Verein!
Ein paar Gedanken noch zu Naldo: Er wird mir (außerhalb der grün-weißen Vereinsbrillensicht) insgesamt zu schlecht beurteilt. Teilweise ist die Kritik an ihm berechtigt: Sein Stellungsspiel ist nicht immer erstklassig, seine Spielweise ist manchmal zu lässig und er hatte auch eine Phase, in der er völlig neben sich stand. Da hört es dann aber auch schon auf. Naldo gehört zu den zweikampfstärksten Spielern der Bundesliga, ist mit seiner Größe und seinem Timing beim Kopfball Fels in der Brandung im eigenen Strafraum und schaltet sich dazu mit seiner Torgefährlichkeit regelmäßig in die Offensive ein. Über 12 Tore in 31 Pflichtspielen wäre so mancher deutsche Nationalstürmer mehr als glücklich (genau genommen wäre so mancher deutsche Nationalstürmer schon froh über 31 Pflichtspiele…)! Naldo bügelt seine gelegentlichen Schnitzer in der Defensive also mehr als aus. Es mag nun Leute geben, denen ein Weltklasseverteidiger ohne jegliche Torgefahr trotzdem lieber ist. Fair enough, aber bei der Bewertung des Spielers Naldo sollte man trotzdem nie dessen Torgefahr außen vor lassen.
Live-Blog: Hannover – Werder 0
21. Spieltag: Jinx 5
Werder Bremen – Hertha BSC 2:1
Vor gut 2 1/2 Monaten schrieb ich euphorisiert von Werders 6:0 in Freiburg folgendes:
“Ich lehne mich heute aus dem Fenster und sage: Werder wird Meister 2010!”
Wie dumm von mir! Als Fan lernt man über die Jahre, dass solch eine Aussage einfach nicht unbestraft bleibt. Außer man ist Fan des FC Bayern. Ich fühle mich daher schon mehr als nur ein wenig mitschuldig, dass Werders tolle Serie aus dem Herbst so jäh beendet wurde und es stattdessen bis zum Freitag gedauert hat, bis Werder den nächsten Sieg einfahren konnte. Im Baseball gibt es dafür sogar eine eigene Bezeichnung: jinx. Ein jinx ist ist eine Art Fluch, der durch verschiedene Dinge hervorgerufen werden kann. Es gibt inzwischen ein ganzes Regelwerk für Spieler, die einen jinx vermeiden wollen. Die wichtigste Regel dabei ist: Spreche niemals über die Serie! Im Baseball ist damit die Serie eines Pitchers an No-Hittern gemeint, aber es lässt sich relativ leicht auf andere Sportarten übertragen. Wäre ich Amerikaner hätte es nach meiner Aussage vermutlich keine drei Sekunden gedauert, bis mir jemand zugerufen hätte: “Don’t jinx it!”
Auch in Deutschland hat mir jemand etwas ähnliches zugerufen, nämlich meine Freundin. Dummerweise habe ich nicht auf sie gehört und den schlimmsten Fehler begangen, den man in meiner Situation machen kann: Ich habe meine Aussage nicht etwa zurückgenommen oder relativiert, sondern ihren Einwand als Quatsch abgetan. Ich habe die Existenz des jinx verneint! Wenn es etwas gibt, das den Fluch sogar noch verstärkt, dann ist es, die Existenz des jinx zu leugnen! “There is no such thing as a jinx”, ist daher die dümmste Äußerung, die ein Sportfan in den USA von sich geben kann. Ein absoluter rookie mistake, den sich bestenfalls sportuninteressierte Nerds leisten, die zum ersten Mal eine Sports Bar besuchen und dann von allen Seiten beschimpft werden. Wenn es also einen Schuldigen für Werders elfwöchige Serie ohne Bundesligasieg gibt, dann ist es nicht der Trainer, dann ist es nicht die Mannschaft, sondern dann bin ich es!
Nun stellt sich aber die Frage, wer “Schuld” daran trägt, das Werder am Freitag zumindest vorübergehend zurück in die Erfolgsspur gefunden hat. Andersherum funktioniert der jinx nämlich nicht, auch wenn eine pessimistische Grundeinstellung bis zum sicheren Sieg die Gefahr eines jinx minimiert. Es muss sich also tatsächlich etwas verändert haben in Werders Mannschaft. Bloß was? Häufig sind die Änderungen nicht von außen erkennbar. Es werden vermeintliche Kleinigkeiten geändert, die auf dem Platz eine große Wirkung erzielen. Manchmal sind es aber auch ganz offensichtliche Dinge. Am Freitag waren die personellen Umstellungen in der Mannschaft deutlich: Für den in Gladbach überforderten Abdennour kam Perti Pasanen in die Startelf und im Mittelfeld ersetzte Peter Niemeyer Tim Borowski. Es blieb jedoch nicht nur bei den personellen Umstellungen, auch die Formation auf dem Platz war eine andere. Wer Thomas Schaaf auf die “Raute” im Mittelfeld anspricht, erntet zumeist nur ein müdes Lächeln, ihm sind diese Standardfloskeln ein Dorn im Auge. Viel wichtiger als die Grundformation sind ohnehin die Bewegungen der Spieler in unterschiedlichen Spielsituationen. Gegen die Hertha waren aber deutliche Umstellungen erkennbar, wie ein Blick auf die Durschnittspositionen während des Spiels zeigt.

Werder - Gladbach (Durchschnittliche Positionen)

Werder - Hertha (Durchschnittliche Positionen)
Auf dem oberen Bild ist Werders Mannschaft im Spiel gegen Gladbach zu sehen, auf dem unteren im Spiel gegen Hertha. Was fällt auf? Die Abwehrkette stand beim Heimspiel gegen den Tabellenletzten deutlich tiefer als noch eine Woche zuvor. Am auffälligsten zeigt sich dies bei Per Mertesacker – der gegen Berlin in der ersten Halbzeit fast einen Libero abgab – und bei Petri Pasanen. Eine tiefer stehende Viererkette bedeutet aber auch mehr Raum für den Gegner im Mittelfeld. Während im oberen Bild eine deutliche Raute erkennbar ist (das ist bei Werder längst nicht immer so, weil die Spieler ihre Positionen immer wieder tauschen), sieht man im unteren Bild zwei defensive Mittelfeldspieler im Zentrum. Niemeyer fiel weder durch große Passgenauigkeit, noch durch außergewöhnliche Zweikampfstärke auf, doch er machte in taktischer Hinsicht vieles richtig. Bei Ballverlusten dauerte es keine zwei Sekunden, bis er sich neben Frings eingefunden hatte. Zusammen machten die beiden viele Gegenangriffe der Hertha zunichte, bevor sie auf die sichtlich bemühte, aber verunsichert wirkende Abwehrkette zurollen konnten. Borowski hatte in den Wochen zuvor als Bindeglied zwischen Defensive und Offensive immer wieder enttäuscht, konnte weder Frings im Zentrum wirklich unterstützen, noch für Impulse im Angriffsspiel sorgen. Die Variante mit Niemeyer scheint bis auf weiteres die stabilere zu sein.
Während man defensiv deutlich mehr Augenmerk auf das Verhindern von Kontergelegenheiten legte, blieb in der Offensive alles beim Alten. Hunt mit ungeheuer viel Laufarbeit, Marin wirbelt und Pizarro sorgt für die entscheidenden Tore (wenn man denn hinten die Bude nicht voll bekommt). Man konnte auch ganz deutlich sehen, wie sehr man sich an Pizarros Torriecher gewöhnt hat. Als er die ersten drei dicken Torchancen gegen den Berliner Schlussmann Drobny liegenließ, wollte man es gar nicht so recht glauben. Der Sieg ging deshalb völlig in Ordnung. Hertha hatte trotz ordentlichen Spiels über die gesamten 90 Minuten kaum Torchancen, benötigte für den zwischenzeitlichen Ausgleich die Mithilfe von Tim Wiese. Den Ärger über die wohl ungerechtfertigte Abseitsentscheidung in der ersten Hälfte kann ich zwar verstehen, aber als spielentscheidende Szene kann man es wohl kaum bezeichnen. Das Sorgenkind auf Bremer Seite heißt leider weiterhin Mesut Özil. Er scheint so sehr mit dem Kampf gegen sein Phlegma beschäftigt, dass er der Mannschaft nicht so richtig weiterhelfen kann. Ich glaube aber erkannt zu haben, dass er diesen Kampf endlich annimmt und ihn auch gewinnen wird.
Ist etwa doch noch etwas drin in dieser Bundesligasaison? Dortmund und unsere Freunde aus Stellingen sind uns freundlicherweise etwas entgegen gekommen. Wenn nun noch Frings die einfachen Fehlpässe im Aufbau abstellen kann, die Abwehrkette ihr Selbstbewusstsein zurückgewinnt und auch noch Özil zurück zu seiner Form findet, dann, ja dann! I don’t wanna jinx it, but… aber so fangen eigentlich auch nur ziemlich dumme Sätze an.
Live-Blog: Werder Bremen – Hertha BSC 1
20. Spieltag: Never change a losing team 2
Borussia Mönchengladbach – Werder Bremen 4:3
Vorab: Ich habe keine einzige Sekunde des Spiels gesehen. Statt Fußball stand für mich Go-Kart-Fahren auf dem Programm (ja, richtig gelesen). Dabei sprang immerhin ein zweiter Platz heraus. Für Werder ist dieser inzwischen in so weite Ferne gerückt, dass es nicht einmal mehr ein Wunschtraum ist, vielleicht doch noch den Anschluss an die Spitzenplätze wiederherzustellen. Dabei ist es ganze 5 (in Worten: fünf) Spieltage her, dass man noch von der Meisterschaft sprechen durfte. Eine konstant spielende Spitzenmannschaft präsentierte sich da im Bremer Weserstadion Woche für Woche. Welch eine Illusion, denn eine Spitzenmannschaft verliert keine fünf Spiele in Folge. 15 Punkte hat man seitdem auf Bayern München und Bayer Leverkusen verloren, 13 auf Schalke, 12 auf Dortmund. Wie kann es zu einer solchen Entwicklung kommen? Ein scheinbar übergangsloser Umbruch vom Meisterschaftskandidaten zur grauen Maus im Winter.
So ganz übergangslos war er dann doch nicht. Einige glückliche Unentschieden waren im Herbst schon dabei, die Werder die schöne Serie retteten. Das ist das Gute an Unentschieden: Sie retten Serien, positive wie Negative. Die Punkteteilungen gegen Wolfsburg und Köln sind nun eben Teil einer sieben Spiele währenden Serie ohne Sieg in der Bundesliga. Die Interpretation dieser Spiele hat sich ebenfalls geändert: Nun sind sie nicht mehr Ausdruck des Selbstbewusstseins und der Stärke, auch aus Gurkenspielen zumindest einen Punkt mitzunehmen, sondern Vorboten der “Krise”*, die Werder nun Fest im Griff hat. Im Moment wäre man ja schon froh, wenn wenigstens wieder einmal ein Unentschieden herausspringen würde für die Grün-Weißen. Das Schema, nach dem Werders Niederlagen zustande kommen, ist dem langjährigen Fan nur allzu bekannt. Es sind immer die gleichen Dinge, die schief laufen und Werder auf die Verliererstraße bringen: Eine hoch aufgerückte Viererkette, die das Spielfeld möglichst klein halten und so dem Gegner den Platz rauben soll, wird überrumpelt mit langen Pässen auf die Außenbahnen. An diesem Punkt ist es meist schon zu spät. Die Außenverteidiger kommen nicht mehr hinterher, egal wie schnell sie sind (in Abdennour hat man in den Krawallmedien ja schon einen neuen Sündenbock gefunden) und in der Mitte wird die läuferische Schwäche von Naldo und Mertesacker offengelegt. Werder sieht in diesen Situationen aus, wie eine Schülermannschaft!
Es ist der Makel der Ära Schaaf, dass Werder unter seiner Regie diese Schwachstelle nie endgültig abstellen konnte. Man kann sich deshalb ein gutes Bild von Werders Spiel in Gladbach machen, auch ohne die Partie gesehen zu haben. Das Problem liegt im Mittelfeld: Die langen Bälle der Gladbacher müssen verhindert werden. Hier müssen die Gegenspieler aggressiv unter Druck gesetzt werden, damit sie nicht genügend Zeit haben, diese langen Bälle präzise zu spielen. Wenn Werder nicht schleunigst den Weg zurück zu den Grundlagen des Fußballs findet (laufen, Zweikämpfe suchen), ist in dieser Saison kein Blumentopf mehr zu gewinnen. Gerade mit diesem System wird man dann wieder so viele Gegentore fangen, dass selbst unsere nach wie vor hochklassige Offensive das nicht ausbügeln kann. Es ist so ärgerlich, weil wir im Herbst tatsächlich geglaubt haben, die Mannschaft hätte diese Lektion nun nicht nur gelernt, sondern wirklich verstanden.
Vielleicht wird es Zeit für einen Paradigmenwechsel, den manche frustrierte Werderfans schon seit Jahren fordern. Ein Sturmduo Pizarro – Almeida ist immer für ein Tor gut. Ein Mittelfeld mit Özil, Hunt und/oder Marin ebenfalls. Warum nicht mit zwei echten Stürmern agieren, Frings einen defensiven Partner (den er mit dem leider verletzten Bargfrede lange hatte) zur Seite stellen (warum nicht Niemeyer, wenn Borowski sich zu schade dafür ist?) und dann etwas tiefer stehen? Schaafs Sturheit in dieser Angelegenheit hat sich in der Vergangenheit häufig ausgezahlt. Ich hoffe für ihn und für Werder, dass es das auch diesmal tut und sich der Verein nicht von den Kettenhunden der Bildzeitung beeinflussen lässt. Wir sind immer noch Werder Bremen und wir kommen da auch wieder raus!
Noch ein paar Gedanken zu den Wechseln dieser Transferperiode: Tosic, Moreno und Vranjes verlassen den Verein, Kevin Schindler wird erneut ausgeliehen und Ex-Bayer Sandro Wagner kommt vom MSV Dusiburg. Ich weiß nicht so ganz, was ich von letzterem halten soll, aber es ist sicher gut, sich von den Tribünengästen zu trennen. Im Fall von Juri Vranjes ist schon ein bisschen Wehmut dabei, er hat für Werder einiges geleistet, was von den Fans nur selten gewürdigt wurde (von der Ostkurve abgesehen). Deshalb: Danke Juri, für 4 1/2 Jahre bei Werder! Was aber das Nachtreten gegen Werder angeht, bin ich schon ziemlich enttäuscht. Juri, ich wünsche dir viel Erfolg bei deinem neuen Arbeitgeber in der von dir so geliebten türkischen Liga, aber nun halt bitte einfach die Klappe und beweise wenigstens ein bisschen der Größe, die du Thomas Schaaf absprichst! Ob im Laufe des Tages noch etwas passiert? Ich denke nicht. Allofs wird dafür Prügel in den Fanforen beziehen, aber glaubt denn jemand ernsthaft, dass er auf Transfers verzichten würde, wenn das Geld da wäre? Es sieht um Werders Finanzen nicht so gut aus, wie viele glauben mögen – mehr sage ich zu dem Thema nicht…
* Wir gehen viel zu leichtfertig mit diesem Wort um. Wir haben eine Krise, weil elf junge Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen, ihren Beruf nicht ganz so gut ausüben, wie elf andere Männer, die tagtäglich einem Ball hinterherlaufen? Da haben die Haitianer ja noch mal Glück gehabt!
19. Spieltag: Konjunktiv 1
Werder Bremen – Bayern München 2:3
Niederlagen gegen die Bayern sind schon per Definition immer unglücklich und unverdient. Diesmal war es jedoch anders. Eine offensiv bärenstarke Mannschaft aus München fegte durch das Weserstadion, nahm die drei Punkte mit nach Hause und hinterher konnte niemand behaupten, dieser Sieg wäre nicht verdient gewesen. Werder stand von der dritten Minute an defensiv völlig neben der Spur und wurde vornehmlich über die Außenbahnen eiskalt ausgekontert.
Es muss sich wohl zu Louis van Gaal herumgesprochen haben, dass Werders Viererkette meist sehr hoch steht. So gut, wie die Bayern am Samstag, hat es aber selten ein Gegner verstanden, dies für sich auszunutzen. Robben ließ Neuzugang Abdennour auf der linken Abwehrseite trotz einer couragierten Defensivleistung ein ums andere Mal stehen und in der Mitte hatten Naldo und Mertesacker keinen sonderlich guten Tag erwischt. Lediglich Clemens Fritz hatte seine Seite fest im Griff, auch nachdem Franck Ribery eingewechselt wurde. Es fällt mir immer noch schwer zu beurteilen, ob Bayern wirklich so gut war, wie es mir während des Spiels vorkam, oder ob es doch eher an Werders Schwäche lag. Mit dem Juve-Spiel im Hinterkopf neige ich jedoch eher zur ersten Version. Das Bayernspiel wirkte brachial und manchmal ein wenig unkontrolliert, doch verfehlte seine Wirkung selten. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so viele Überraschungsmomente im Spiel der Bayern gesehen zu haben. Vielleicht ging es auch den Spielern selbst so. Das würde jedenfalls die schlechte Chancenverwertung des Rekordmeisters erklären. Es schien fast so, als wären sie selber überrascht über die Einfachkeit, mit der sie durch Werders Hälfte kombinieren konnten.
Damit soll es aber genug sein der Lobhudelei. Defensiv stellten sich die Bayern nämlich nicht viel besser an als die Bremer. Deshalb fragt man sich schon so ein bisschen, was wohl möglich gewesen wäre, mit einem Pizarro in der Starelf, einem Mesut Özil, der wieder konstant so spielt, wie in den letzten 15 Minuten und einem, sagen wir, Sack Reis anstelle von Tim Borowski. Natürlich hätte es auch eine viel herbere Klatsche geben können, wenn nicht Aaron Hunt gleich die erste Bremer Chance mit einem strammen Linksschuss genutzt hätte. Natürlich hätte Bayern den Sack längst zumachen können, bevor Hugo Almeida das 2:2 auf eine Art erzielte, wie es nur wenige Spieler können. Natürlich hätte Werder das Spiel nach Tim Wieses missglücktem Tackling gut und gerne zu Zehnt beenden können. Doch – ich sag es immer wieder ungerne – wer wüsste besser, dass ein überlegen geführtes Spiel mit einer Vielzahl an Torchancen noch lange nicht den Sieg bedeuten muss, als ein leidgeprüfter Werderfan? Was wäre beispielsweise gewesen, wenn Schiedsrichter Kircher das Foul an Markus Rosenberg geahndet und Elfmeter für Werder gepfiffen hätte? Oder wenn er den Pass auf den sich in einer Abseitsposition befindenden Marko Marin kurz vor Schluss dem Fuß des Bayernverteidigers zugeordnet hätte? Werder hätte dieses Spiel mit 0:6 verlieren können, aber es hätte ebenso zu einem – sehr glücklichen – Unentschieden oder sogar einem Sieg reichen können. Verrückte Fußballwelt!
Es lässt sich schwer sagen, ob das Spiel für Werder ein Fortschritt war oder nicht. Die Mannschaft wirkte sehr unausgewogen. Während einige Spieler überzeugen konnten (Hunt, Fritz, Almeida, Özil in der Schlussphase) hatten andere einen wirklich schlechten Tag erwischt (Mertesacker, Naldo, Borowski, Özil in der ersten Halbzeit). Irgendwo dazwischen bewegte sich Torsten Frings, dessen Leistung sowohl seinen Befürwortern als auch seinen Gegnern genug Nährstoff zur Bestätigung ihrer jeweiligen Positionen lieferte. Was nimmt man aus diesem Spiel mit? Wer vier Spiele in Folge verliert, der muss erstmal kleine Fischbrötchen backen. Die personelle Situation ist nicht rosig, Schaaf mangelte es am Samstag in allen Mannschaftsteilen an Alternativen und Geld für Neuverpflichtungen scheint auch nicht da zu sein. Doch Werder wäre nicht Werder, wenn daraus nicht trotzdem noch etwas Gutes entstehen könnte. Es gibt noch zwei Pokalwettbewerbe und auch in der Liga ist der Zug zu den internationalen Plätzen noch nicht abgefahren. So langsam sollte man sich jedoch auf den Weg machen, wenn man noch aufspringen möchte. Drei Punkte aus Gladbach wären ein guter Anfang.


